Die prächtige weiße Conch dient im tibetischen Buddhismus seit vielen hundert Jahren als Ritualinstrument…

Das Foto oben zeigt nicht irgendeine anonyme Muschel, sondern eine ganz spezielle. Uriel hat mir das Bild geschickt: Es handelt sich um seine persönliche „Conch“. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Woher er die riesige weiße Muschel hat, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, wo sie sich gerade befindet: In der Küche des Retreathauses am Ende der Welt wartet sie auf das nächste Retreat – und auf Einen, der willens und fähig ist, auf ihr zu trompeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Der wird zum „Geko“ erklärt, zum „Aufseher“.

Vor jeder Mahlzeit, vor Teachings und gemeinsamen Übungszeiten stellt er sich ins Treppenhaus und ruft mit lautem Tröten die Truppe zusammen. Um die Würde und Bedeutung des Amtes zu unterstreichen, bekommt der Geko bei seiner Ernennung einen prächtigen roten Hut überreicht.

Während meines ersten, von Uriel organisierten, Retreats durfte die Conch nicht fehlen. Ich war schwer beeindruckt von den archaischen Lauten, die man ihr entlocken kann – und von dem roten Hut.

Zu Beginn des nächsten Retreats fragte die Khandro wieder in die Runde, wer denn der Geko sein wolle? Ich meldete mich mit Enthusiasmus – und war irritiert ob der sichtbaren Erleichterung meiner Dharma-Schwestern und -Brüder.

Der Job schien nicht so begehrt zu sein, wie ich gedacht hatte.

Ich bekam den roten Hut und die große weiße Muschel in die Hand gedrückt mit der Info, vor dem Abendessen würde mein erster Einsatz erwartet.

Und danach wäre es meine Aufgabe, während der zeremoniellen Errichtung der Boundaries rund um das Retreathaus, auf der Conch zu trompeten. Und zwar so laut, dass die Khandro auf der Terrasse den Klang der Muschel hören könne.

Ich hätte ja noch zwei Stunden Zeit zu üben, meinte Uriel mit Blick auf die Uhr, bis dahin würde ich es schon hinkriegen.

Ich klemmte mir den roten Hut unter den Arm, nahm vorsichtig die schwere Muschel in beide Hände, trug sie die Treppen hoch in mein Zimmer, machte es mir auf dem Bett bequem und blies hinein.

Nichts.

Kein Laut!

Es käme auf den richtigen Winkel an, hatte mir Uriel noch mitgegeben. Ich solle mir vorstellen, ich spiele auf einer Trompete.

Dummerweise hatte ich noch nie auf einer Trompete gespielt. Keine Ahnung, wie das funktionieren sollte.

Ich drückte meine Lippen in allen möglichen Variationen an die schmale Öffnung der Muschel, während ich sie gleichzeitig in den verschiedensten Winkeln hielt – irgendwie musste es doch klappen!

Dazu immer wieder der Blick auf die Uhr: schon war eine Dreiviertelstunde vergangen, ohne dass ich der Conch auch nur einen Hauch von Laut entlockt hatte.

Und ich übte komplett ineffektiv! Nachdem ich jeweils ein paar Minuten verzweifelt Luft durch die Muschel gepresst hatte, musste ich jedesmal pausieren, weil mir so schwindelig war, dass sich alles um mich zu drehte.

Mir dämmerte, warum alle so erleichtert gewesen waren, als ich mich gemeldet hatte.

Nach einer Stunde ein Zufallstreffer. Die Conch hatte einen zarten Quick-Laut von sich gegeben.

Ich war euphorisch.

Dummerweise ließ sich der Erfolgserlebnis nicht willentlich wiederholen. Ab und zu produzierte ich einen hörbaren Klang, meist hallte nur mein herausgepresster Atem aus dem Inneren der Muschel wider. Die Zeit rannte mir davon. Das durfte doch nicht wahr sein!

Es klopfte an meiner Tür.

Es war der Dharma-Bruder, der in seinem Zimmer auf der anderen Seite des Flurs meine hilflosen Versuche vernommen hatte.

Ich müsse es anders angehen, meinte er, auf dem zweiten Bett im Raum Platz nehmend. Er blies zu Vorführ-Zwecken hinein. Das Dröhnen der Muschel ließ mich zusammenzucken.

Ich müsse durch die zusammengepressten Lippen hindurch in einem schiefen Winkel in die Öffnung der Muschel blasen, erklärte er mir.

Ob er es gleich gekonnt hätte, fragte ich ihn.

Er spiele Didgeridoo, für ihn wäre es kein Problem gewesen.

Das wurde ja immer schöner! Erst Trompete, jetzt auch noch Didgeridoo! Ich hatte gerade mal in der Grundschule Blockflöte gelernt! Das war das einzige Blasinstrument, das ich vorweisen konnte.

Wie sich herausstellte, war das zu wenig.

Als ich nach zwei Stunden meinen Posten im Treppenhaus einnahm, um die Truppe zum Abendessen zu rufen, bekam ich zwar einen kräftigen Laut heraus – und wurde entsprechend gelobt dafür.

Aber als ich zwei Stunden später – den roten Hut auf dem Kopf – ein weiteres Mal antrat, um alle zum zeremoniellen Schließen der Boundaries zusammenzutrompeten, versagte ich.

Auf der ganzen Linie!

Ich bekam keinen Ton heraus.

Nichts! Nothing! Niente!

Ich wäre am liebesten vor Scham und Verzweiflung im Boden versunken.

Einer der Umstehenden konnte das peinliche Schauspiel, dass ich bot, nicht länger ertragen, nahm mir resolut die Conch ab und blies hinein.

Sein Trompeten ließ das Treppenhaus beben.

Und erfüllte seinen Zweck.

Aus allen Ecken und Enden schossen die anderen Retreatteilnehmer herbei.

Zutiefst beschämt nahm ich den roten Hut ab und drückte ihn meinem fähigen Nachfolger auf den Kopf. Das war es mit dem Geko-Job, ich war auf der ganzen Linie gescheitert.

Beim zeremoniellen Schließen der Bounderies bekam ich dann doch noch eine Aufgabe zugeteilt: ich musste die Rotweinflasche tragen und an jedem Eckpfosten Wein in das Gefäß füllen, mit dem die kleinen Haferflocken-Männchen begossen wurden, die die örtlichen Naturgeister symbolisierten, denen geopfert wurde.

Während der Geko mit Hut und Muschel voranlief und an jeder Ecke stolz trompetete, trabte ich hinterher – ich war zur Assistentin des Assistenten des Assistenten der Khandro degradiert worden!

Es kam noch schlimmer: als wir wieder im Haus waren, nahm mich mein Nachfolger-Geko zur Seite. Wir waren jetzt im Schweigen, es durfte kein Wort mehr gesprochen werden. Deshalb schrieb er auf einem Notizblatt nieder, was er mir zu sagen hatte. Nachdem er meinen Job übernommen habe, müsse ich den seinen machen.

Ich sah ihn verwirrt an: was sollte ich tun?

Ganz einfach, kritzelte er: Ich hätte an seiner Statt täglich das komplette Retreathaus zu kehren. Das Treppenhaus, alle Flure, Küche und Speisesaal.

Vom Geko zur Putzfrau – was für ein Abstieg!

Und das alles nur, weil ich zu doof gewesen war, auf der Conch zu trompeten…