Da steht einer im Gebüsch. Er bläst auf einem Waldhorn. Ein Herr mit Hund, der mir auf dem schmalen Pfad entgegenkommt, blickt sich suchend um. Auch er versucht herauszufinden, woher die Musik kommt. Die warmen Töne begleiten mich noch ein Stück meines Weges in den Auwald hinein.

Es ist ein bisschen schräg, denke ich mir im Weiterlaufen, dass der Musiker – vielleicht ein Student der örtlichen Musikhochschule, der keinen der raren Übungsräume abbekommen hat? – mit seinem Waldhorn ins Gebüsch geflüchtet ist. „Back to the roots“, sozusagen.

Während ich dahintrabe, fallen mir meine eigenen Erfahrungen mit Blasinstrumenten ein. Seit ich nicht mehr nur meditiere, sondern mich auch auf buddhistische Riten eingelassen habe, begegnen sie mir in regelmäßigen Abständen.

Das erste Mal war es ein Kuhhorn. Die Teilnehmerin eines Treffens der Zen-Peacemaker bot spontan an, mit uns die Liturgie „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Die Begeisterung über ihren Vorschlag fiel gedämpft aus. Die meisten stimmten erkennbar zu, weil es unhöflich gewesen wäre, „nein“ zu sagen.

In meiner Zen-Linie gibt es keine Riten. Alles ist komplett nüchtern, ohne jeden spirituellen Bezug. Viele – meist vom Katholizismus der Kindheit Geschädigte – schätzen das sehr. Deshalb hatte ich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre Zen praktizierte, noch nie an einem Chöd – einem buddhistischen Opferritual – teilgenommen.

Die Liturgie „Tor des süßen Nektar“ geht auf den – inzwischen verstorbenen – Gründer der Zen-Peacemaker, Bernie Glassman, zurück. Er hatte einer klassischen japanischen Zen-Linie angehört, in der die Riten des Mahayana-Buddhismus praktiziert wurden. Für die von ihm gegründete amerikanische Linie kreierte er ein modernes Chöd zur „Fütterung der hungrigen Geister“.

Die Teilnehmerin ließ sich von der Reserviertheit der Gruppe nicht beeindrucken. Zum Abschluss des offiziellen Programms kamen wir also am letzten Abend noch einmal zusammen, um das „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Der Eine oder Andere mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er Zahnweh.

Bevor es losging, wurden Reis, Obst und Gemüse in kleinen Schälchen drapiert. Weil es ein japanisches Ritual war, sollte den Geistern grüner Tee serviert werden. Die Gongs und Klanghölzer zu organisieren war kein Problem, die gibt es am Hof im Überfluss. Aber, meinte die Frau, es fehle noch etwas, um die Geister zu rufen. Ein Horn! Es gab ein kurzes Hin und Her, dann stellte sich heraus, dass einer der Teilnehmer, der am Hof lebte, doch tatsächlich ein Kuhhorn besaß! Er ging es holen und – siehe da – er konnte ihm sogar Töne entlocken. Das sollte er vor dem Speiseopfer so geräuschvoll als möglich tun, wurde ihm von unserer Pop-up-Priesterin beschieden, damit auch kein hungriger Geist die Einladung überhören könne.

Als alle mit Gongs, Klangschalen und Schlaghölzern sowie Textkopien ausgestattet waren und wir uns im Kreis aufgestellt hatten, hob ich die Hand. Ob ich jemanden zum Ritual einladen dürfe, frage ich. Die Priesterin reagierte verwundert. Die hungrigen Geister sollten ja zum Speiseopfer eingeladen werden, meine Bitte war gegen die Regeln. Ich erklärte in die Runde hinein, dass es jemanden in meiner Familie gäbe, der verstorben wäre und der mir aus dem Jenseits das Leben schwer machen würde. Er wäre auch ein „hungriger Geist“. Einer, der die Fütterung besonders nötig hätte. Deshalb würde ich ihn gerne persönlich und gleich zu Beginn einladen. Zen ist Akzeptanz – man nimmt, was kommt. In diesem Fall, dachte sich die Priesterin wohl, den überspannten Wunsch einer neurotischen Teilnehmerin. Sie nickte ergeben.

Ich stellte die Kerze, die ich vorher organisiert hatte, neben die der Priesterin auf den improvisierten Altar, zündete sie an und lud dabei – die Einladung laut aussprechend – den Geist des Verwandten ein.

Wenn mich meine innere Stimme leitet, gehe ich über jede Schamgrenze hinweg.

Als ich – mit hochrotem Kopf ob der Peinlichkeit der Situation – wieder meinen Platz im Kreis eingenommen hatte, stimmte die Priesterin mit klarer Stimme das Eingangslied an. (Es ist sehr schön. Wer es sich anhören möchte: man findet es auf Youtube unter „Krishna Das Music“ – Bernie´s Chalisa – Gates of Sweet Nectar)

Danach wurden Unmengen von Räucherstäbchen angezündet. Dazu wurde gegongt und mit den Klanghölzern geschlagen, was das Zeug hielt. Der Boddhi-Geist musste erweckt werden. Als alles für die Mahlzeit bereitet war, sollten wir Krach machen, so laut wir konnten. Der Schall des Kuhhorns ließ die Fensterscheiben zittern und übertönte spielend den Lärm der anderen Instrumente. Eine solche Geräuschkulisse hatte es auf dem Hof – auf dem Schweigen und Stille Gebot sind – selten gegeben. Aber nicht nur der Lärm, auch die Energie, die die Gruppe mit einem Mal verströmte, war geradezu verstörend.

Als wir fertig waren ging ich zu Bett. Verwirrt und aufgelöst, aber auch sehr zufrieden. Ich hatte keine Ahnung, wie es möglich war, aber ich wusste, dass das Ritual seinen Zweck erfüllt hatte. Und richtig, während der Nacht bekam ich Besuch: vom Geist des verstorbenen Verwandten. Wir hatten eine lange und heftige Auseinandersetzung, die mit einer tiefen Erkenntnis meinerseits einher ging. Seit dieser Nacht hat er mich nicht mehr heimgesucht. Wir sind in Frieden auseinander gegangen.

Ach ja: vor der Abreise am nächsten Morgen sprach mich eine andere Teilnehmerin an. Sie wolle sich bei mir bedanken, flüstere sie mir ins Ohr. Als ich vor den Augen aller meine Kerze anzündete und meinen verstorbenen Verwandten einlud, hätte sie sich im Stillen mit einer weiteren Einladung angeschlossen. Die Seele, die sie eingeladen hatte, wäre wirklich gekommen, habe sich heute Nacht herausgestellt, und etwas konnte geklärt werden. Wenn ich nicht so unerschrocken meine Einladung ausgesprochen hätte, wäre es ihr nicht möglich gewesen, für sich das Selbe zu tun. Und, fuhr sie fort, sie hätte noch von einem anderen Teilnehmer gehört, der es genauso gemacht und ebenfalls erfolgreich gewesen wäre.

Ich weiß, es klingt schräg! Ehre, schwöre – ich habe es mir nicht ausgedacht!