Nach meiner Heimkehr vom Zen-Sesshin im Spirituellen Zentrum ziehe ich Bilanz und meditiere über die Magie von Zen…

Die Woche „Sitzen“ im Sommer-Sesshin des Spirituellen Zentrums war effektiv, stelle ich nach meiner Rückkehr fest. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/

Zen ist direkt und brutal. Der Effekt der Meditationspraxis zeigt sich jedoch auf sanfte Weise.

Was sofort nach einem intensiven Sesshin zugänglich wird, ist die tiefe Ruhe, in der man sich danach durch die Tage bewegt.

Es ist, als hätte jemand im Universum auf die „Stop-Taste“ gedrückt.

Alle Sinne arbeiten mit verblüffender Präzision. Gleichzeitig ist mit einem Mal – hinter der neuen Intensität der Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und Empfindungen – eine unendliche Stille erahnbar.

Das ist die Stille der Leerheit.

In einem jahrelangen schleichenden Prozess, der erst im Rückblick greifbar wird, transformiert diese Stille Wahrnehmung, Fühlen, Denken – und irgendwann die Persönlichkeit.

Das erlebt jeder anders. Man hört es an den Teshos der Lehrer. https://www.water-runs-east.eu/tesho/

Und auch das Ergebnis ist völlig individuell: Manche werden bescheiden, andere dominant. Die einen werden zu Künstlern, die anderen zu Handwerkern. Soziale Menschen entdecken ihre Egozentrik. Karrieristen erforschen Hingabe und Fürsorge.

Zen ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Niemand kann dem Anfänger sagen, was aus ihm nach einigen Jahren intensiver Praxis werden wird.

Gleich einer Raupe, die in der Stille des Kokons nur vage ahnt, dass sie zum Schmetterling wird, verharrt der Meditationsschüler auf dem Kissen und hat auszuhalten, dass die Veränderung gewiss, der Ausgang aber offen ist.

Als einzige Gewissheit des Zazen gilt: Alles, was nicht wirklich zur eigenen Persönlichkeit gehört, wird früher oder später abfallen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Diese Gewissheit speist sich aus zwei „Zauberformeln“ des Zen, die für mich an Magie grenzen:

Zum einen werden durch die innere Klarheit, die das Meditieren in der Stille schenkt, vorher unhinterfragbare Ideen und Konzepte transparent. Dadurch werden sie als bloße Anschauungen greifbar, können verändert oder abgelegt werden.

Ich habe diesen Prozess als persönliche „Kopernikanische Wende“ erlebt. Meine Weltsicht wurde buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt.

Das Hinterfragen und Ablegen persönlicher, familiärer und sozialer Glaubensätze geht für gewöhnlich mit großen Ängsten einher.

Diese Gewissheiten aufzugeben, fühlt sich an wie der Gang zum Schafott.

Bei diesem existentiell bedrohlichen Prozess hilft die zweite „magische“ Wirkung des Zazen: über die Jahre hat man zu dem Zeitpunkt, an dem Gewissheiten zu bloßen Glaubenssätzen werden, gelernt, extreme Unlustgefühle auszuhalten.

Das, oft schmerzhafte und eintönige Meditieren, dazu die ruppige Behandlung durch den Lehrer im Dokusan, haben den – ständig besorgt um sein Wohlergehen kreisenden – Anfänger zum abgebrühten Stoiker gemacht. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Die Haltung der abgeklärten Akzeptanz gegenüber den Zumutungen der Realität macht den Zusammenbruch des Selbst- und Weltbildes zu einer beherrschbaren Katastrophe.

Hinterher steht der fortgeschrittene Praktizierende vor den Trümmern seines Egos. Nachdem der Schock überwunden ist, widmet er sich – als guter Zen-Schüler – stoisch der Neuordnung seines Lebens.

Und wird mit einer vitalen, lustvollen Existenz beschenkt.

Das typische Feedback, das Praktizierende nach dem Zusammenbruch ihres alten „Ich“ zu hören bekommen, ist üblicherweise nicht: „Du hast Dich aber verändert!“

Sondern: „Du bist jetzt viel mehr so, wie Du schon immer warst.“

Was schön ist, finde ich.

Und fast schon Magie…