Ich befinde mich im Schreinraum des Retreathauses am Ende der Welt. Der rote Thron des Lamas ist verwaist. Die Kerzen auf dem Altar sind erloschen. In der Luft die Ahnung des Geruchs abgebrannter Räucherstäbchen. Draußen rauscht der Bach vorbei. Seltsamerweise sitze ich in Zazen. Während ich in der Haltung der Präsenz den Blick auf dem Fußboden ruhen lasse, spüre ich, dass ich nicht allein im Raum bin. Ohne die Augen zu heben, „sehe“ ich ein paar Meter von mir entfernt Uriel auf seinem Stammplatz sitzen. Er ist ebenfalls in Zazen. Ich bin irritiert. Das ist nicht seine Praxis. Und überhaupt hat Zen hier nichts verloren – das Retreathaus am Ende der Welt gehört zum Tantra-Reich.

Ich träume – registriere ich – und meditiere gleichzeitig. Neben mir hat sich der Wolf lang ausgestreckt, seine Pfoten zucken im Schlaf. Ich hebe die Hand und streiche ihm über den Kopf. Wie weich sein Fell ist! Du schläfst – ermahne ich mich – nichts von alledem ist real.

Was ist „real“? Ich gleite in die Traumlosigkeit.

In der Dunkelheit sehe ich Krodhi Kali in meinem Unterleib tanzen. Aus ihrem Herzen jagen blaue Strahlen und fahren wie Blitze durch meinen Körper. Sie durchschlagen das Fell des Wolfes an meiner Seite, er dreht sich im Schlaf auf den Rücken, seine Kehle leuchtet weiß im fahlen Licht der Straßenlaternen. Ich spüre die Energie der Herrin der Friedhöfe, sie treibt meine Seele vor sich her und scheucht die Untoten aus fauligen Sümpfen und Pfühlen. Ich sehe ihre schattenhaften Umrisse ans feste Ufer meines Traumbewusstseins wanken und versuche vergebens, den Blick von ihnen zu wenden.

Karfreitag. Auf dem Hügel Golgotha wird Jesus heute ans Kreuz genagelt werden und sterben. Um sechs Uhr morgens sinke ich auf mein Kissen, der Gong zum Zazen holt mich nur kurz aus meiner Konfusion. Meine Gedanken wandern wild hin und her, die Träume der Nacht haben meine Seele im Griff. Es ist ein mühsames Geschäft heute: hinein in die Präsenz – kurz die Realisation der Stille des frühen Morgens, des Singens einer Amsel im benachbarten Hinterhof – und wieder haben die Traumbilder meinen Geist verschluckt. Es gibt kein „gutes“ oder „schlechtes“ Sitzen, ermahne ich mich. „Niemals werten“ lautet die Devise. „Selbst die kleinste Unterscheidung schafft eine Distanz wie zwischen Himmel und Erde“, sagt das Shinjin Mei. „Der höchste Weg ist nicht schwer, wenn Du nur aufhörst zu wählen.“

Das ist gerade mein Problem, merke ich. Ich habe das Gefühl, ich müsse wählen: zwischen Tantra und Zen. In der einen Sangha machen alle nur Tantra, in der anderen nur Zen. Ich mache beides. Was ungewöhnlich ist. Ich ernte auf beiden Seiten Kopfschütteln und Unverständnis, denn gegensätzlicher können buddhistische Praxen nicht sein. Die Chinesen kreierten aus dem Amalgan von Daoismus und Buddhismus das vollkommen nüchterne Zen. Die Tibeter aus ihrem uralten, vermutlich aus matriachaler Tradition stammenden, Schamanismus und Buddhismus das bunte wilde Tantra.

Dass die chinesischen Besatzer Tibets autochtone Kultur brutal unterdrücken, macht meinen wilden Mix nicht leichter. Kein tibetisch-buddhistisches Zentrum ohne „Free Tibet“-Flagge. Und überhaupt – denken Vajrayana-Praktizierende – den Zen-Leuten fehlt jedes Gefühl für die Tiefe und den Reichtum des Buddhismus. Nur rumsitzen und nichts-tun, wofür soll das gut sein?

Umgekehrt können sich Zen-Praktizierende über wenig so echauffieren wie über Vajrayana. In den tibetisch-buddhistischen Zentren würden sie im Dschungel ihrer Rieten und Götter die Essenz des Buddhismus nicht begreifen, lautet der Vorwurf. Buddhismus ist doch keine Religion, sagen die Zen-Leute, es ist einfach nur eine Praxis! Wie kann man sich mit all den Albernheiten abmühen, die überhaupt nicht notwendig sind? Und überhaupt: der Dalai Lama wird völlig überschätzt! Der härteste Vorwurf gegen die Vajrayana-Praktizierenden lautet: das sind die seelisch Instabilen, die müssen mit Objekten meditieren, weil sie ihre psychischen Störungen in der nackten Präsenz nicht aushalten.

Mein Zen-Lehrer hält nicht allzuviel von mir, seit ich mich als Vajrayana-Praktizierende geoutet habe. Jahrelang schwieg ich darüber. Wenn ich am Hof war praktizierte ich Zen und Punkt. Aber irgendwann – nachdem er im abendlichen Tesho wieder einmal ausführlich über den tibetischen Buddhismus hergezogen hatte – reichte es mir. Ich betrachtete es als Akt der Loyalität, mich zu einer Praxis zu bekennen, die mir so viel schenkt. Seitdem ist es gelaufen. Ich werde in meiner Zen-Linie keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wer seelisch so instabil ist, dass er sich regelmäßig zu den bunten Göttern Tibets flüchten muss, dem mangelt es an grundsätzlichen Vorraussetzungen für höhere Zen-Weihen. Da kann ich sitzen, bis ich schwarz werde.

Umgekehrt denken die Tantra-Leute, wenn ich sage „ich komme aus dem Zen“, dass ich eingesehen habe, dass ich einem Irrtum „aufgesessen“ bin. Endlich wäre ich in den Hafen der Erwählten eingelaufen, nachdem ich jahrelang meine Zeit mit sinnlosem Herumsitzen vergeudet hätte.

Es ist mühsam, weder Baum noch Borke zu sein.

„Ach du lieber Schwan!“ – ermahne ich mich – „Was jammerst du darüber, reich beschenkt zu werden? Bunter und schöner kann das Leben ja wohl nicht sein!“