Am dritten Tag des Mönlam – des traditionellen tibetisch-buddhistischen Gebetswochenendes – findet ein Problem eine überraschende Lösung…

Während des Mönlams wird von morgens bis abends gebetet.
Angeleitet von der dröhnenden Stimme des nepalesischen Unze – des Vorbeters – rezitieren etwa 150 Menschen im Tempel des buddhistischen Zentrums stundenlang traditionelle tibetische Texte.
Das erzeugt eine ganz eigene Energie. Alles – so kommt es mir vor – beginnt zu fließen.
Weil das stundenlange Sitzen und Rezitieren anstrengend ist, haben die Organisatoren in weiser Vorraussicht großzügige Pausen eingeplant.
Während der Unterbrechungen wird getrunken, gegegessen, geplaudert – und vor den Toiletten angestanden. Für solche Menschenmassen wie während des Mönlam ist das Zentrum nicht ausgerichtet.
Zu Beginn der ersten Pause an diesem Sonntagvormittag steuere ich deshalb das Ende der langen Schlange vor der Toilette neben dem Tempel an. In Trippelschritten bewege ich mich vorwärts. Es fällt mir nicht schwer, mich in Geduld zu üben. Bin ich doch seit gestern Abend intensiv mit einem Problem beschäftigt.
Es geht um meinen Blog. Genauer um einen Blogtext für meine Fantasy-Geschichte „Die Engel von Friedrichshain“. Gerade hänge ich im Plot: Dem Dämon Beelzebub ist der Zutritt zu genau dem Zentrum, vor dessen Toilette ich gerade anstehe, verwehrt.
Er kommt nicht rein – hatte ich beim Schreiben beschlossen – weil die Energie im Inneren des Zentrums so positiv ist.
Das war einerseits eine tolle Idee – erzähltechnisch. Andererseits hatte ich mir damit ein ordentliches Problem eingehandelt. Ebenfalls erzähltechnisch.
Denn irgendwie musste Beelzebub trotzdem in das Zentrum kommen. Nur wie?
Ich hatte mir stundenlang den Kopf zerbrochen, alle möglichen Varianten durchgespielt – aber es war nichts vernünftiges dabei rausgekommen.
Und ich wollte eine „buddhistische“ Lösung. Es war schließlich ein buddhistisches Zentrum, mit dem der archaische Naturgott Baal konfrontiert war. Deshalb musste es auch eine dem Zentrum – und dessen Energie – angemessene Auflösung geben.
Aber mir wollte einfach nichts Brauchbares einfallen!
Ich brauchte Hilfe!
Glücklicherweise hatte mich Karma pünktlich für diesen Blog-Beitrag im Mönlam platziert – umgeben von mindestens 20 Lamas. Einer davon würde mir ganz sicher weiter helfen können!
Während des Betens in den Morgenstunden war mein Blick immer wieder die Bänke vor dem Altar hinauf und hinunter gewandert. Da saßen die offiziellen Würdenträger ordentlich aufgereiht, Asiaten und Europäer bunt gemischt. Lediglich zwei Frauen waren darunter.
Welchen von ihnen sollte ich fragen?
Die Idee, einfach nach dem Zufallsprinzip ein paar Lamas anzusprechen, hatte ich sofort wieder verworfen. Alle waren auf das Gebet fokussiert. Die Gefahr war groß, dass sie meine Frage – und dann auch noch wegen eines christlichen Dämons! – als störend empfinden könnten.
Ich brauchte ein Zeichen.
Vor mich hin sinierend, wie ich es am Besten anstellen sollte, war ich an der Spitze der Schlange angekommen. Die Toilettentür schwang auf und ein rundlicher europäischer Lama mit Brille in roter Robe trat heraus, schlängelte sich an mir vorbei und verschwand im Tempel.
Als die Mittagspause anbrach, war ich immer noch nicht klüger. Wieder reihte ich mich in die lange Schlange ein. Wieder ging, als ich vor der Toilette angekommen war, die Tür auf – und wieder trat der selbe rundliche europäische Lama mit Brille in seiner roten Robe heraus.
Das Spiel wiederholte sich während der Nachmittagspause: Wieder ging – als ich an der Reihe war – die Toiletten-Tür auf und wieder trat der rundliche Lama mit Brille heraus.
Ich atmete erleichtert auf. Na bitte! Das Zeichen!
Nachdem auch ich meinen Toiletten-Besuch absolviert hatte, ging ich sofort zum Angriff über. Ich entdeckte den nichtsahnenden Lama am Ende des Speisesaal. Als ich bei ihm angelangt war, erklärte ich ihm – Englisch – ich hätte ein Problem, wir hätten uns gerade zum dritten Mal vor der Toilettentür getroffen und deshalb wäre ich der Überzeugung, dass er derjenige wäre, der mir helfen könne. Ob er kurz Zeit für mich hätte?
Es war ihm anzusehen, dass er keine Lust darauf hatte, sich während seiner wohlverdienten Kaffee-Pause das Problem einer offensichtlich völlig überspannten Frau anzuhören.
Ergeben nickend ließ er sich trotzdem von mir zum nächsten freien Tisch schieben. Dort erklärte ich ihm, ich schriebe einen Blog. In der Geschichte käme ein Dämon vor, der in ein buddhistisches Zentrum wolle, aber durch die positive Energie dort am Zutritt gehindert wäre. Die Erzählung wäre aber so angelegt, dass er unbedingt hinein müsse. Ich bräuchte ein buddhistische Lösung für dieses Problem. Ob ihm was einfallen würde?
Ich war beeindruckt von seiner Reaktion. Erst die Story mit der Toilettentür, dann der Blog mit dem Dämon vor dem buddhistischen Zentrum – die allermeisten hätten daraus geschlossen, ich wäre ein Fall für die Psychiatrie.
Der rundliche Lama blühte auf. Seine wachen Augen hinter den Brillengläsern blitzten. „Es ist eine Geschichte?“, fragte er auf Englisch noch einmal nach. „Ja, genau!“, bestätigte ich. „Ich suche jemanden, der sich mit Buddhismus auskennt und Geschichten mag!“
„I love stories!“, kam es zurück. Mein Gesprächspartner dachte etwa drei Sekunden konzentriert nach, bevor er Luft holte, und zu einer Erklärung ansetzte: „Das ist ganz einfach! Jedes Mal, wenn jemand in diesem Zentrum von negativen Gefühlen übermannt wird, ist es so, als ob er diesem Dämon die Tür öffnet!“
Genau das war es, was ich gesucht hatte!
Während ich mich überschwenglich bedankte, war der Lama bereits aufgestanden, nickte mir noch einmal zu und verschwand in Richtung Kuchen-Buffett.
Ich sah ihm beeindruckt nach. Karma hatte mir einen außergewöhnlich intelligenten Lama über den Weg geschickt.
Nachdem ich mir eine Tasse Kaffee besorgt hatte, entdeckte ich in einer Ecke des Speisesaals zu meinem Erstaunen Suryiel, der sich angeregt unterhielt. Und zwar genau mit „meinem“ Lama.
Ich konnte es mir nicht verkneifen, zu den beiden zu treten und Suriyel von dem schrägen karmischen Zeichen zu berichten, dass mich zu seinem Gesprächspartner geführt hatte.
Und den blitzgescheiten Lama informierte ich darüber, dass Suriyel in der Blog-Geschichte vorkam, für die er gerade eine so brillante Wendung gefunden hatte. Dass der Hardcore-Buddhist Suriyel im Blog ausgerechnet als Erzengel auftrat, behielt ich allerdings für mich.
Irgendwann am Abend traf ich Suriyel in einer ruhigen Minute alleine an. Ich nutzte die Gelegenheit ihn zu fragen, wer denn dieser Lama wäre, den ich heute drei Mal vor der Toilette getroffen hatte?
Das wäre sein Wurzel-Lama gewesen, erfuhr ich. Und der höchste Würdenträger der tibetisch-buddhistischen Linie in Polen. Er habe, faktisch im Alleingang, Vajrayana nach Polen gebracht.
Jetzt war mir mein Auftritt peinlich. In meiner Fokussierung auf die Blog-Geschichte und das seltsame karmische Zeichen waren ein paar elementare soziale Informationen an mir vorüber gegangen: z.B., dass der rundliche Lama in der ersten Reihe platziert worden war, direkt neben dem Abt. Und auch, mit welchem Respekt ihm ansonsten begegnet wurde.
Ich hatte mich wieder einmal ordentlich daneben benommen. Der hohe Würdenträger schien sich darüber allerdings – so zumindest mein Eindruck – weniger geärgert, sondern eher amüsiert zu haben.
Ein paar Wochen später machte sich Suriyel auf den Weg nach Polen. Er wollte an einem Retreat seines Wurzel-Lamas teilnehmen.
Ich trug Suriyel auf, er solle ihn doch bitte von mir grüßen und ihm ausrichten, dass aus seiner Idee inzwischen eine Geschichte geworden war.
Ich ging davon aus, dass der polnische Lama mich nicht vergessen hatte: Die Frau, die er in Berlin-Friedrichshain drei Mal vor der Toiletten-Tür getroffen und von der er deshalb um Hilfe für eine schräge Blog-Story gebeten worden war.
Obwohl man als Lama sicher die seltsamsten Dinge erlebt…
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