Zum Warschauer Flughafen und an den Mietwagen zu kommen, wird zur Herausforderung. Aber ohne Mietwagen kein Urwald von Bialowieza.

Um kurz nach sieben Uhr morgens reißt mich lautes Krachen aus dem unruhigen Schlaf. Im Hinterhof wird der Bauschuttcontainer geleert. Immerhin hat es während der Nacht aufgehört zu regnen, stelle ich fest, als ich ans Fenster trete.
Ich habe heftig geträumt, daran kann ich mich erinnern. Aber so sehr ich mich auch konzentriere, es will mir kein Traumbild in den Sinn kommen, während ich mich zum Aufbruch fertig mache. Die Tageskarten verheißen nichts Gutes: verstimmt betrachte ich den „Teufel“ vor mir auf dem Sofa.
Um kurz nach acht Uhr verlasse ich das kleine Appartement und trabe, den schweren Rucksack auf den Schultern und den Blick auf das Handy-Display, zur Straßenbahnhaltestelle.
Im Zentrum, sehe ich auf dem Routenplaner, gibt es eine reiche Auswahl an Cafés. Ich bin so müde und desorientiert, dass ich trotzdem zwei Anläufe brauche, bis ich endlich auf einen Stuhl sinken und meinen Morgenkaffee bestellen kann.
Um mich ist richtig viel los, stelle ich fest, nachdem das Coffein anfängt zu wirken. Die Gäste sind Anfang bis Mitte zwanzig, im selben Alter wie die zierliche blonde Bedienung. Ich beobachte sie besorgt, während ich auf mein Frühstück warte. Sie ist kreidebleich und wirkt, als müsse sie sich beherrschen, nicht jeden Augenblick in Tränen auszubrechen. Ich tippe auf akuten Liebeskummer und bin voller Mitgefühl, obwohl ich sie zwei Mal an meinen Kaffee erinnern muss.
Als ich mein Frühstück beendet habe und aufbreche, bin ich immer noch neben der Spur. Ob es an den entschwundenen Träumen liegt? Oder daran, dass ich zu eilig unterwegs bin? Vermutlich bräuchte ich noch ein paar Tage Zeit für Warschau. Ich verspreche der Stadt im Stillen, bald wiederzukommen, um ihr die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ihr gebührt.
Aber jetzt muss ich an den Flughafen, um den Mietwagen abzuholen. Dort sind sie billiger als im Stadtzentrum, hatte ich bei der Reisepanung festgestellt. Laut Routenplaner sind es mit dem Bus gerade mal dreißig Minuten dorthin. Ein Katzensprung – wenn man denn die Bushaltestelle findet.
Der Vormittag geht genauso weiter, wie der Morgen begann: ich irre, den Blick auf dem Handy-Display, durch das Zentrum. Der Routenplaner scheint sich nicht sicher zu sein, wo die vermaledeite Bushaltestelle lokalisiert ist. Ich laufe eine lange Ausfallstraße entlang. Kurz vor dem Ziel wechselt die Anzeige, auf einmal wird die Gegenrichtung angezeigt. Also trabe ich wieder zurück – mit zwanzig Kilo auf dem Rücken – nur um festzustellen, dass sich da, wo ich hingeschickt werde, ganz sicher keine Bushaltestelle befindet.
Passanten, die ich in meiner Not anspreche, sind hilfsbereit, können aber alle kein Englisch. Ich versuche, aus Handzeichen schlau zu werden – und laufe immer nur im Kreis.
Maria hätte sich schon längst ein Uber bestellt! Als wir gemeinsam in Danzig waren, sind wir keinen Meter ÖNV gefahren. Gefühlt zehn Mal am Tag tippte sie kurz auf dem Handy rum, und zack: ein paar Minuten später stand, wie von Zauberhand geschickt, ein Auto vor unserer Nase. Es war nicht teuer und man konnte mit Apple-Pay bezahlen. Und Maria hat mir im Februar sogar die polnische Uber-App heruntergeladen und mich – fürsorglich wie immer – angemeldet. Ich müsste nichts anderes tun, als die App aufzurufen und meinen Standort einzugeben.
Ich weiß, dass ich mich gerade völlig bescheuert verhalte, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Mir mangelt es heute noch mehr an Marias wilder ukrainischer Energie, als das für gewöhnlich der Fall ist.
Irgendwann hat das Schicksal trotzdem ein Einsehen mit mir. Dort vorne ist doch tatsächlich die Bushaltestelle! Als ich einsteige, ist meine Erleichterung grenzenlos. Obwohl es nicht einmal einen Sitzplatz gibt und sich die Koffer im Gang stapeln. Ich umklammere den Haltegriff, um im schaukelnden Bus nicht durch den schweren Rucksack aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden und versuche, drei stiernackige Soldaten in Uniform, die direkt neben mir stehen, zu ignorieren.
Warschau-Chopin, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, als der Bus auf das Flughafengelände einbiegt, ist von überschaubarer Größe. Das kommt mir entgegen, denn auf der Buchungsbestätigung für den Mietwagen findet sich als einzige Ortsangabe: „Terminal“.
Es wird sich wohl um den Ankunftsterminal handeln, schlussfolgere ich. Normalsterbliche verlassen das Flugzeug und buchen für die Weiterreise einen Mietwagen.
Ich verlasse den Bus und finde doch tatsächlich ohne weiteres Drama den Autovermieter. Der heißt „Viaggiare“, was ich lustig finde. Es klingt, als wäre ich in Italien und nicht in Polen. Das Lachen vergeht mir zügig, als ich am Tresen stehe und den Mietvertrag abschließen möchte. Nein, erklärt mir der nette Angestellte, mit meiner online-Kreditkarte könne er leider nichts anfangen. Um das Deposit abzubuchen, müsste ich das Plastikkärtchen in das Lesegerät einschieben. Ich bin fassungslos! Da habe ich extra einen Kreditkartenvertrag abgeschlossen, nur um dieses verdammte Auto mieten zu können und dann so etwas! Dabei hatte mir Barclays noch enthusiastisch mitgeteilt, dass es nicht notwendig wäre, auf die Plastikkarte zu warten, die Handy-Version wäre genauso gut. Und das alles, weil meine Online-Bank nur Debit-Kreditkarten ausgibt. Die von Autovermietern in Polen nicht akzeptiert werden. Ich hatte einen halben Arbeitstag geopfert, um das herauszufinden.
Und jetzt das! „I am sorry,“ erkläre ich dem Angestellten, „but I have to burst into tears.“ Und tatsächlich gelingt es mir nur mühsam, die Tränen zurückzuhalten. Mein einziger Gedanke ist: „Ich muss in diesen verdammten Urwald!“ Der Mann hinter dem Tresen schaut alarmiert. Er hat wohl was gegen weinende Frauen!
Wie immer er die Sache sieht, er ist auf alle Fälle gewillt, das Schlimmste zu verhindern. Besänftigtend auf mich einredend, versucht er, Struktur in das Drama zu bringen. Was ich denn sonst noch für Karten hätte? Aufgelöst krame ich meine EC- und meine Debit-Kreditkarte hervor. Wenn ich eine Vollkasko-Versicherung akzeptiere, könne er die Kaution über die Debit-Karte abwickeln, erklärt er mir. Ich bin bereit, alles zu akzeptieren, wenn ich nur ein Auto kriege!
Es geht ein bisschen hin und her, der Angestellte ist von größter Fürsorge. Irgendwann unterschreibe ich auf einem Tablett nacheinander zehn verschiedene Formblätter und werde anschließend von ihm in den Bauch der Tiefgarage zum Mietwagen geleitet.
Ein kleiner Dacia. Leider sei dem letzten Kunden ein Malheur beim Einparken passiert, deshalb sei der Kofferraumdeckel eingedrückt, aber er lasse sich noch öffnen und schließen. Ob ich damit leben könne?
Ich kann mit allem leben, das fährt. Der fürsorgliche Angestellte fragt drei Mal, ob ich sonst noch etwas brauche, verstaut für mich den Rucksack im Kofferraum, zählt mir noch die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Polens Straßen auf: 50 km/h Innerorts, 90 auf Landstraßen, 140 auf Autobahnen. Dann drückt er mir den Schlüssel in die Hand, wünscht herzlich einen schönen Urlaub, erinnert mich daran, dass ich jederzeit anrufen könne, wenn was wäre und verabschiedet sich.
Als ich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf den Fahrersitz sinke, ist es kurz nach Mittag. Geschafft!
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