„Wir tanzen und singen, wir lachen und springen. Because we have got eine Stadt für uns allein. Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt…“

Als Suriel mir vor drei Jahren erzählte, er stamme aus Warschau, war mein erster Gedanke: er kommt aus der Stadt, die der Führer den Klonen schenken sollte!
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich den Song das erste Mal hörte. Es muss lange zurückliegen, er stammt von 1981. Ich weiß auch nicht mehr, wann ich das erste Mal vom „Pabst-Plan“ erfuhr.
Die Vermutung liegt nahe, dass ich mit beiden etwa zeitgleich konfrontiert wurde. Jedenfalls sind „Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt“ von Extrabreit und „Warschau“ eine seltsame Symbiose in meinem Gehirn eingegangen. Ohne dass mir das bewusst war, bevor ich Suriel traf.
Von was ich hier gerade schreibe? In Kurzform:
Der Überfall Polens durch die Deutsche Wehrmacht 1939 eröffnete unerhörte Karrierechancen. Ein kleiner Würzburger Stadtkämmerer wurde hopplahopp zum Stadtpräsidenten der Hauptstadt Polens ernannt! Würzburg hatte damals nicht einmal 100.000 Einwohner – Warschau 1,3 Millionen. Der ehrgeizige Herr Dengler aus der unterfränkischen Provinz war nicht nur Mitglied der SS, sondern auch noch ein Mann mit einer Vision. Für ihre Umsetzung holte er sich zwanzig Angestellte des Würzburger Bauamtes an seine Seite. Sie sollten Warschau in eine „neue deutsche Stadt“ verwandeln.
„Nach diesem Vernichtungs- und Zerstörungsplan sollte Warschau in eine deutsche Provinzstadt verwandelt werden. Der Plan sah vor, dass 95% der Stadtbebauung zerstört und nur die Krakauer Vorstadt und Belweder unzerstört gelassen wurden. (…) Die Bevölkerung der Stadt sollte in Konzentrationslager gebracht oder vor Ort – im 1943 entstandenen KZ Warschau – ermordet werden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Pabst-Plan
Dengler konnte sich mit seinen Plänen – die heute im Warschauer Stadtmuseum zu besichtigen sind – nicht durchsetzen und erklärte deshalb 1940 seinen Rücktritt. Weil es ab und zu so etwas wie Gerechtigkeit gibt, wurde er 1950 in Warschau wegen Kriegsverbrechen zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt.
Ich denke an die Geschichte von den Klonen und ihrer Stadt, als ich in Warschau aus dem EC steige. Sechs Stunden Fahrt liegen hinter mir, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. In strömendem Regen haste ich im Pulk der Mitreisenden über den Bahnsteig und in die Unterführung.
Als ich eine Viertelstunde später in der ratternden Straßenbahn sitze und durch das beschlagene Fenster auf die Häuser starre, bin ich erstaunt, wie normal alles aussieht. Meine Kindheitsphantasie hat nichts mit der Realität zu tun. Draußen zieht eine osteuropäische Stadt im Feierabendmodus vorbei.
Im Zentrum muss ich umsteigen. Auf den Straßen und in den Unterführungen geht es unerwartet entspannt zu. Warschau ist etwa so groß wie München. Zwischen fünf und sechs Uhr Abends auf dem Stachus unterwegs zu sein, fühlt sich anders an. Alle hasten und schieben, die S-Bahnen fahren im Minutentakt und sind trotzdem völlig überfüllt, die Innenstadt erinnert an einen Ameisenhaufen.
Hier wirkt alles gemächlich. Die Leute – so kommt mir vor – laufen langsamer als in München oder Berlin. Sogar in Leipzig geht es hektischer zu als hier, denke ich, während ich, den ausladenden Rucksack geschultert, nach der richtigen Straßenbahnhaltestelle suche. Ich werde angestarrt, merke ich. Es scheinen sich nicht viele Rucksacktouristen nach Warschau zu verirren.
Die altertümliche Straßenbahn rattert auf einer Brücke über die Weichsel. An dieser Stelle kein Strom, sondern ein Fluss. Es geht am Zoo vorbei, dann am imposanten Nationalstadion. Vier Stationen danach steige ich aus. Schöne Jugendstilhäuser am Straßenrand, die Fassaden bröckeln vor sich hin. Die Straßenlaternen sind richtig Retro. Ein tiefes Loch im Gehweg. Wer da reintritt, hat Pech gehabt. Der Zugang zum Appartement ist von einem gußeisernen Tor versperrt.
Der Regen tropft auf das Handy-Display. Ich brauche mehrere Versuche, bis ich den Türcode richtig eingetippt habe. Ein paar Meter weiter vor dem Hintereingang das selbe Procedere, schließlich geht es fünf Stockwerke hoch – ohne Aufzug – bis in die kleine Wohnung. Ausziehcoach, Küchenzeile, Bad.
Ich stelle den Rucksack in die Ecke, sinke auf das Sofa und gehe das nächste Problem an: Abendessen. Es gibt eine reiche Auswahl an vegetarischen Restaurants, stelle ich erleichtert fest. Alle in der Innenstadt, mit der Straßenbahn kein Problem.
Als ich den Innenhof betrete, regnet es in Strömen. Ein Obdachloser hat sich unter den Tordurchgang geflüchtet. Er steht genau neben der Tastatur, in die ich die Ziffern eingeben muss, damit ich auf die Straße komme. Es soll die ganze Nacht durchregnen. Darauf zu warten, dass er geht, ist nicht zielführend. Ihn zu bitten, auf die Seite zu treten, geht auch nicht. Ich bin überfordert. Und außerdem habe ich Hunger. Er wohl auch, denke ich mit schlechtem Gewissen, und dazu hat er nicht einmal ein Zuhause – und das bei diesem Scheißwetter.
Es hilft nichts. Ich komme mir unendlich dämlich vor, als ich, mich verrenkend, beide Hände durch die Gitter schiebe, mit der einen die Tastatur abschirme, während ich mit der anderen den Türcode eingebe. Mit leisem Surren öffnet sich das Tor. Ich krame in meinem Geldbeutel herum und ziehe einen 20-Zltoy-Schein heraus, der noch von der letzten Polenreise im Februar übrig geblieben war. Umgerechnet etwa 4,50 Euro. Die drücke ich dem Mann in die Hand und haste im strömendem Regen zur Haltestelle. Dort setze ich mich auf die Bank und halte nach der Straßenbahn Ausschau. Eigentlich müsste sie in zwei Minuten kommen, aber die Straße ist leer. Nicht einmal Autos fahren und Fußgänger sind auch keine Unterwegs.
Auf einmal trabt der Obdachlose, dem ich ein paar hundert Meter weiter vorne den Schein in die Hand gedrückt habe, an der Haltestelle vorbei, sieht mich – und setzt sich neben mich auf die Bank, während er mich mit starrem Blick mustert. Irgendwas ist mit ihm nicht in Ordnung. Ich hatte es mir schon an der Tordurchfahrt gedacht. Er wirkt, als ob er psychisch nicht gesund wäre. Vielleicht eine Psychose?
Ich schaue stur gerade aus und zähle die Sekunden. Der Kerl sitzt und starrt mich an. Aus der Ferne erklingt das Rattern der Straßenbahn, es kommt rasch näher. Ich stehe auf und bete, dass der Mann nicht ebenfalls einsteigen wird. Zu meiner Erleichterung bleibt er zurück. Er verschwindet aus meinem Blickfeld, als die Straßenbahn um die Kurve biegt.
Im Zentrum steige ich aus, es regnet immer noch in Strömen. Auf der anderen Seite der Unterführung ragt ein riesiger stalinistischer Prachtbau mit erleuchteter Kuppel in die Höhe. So etwas habe ich bisher nur in Kiew gesehen. Der Routenplaner verrät mir, dass es sich um den Kulturpalast handelt.
Ein paar Straßen weiter schließlich das „Tel Aviv“. Es sieht aus wie alle Hipster-Lokale rund um den Globus: ein hoher kahler Altbau, spartanisch eingerichtet. Der Kellner bringt mir eine englischsprachige Karte und nimmt akzentfrei meine Bestellung auf. Die vegetarische Moussaka ist super, der Tee duftet – die eigene Blase ist doch immer die wohligste.
Als ich – satt und müde – wieder am Appartement ankomme, ist der Obdachlose verschwunden. Im Haus ist alles still. Es kommt mir vor, als wäre ich die einzige, die in dieser Nacht dort schlafen würde. Draußen rattern in regelmäßigen Abständen die Straßenbahnen vorbei, sie lassen das Haus beben und wiegen mich in den Schlaf.
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