Telefonica schickt eine Sturmwarnung per SMS. Der Wind rüttelt an den Fassaden und treibt laut pfeifend Schneeregen durch die Gdanzger Altstadt. Maria und Vasilisa verschwinden in irgendeine Mall, ich bleibe im Restaurant zurück und tippe meinen Tagesblog herunter.

Ich habe die beiden wieder zum Frühstück ausgeführt, Vasilisa hat auf ein polnisches Restaurant bestanden. Es gäbe nichts besseres als polnisches Essen, erklären mir beide. Die Frühstückskarte ist netterweise mit englischen Untertiteln. Ich lerne, dass ohne Waffeln nichts geht in der polnischen Küche: Waffeln mit Ei Benedikt und Würstchen, Waffeln mit Nutella-Pfannkuchen – sogar das Müsli wird mit Waffel angeboten! Ich nehme das Müsli mit Kaffee, die beiden anderen Ei Benedikt und Nutella-Pfannkuchen. Mit Sekt. Sie prosten mir ausgelassen zu.

Das Müsli ist mit einer riesigen Waffel dekoriert und üppig mit Puderzucker bestäubt. Während ich mich hindurch arbeite, bekomme ich die Photos von gestern vorgeführt, Maria muss ihren Instagram-Account füttern – für all die armen Jungs, die keine Telefonnummer von ihr bekommen haben. Sie beherrscht Photoshop wie der Stardirigent das Synphonieorchester, ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie es hinkriegt. Und auch die Posen: die Welt eine Bühne.

Als ich mit dem Tippen fertig bin, zahle ich, freue mich wieder einmal darüber, wie günstig hier alles ist, und frage per WhatsApp nach, wo die beiden stecken. Immer noch in der Mall, es dauere noch, ich bekomme ein aufgekratztes Photo aus der Umkleidekabine.

Draußen pfeift mir der Wind um die Ohren. Ich ziehe mir die Kapuze der Regenjacke über den Kopf und laufe los, heraus aus der geradezu künstlich perfekt sanierten Altstadt in Richtung Hafen. Riesige Möven segeln in der Höhe elegant im Sturm, Menschen hasten an mir vorbei, es ist Montag. Rosenmontag. In Gdanzg scheint keiner Fasching zu feiern.

Morgen fahren Maria und Vasilisa nach Berlin, Maria hat heute früh gleich nach dem Aufwachen Blablacar gebucht. Ich bleibe und habe meinerseits ein kleines Appartement in der Altstadt gebucht. Den osteuropäische Mittelschichtstraum, in dem wir jetzt untergebracht sind, finde ich schaurig. Maria und Vasilisa sind beide im Plattenbau aufgewachsen, für sie scheint der gesichtslose riesige Appartementkomplex mit dem gelangweilten Concierge, Spa, Gym und den verspiegelten Aufzügen der Inbegriff von Luxus zu sein. An jedem Durchgang muss der Türcode eingetippt werden. Ich finde es klaustrophobisch, die beiden anderen scheint es zu beruhigen. Wir Innen, die Anderen ordentlich ausgesperrt draußen.

Ich laufe im Schneeregen ziellos umher. Aus der Ferne winken riesige Kräne. Es geht eine vierspurige Ausfallstraße entlang, links und rechts davon halb verfallene Fabrikgebäude. Ich umkreise riesige Pfützen, die sich in den Löchern des zerborstenen Asphalts sammeln. Ab und zu rumpelt ein LKW an mir vorbei. Aus der Nähe wirken die Kräne wie versteinerte Riesen. In der Bewegung verhext. Nichts regt sich auf dem riesigen Gelände, nur die Möven kreischen in der Höhe.

Müde und ausgefroren falle ich am Nachmittag neben Maria ins Bett. Vasilisa ist entschwunden, sie muss für die Reise nach Berlin packen. Maria hat ihren Instagram-Account auf den neuesten Stand gebracht. „Oh no!“ Sie hält mir das Handy hin. „I found Daria.“ Richtig, das ist Daria, ordentlich gephotoshopped, bei Maria sieht das deutlich besser aus. Maria scrollt vor meinen Augen Darias Photos. Wir sind beide schockiert. „What does she think?“ Viel nackte Haut und höchst aufreizende Posen. Ich hatte schon etwas in der Art befürchtet, als ich Daria am Sonntag beim Frühstück fragte, was sie denn arbeiten würde und mir Vasilisa ein vages „nichts Konkretes“ übersetzte. Die Photos im Account hat sie definitv nicht selbst aufgenommen, sie hat sich für irgendwen in Pose geworfen. Ohne Zweifel ein Mann, der voeyristische Blick ist unverkennbar. Wir betrachten beide den mageren Körper, der sich in einem kurzen Videoclip lasziv an einer Wand reibt. So wie es aussieht, wird Daria effektiv vermarktet.

Während wir die Katastrophe betrachten, plärrt gegenüber an der Wand der Fernseher. Auf Russisch. Als Maria die Sendung gestern das erste Mal aufrief, war ich schockiert: „You are watching Russia TV?“ Maria verstand meine moralische Empörung nicht: „It´s not TV. It´s on Youtube. And the guy is Belarus! I love him.“

Der von Maria angebetete Moderator ist ein kraftsportgestählter Typen mit Bart und Haifischgrinsen, der auf der rechten Bildschirmhälfte in Maschinengewehrgeschwindigkeit in die Kamera rattert. Auf der linken Hälfte läuft etwas anderes, da sitzt ein Mädchen heulend mit einer älteren Frau, die wohl ihre Mutter ist. Ich verstehe wieder einmal nichts. „What´s the story about?“ Maria strahlt: „It´s about girls who get pregnant at sixteen.“ Ich verstehe immer noch nichts. „It´s a TV series about pregnant girls?“ „Yes!“ „That´s interesting?“ Maria nickt. „Yes. I love how stupid they are.“ Ich bin fassungslos und flüchte mich in Zynismus. „At least they couldn´t cover you anymore. You crossed the age gap.“

Nachdem das Baby glücklich geboren und der pickelige Vater die stark geschminkte Mutter mit einem Blumenstrauß an der Kliniktür empfangen hat, können wir uns der ersten Unterrichtseinheit „Kartenlegen“ widmen. Vasilisa ist immer noch verschwunden, sie antwortet wieder einmal nicht auf Textnachrichten, Maria ist genervt. Also kriegt Maria die Einführungsstunde exklusiv. Wir machen zwei Runden: erst kriegt sie eine Legung von mir und ich erkläre die Fußnoten dazu. Dann legt sie mir die Karten und ich kontrolliere, ob sie auch den Subtext verstanden hat.

Ich drehe Marias Karten um und siehe da – oben rechts „der Teufel“. „Oh no, Maria, I am sorry, that´s not good!“ „Der Teufel“ ist die negativste Karte im Deck, erkläre ich ihr, eigentlich ist es üblich, die anderen Karten nicht mehr zu deuten, weil „der Teufel“ so dominant ist, dass alles andere ohne Bedeutung ist. Ich interpretiere die Karten psychologisch, deshalb finde ich diese hilflose Haltung nicht zielführend. „Der Teufel“ hat einem immer was zu sagen. „It´s about shadows,“ erkläre ich Maria, „a surpressed unconscious theme who present itself through an incident in the outside.“

Danach bin ich dran, sie übernimmt die Rolle der Interpretin und dreht meine Karten um. Siehe da: auch ich habe „den Teufel.“ Maria grinst und streckt mir über die Karten hinweg ihre Hand hin. Ich schüttelte sie: willkommen im Club! Sie macht ihre Sache gut, es ist auch für mich erhellend, was ihr alles zu meiner Legung einfällt.