Im Vajrayana gibt es keinen Unterschied zwischen Traum und Realität.

Die nächsten Tage über arbeitet der schräge Piraten-Lama-Traum in mir. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Jedesmal wenn ich zur Ruhe komme, kreisen meine Gedanken um die Traumbilder, die Tarotkarte des „Teufels“ und die seltsame Botschaft Vajranathas.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass mich mit Lama Vajranatha bereits eine eigenartige Geschichte verbindet.

Alles beginnt – wie soll es auch anders sein – mit einem Traum.

In einer Nacht im Sommer 2018 finde ich mich als Lehrerin in einem Klassenzimmer wieder. Meine Schüler sind schon fast erwachsen und haben erkennbar keine Lust auf Unterricht. Sie äffen mich nach, tanzen schreiend und kreischend um mich herum und ihr Anführer macht sich einen Spaß daraus, mich mit Heften und Schulbüchern zu bewerfen. Ich versuche mir Gehör zu verschaffen, vergebens. Der Anführer gebärdert sich nur noch aggressiver. Er wird von einer blonden Mitschülerin angefeuert, der die Sache offensichtlich großen Spaß macht.

Ohnmächtig vor Wut drehe ich mich um und renne aus dem Klassenzimmer. Es geht die Treppe hinunter durch die Aula und hinaus auf den Schulhof. Von dort sind es zu meinem Erstaunen nur ein paar Meter bis zu einem Sandstrand. Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel herunter. Vor mir breitet sich – im gleißenden Licht glänzend – das Mittelmeer aus.

Nicht weit von der Bucht entfernt liegt eine kleine Insel. Ich beschließe, dorthin zu schwimmen. Die ungezogenen Schüler habe ich schon fast vergessen. Ich schlüpfte aus dem Kleid, freue mich, dass ich darunter einen Badeanzug trage, springe kopfüber ins glasklare Wasser und kraule zur Insel. Sie ist klein, nur ein paar Felsbrocken und ein bisschen Sand, die aus dem Wasser ragen. Ich klettere hinauf, setze mich in die Sonne und schaue über die glitzernde Wasseroberfläche hinüber zu dem langgestreckten weißen Schulgebäude, dass einige Meter hinter dem Strand in der Sonne flirrt.

Kurz darauf sehe ich, wie dort eine kleine Gestalt herausläuft, zum Strand eilt, ebenfalls aus den Kleidern schlüpft, ins Wasser springt und zu mir schwimmt. Es ist meine griechische Freundin, stelle ich zu meiner Freude fest, die ich während des Ngöndros kennengelernt habe. https://www.water-runs-east.eu/drei-ngoendro/ Dann wache ich auf.

Am nächsten Morgen schicke ich eine Mail nach Athen: „Last night I dreamed about you. We met each other on a small Greece Island.“ Mittags kommt eine Mail zurück. „Yes. I dreamed the same.“

Jetzt bin ich verblüfft. So was hatte ich noch nie! Es passiert mir immer wieder, dass ich von etwas träume, was gerade anderen Menschen, die mir nah sind, passiert. Oder – manchmal auch – passieren wird.

Aber dass ich mir mit jemandem einen Traum „teilen“ kann, ist mir neu. Auch meine griechische Freundin ist erstaunt. Wir schicken uns gegenseitig die Details unserer Träume und es wird immer wilder: meine Freundin – die auch im wirklichen Leben Lehrerin ist – betrat das Klassenzimmer mit den aufmüpfigen Schülern, kurz nachdem ich es verlassen hatte. Die Tür stand offen, schreibt sie mir. Auch sie versuchte zu unterrichten und wurde von dem aggressiven jungen Mann daran gehindert, der die ganze Klasse gegen sie aufhetzte. Als alle ihre Versuche, für Ordnung zu sorgen, scheiterten, tat sie etwas radikales: sie griff zu einem Messer und erstach den Störenfried von hinten. „I knew it was just a dream,“ schreibt sie mir. „And I can´t stand such a behaviour!“

Ich bin beeindruckt: so sind sie, die Griechinnen! Noch beeindruckter sind wir beide davon, dass wir uns zeitgleich im gleichen Traum bewegt haben. Wie kann so etwas möglich sein?

Kurz darauf tritt der Traum in den Hintergrund, denn meine griechische Freundin wird mit einem fehlerhaften Steuerbescheid konfrontiert. Das Finanzamt hat Nachzahlungen falsch berechnet und fordert eine astronomische Summe von ihr. Fällig innerhalb von sechs Wochen. Täglich sitzt sie im Finanzminsterium in Athen, zusammen mit vielen anderen Unglücklichen, die zum Opfer der fehlerhaften Software geworden sind. Und wie allen anderen wird ihr von den Sachbearbeitern versichert, dass sie recht hat und der Steuerbescheid falsch ist. Aber keiner ist in der Lage und Willens, den Fehler zu beheben. Sie ist verzweifelt, es geht um ihre Existenz.

Auf dem Höhepunkt des Dramas, dass sich gerade im fernen Athen abspielt, fahre ich zu meinem nächsten Ngöndro-Termin in den Odenwald. Ich bin jetzt im zweiten Jahr der vorbereitenden Übungen für die Tsog-Chen-Praxis des Vajrayana. Alles läuft wie immer: der Rinpoche des Bön-Klosters in Nepal hält – auf seinem roten Thron sitzend – Vorträge über die Praktiken und Meditationstechniken der nächsten drei Übungseinheiten, dazwischen finden Opfer-Rituale statt.

Es gibt nur einen Unterschied: An den Abenden hält ein amerikanischer Lama namens Vajranatha Vorträge über tibetischen Buddhismus. Am vorletztenTag laufe ich ihm während der Mittagspause über den Weg und spreche ihn an. Die Sache mit dem geteilten Traum beschäftigt mich immer noch und ich scheine einen Experten vor mir zu haben. Er hört sich meine Geschichte geduldig an. Zu meinem Erstaunen ist er an dem geteilten Traum nicht weiter interessiert, das scheint das Normalste der Welt für ihn zu sein. Ihn beschäftigt etwas anderes: „What happened to your friend?“, fragt er mich. Ich schaue ihn verständnislos an. „She killed someone!“ „But it was just a dream!“ stottere ich. „There is no difference between a dream and reality!“ bekomme ich zu hören. „A murder is a murder! It´s the energy!“

Auf einmal verstehe ich: Der kafkaeske Ärger mit dem Finanzamt ist die griechische Höllenstrafe für den Traummord. Ich lasse den Lama grußlos stehen, jage die Treppe in mein Zimmer hoch und schreibe meiner Freundin eine SMS, in der ich ihr die neuesten Erkenntnisse mitteile. Die sitzt gerade völlig verzweifelt auf einem harten Holzstuhl im Finanzministerium und sieht sich dem sicheren Untergang geweiht. „Go!“ Schreibt sie zurück. „Tell this american Lama I need a Puja! Immediatly!“ Was ist eine „Puja“? Und wie viel kostet so was? Egal, die Sache eilt. Ich greife zu meinem Portmonaie, renne wieder die Treppe hinunter, finde zu meiner Erleichterung Lama Vajranatha im Garten und teile ihm den Wunsch meiner Freundin mit. Fünfzig Euro wären ok, erklärt er mir, lässt sich von mir das Geld geben und teilt mir mit, am Donnerstag würde er das bestellte Puja – ein Opferritual – durchführen, keine Panik.

Am Sonntag stolpere ich aus dem Bauch eines Flugzeugs in die flirrende griechische Hitze hinaus. Der Geruch von Benzin und Meerwasser hängt in der Luft. Vor dem Terminal empfängt mich meine griechische Freundin. Sie strahlt. Alles ist gut ausgegangen. Als sie am Freitag – dem Tag nachdem Vajranatha das Puja abhielt – ins Finanzministerium in Athen kam, wartete bereits eine Sekretärin auf sie. Alles wäre entschieden, teilte sie ihr mit, die Unterlagen lägen bereit, sie müsse nur noch unterschreiben. Während sie meiner Freundin den Stift in die zitternde Hand drückte, erklärte sie ihr: „Das ist ein Wunder!“

Meine Freundin sieht es bis heute so. Und sie hat versprochen, sich an das zu halten, was ihr Lama Vajranatha durch mich hat ausrichten lassen: „Do not kill again! Neither in dream nor in reality!“

Was sagt mir diese Geschichte über meinen Piraten-Teufels-Karten-Traum? Das ist die Frage…