Im Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – erklärt der Meister den Schülern die Prinzipien des Zen…

Regelmäßig, wenn ich während eines Sesshins dem Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – meines Zen-Meisters lausche, bin ich fasziniert davon, in wie vielen Variationen er buchstäblich über „NICHTS“ referieren kann.

Denn das ist das einzige Thema, das im Zen wirklich von Bedeutung ist.

Das Ziel buddhistischer Meditation ist die Befreiung von Leid. Das ist im nüchternen Zen nicht anders als im bunten tibetischen Vajrayana.

Im Herzsutra – einem der Basistexte des Mahayana-Buddhismus, zu dem auch das Zen gehört – heißt es „Bodhisattva Avalokitheshvara, in tiefer Versenkung, erkannte, dass alle fünf Skandhas leer sind und überwand so alles Leiden“.

Die „Fünf Skandhas“ sind die Sinneswahrnehmungen, zu denen im Buddhismus nicht nur das Hören, Sehen, Riechen und Schmecken gehört, sondern auch alle Gefühle, Gedanken und das Ich-Bewusstsein.

Alle dies, lehrte Buddha, ist nicht – wie es uns unser Körper und unser Geist vorgaukelt – fraglos gegeben und absolut, sondern bedingt.

Jeder Sinneseindruck, jede emotionale Reaktion darauf, alle Gedanken, die wir uns über äußere Reize und innere Zustandsveränderungen machen und all die Schlüsse, die wir daraus in Bezug auf unser „Ich“ ziehen, sind vollkommend subjektiv, vom Augenblick, und von äußeren und inneren situativen Gegebenheiten, abhängig.

Deshalb sind sie in ihrer Bedingtheit und Flüchtigkeit ohne Substanz: sie sind leer.

Wer dies erkennt und versteht, ist von allen Leiden befreit.

Darum besteht die einzige Funktion des Lehrers im Zen darin, seine Schülern mit allen Tricks und Mitteln ins „Nichts“ zu bringen.

Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr sitzt der Lehrer deshalb in der Mitte seiner Schüler und referiert in seinen Teshos über Leerheit.

Nur: wie erklärt man etwas, das es nicht gibt?

Die Lehrer der Zen-Linie „Leere Wolke“ am Hof haben unterschiedliche Lösungen für dieses Problem gefunden.

Es gibt die „Prediger“, die jedes Tesho mit einem klassischen Text aus der Zen-Literatur eröffnen und dann, im Stil einer protestantischen Predigt, eine Textexegese vornehmen .

Es gibt die „Pragmatiker“, die das Prinzip der Leerheit anhand aktueller Alltagsereignisse aufdröseln.

Es gibt die „Humoristen“, die ihre Schüler mit kurzweiligen unterhaltsamen Anektdoten zur Erleuchtung bringen wollen.

Und dann gibt es am Hof noch meinen Lehrer, der das Problem der Leerheit wissenschaftlich angeht. Irgendwie schafft er es, habe ich über die Jahre gelernt, aus allem, was gerade en vouge ist, Zen zu extrahieren.

Wir hatten Tiefenpsychologie, Emotionstheorien, Sprechakttheorien und Dekonstruktion. Seit ein paar Jahren sind es die Erkenntisse der Neurowissenschaften, die für die Erklärung der „Leerheit“ herhalten müssen.

Früher oder später findet fast jeder Schüler am Hof „seinen“ Lehrer, der ihm das Prinzip der „Leerheit“ auf eine, für ihn verständliche Weise, vermitteln kann.

Aber grundsätzlich bleibt es ein schwieriges Geschäft, Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr über „Nichts“ referieren zu müssen.