Maria möchte lernen, sich selbst die Tarot-Karten zu legen und übt fleißig mit mir…

Wir sitzen in Marias Küche – zum allerersten Mal!
Bis letzte Woche gab es in der kleinen Dachwohnung nur ein Sofa – auf dem sie nachts schläft – und ein wakeliges Sideboard. Beides hat der Vormieter zurückgelassen. Maria ist vor einem Jahr als Flüchtling nach Leipzig gekommen. Mehr als einen Koffer voller Kleidung konnte sie nicht mitnehmen, als sie vor den russischen Bomben aus der Ukraine floh.
Nach ihrem Ausflug zu Ikea kann sie immerhin einen Küchentisch und zwei Stühle ihr Eigen nennen. Sie ist glücklich: die winzige Wohnung fühlt sich auf einmal fast wie ein Zuhause an.
Damit es auch wirklich Stil hat, platziert Maria noch eine brennende Kerze auf dem neuen Küchentisch und faltet sorgfältig die Servietten, bevor sie mir ihre vortrefflichen vegetarischen Buchweizenpfannkuchen serviert.
Dazu habe ich die Wahl zwischen lauwarmem Weißwein – halbtrocken – oder kaltem Radler aus der Dose. Da fällt die Wahl nicht schwer, ich nehme das Radler. Das passt eh besser zu den Pfannkuchen, erklärt mir Maria. Aus gegebenem Anlass kippt sie das Dosenradler in zwei Weingläser. Wir prosten einander zu und essen – während durch das offene Fenster der Duft des Frühlings hereinstreicht – ukrainische Pfannkuchen und unterhalten uns auf Englisch über Gott und die Welt.
Danach drehen wir uns jede noch eine Zigarette und bewundern – rauchend am Fenster stehend – die Aussicht auf den von der Abendsonne beschienenen Hinterhof.
Als wir wieder am Tisch sitzen, dreht Maria den russischen Hipp Hopp leiser. Zum Dessert gibt es Nachos – und dazu Unterricht in Kartenlegen.
Maria war von Anfang an begeistert von den Tarot-Karten. Sie mochte auch meine schrägen Geschichten – da war sie erstaunlich schmerzfrei, obwohl ich schon zu Beginn unserer Freundschaft sehr offen ihr gegenüber war, viel offener, als ich das für gewöhnlich bin – aber die Karten waren attraktiver. Sie sind ja auch nützlich, vor allem in einer so fragilen Lebenssituation wie der ihren. Keiner kann ihr sagen, was in eine Woche, einem Monat oder einem Jahr mit ihr sein wird – außer Tarot.

Links Karten aus dem Crowley-Tarot, rechts jeweils die gleichen aus dem Raider-Waite.
Sie will deshalb nicht nur ständig Tarot gelegt bekommen – sie will selbst lernen, wie es funktioniert. Ich habe ihr zu Unterrichtszwecken ein Set des „Raider-Waite-Smith-Tarot“ gekauft und lege ihr damit auch immer die Karten. Ich selbst bevorzuge das „Crowley-Thoth-Tarot“, aber das ist schwerer zu deuten, als das „Raider-Waite“, dessen Bildsprache auch für Laien einfach zu entschlüsseln ist. Während die Künstlerin Frieda Harris für die einzelnen Karten im „Crowley-Deck“ lediglich Symbole wählte, nutzte etwa zeitgleich Pamela Smith für das „Raider-Waite“ konkrete Darstellungen mit Figuren, die die Bedeutung der einzelnen Karten beschreiben. Dadurch sind die Motive auch Menschen zugänglich, die von Tarot keine Ahnung haben.
Es gibt hunderte verschiedener Tarot-Decks, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren: jedes Set besteht aus 78 Karten.Von diesen sind 22 Karten „große Arkana“ oder „Trümpfe“, die bei der Deutung stärker gewichtet werden, als die „kleinen Arkana“. Diese entsprechen unseren gängigen Spielkarten. Statt der gängigen vier „Farben“ wie im Skat gibt es vier Symbolklassen, die jeweils den Elementen zugeordnet sind: Schwerter stehen für „Luft“ und damit für die geistige Ebene und beschreiben Denkvorgänge (im Bild ganz oben). Stäbe stehen für „Feuer“ und beschreiben vitale Prozesse auf der Ebene der Lebensenergie (Bild, zweite Reihe). Kelche stehen für „Wasser“ und beziehen sich auf die emotionale Ebene des Erlebens (Bild, dritte Reihe). Münzen stehen für „Erde“ und beschreiben die materielle und körperliche Ebene der Erfahrung (unterste Reihe).

Oben die Legung mit fünf, unten mit sieben Karten. Einen guten Überblick über Legesysteme bietet Banzhaf, Hajo: „Gut beraten mit Tarot.“ für das Raider-Waite.
Maria mischt und legt unter meinem wachsamen Blick aus. Sie beherrscht inzwischen zwei verschiedene Legungen: eine Variante mit fünf, und eine mit sieben Karten.
Grundsätzlich gilt: je mehr Karten, desto differenzierter wird die Legung – und desto anspruchsvoller die Interpretation. Maria entscheidet sich für die „Siebener-Legung“. Die hat gegenüber der Variante mit den fünf Karten den Vorteil, dass es im System eine Karte für das „Außen“ gibt, sowie eine weitere, die eine konkrete Handlungsanweisung erteilt. Deshalb ist die Fragestellung, mit der zur Siebener-Legung gemischt wird immer: „Was ist in Bezug auf X zu tun?“, während zur Fünfer-Legung gefragt wird „Wie steht es um X?“
Nachdem Maria die obersten sieben Karten des Stapels fächerförmig mit der Bildseite nach unten ausgelegt hat, dreht sie – von links nach rechts – eine nach der anderen um und benennt dabei die einzelnen Positionen. „Daher kommt es,“ für die erste. „So ist es aktuell,“ für die zweite. „Das wird kommen,“ für die dritte. Die wichtigste Karte dieses Legesystems ist die vierte. Maria dreht sie konzentriert um und murmelt dazu „This is what I have to do.“
Die fünfte Karte zeigt das „Außen“ in Bezug auf die Fragestellung an. Fragt man nach einer bestimmten Person, ist sie es, die auf dieser Position beschrieben wird. Fragt man nach Situationen oder Institutionen, beschreibt diese Karte die Stimmung im Außen.
Interessant ist die Differenz zwischen den Karten sechs und sieben: während die sechste Karte des Systems anzeigt, wie der Fragende selbst die Situation einschätzt, zeigt die siebte Karte, wie sie – nach Ansicht von Tarot – wirklich ist. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen den beiden Karten lässt sich viel herauslesen.
Maria lässt ihren Blick kritisch über die Karten wandern. Dann fällt ihr ein, dass noch etwas fehlt: Die Quintessenz! Das ist die Quersumme des Gesamtwerts aller in der Legung befindlichen Karten. Die sind – bis auf die Personenkarten (Bube, Ritter, Königin und König) – durchnummeriert. Maria zählt zusammen – im Raider-Waite sind alle Kartenwerte, auch die auf den kleinen Arkana, in römischen Ziffern abgebildet – und nennt die Zahl. Sie ist höher als zweiundzwanzig, deshalb muss sie noch einmal die Quersumme bilden. Sie rechnet und kommt auf die Quintessenz „VIIII“ – „Der Eremit“. Die Kernbotschaft dieser Karte der großen Arkana (es gibt zweiundzwanzig davon im Deck, deshalb darf die Quersumme nicht höher sein) gibt jetzt die Interpretation der Kartenlegung vor. Die Quersumme als Leitprinzip für die Deutung einer Legung zu nutzen ist kein „muss“ – viele machen es nicht – aber ich finde, sie hat sich bewährt.
Die Kernbotschaft der Legung ist also: Rückzug; den Fokus auf die eigenen inneren Prozesse richten und erst einmal abwarten.
Dann ist Maria aufgefordert, die Legung zu interpretieren. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Karten in Bezug auf deren aktuelle Position verstehen muss. Damit die Legung aussagekräftig wird, ist es notwendig, aus dem Zusammenspiel der einzelnen Karten eine schlüssige Geschichte zu generieren. Erst dann werden die Karten wirklich „gelesen“. Alles andere ist funktioneller Analphabetismus. Um an diesen Punkt zu kommen, braucht es jahrelange Übung – und sehr viel Geduld.
So weit ist Maria deshalb noch lange nicht. Wir gehen der Reihe nach die Karten durch. Sie kennt inzwischen immerhin schon ihre einzelnen Bedeutungen. Bei den kleinen Arkana – den jeweils zehn Karten der vier Farben, die unseren Spielkarten entsprechen – ist das relativ einfach, die Bildsprache von Pamela Smith ist pointiert. Liegt da eine Personenkarte (Bube, Ritter, Königin, König) wird es schon schwieriger. Und die großen Arkana (die zweiundzwanzig „Trümpfe“) sind so vielschichtig, dass eine sinnvolle Interpretation in Bezug auf die Fragestellung des Öfteren eine Kunst ist.
Immerhin, sie bringt schon eine – etwas holprige – „Geschichte“ zustande. Das ist eine ziemliche Leistung nach gerade mal ein paar Monaten Kartenlegen. Maria ist nicht die erste, der ich versuche, das Kartenlegen beizubringen. Meine Erfolgsbilanz ist mager: bisher hat es nur ein einziges Mal geklappt. Es ist aber auch kompliziert. Man braucht nicht nur Geduld und Interesse, es ist ein spezieller Blick notwendig, die Bildsprache muss intuitiv verstanden werden. Und es ist Offenheit und Kreativität gefragt: auch wenn die Bedeutung der Karten prinzipiell festgelegt ist, sind sie immer vielschichtig. Je nach Person und Fragestellung kann die Karte in der einen Legung das eine, in einer anderen Legung aber etwas anderes bedeuten. Deshalb bevorzuge ich das Crowley-Tarot gegenüber Raider-Waite. Anfang ist das Raider-Waite leichter zu deuten, aber ab einem bestimmten Punkt wird die pointierte Bildsprache zum Hemmschuh, weil sie die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten einengt.
Dazu muss immer noch das „Abwesende“ mit eingerechnet werden. Es braucht sehr viel Erfahrung bis man lernt, darauf zu achten, was eigentlich in Bezug auf die Fragestellung dort liegen müsste – aber fehlt. Erst daraus lässt sich eine Legung wirklich auf die aktuelle Situation einer bestimmten Person hin stimmig interpretieren. Ein einfaches Beispiel: wenn jemand genaueres zu einer Liebesbeziehung wissen möchte und in der ganzen Legung findet sich keine einzige Karte mit Kelchen – die für Emotionen stehen – dann sagt das etwas über die Qualität der Beziehung, unabhängig von den anderen Karten, die da liegen.
Maria und ich arbeiten uns Karte für Karte durch ihrer Legung. Gemeinsam entwickeln wir eine „Geschichte“, die ihr etwas sagt. Hinterher ist sie erleichtert: sie kann das Problem, mit dem sie sich gerade herumschlägt, besser einordnen und verstehen und hat eine klare – und für sie umsetzbare – Handlungsanweisung erhalten, die ihr das Gefühl gibt, die Situation beherrschen zu können.
Darauf noch eine Runde Dosenradler…
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