Tarot ist – neben buddhistischer Meditation – die zweite Obsession in meinem Leben…

Ich lege Karten. Ständig und immer. Morgens nach dem Aufstehen. Abends vor dem Schlafengehen. Sobald mich innerlich eine Problem umtreibt, trete ich automatisch in einen Dialog mit Tarot. Es ist meine persönliche Form des Reflektierens.
Ich lege in etwa so ausführlich und intensiv Karten, wie ich meditiere. Es ist meine zweite Obsession.
Die mich – im Gegensatz zur Meditation – Zeit meines Erwachsenenlebens begleitet. Ich war achtzehn, als ich das erste Mal im Leben die Karten gelegt bekam. Von der Freundin einer Schulkameradin. Eine zufällige Begegnung, die tiefe Spuren hinterließ. Am nächsten Tag besorgte ich mir mein erstes eigenes Kartenset.
Was mich von Anfang an faszinierte, war weniger der prognostische Aspekt des Tarot, sondern die verblüffende Erfahrung, auf einmal ein klug reflektierendes Gegenüber zu haben. Das Buch, das meinem ersten Karten-Set beilag, trägt nicht umsonst den Titel: „Tarot. Spiegel der Seele.“ Geschrieben wurde es von Gerd B. Ziegler.
Es ist ein außergewöhnlich kluges Buch, ich hatte großes Glück damit. Es rekuriert auf C. G. Jung, Taoismus und Buddhismus, aber das habe ich erst im Lauf der Jahre wirklich verstanden. Später kaufte ich mir noch andere Bücher zu Tarot, aber keines hat je die gleiche Bedeutung für mich und mein Leben erlangt, wie dieses.
Mein Einstieg ins Kartenlegen war steinig. Es gab niemanden, der mir etwas zeigen oder erklären hätte können. Meine allererste Kartenlegerin habe ich nach diesem einen gemeinsam verbrachten Abend nie wieder gesehen. Ich hatte nur Gerd B. Ziegler und 78 bunte Spielkarten.
Ich brauchte Jahre, bis ich im Ansatz in der Lage war, eine komplette Legung schlüssig zu deuten. Aber darum ging es nicht.
Viel wichtiger war, dass ich durch den regelmäßigen Dialog mit den Karten lernte, was ich fühlte. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es Kultur und Bildung, aber wenig emotionale Intelligenz gibt. Innere Prozesse – wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden – gelten als nicht entschlüsselbar. Meine ganze Sippe lebt seit Generationen nach diesem Motto. Aus irgendeinem Grund war ich anders als der Rest. Ständig versuchte ich mich zu dechiffrieren, hatte aber keine Ahnung, wie es anzustellen war.
Und auf einmal hatte ich etwas in die Hände bekommen, dass mir im Außen eine „Übersetzung“ dessen lieferte, was in meinem Inneren vorging! Erst war ich schockiert. Später wurde es zu meiner persönlichen „Kopernikanische Wende“.
Ich wurde erwachsen im inneren Dialog mit den bunten Bildern des Tarot. Bei jeder Problemstellung, vor jeder Lebensentscheidung, legte ich mir die Karten und las – wieder und wieder – die klugen Anmerkungen des ominösen Gerd B. Ziegler.
Nach einiger Zeit konnte ich jeden der Texte zu den einzelnen Karten auswendig.
Über Jahre vollzog sich unmerklich eine Art „alchimistischer Prozess“ in mir: Meine Gefühlsregungen begannen mit den Bildern und Botschaften der Karten zu verschmelzen. Es war ein unbewusster Vorgang, der mir erst im Nachhinein zugänglich wurde. Dabei half eine spezielle Eigenschaft von Tarot: bestimmte Lebensthemen sind an bestimmte Karten gebunden. Egal wie oft zu einem spezifischen Thema gelegt wird: wieder und wieder ist man mit den selben Karten konfrontiert.
Die Karten wirkten deshalb wie eine Art „spirituelle Konditionierung“. Irgendwann löste allein der Anblick einer bestimmten Karte spezifische Emotionen in mir aus – und bestimmte Gefühlslagen riefen automatisch konkrete Kartenbilder ins Gedächtnis.
Immer begleitet von den klugen Ausführungen Gerd B. Zieglers, der mir ins Ohr flüsterte, was zu tun war, damit die Situation angemessen gemeistert werden konnte.
Der „Tod“, die „XIII“, muss betrauert werden, damit das Alte gehen und Platz für etwas Neues machen kann. Der „Wagen“, die „VII“, fordert zur Innenschau und Konzentration auf: etwas Neues wird ins Leben treten, auf das es sich vorzubereiten gilt. Der „Eremit“, die „VIIII“ lädt zu Rückzug ein, damit ein autonomer Standpunkt gefunden werden kann, während der „Mond“, die „XVIII“, vor dem Abgleiten in Illusionen auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt warnt. Oft unterscheidet sich die Bedeutung der Karten nur in Nuancen, was das Verständnis und die Interpretation schwierig macht. Ist diese Nuancierung erst einmal verstanden, differenziert sich das Erleben aus und erschließt ein weites Spektrum von Handlungsoptionen.
Meine Tarot-Karten haben mein Leben reicher gemacht, mein Gefühlsleben intensiver, meine Reflektionsfähigkeit nuancierter.
Und sie sind ein echter Gewinn für mein Umfeld – auch wenn sie nicht immer richtig liegen, muss ich dazu sagen. Sie haben prognostische Qualität, aber man sollte diesen Aspekt nicht überbewerten. Viel wichtiger ist, dass sie helfen, in einer neuen und frischen Weise über alte Probleme nachzudenken. Sie bieten eine andere Sichtweise an, die überraschend und befreiend sein kann.
Wenn ich um Rat gefragt werde, gebe ich den für gewöhnlich nur auf der Basis einer Kartenlegung. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das, was ich aus dem Kopf dazu zu sagen habe, banal bis falsch ist. Während die Karten oft in verblüffender Weise den Nagel auf den Kopf treffen.
Und selbst wenn sie es nicht tun – was auch vorkommt – kann die Auseinandersetzung mit der Legung neue Perspektiven auf das Problem eröffnen. Denn jede Karte hat ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten. Und bei einer kompletten Legung sind es fünf bis zwölf Karten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Ein weites Feld der Spekulation, des Spielens mit verschiedenen Möglichkeiten.
Ich lege deshalb nicht nur mir, sondern auch vielen anderen die Karten. Es ist meine Form des „In-den-Dialog-tretens“ mit meinem Umfeld, wie es das mit mir selbst ist. Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Über Tarot, über die anderen, über mich selbst. Und über das Leben.
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