Wlodzimierz führt mich in die Sperrzone und weiht mich in die Geheimnisse des Urwaldes von Bialowieza ein…

„Wlodzimierz“ steht auf dem Notizzettel, den mir der schrullige Guide vom Infopoint des Nationalparks gestern in die Hand gedrückt hat. Dazu eine Mobilfunknummer.

Das Büro der Nationalparksleitung hat mir die Erlaubnis erteilt, den hinteren Teil der Sperrzone zu betreten. Obwohl der – laut Homepage – nur Wissenschaftlern zugänglich ist.

Dass ich den Antrag, den der Guide am Montag im Infopoint für mich ausgefüllt hat, nicht unterschreiben musste, stimmte mich genauso misstrauisch wie die Tatsache, dass Führungen in die Sperrzone bar bezahlt werden müssen. Keine Kartenzahlung möglich – im Gegensatz zur Eintrittskarte.

Dass das nach Korruption riecht, ist mir auch ohne „Transparency International“ klar. Aber ich bin nicht Siemens oder die Deutsche Bank und meine innere Compliance-Abteilung ist gerade im Urlaub.

Redlichkeit hin oder her – ich bin es komplett leid, ständig um die Schutzzone herumzulaufen: ich will da rein!

Nachdem ich also Gottergeben 700 Zloty auf die Theke geblättert hatte – die 56 Zloty für den Eintritt zahlte ich mit Karte – wurde ich in die Details eingeweiht. Der ominöse „Wlodzimierz“ erwarte mich am nächsten Morgen um fünf Uhr früh am Obelisken vor der russisch-orthodoxen Kirche.

In der Nacht sehe ich mich im Traum in der Dunkelheit durch den Urwald irren. Ich bin nicht alleine – andere sind in meiner Nähe, wir sind gemeinsam auf der Flucht. Ich spüre meinen Herzschlag, die Angst schnürt mir die Kehle zu. Als ich aufwache, weiß ich weder zu sagen, wer im Traum mit mir floh, noch, wer uns verfolgte.

Als mich um vier Uhr morgens der Wecker aus dem Schlaf reißt, fühle ich mich wirr und benommen.

Draußen ist es bereits hell. Vogelgesang begleitet mich, als ich meinen Rucksack ins Auto trage. Nachdem sich der Regen verzogen hat, werde ich die letzten zwei Nächte meines Aufenthalts in Bialowieza im Zelt verbringen.

Ich sage „ade“ zu dem kleinen Holzhaus, lasse den Haustürschlüssel auf dem Küchentisch zurück und rolle in der frühen Morgensonne durch den schlafenden Ort bis zur großen roten russisch-orthodoxen Kirche.

Als ich vor dem Obelisken parke, springt auch schon ein hagerer kleiner Mann unbestimmbaren Alters aus dem Wagen vor mir. „Katharina?“, fragt er, als ich aussteige. Er stellt sich mit „Wlodzimierz“ vor und erklärt mir in fließendem Deutsch, ich solle hinter ihm herfahren, er würde mich zum Eingang der Sperrzone bringen.

Das Dorf liegt hinter uns. Ich stelle meinen kleinen Dacia hinter Wlodzimierz´ SUV am Wegesrand ab. Aus der Ferne klingt gleichmäßiges Rattern zu uns herüber: Die Generatoren der Armee-Kaserne, erklärt mir mein Führer erkennbar verstimmt.

Wir wandern nebeneinander einen Feldweg entlang, der durch die Heidelandschaft zum Waldrand führt. In den Büschen singen Vögel, eine Lerche steigt jubilierend vom Boden auf. Trotz der Sonnenstrahlen ist es so früh am Morgen kühl. Fröstelnd ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch.

Etwa fünfzig Meter von uns entfernt bewegt sich etwas im hohen Gras. Durch das Fernglas, das mir Wlodzimierz mitgebracht hat, sehe ich ein Rudel Hirschkühe in Richtung Wald laufen.

Ich erzähle ihm von dem Wisentschädel, den ich am Ufer der Narewka gefunden hatte. Wlodzimierz weiß Bescheid: Das Kalb ist wirklich von Wölfen gerissen worden. Der Kadaver läge direkt am Grenzzaun, erzählt er mir.

Ob es viele Wölfe hier gäbe?

Drei Rudel im polnischen Teil des Nationalparks, dazu noch ein paar Einzelgänger.

Wlodzimierz bleibt stehen und zeigt auf Kot, der vor uns auf dem Weg liegt: der wäre von einem Wolf. Für mich sieht es nach Hundekot aus.

Nein, kommt es zurück. Man erkenne Wolfskot an den Tierhaaren im Stuhl. Dieser Wolf hätte ein Reh oder einen Hirsch gefressen! Und wirklich: bei näherer Betrachtung besteht der Kot fast vollständig aus grau-braunen kurzen Haaren.

Lang wäre es noch nicht her, dass der Wolf hier vorbei gekommen ist, vielleicht zwei oder drei Stunden.

Dann sind wir auch schon am Waldrand angekommen. Der Zugang zur Schutzzone wird von einem riesigen hölzernen Portal mit Torflügeln versperrt. Es stamme noch aus der Zarenzeit, erklärt mir mein Führer, während er mich einlässt.

Mir ist, als hätte ich keinen Wald betreten, sondern eine Kathedrale. Hinter dem vielstimmigen Vogelgesang herrscht vollkommene Stille. Nur einzelne Streifen Sonnenlicht finden ihren Weg durch das dichte grüne Laub hoch über unseren Köpfen. Die Gerüche des Waldes sind hier noch vielschichtiger und intensiver, als ich das in den letzten Tagen erlebt habe.

Wir sind die ersten heute, stellt Wlodzimierz zufrieden fest, als er mich auf einem schmalen Trampelpfad in die Tiefe der Schutzzone führt. „Könnte es sein, dass wir ein Wisent sehen?“, frage ich ihn. „Oder einen Wolf?“

Höchst unwahrscheinlich, erklärt er mir zu meiner Enttäuschung. Die Wölfe wären sehr scheu. Er wedelt mit den Händen nach links und rechts: die säßen sicher gerade hier irgendwo im Gebüsch und würden uns beobachten, aber man müsse Glück haben, dass man mal einen zu Gesicht bekomme. Und die Wisente hätten im Mai geworfen. Bis Mitte August würden sie sich mit den Jungtieren im Unterholz vor den Wölfen verstecken und erst wieder herauskommen, wenn die Kälber schnell genug laufen könnten.

Dagegen wäre so früh am Morgen die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir Flüchtlingen begegnen würden. Erst vorgestern hätte er um vier Uhr morgens einen Mann aus Kuba getroffen. Wlodzimierz ist das Erstaunen darüber immer noch anzuhören. „Einer aus Kuba!“, wiederholt er. Und letzte Woche wären es drei Pakistaner gewesen. Afghanen, sogar Afrikaner – aus aller Herren Länder kämen hier Menschen vorbei.

Auf meine Nachfragen hin erklärt er mir, dass sich der Zaun über 500 Kilometer die Grenze entlangziehe. Nur an einer einzigen Stelle gäbe es eine Lücke: in der Sumpflandschaft im Herzen des Nationalparks wäre der Boden so morastig, dass kein Fundament betoniert werden konnte. Es handele sich um den unwirtlichsten und unpassierbarsten Teil des Urwaldes. Seit undenklichen Zeiten würde der nur von den Elchen durchwandert werden. Nicht einmal die Wölfe trieben sich dort herum.

Und auf einmal wagten sich Afrikaner, Lateinamerikaner und Asiaten dort hindurch!

Ich frage Wlodzimierz nicht, was er von den Flüchtlingen hält und was genau passiert, wenn er sie „trifft“. Er macht den Eindruck eines liebenswerten altersklugen Menschen: vermutlich grüßt er freundlich, wer immer ihm auch über den Weg läuft, und weißt den Weg ins Dorf. Ansonsten, vermute ich, möchte er mit Politik nicht viel zu tun haben.

Und auch nicht mit der Armee, so wie es klingt. Das Dorf, erzählt er mir, war, während der Grenzzaun gebaut wurde, komplett gesperrt. Ein ganzes Jahr lang durfte niemand nach Bialowieza, die Dorfbewohner waren völlig isoliert. Und als der Grenzzaun endlich fertig war und alle auf ein normales Leben hofften, begann die Pandemie und der Tourismus kam zwei weitere Jahre zum Erliegen.

„Wovon haben die Leute gelebt?“, frage ich ihn. Der Staat hätte Ausgleichszahlungen geleistet, aber es wäre trotzdem sehr schwierig gewesen. Und jetzt auch noch das ganze Militär!

Während mich Wlodzimierz tiefer und tiefer in den uralten Wald führt, denke ich an all die Flüchtlinge, die sich nachts von Belarus aus auf den Weg durch das Sumpfland gemacht haben – und nie an das hölzernen Tor des Zaren gelang sind.