Die Sache mit dem „Ego“ ist kompliziert – und individuell. Meine Erfahrung: es ist ein nie endender Prozess…

„Das Ego muss sterben!“ begleitete den Anfang meiner Meditationspraxis im Jahr 2012. In welchem Zusammenhang ich den Satz zum ersten Mal hörte, ist mir nicht mehr erinnerbar.
Was ich sicher weiß ist, dass er tiefen Eindruck in mir hinterließ. Wohl, weil ich mich – um jeden konzentrierten Atemzug auf dem Meditationskissen kämpfend – genauso fühlte: Gefangen in einem zermürbenden inneren Kampf gegen mich selbst.
Ein Kampf auf Leben und Tod!
Im Februar 2015 siegte das Ego: als Lohn meines verbissenen Ringens auf dem Kissen erlitt ich einen Nervenzusammenbruch.
Danach gab ich auf – und begann eine Therapie.
Karma schenkte mir einen Gestalttherapeuten, der zudem Zen-Meister war.
Cornelius von Collande, Lehrer der „Leeren Wolke“ meiner Zen-Tradition, gegründet vom Roshi und Benediktiner-Mönch Willigis Jäger. Und gleichzeitig Zen-Meister in der Tradition der „Zen-Peace-Maker“ des amerikanischen Roshi Bernhard Glassman.
Von Cornelius lernte ich, dass „das Ego“ keine bösartige Entität ist, die es zu vernichten gilt. Der Kampf gegen die eigenen ungeliebten Anteile gibt ihnen unangemessene Macht über das eigene Leben.
„Das Ego ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.“, erklärte mir Cornelius. „Durch Zazen lernst du, ihm den rechten Platz zuzuweisen.“
Meine Meditationspraxis wurde unter der Führung Conelius´ klarer und friedlicher. Er lehrte mich, unangenehme Emotionen und Bilder bewusst zu halten, nicht-wertend zu betrachten und loszulassen.
Dass ich unter seiner Führung spürbar weniger neurotisch auf äußere und innere Reize reagierte, anderen Menschen gegenüber gelassener wurde und dem Leben offener und neugieriger begegnen konnte, war ein großes Geschenk.
Unsere Wege trennten sich, nachdem ich – im Zuge meiner neuen Offenheit – auf ein obskures amerikanisches Buch über Chakra-Arbeit stieß. Als Kundalini-Yoga-Praktizierende war ich von den Chakren fasziniert.
Dass man – wie in dem Buch vorgestellt – die Energie der Chakren in Form von Tieren visualisieren konnte, fand ich spannend.
Neugierig probierte ich die beschriebene Technik aus und siehe da: es funktionierte fantastisch! (Irgendwann verlieh ich das Buch und bekam es nicht wieder zurück, deshalb kann ich keine Angaben zu Titel und Autor machen.)
Während der ersten Übungseinheiten war es eine lustvolle Spielerei, die ich auf meinem Meditationskissen vollzog.
Aber innerhalb weniger Tage begannen die „Chakra-Tiere“ ein seltsames Eigenleben zu entwickeln.
Fasziniert beobachtete ich, während ich im Zazen auf meinem Kissen saß, die kraftvollen Bilder der Tiere, die – völlig autonom wie es mir schien – miteinander agierten und meinen inneren Kosmos aus magischen Landschaften, Flüssen und Tälern erkundeten.
Meine Chakra-Tiere wurden mit Schattenwesen konfrontiert, kämpften, litten, verschmolzen, transformierten…
Überwältigt von den Bildern und Emotionen, die diese neuen seltsamen Erfahrungen in mir auslösten, begann ich die Erlebnisse meiner Chakra-Tiere als Bildergeschichte zu malen und niederzuschreiben.
Dass mir das Halten der inneren Bilder – und der damit einhergehenden oft extremen Emotionen – möglich war, verdankte ich meiner intensiven Zazen-Praxis und der therapeutischen Betreuung durch Cornelius von Collande.
Allerdings war diese Übung das Gegenteil von Zen: Zen ist vollkommend nüchtern und nur am „Hier und Jetzt“ interessiert.
„Du bist viel zu blumig für Zen!“, erklärte mir Cornelius. „Leute wie du, die machen Vipassana oder Vajrayana, aber nicht Zen! Auf diesem Weg kann ich dich nicht weiter begleiten.“
Damit war meine Therapie beendet.
Vorerst, wie sich herausstellte.
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