Meine Geister-Gäste erfreuen sich täglich an der magischen Nahrung, die ich ihnen durch den Rauch meines Riwo Sang Chöd zukommen lasse…

Im Elstermühlgraben – dem kleinen Flüsschen, das mitten durch das Waldstraßenviertel plätschert – wohnt ein Naga. Obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, bin ich mir dessen sicher.

Der schmale Wasserlauf – eingezwängt zwischen Art-Deco-Villen und gesichtslosen Neubaublöcken – ist der Durchgang zu einer anderen Welt. Und es ist der Naga – ein Wassergeist – der mit seiner magischen Energie dafür sorgt, dass in seinem Reich die Tür zu dieser alternativen Wirklichkeit geöffnet ist.

Für die, die sehen können…

Ich weiß nicht, wie vielen Bewohner des Viertels die Fähigkeit gegeben ist, dieses zarte Flimmern über der Wasseroberfläche wahrzunehmen. Die Zeichen zu deuten, die ihnen von dieser urwüchsigen Kraft geschenkt werden.

Vermutlich nimmt der eine oder andere Bewohner das magische Geschehen aus den Augenwinkeln wahr, wenn er am Kanal entlang in die Altstadt läuft. Die meisten, vermute ich, werden die Signale dieser anderen Welt beiseite wischen.

Tagträume, Hirngespinste…

Im Gegensatz zu ihnen weiß ich, dass der Naga existiert. Ein lokaler Wassergeist, mit Magie und Weisheit gesegnet. Er ist einer von vielen, die hier im Viertel leben.

In der alten Ulme am Rosengarten, in der die Graureiher-Kolonie nistet, lebt ebenfalls ein Naturgeist. Es könnte sich um einen Sadag handeln, den örtlichen Geister-Besitzer des Landstreifens, auf dem das Viertel erbaut wurde.

Und in der verwunschenen Altbauwohnung, in der ich seit nun fast zwei Jahren in einem Untermietzimmer hause, lebt ein Theurang. Der Kerl verströmt eine atemberaubend negative Energie! Ich halte jedesmal automatisch die Luft an, wenn ich mein Zimmer verlasse.

Mir kann der Theurang nichts anhaben, ich bin durch meine spirituelle Praxis geschützt. Mein Zimmer kann er nicht betreten.

Aber meine Mitbewohner leiden unter seinem wilden Treiben: Er sorgt dafür, dass nichts von Wert in ihrem Haushalt Bestand hat. Sobald ein bisschen Geld verdient ist, muss es auch schon wieder ausgegeben werden, weil unerwartet etwas kaputt gegangen ist. Sachen verschwinden und sind nicht mehr auffindbar. Und ständig gibt es Streit.

Einen Theurang im Haus zu haben, ist eine wirklich ungute Sache.

Für alle diese Geister praktiziere ich täglich mein Riwo Sang Chöd.

Wenn der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aus meinem kleinen Räuchergefäß aufsteigt und über die Dächer davonzieht, weiß ich, dass sich der Naga im Elstermühlgraben daran erfreut. Genauso wie der Sadag in der alten Ulme und all die anderen Naturgeister, die in den Bäumen, den Weihern und den verschatteten Hinterhöfen des Viertels leben.

Und im Flur meiner verwunschen Wohnung drückt der Theurang seine Nase an den Türspalt und saugt gierig auch noch das letzte Fitzelchen der Opfergabe in sich hinein.

Mein kleines Riwo Sang Chöd ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die magischen Wesen aus der anderen Welt, die mitten unter uns sind, bräuchten unser aller Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Wer möchte, kann den heimatlichen Naturgeister ein Räucherstäbchen opfern und ihnen dabei ein paar liebevolle Gedanken schicken.

Auch das ist bereits ein Sang…