Ein paar grundsätzliche – und nicht immer ganz ernst gemeinte – Gedanken zur Praxis des Meditierens im Zen des Spirituellen Zentrums…

Im Zen ist das Meditieren im Zazen – der Präsenz in offenem Gewahrsein – essenziell. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
Aber kein Mensch am Spirituellen Zentrum sagt „Zazen“. Alle sprechen nur vom „Sitzen“.
„Ich sitze immer morgens“, heißt es. Oder „Ich sitze schon seit zwanzig Jahren.“ Für Außenstehende klingt das sicher schräg.
Wer es im Zen zu etwas bringen möchte, heißt es im Spirituellen Zentrum, der müsse täglich vierzig Minuten lang „Sitzen“ und dazu noch zwei Sesshins im Jahr „Durchsitzen“.
Das schwarze Meditationskissen heißt im übrigen „Zafu“. Die meisten Zen-Praktizierenden haben eine sehr persönliche und enge Beziehung zu ihrem häuslichen Zafu.
Wobei viele Zen-Praktizierende nicht auf dem Zafu Platz nehmen, wenn sie meditieren. Nicht jeder verfügt über die – für das Sitzen auf dem Zafu erforderliche – Beweglichkeit der Hüft- und Kniegelenke. Alternativ gibt es hölzernen Meditationsbänckchen, auf denen man kniend Platz nimmt.
Für die, denen auch das Meditationsbänckchen noch zu unbequem ist, gibt es Meditationshocker ohne Rückenlehne.
Es gibt auch Achtzigjährige, die auf dem Zafu sitzen. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Früher oder später, weiß der Zen-Jünger, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Meditationshocker landen. Das ist der Lauf der Zeit. Die einen erwischt es eher, die anderen später…
Während der Retreats stellt man schnell fest, dass sich die Praktizierenden nicht nur in ihren Sitzgelegenheiten, sondern auch in ihren „Sitzgewohnheiten“ unterscheiden. Das lässt sich unschwer erkennen, wenn man während des Kinhins – der Gehmeditation – im Kreis durch das Zendo läuft und dabei den Blick über die Sitzunterlagen schweifen lässt.
Es gibt ein paar Grundtypen von Sitzern, die ich hiermit vorstelle:
Typus eins ist „Der Purist“. In seiner Reinform ist er immer männlich. Das einzige, was der Purist auf seinem Platz duldet, ist ein – möglichst kleines – schwarzes Kissen. Das war es.
Kissen, muss ich dazu sagen, gibt es am Hof in drei Größen: klein und rund, flach und breit, und dazu noch die hohe runde Variante.
Puristen wollen den Zen von Zen. Sie suchen nicht nur Erleuchtung, sondern auf dem Weg dorthin auch körperliche Herausforderung und sportlichen Wettkampf. Je kleiner das Kissen, desto besser der Sitzer, so die Logik der Puristen. Das kleine Kissen wird hier zum Statussymbol. Die Botschaft: „Ich bin so ein harter Kerl, dass ich ein komplettes Sesshin auf DIESEM kleinen Kissen durchsitze!“
Es gibt auch die weibliche Variante der Puristen. Die ist ebenfalls fokussiert auf ein einziges und möglichst kleines Kissen. Nur habe ich noch keinen Sitzplatz einer Frau gesehen, auf dem sich – neben dem allerkleinsten schwarzen Kissen – nicht auch noch eine Decke befunden hätte. Frauen frieren eben schneller als Männer.
Typus zwei ist dafür ausschließlich weiblich: Das sind die „Hygge-Sitzerinnen“. Ihre Sitzplätze sehen einladend kuschelig aus. Dafür scheuen sie weder Kosten noch Mühen. Sie bringen ihr eigenes geschmackvolles Sitzkissen oder -Bänkchen von Zuhause mit, dazu farblich passende Decken. Meist eine als Unterlage unter das Sitzkissen und eine zweite zum Zudecken, wenn es beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren zu kalt werden sollte.
Zusätzlich haben sie meist auch noch – ebenfalls farblich perfekt abgestimmt – kleine Kissen auf dem Platz liegen, wenn zwischendurch mal die Knie schmerzen sollten. Und oben drauf noch ein schönes – ebenfalls farblich stimmiges – Plaid – dass sie beim Kinhin über die Schultern werfen. In jedem Sesshin sind ein oder zwei Frauen dabei, die das Zen-Hygge zur Perfektion gebracht haben.
Typus drei ist „Der bequeme Sitzer“. Die gibt es in der weiblichen wie männlichen Variante. Die Haltung ist: wenn man sich schon etwas so anstrengendes wie ein Sesshin zumutet, dann soll es so schmerzfrei und komfortabel als möglich ablaufen.
„Bequeme“ mauern sich auf ihrem Platz mit Sitzgelegenheiten, Decken und Kisschen in allen Größen und Variationen regelrecht ein. Mit dem Ziel, für jeden Modus und für jedes Zipperlein sofort die passende Lösung zur Hand zu haben.
Das ist der Typus, der sich in dauerndem Kampf mit dem Assistenten befindet, der versucht, das Horten von Sitzgelegenheiten am Platz einzudämmen.
Dann gibt es noch „Chaos-Sitzer“: die nehmen alle möglichen und unmöglichen Gegenstände mit in das Zendo und lagern sie auf ihrem Platz. Was ebenfalls den Assistenten auf dem Plan ruft. Chaos stört die Konzentration, erklärt er dann.
„Chaos-Sitzer“ sind im Zen aber eine seltene Erscheinung. Der durchschnittliche Zen-Praktizierende ist ordentlich und gut organisiert.
Die Mehrheit der Zen-Praktizierenden changiert irgendwo zwischen den Extremen. So wie ich. Ich bin, nach Jahren Meditationspraxis, irgendwo zwischen „Purist“ und „Bequem“ angelangt.
Regelmäßig vor dem Beginn eines Sesshins mahnt der Assisstent, man solle es mit dem Ehrgeiz im Sitzen nicht übertreiben. Jeder – erklärt er – solle eine Stufe unter seiner anspruchsvollsten Sitzkomposition wählen. Auf das sich niemand verletze und sich selbst Schäden zufüge.
Ein weiser Ratschlag. Ich lernte ihn erst zu befolgen, nachdem ich mir im Versuch, eines meiner ersten Sesshins im vollen Lotus-Sitz „durchzusitzen“, beinahe meine Hüftgelenke ruiniert hätte.
Auch ich war zu Beginn meiner Zen-Karriere „Puristin“. Ich musste viele Stunden und Tage auf meinem kleinen schwarzen Kissen leiden – und mir noch dazu eine ganze Sammlung verbale Ohrfeigen meines Zen-Lehrers im Dokusan abholen – bis ich bereit war, meine aggressiven Ansprüche an meinen Körper aufzugeben. Der Wechsel vom kleinsten zum größten schwarzen Kissen während meines fünften Sesshins war ein Meilenstein in meiner spirituellen Entwicklung. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/
Seitdem sitze ich nicht nur entspannter: ich bin auch in Bezug auf Essen, Sport treiben, Schlaf und alle anderen Bedürfnisse meines Körpers, nachsichtiger mit mir geworden.
Das ist das Prinzip des „Sitzens“: Zazen lehrt nicht einfach nur Achtsamkeitsmeditation. Die Praxis schreibt sich über die Jahre schleichend in das Gehirn und den Körper ein. Ohne dass dieser Prozess bewusst zugänglich wäre, verkörpert man irgendwann Zazen.
Die Praxis wird zur Haltung. Und macht das Leben zwar nicht einfach oder unkompliziert – eher im Gegenteil – aber dafür reich und spannend.
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