Maria lädt mich zu einer Reise nach Danzig ein. Ich beschließe, einen Blog zu starten, und über unsere Erlebnisse zu schreiben…

Ich bin erleichtert: das erste Mal seit einem Monat kann ich mich wieder an meine Träume erinnern. Nach einem Albtraum während des Vajra Armor Retreats im Januar kam der großen Blackout.

Danach sind die Träume einfach verschwunden. Weg!

Weil für mich Träume genauso valide sind wie Wachgeschehen, taste ich mich wie blind durch die Tage und ängstige mich. Mein Herz brennt, der Herzschlag fühlt sich höchst ungesund an: ich quäle mich mit dem Gedanken, ich könne einen Herzinfarkt bekommen.

Im Dezember die Rohatsu – das härteste Retreat meiner Zen-Linie – und gleich danach, im Januar, die drei Vajra-Armor-Retreats bei meiner Khandro noch oben drauf.

Ich zeigte mir im Spiegel selbst einen Vogel, während ich meine Augenringe inspiziere.

Nicht nur meine Träume sind mir abhanden gekommen, auch meine Romanfiguren sind verschwunden, ich kann nicht arbeiten.

Um Zugang zu ihnen zu haben, muss ich entspannt sein.

Dazu gibt weder mein Inneres noch mein äußeres Leben Anlass: ich schlage mich mit den Altlasten meiner früheren Existenz herum und als ob das nicht schon genug wäre, kollidiere ich mit meinen verwunschenen Mitbewohnern.

Der Schock ist beiderseit. Diese Vehemenz hätten sie mir nicht zugetraut – und ich mir auch nicht.

Leider habe ich keine Ahnung, wie ich die neue Energie, die mich aus der Tiefe meines Körpers überschwemmt, kanalisieren und dosieren soll. Ich vibriere vor mich hin und bin ernsthaft besorgt um mein körperliches und seelisches Wohlergehen.

Lange halte ich das nicht mehr durch.

Ein Abendessen mit Maria bringt die Rettung. Ob ich Lust hätte, mit ihr nach Polen zu fahren? Sie würde eine Freundin besuchen, die schon vor dem Krieg aus Saporischschja nach Gdansk gezogen ist und wäre glücklich, wenn ich sie begleiten würde.

Die Ferienwohnung ist gebucht, sie zeigt mir Photos. „For sure,“ antworte ich. „I never have been to Poland.“ Maria schiebt ihr Handy wieder in die Handtasche und nickt zufrieden. „But you have to accept that we will get drunk. It´s our habit when we are celebrating.“

„And you have to accept that I will not get drunk. It´s my habit when I am celebrating.“

Wir hatten das schon öfter, accepting cultural differences nennt sich das wohl.

Nachdem die Details geklärt sind, diskutieren wir die Konsequenzen. Wir sind uns beide einig, dass diese Reise speziell ist. Keine Ahnung warum – wir brechen zu einem Kurztrip nach Polen auf – aber irgendwas wird passieren. Etwas wirklich wichtiges!

Wir spüren es beide.

Beide haben wir keine Ahnung, was es sein könnte.

Am nächsten Tag beschließe ich, über die Polen-Reise zu bloggen. Was immer auch passieren wird, ich werde darüber schreiben. Für mich, für Maria – und für alle anderen, die in unserem Leben von Bedeutung sind.

Ich lade WordPress herunter, buche noch ein bisschen Service dazu und starte mein Experiment. Bis wir aufbrechen, werde ich die Vorgeschichte erzählen, beschließe ich. Wie es dazu kam, dass Maria und ich befreundet sind und gemeinsam nach Danzig fahren.

Ich habe genau elf Tage.

Am Abend des elften Tages lade ich den letzten Text hoch. Der Blog ist im Hier und Jetzt angekommen. Als ob mein Unbewusstes auf diesen Augenblick gewartet hätte, kehren in der Nacht auch die Träume zurück.

Draußen prasselt der Regen gegen die Scheiben. Ich ziehe mir die Regenjacke über, bevor ich den Treckingrucksack schultere. Thomasz wird uns vor Marias Haustür aufsammeln und nach Danzig bringen. Für schlappe vierzig Euro pro Person. Ich hatte den Service von Blablacar unterschätzt…