
Im Auwald hinter dem Zoo ein Weiher in der Größe eines Reihenhäuschens. Dem Schwanenpaar fehlen nur die Gartenzwerge zum Spießerglück. Das Weibchen hält, die Eier bebrütend, den zukünftigen Vater im Blick, der in Rufweite durch das brackige Wasser paddelt.
Während ich, den Wolf an meiner Seite, am Ufer vorbei jogge, ertappe ich mich dabei, wie ich die Vögel, die uns keines Blickes würdigen, vermenschliche. Es fällt mir nicht schwer meine Motivation zu entschlüsseln. Ich bin neidisch auf zwei unschuldige Höckerschwäne! Schäm dich – ermahne ich mich – nur weil du kein gemütliches Zuhause hast, musst du es Glücklicheren nicht madig machen.
Am Morgen nach dem Sitzen wie immer das Tesho der Zen-Lehrerin: „Die wahre Natur alles Seienden ist die Dualität. Nur wer das erkennt, findet Frieden.“ Damit ist es gerade nicht weit her bei mir. Dass meine souveräne Pallas Athene ihre schwache Medusa in sich trägt, kann ich nicht akzeptieren. Obwohl es albern ist, Medusa/Krodhi Kali als „schwach“ zu bezeichnen. Sie sind die Herrinnen über Leben und Tod. Es eine Stärke, die sich jeder Kontrolle entzieht. Sie ist wild, ungezähmt, unzivilisiert, bricht alle Regeln.
Ein ehemaliger Klassenkamerad fällt mir ein. Sein Vater wollte hoch hinaus. Er gründete ein eigenes Unternehmen, obwohl er ein unbedeutender „Niemand“ war, ein „Flüchtling“, wie die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten abschätzig genannt wurden. Sein Aufbegehren war ein Affront für die Dorfgemeinschaft. Umso größer die Schadenfreude, als das Projekt scheiterte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woran.
Ich weiß nur noch, dass die Familie ihr Zuhause verlor. Auf Geheiß des Bürgermeisters kamen sie in den leerstehenden hinteren Räumen der Aussegnungshalle auf dem Friedhof unter.
Das Quietschen des eiserne Tores. Der graue Kies knirscht unter den Sohlen. Dunkle Tannen werfen ihre langen Schatten auf die frisch geharkten Wege. Selbst das Zwitschern der Vögel klingt gedämpft. Die Schwelle aus grauem Stein. Man tritt darüber, die Augen gesenkt, den Rosenkranz murmelnd, meine Großmutter führte mich in die Regeln ein. Gemessenen Schrittes zum Sarg. Auf der Höhe des wächsernen Antlitzes des Verstorbenen wird betend verweilt. Jedes „Gegrüßet seiest Du Maria“ hilft der Seele des Toten, ins himmlische Reich zu gelangen.
Mit zusammengepressten Lippen stehen Geschwister, Kinder, Enkel – wer immer gerade Totenwache halten muss – neben dem Sarg und nehmen die Beileidsbezeugungen der trauerenden Gemeinschaft entgegen. Über Verstorbene darf nicht mehr schlecht gesprochen werden, lerne ich, das schadet ihrer wie der eigenen Seele. Mit den Lebenden verhält es sich anders.
Kaum ist das Friedhofstor in die Angeln gefallen, wird gegen die Aussätzigen hinter der Aussegnungshalle gehetzt.
Wer gegen die Regeln verstößt, Schwäche zeigt, scheitert, wird ins Reich von Krodhi Kali verwiesen. Vorbei ist es mit dem beschaulichen Spießerdasein, es bleiben Kälte, Ablehnung und das Hausen mit den wächsernen Toten, die gestorben sind in der Hoffnung, dass sie Auferstehen.
Ich bin aufgewachsen mit diesem bösen Blick auf alle die schwach und hilflos sind, die gefehlt haben. Dabei hat der Pfarrer im Sonntagsgottesdienst des Öfteren die Geschichte vom Zöllner Zachäus erzählt.
Als Jesus in Jerusalem einzog, versammelten sich viele Menschen. Einer davon war der Zöllner Zachäus, der, weil klein von Gestalt, auf einen Baum kletterte. Als Jesus vorbeikam, sprach er Zachäus mit Namen an und sagte ihm, er solle schnell herunterkommen, denn heute wolle er bei ihm zu Gast sein. Das brachte die Umstehenden auf, Zachäus war ein Sünder, der mit den verhassten Römern gemeinsame Sache gemacht und auf Kosten seiner jüdischen Mitbrüder reich geworden war. Er hatte selbstsüchtig gegen die Regeln der Gemeinschaft verstossen und Jesus wollte trotzdem bei ihm übernachten! Es war eine meiner Lieblingsgeschichten als Kind.
Mit denen, die sich und Anderen keine Fehler verzeihen können, die nur auf Kontrolle und Perfektion aus sind, habe ich lange genug verkehrt. Es ist macht keinen Spaß. Ich bin Pallas Athene und Medusa zugleich. Und das ist gut so.
Der Friede sei mit Dir.
Same for you…