
Die Sonne schickt ein paar warme Strahlen durch das Fenster des ICE, bevor sie wieder von dunklen Wolken verschluckt wird. Im Vorgarten am Bahnhof des Zwischenhalts blüht eine Zierkirsche in zartem Rosa.
Der Wolf liegt im Großraumabteil unter dem schmalen Tisch und döst vor sich hin. Wie gut, dass nur ich ihn sehe, denke ich, während der Schaffner meine Fahrkarte kontrolliert. Sein Schattenwesen spart nicht nur Beförderungsentgeld, Leine und Maulkorb. Wenn Andere ihn wahrnehmen könnten, gäbe es sicher Ärger. Jenseits des Ganges öffnen zwei junge Männer ihre Bierflaschen und packen ein Kartenspiel aus. Auch sie achten darauf, nur so viel Wildheit zu zeigen, wie es gerade noch akzeptabel ist.
Wir sind alle lediglich an der Oberfläche domestiziert. In der Tiefe brodeln unsere Instinkte. Während ich meiner eigenen ungezähmten Stimme lausche, die mich während der Nacht wach hielt und meine Gedanken und Emotionen Achterbahn fahren lässt, fällt mir ein Satz meines Zen-Lehrers ein: viele wären in den ersten Jahren der Praxis vor allem damit beschäftigt, Selbstkontrolle zu entwickeln. Nicht mehr auf jeden Impuls anzuspringen, nicht mehr jedem Begehren nachzujagen, nicht mehr alles reflexhaft wegzustoßen, was nicht ins Konzept passt. Sich nicht mehr von jedem Gedanken vom DA-sein ablenken zu lassen. Nicht mehr jede Emotion auszuleben.
Diese Form der Selbstkontrolle geht mit dem Geschenk der Freiheit einher. Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich mich auf das tägliche Sitzen einließ. Umso beglückender war die Erfahrung, auf einmal Herrscherin über das eigene innere wie äußere Reich geworden zu sein. Zen ist der Weg der Samurai, der Krieger. Anfangs ängstigte mich diese neue distanziert-kühle Haltung, die ich eigenen wie fremden emotionalen Dramen und Irrationalitäten entgegen brachte. Aber bald wurde mir bewusst, dass mir unverhofft eine scharfe – bisweilen tödliche – Waffe in die Hand gegeben worden war. Ich lernte die Macht, die mit der souveränden Kontrolle von Wildheit einher ging, zu schätzen und zu gebrauchen.
Und jetzt das: die unbezähmbare schwarze Herrin der Friedhöfe, die in meinen Eingeweiden wühlt und gräbt, hat mir meine Selbstkontrolle geraubt. Ich fühle mich wie ein Schiff, dessen Ankerkette dem tosenden Sturm nicht standgehalten hat. Es bleibt mir nichts, als meine innere Aufruhr auszuhalten. Es wird seinen tieferen Sinn haben, obwohl sich gerade alles einfach nur falsch anfühlt.
Während der ICE durch die Tunnel des Thüringer Waldes jagt, träume ich davon, mich mit meinem Wolf in einer Höhle zu verkriechen. Irgendwo im Bauch eines Berges im Schutz der Dunkelheit von ihm gewärmt zu werden und einfach nur zu schlafen, während Krodhi Kali in den Tiefen meines Unbewussten für Aufruhr sorgt. Und erst wieder ans Tageslicht zu kommen, wenn sie ihr Werk vollendet hat.
Der Wolf streckt sich unter dem Tisch und legt seine Schnauze auf meinen rechten Schuh. Er sieht es genauso, will er mir wohl sagen. Leider hat das Leben andere Pläne mit uns. Noch zehn Minuten bis Leipzig Hauptbahnhof.
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