Dass die Spirituelle WG einen hohen nepalesischen Lama beherbergigen darf, ist eine Ehre – aber auch eine kulturelle Herausforderung…

Am Donnerstag, dem 12. September ist es so weit: Rinpoche wird am Abend zu uns kommen und mit einem Welcoming Dinner begrüßt werden. https://www.water-runs-east.eu/wendung/
Tagsüber bin ich mit den Vorbereitungen für seinen Besuch beschäftigt. Glücklicherweise hilft mir Maktiel dabei, unseren Meditationsraum für das Teaching am Freitag herzurichten.
Bereits am frühen Morgen habe ich eine große Portion indisches Curry für unseren hohen Gast gekocht. Damit mein Basmatireis Rinpoches Ansprüchen genügt, hat mir Maktiel ihren Reiskocher ausgeliehen. Denn das einzige, von dem ich bisher erlebt habe, dass es Rinpoche um seinen eigentlich unerschütterlichen Gleichmut bringt, war – verkochter Reis.
Zumindest den will ich ihm bei seinem Besuch ersparen. Er wird – so denke ich, während ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Friedrichshagen bin, um Rinpoche einzusammeln – genug unter uns zu leiden haben.
Niemand in der Spirituellen WG weiß, wie man sich einem hohen nepalischem Lama gegenüber benimmt!
Esther ist Christin.
Dass ich als Buddhistin so unbeleckt bin, verdankt sich zum einen der Tatsache, dass mein Wurzel-Lama – der Lehrer, bei dem ich Zuflucht genommen habe – eine amerikanische Khandro ist. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/
Mein Zen-Lehrer ist Pole. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/
Bei Retreats und Teachings, die nicht von meinen westlichen Lehrern, sondern von nepalesischen Lamas gehalten werden, gehöre ich zum Fußvolk. Deshalb war ich bisher nie in der Situation, mich Auge um Auge um einen nepalesischen Lama kümmern zu müssen. Was ich aus der Ferne mitbekommen habe: Die Sache ist kompliziert. Man hüpft von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen und kann im Grunde nur alles falsch machen.
Der einzige nepalesische Lama, mit dem ich persönlich bekannt bin, ist der kleine runde herzliche Mann, den ich gerade abhole. Letztes Jahr habe ich drei wunderbare Wochen während eines privaten Retreats in Uriels Retreathaus am Ende der Welt mit ihm verbracht. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/
Völlig entspannt.
Wir haben gemeinsame Mahlzeiten eingenommen, uns ausführlich unterhalten und abends zu zweit Uriels kleinen weißen Hund ausgeführt. Sollte er von meinen Umgangsformen irritiert gewesen sein, hat er es sich nie anmerken lassen.
Ich kann nur darauf hoffen, dass es auch diesmal so sein wird.
Nach etwas hin und her finde ich die Adresse. Auf mein Klingeln hin öffnen mir zwei kleine Jungs, die unverkennbar tibetisch aussehen. Ein winziger Spitz hüpft kläffend um ihre Beine. Ich werde in den ersten Stock geführt. Dort sitzt Rinpoche in einem quietschgelben Hemd zum traditionellen roten Rock an einem großen Tisch.
Ich freue mich sehr ihn wiederzusehen.
Gleichzeitig bin ich verwirrt: Wie soll ich ihn begrüßen? Das „Hi Norbu, how are you?“, das mir auf der Zunge liegt, ist komplett unangebracht. Ich stammle „Good evening Rinpoche“, verneige mich verkrampft und komme mir dämlich vor.
Er freut sich erkennbar, wirkt aber auch etwas hilflos.
Die tibetische Gastgeberin bietet mir einen Stuhl an. Während ich mit ihr Small Talk mache, wird mir bewusst, dass ich Rinpoche eigentlich mit einem Katak – einem weißen Schal – begrüßen hätte müssen!
Man verbeugt sich und streckt den Schal entgegen. Der Lama legt ihn um den Hals, drückt seine Stirn gegen die eigene und murmelt einen Segen. So gehört sich das.
Tja…
Kurz nach Rinpoches Abreise lerne ich, dass man einen Katak nie „leer“ übergeben darf. Es muss immer ein Umschlag mit Geld darin stecken, wenn man ihn dem Lama hinhält. Aber es muss mehr als ein Schein übergeben werden! Die Zahl eins bringt Unglück…
Wie auch immer. Wir müssen los! Zuhause in der Spirituellen WG wartet sicher schon die halbe Sangha mit knurrenden Mägen auf Rinpoche, damit das Welcoming Dinner starten kann.
Es dauert ein bisschen, bis bei der Gastgeberin und Rinpoche ankommt, dass wir nicht irgendwann, sondern sofort aufbrechen müssen. Hier herrscht erkennbar ein anderes Zeitgefühl.
Schließlich ist das Taxi organisiert. Nachdem Rinpoche, der einen großen zusammengerollten Tanka – einen bemalten Wandbehang – im Arm hält, sowie sein riesiger Koffer verstaut sind, können wir endlich aufbrechen.
„Wo seid ihr?“, schreibt mir Suriyel. „Wir warten hier alle auf euch!“
Ich bin so platt, dass ich nur noch „Taxi“tippen kann.
„Taxi ist gut“, kommt es zurück.
Der Fahrer kommt aus dem Libanon. Als er hört, dass er einen nepalesischen Lama transportiert, erkundigt er sich sofort, wie das bei ihm mit dem Visum läuft.
Der nepalesische Rinpoche und der libanesische Taxifahrer sind sich einig, dass die Sache mit dem Visum in Deutschland eine Katastrophe ist.
Draußen zieht Straßenzug um Straßenzug Berlin bei Nacht vorbei.
Das Leben ist schön, denke ich mir, währen ich in die Dunkelheit starre und zuhöre. Trotz kultureller Konfusion, ständigen Missverständnissen, Chaos und dauerndem Ärger.
Ich möchte kein anderes haben, als das in dem ich jetzt gerade bin. Mit einem nepalesischen Rinpoche auf dem Rücksitz und einem libanesischen Taxifahrer neben mir, der mir von seinem herzkranken Vater in Beirut erzählt.
Endlich sind wir an der Spirituellen WG angekommen. Fast zwei Stunden zu spät. Aber was heißt das schon, wenn ein echter Rinpoche zu Besuch kommt!
In der Küche ist es warm und gemütlich. Erleichtert sehe ich, dass Esther den Tisch mit dem goldenen Rosenthal-Geschirr eingedeckt hat. Wie es sich für einen Rinpoche gehört.
Während Suriyel den schweren Koffer unseres Gastes in den dritten Stock schleppt – er übernachtet in meinem Zimmer – wird Rinpoche begeistert begrüßt.
Sicher nicht nach tibetisch-buddhistischen Regeln, dafür aber mit großer Herzlichkeit.
Rinpoche strahlt. Es scheint ihm genug zu sein.
Und das, obwohl er er ein „Tulku“ ist! Ein von den geistigen Führern seiner Traditionslinie anerkannter wiedergeborener hoher Lama.
Denn das bedeutet „Rinpoche“…
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