Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Retreat

Bevor er uns verlässt, macht mir Rinpoche ein Versprechen – und erteilt mir einen Auftrag…

Zum Abschluss seines Besuchs in der Spirituellen WG hat sich Rinpoche eine Stadtführung durch Berlin gewünscht. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Während Rinpoche in meinem Zimmer seinen Koffer packt, beseitigt die Sangha alle Spuren des improvisierten Teachings. Es dauert nicht länger als eine Stunde, bis alles wieder an seinem Platz ist. https://www.water-runs-east.eu/teaching/

Die Mitglieder meiner Sangha wuseln durch die Räume, jagen Treppen hoch und Treppen hinunter, schleppen Gegenstände, putzen, spülen und räumen. Jeder Griff sitzt. Kein überflüssiges Wort wird verloren.

Ich habe – denke ich dankbar – eine unglaublich tüchtige Sangha.

Und eine liebenswerte noch dazu…

Rinpoche, so mein Eindruck, sieht es nicht anders. Als er – zusammen mit sechs Mitgliedern der Sangha – unter der Führung von Esther zur Sightseeing-Tour durch Berlin aufbricht, wirkt er rundum glücklich.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung schließe ich die Haustür hinter der vergnügten Truppe. Jetzt, wo alles überstanden ist, merke ich erst, wie erschöpft ich bin.

Die Tage mit Rinpoche waren schön – und anstrengend.

Ich habe drei Stunden Zeit, um mich etwas zu erholen. Die Stadtführung soll um vierzehn Uhr zu Ende sein. Danach wird Rinpoche noch einen Abschiedslunch in dem veganen chinesischen Restaurant einnehmen, in dessen Keller wir vor ein paar Monaten ein Rauchopfer abgehalten haben. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Suriyel hat dort einen Tisch für Rinpoche und die Sangha reserviert. Nach dem Essen will Suriyel unbedingt Rinpoche das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain zeigen. Vom chinesischen Restaurant bis zum Zentrum sind es nur fünf Minuten zu Fuß.

Spätestens um 16 Uhr müssen wir zum Flughafen aufbrechen. Rinpoche wird am Abend nach Florenz fliegen. Dort erwartet in eine italienische Sangha für ein Retreat.

Rinpoche ist ein viel beschäftigter Mann. Und begehrt. Sein Besuch in Berlin ist eine große Ehre.

Während ich mein Zimmer wieder in Besitz nehme – während der letzten drei Tage war dort Rinpoche untergebracht, ich durfte bei Maktiel übernachten – denke ich darüber nach, wie es mit uns und Rinpoche weitergehen wird.

Alle aus der Sangha wünschen sich, dass Rinpoche nächstes Jahr wieder zu Besuch kommt!

Ich habe deshalb beschlossen, ihn heute einzuladen, ein weiteres Mal zu uns zu kommen.

Nur: Was soll er unterrichten?

Während ich den Altar in meinem Zimmer wieder aufbaue, grüble ich vor mich hin. Gedankenversunken platziere ich meine Grüne Tara auf dem Podest. Dann greife ich zu Throma Nagma. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Rinpoche hat vorletzten März entschieden, dass Thröma – die Sadhana der zornvollen schwarzen Göttin des Todes und der Friedhöfe – meine Hauptpraxis ist.

Ich habe ein siebentägiges Thröma-Retreat bei ihm absolviert, aber die Sadhana seitdem nicht mehr praktiziert. Mir fehlt es an Übung, um sie alleine zuhause zu machen. Ich brauche ein weiteres intensives Retreat, um sie sicher zu beherrschen.

Wenn es nach mir ginge, würde ich mir deshalb wünschen, dass Rinpoche uns in Thröma unterweist.

Aber ist das auch das Beste für die Sangha?

Thröma ist eine zornvolle Praxis. Wer Thröma praktiziert, gewinnt an Kraft und Klarheit. Aber Thröma ist nicht ungefährlich. Wer die Praxis aus den falschen Motiven praktiziert, wem es an den rechten Voraussetzungen dafür mangelt, kann erhebliche Schäden davon tragen.

Als ich um kurz nach dreizehn Uhr zur S-Bahn eile, habe ich für mich beschlossen, die Entscheidung Rinpoche zu überlassen.

Am Ende des gemeinsamen Essens im Chinesischen Restaurant findet sich eine Gelegenheit, unter vier Augen mit Rinpoche zu sprechen.

Der sieht in etwa so müde aus, wie ich mich fühle. Er hört mir trotzdem konzentriert zu, als ich ihn frage, ob er uns denn nächstes Jahr wieder besuchen kommen möchte?

Er nickt zustimmend. „Next June I will come again.“ Ich muss mich beherrschen, ihm nicht um den Hals zu fallen.

„What would you like to teach us?“, frage ich ihn.

„Something you are lacking,“ kommt es zurück.

Jetzt wage ich es doch, zu fragen: „Could you teach us Thröma? I would like to build up a regular Thröma group!“

„Does a Thröma group exist in Berlin?“, fragt mich Rinpoche.

„No. Not as far as I know.“

„Then this is a really good idea!“

Ich spüre ein nervöses Ziehen im Magen! Er wird doch tatsächlich Thröma unterrichten! Es besteht die realistische Hoffnung, dass ich in naher Zukunft regelmäßig in einer festen Gruppe praktizieren kann!

„How long do you plan to teach us?“, erkundige ich mich. Ich rechne mit drei oder vier Tagen. Mehr Zeit, denke ich mir, hat er sicher nicht für uns.

„A week.“

Eine komplette Woche mit Rinpoche!

„You will have to organize the retreat. Three or four people.“, führt Rinpoche weiter aus.

„No way, Rinpoche. I will try to find at least ten people! You should earn a bit of money with your teaching!“ Dass er bereit ist, faktisch umsonst eine Woche zu opfern, berührt mich sehr.

Ich habe in diesem Moment keine Ahnung, an welchem Ort ich nächsten Juni ein Retreat organisieren soll. Die Spirituelle WG eignet sich nicht dafür. Und woher ich zehn Leute nehmen werde, die qualifiziert und bereit sind, sich den Verpflichtungen zu unterwerfen, die mit der Einweihung für Throma Nagmo einher gehen, weiß ich auch nicht.

Ich weiß nur, dass ich das hinbekommen werde. Irgendwie.

Am späten Nachmittag stehe ich Rinpoche während des Check-in am Flughafen zur Seite. Als die Ryan Air Angestelle vernimmt, dass es sich bei dem kleinen entspannten Mann vor ihr um einen echten buddhistischen Lama handelt, winkt sie großzügig auch noch Rinpoches zweite Tasche als Handgepäck durch.

Rinpoches riesigen Koffer auf das Förderband zu hieven, ist der letzte Kraftakt, den ich für ihn erbringe.

Während Suriyel auf der Suche nach einem bezahlbaren Parkplatz auf dem Gelände herumirrt, verabschiede ich mich vor dem Gate von Rinpoche.

Als ich eine Viertelstunde später neben dem vor Wut schäumenden Suriyel auf den Beifahrersitz sinke – Kein Parkplatz, aber 4,50€, damit er das Parkhaus wieder verlassen dufte! – vibriere ich vor mich hin.

Throma Nagmo ist in mein Leben zurückgekehrt…

1 Kommentar

  1. Delphine

    Was für ein schönes Foto von Euch!

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