Wir machen uns auf die Suche nach „aromatischen Hölzern“ für das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer…

Anfang Juni stapeln sich in meinem WG-Zimmer Marmeladengläser mit getrockneten Heilpflanzen und eine Dose mit Kiefernharz. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Denn das alles brauchen wir für unseren „Home made Sang-Powder“. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

So wie es in dem Jahrhunderte alten Text für das Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – geschrieben steht. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Was noch fehlt, sind „aromatic woods“.

Woher die nehmen, wenn man mitten in Berlin wohnt?

Ein echtes Problem!

Zumal wir das „aromatische Holz“ in Form von Sägespäne benötigen. Denn genau die sind die Basis des teuren nepalesische Instant-Rauchpulvers, das wir bisher immer verbrannt haben.

Diese Qualität wollen wir weiterhin haben! Nur eben selbst fabriziert.

Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Bruder!

Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat der es im Leben zu etwas gebracht: Er betreibt eine eigene Zimmerei in den Outskirts von Berlin. Dort fabriziert er mit seiner Mannschaft fantastische ökologische Holzhäuser.

Wenn uns irgendjemand weiterhelfen kann, dann er.

So ist es dann auch: Als ich ihm erkläre, dass ich für ein mehrere hundert Jahre altes tibetisches Rauchopfer-Rezept Sägespäne aus „aromatischen Hölzern“ benötige, zeigt er sich in keinster Weise irritiert.

Kein Problem. Ich soll einfach vorbeikommen.

Was leichter gesagt als getan ist. Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad in das Industriegebiet am Stadtrand Berlins zu fahren, ist versuchter Selbstmord. Und mit dem Bus dauert es fast zwei Stunden!

Glücklicherweise erbarmt sich Suriyel. An einem Samstag Anfang Juni treffen wir uns in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Mitte. Zu meinem Entzücken nehmen wir nicht sein Auto, sondern seinen „Dienstwagen“. Das ist ein riesiger oranger Laster mit einer beeindruckenden Hebebühne. Mit dem wollte ich schon immer mal mitfahren!

Jetzt ist es endlich so weit: Hoch über dem Verkehr throne ich auf dem Beifahrersitz und bekomme auf dem Weg zur Werkstatt meines Bruders von Suriyel auch noch gleich eine kleine Stadtführung: Wir fahren quer durch Berlin-Mitte am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei. Dann geht es durch das Diplomaten-Viertel. Eine Botschaft reiht sich neben der anderen. Bunte Landesfahnen flattern in der Morgensonne. Im Vorbeifahren zieht die halbe Welt an mir vorbei. Es gibt große protzige Botschaftsgebäude, kleine bescheidene, viel dazwischen. Manche sind fade, andere architektonisch ambitioniert. Ein riesiger Rundbau, geschmückt mit filigranen orientalischen Ornamenten, entlockt mir einen Entzückensruf.

„Schau!“, sage ich zu Suriyel. „Das sieht toll aus!“

Nur um gleich darauf festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude um die Botschaft Saudi-Arabiens handelt.

Darf ich das dann noch schön finden?

Während ich darüber grüble, zieht draußen erst der Tiergarten, dann Schöneberg vorbei. Wir fahren weiter durch Steglitz und Lichterfelde, bis wir ganz im Süden Berlins angekommen sind.

Als wir auf das historische Werksgelände abbiegen, in dem sich die Zimmerei befindet, fährt mein Bruder vor uns. Im edlen Oberklasse-Audi.

Er verzieht keine Miene, als Suriyel seinen orangen Laster neben seinem Auto abstellt und ich vom Beifahrer-Sitz turne.

Er ist Berliner – und kennt seine Schwester…

Nachdem ich ihm Suriyel vorgestellt habe, führt er uns nicht in seine Zimmerei. Das hatten wir erwartet. Wir hatten beide gedacht, mein Bruder würde uns dort in irgendeiner Ecke einen Berg Sägespäne präsentieren, den wir einpacken und mitnehmen dürfen.

Ich habe sogar einen großen Eimer dafür mitgebracht.

Als ich meinem Bruder das erkläre, schüttert er erheitert den Kopf. Die Zeiten vom Meister Eder und seinem Pumuckl wären vorbei! Heutzutage wird die Späne sofort abgesaugt! Alles andere verstößt gegen arbeitsrechtliche Vorgaben!

Deshalb wird mein Bruder unsere Rauchopfer-Sägespäne extra für uns produzieren.

Das macht er nicht in der Werkstatt, sondern in seinem Büro. Das ist groß und edel. Im vorderen Teil befindet sich eine „Mini-Schreinerei“: Eine Hobelbank, ein Werkzeug-Regal. That’s it.

Stolz präsentiert uns mein Bruder einen dicken Holzblock. „Rauch-Eiche! Habe ich exra für euch besorgt!“

Ich bin gerührt. Suriyel ist entzückt.

Dass jemand unsere tibetisch-buddhistische Praxis ernst nimmt, passiert uns eher selten. Die meisten fassen sich an den Kopf und denken, wir spinnen…

Mein Bruder dagegen hat nicht nur extra eine edle geräucherte Eiche für uns organisiert. Jetzt stülpt er sich auch noch einen Gehörschutz über den Kopf und greift zur Hobelmaschine.

Bevor er die anwirft, schickt er uns in den Nebenraum. Mit der Auflage, die Tür hinter uns zu schließen, damit unsere Ohren durch den Lärm der Maschine keinen Schaden nehmen.

Er ist ganz offensichtlich ein fürsorglicher Vorgesetzter. Das freut seine große Schwester.

Suriyel und ich flüchten in den Nebenraum und lassen meinen Bruder – die aufheulende Hobelmaschine in der Hand – zurück.

Wir finden uns in einem großen Raum wieder. Unter den Fenstern sind mehrere Schreibtische platziert.

In der Mitte steht ein brauner Flügel.

Mein Bruder ist nicht nur ein tüchtiger Handwerker und kluger Geschäftsmann, sondern auch noch ein begeisterter Musiker. Er spielt mehrere Instrumente.

Aber am meisten liebt er das Klavier. Darauf zu spielen ist seine Methode des Stressabbaus.

Das war schon so, als er ein Kind war. Wenn er von der Schule kam, warf er seinen Schulranzen in die Ecke und setzte sich als erstes ans Klavier. Zur Entspannung.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Familie, sondern seine Angestellten unterhält.

Während mein Bruder im Nebenraum hobelt, setzt sich Suriyel an den Flügel und fängt an zu spielen. Das macht er gut.

Ich lehne mich an eine Schreibtischkante und lausche den sanften Klängen des großen Flügels, die vom vom gedämpften Jaulen der Hobelmaschine untermalt werden.

Der banale Samstagvormittag hat mit einem Mal magische Qualität.

Kein Wunder, denke ich: Der Segen des Riwo Sang Chöd – des traditionellen tibetischen Rauchopfers – begleitet uns.

Zehn Minuten später ist mein Bruder fertig: Zufrieden kippt er einen großen Berg Rauch-Eichen-Späne aus dem Auffangbeutel der Hobelmaschine in einen blauen Müllsack.

Dann begleitet er uns auf den Parkplatz, verabschiedet sich, springt in seinen edlen Audi und rauscht davon: Die Familie wartet!

Suriyel packt die blaue Tüte mit unseren wertvollen Eichen-Spänen in den Bauch seines orangen LKW, bevor er mich wieder nach Berlin-Mitte kutschiert.

Wir sind beide zufrieden: Das Projekt „Home-made-Sang-Powder“ schreitet voran…