Ich erkunde Bialowieza, bekomme vegetarische Piroggen serviert und rätsel über den Sinn meiner Reise…

Ich laufe die Dorfstraße von Bialowieza entlang. Ab und zu fährt ein Auto an mir vorbei. Es sind fast keine Fußgänger unterwegs.

Traditionelle kleine Holzhäuser, von Gärten umgeben, ducken sich unter hohe Bäume. Obwohl der Ort von überschaubarer Größe ist, sind es vom Campingplatz bis zum Zentrum fast zwei Kilometer. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch taucht linkerhand ein großes rotes Backsteingebäude auf: ein Vier-Sterne-Hotel. Der Parkplatz ist halb leer, ein kleines Grüppchen Touristen in Wanderkleidung steht vor dem Portal.

Ein paar Meter weiter entdecke ich auf der anderen Straßenseite ein großes hölzernes Tor: der Eingang zum Info-Zentrum des Nationalparks.

Ein Militärlaster in Tarnfarben donnert an mir vorbei, blinkt – und fährt zu meinem Erstaunen durch das Tor und auf das Gelände. Als ich auf Höhe des Infozentrums angelangt bin, schlendert ein Trupp Soldaten in Uniform über die Straße.

Was ist denn hier los? Kaum Touristen, dafür Militär?

Zwei Kilometer von hier, erinnere ich mich, endet die „Ostflanke“ der NATO. Jenseits der polnischen Grenze liegt Belarus, Vasallenstaat Russlands, von dem fast täglich Drohnen und Raketen auf die Ukraine abgefeuert werden. Der Krieg ist auf einmal ganz nah.

Ich wandere einen langgezogenen, blau gestrichenen, Pavillon entlang. „Frog-Café“ steht über dem Eingang. Das seltsame Gebäude wirkt verwunschen, es ist keine Menschenseele zu sehen.

Nach dem Pavillon eine wild wuchernde Hecke. An ihrem Ende eine schmale Stichstraße. Ich schaue neugierig, was sich dort befindet – und entdecke einen Soldaten, der, den Helm auf dem Kopf, ein Maschinengewehr über der Schulter, Wache steht. Hinter ihm sind in zwei langen Reihen Militärlaster geparkt. Dazwischen laufen geschäftig Dutzende Uniformierter herum. Mitten im Touristenort befindet sich eine Kaserne!

Schnell gehe ich weiter. Mich treibt die vage Furcht, wenn ich zu lange stehe und starre, könne mich jemand für eine Spionin halten. Schräger Gedanke.

Nach ein paar weiteren Metern wilder Hecke auf einmal eine Brücke. Darunter ein schmaler Fluß. Die Narewka, teilt mit das Handy mit. Das Wasser glänzt in der Abendsonne, im Schilf pfeifen Vögel, aus der Ferne grüßt ein hölzerner Aussichtsturm.

Auf der anderen Seite der Narewka ein weiterer riesiger roter Backsteinbau. Er sieht aus wie ein amerikanischer Gothic-Traum. Nathaniel Howthorn lässt grüßen. Das Ding war wohl mal ein Herrenhaus. Der Architekt muss beim Entwerfen auf Drogen gewesen sein, mehr Neo-Gotik geht nicht. Der Bau wird von einem halben Dutzend Schornsteinen gekrönt. Auf einem davon wohnt eine Storchenfamilie. Wer auch immer sich diesen Horror-Traum einst hat bauen lassen – heute ist dort das Nationalpark-Museum zuhause, verkündet eine Tafel.

Gleich neben dem Museum befindet sich – ebenfalls in rotem Backstein – eine russisch-orthodoxe Kirche von imposanter Größe. Auf dem Gehweg davor haben sich zwei Zeugen Jehovas postiert. Das junge Paar – er im blauen Anzug, sie im passenden Kostüm – steht mit ernsten Gesichtern neben dem üblichen fahrbaren Aufsteller, auf dem bunte Zeitschriften drapiert sind. Die beiden wirken, als hätte die Produktionsleitung eines Filmsets versehentlich falsche Statisten für einen Horrorfilm gebucht.

In Sichtweite der tapferen Zeugen Jehovas befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein schönes altes Holzhaus mit einladender Terrasse. Ich kontrolliere die Speisekarte, die davor auf einem Tischchen platziert ist. Netterweise wird jedes Gericht auf Polnisch wie Englisch angeboten. Ich entdecke zu meiner Erleichterung eine komplette Seite mit vegetarischen Gerichten und eile hinein.

Drinnen empfängt mich ein enthusiastischer Kellner. Er ist sicher noch keine zwanzig, trägt das lange Haar im Zopf, spricht ein kreatives Englisch und wedelt, als ich frage, wo ich mich setzen darf, großzügig mit beiden Händen. Bis auf einen Tisch, an dem eine Familie gerade das Abendessen einnimmt, ist der Gastraum leer.

Ich lasse mich in einer Ecke nieder und bestelle vegetarische Piroggen. Wärend ich auf das Essen warte, bewundere ich den offenen Dachstuhl des alten Holzhauses.

Als ich einen Blick auf das Handy werfe, stelle ich fest, dass es schon neun Uhr Abends ist. Das kann ja wohl nicht sein! Ich frage den Kellner nach der Uhrzeit. Richtig, es ist erst acht. Ich wäre wohl im Mobilfunknetz von Belarus gelandet, meint er dazu. Die hätten Moskauer Zeit. Das passiere hier ständig, ich müsse meinen Mobilfunkanbieter händisch festlegen, sonst könne das richtig teuer werden. Ich erledige es, während die Piroggen vor mir dampfen.

Die Portion ist üppig und lecker. Vor mich hinkauend denke ich über den Tag nach. Es war einiges geboten: morgens der „Teufel“ in den Tageskarten, am Vormittag meine idiotische Suche nach dem Bus, danach der peinliche Zusammenbruch im Mietwagenverleih. Auf der Fahrt die ärgerliche Geschwindigkeitsüberschreitung, die mich 400 Zloty gekostet hat. Dazu die Frage des Polizisten nach „dem Namen des Vaters“.

Und hier, in Bialowieza, auf dem Campingplatz der Deutsch sprechende Besitzer, der mir von „Göring“ erzählt. Ich frage mich, während ich zwischendurch einen Schluck Wasser nehme, wie viele Deutsche heute noch wissen, dass es sich dabei um den durchgeknallten NS-Luftfahrtsminister handelt, der die „Endlösung der Judenfrage“ in Auftrag gab, 1946 in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde und sich vor der Hinrichtung in der Gefängniszelle erhängte?

Dazu das ganze Militär, das im pittoresken Touristenort in etwa so unpassend wirkt, wie die beiden Zeugen Jehovas vor der russisch-orthodoxen Kirche.

Dann noch die wiederholte Erinnerung daran, dass ich mich buchstäblich an eine Grenze begeben habe. In mehrfacher Hinsicht: hier endet nicht nur Polen, sondern auch das westliche Verteidigungsbündnis und die EU. Und damit die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. So wenig perfekt sie in Europa – und Polen – gelebt werden, im Vergleich zu Belarus und Russland ist das hier das Paradies.

Es kommt mir vor, als hätte ich mich – ohne es bewusst geplant zu haben – in ein großes Rätsel katapultiert. Als würde ich vor einer riesigen Sammlung winziger Puzzlestücke sitzen, ohne den Hauch einer Idee zu haben, welches Motiv ich zusammensetzen soll.

Ich hatte Suriel nach einem schönen Ort in Polen für eine Treckingtour gefragt. Nach Wochen am Schreibtisch war ich ausgehungert nach Natur und Bewegung. Er schlug den Bialowieza-Nationalpark vor und ich war sofort Feuer und Flamme, als ich las, dass es sich dabei um den letzten Urwald Europas handelt.

Als sich während der Planung der Reise herausstellt, dass ich in Polen ohne Kreditkarte keinen Mietwagen bekomme, breche ich Zuhause am Schreibtisch regelrecht zusammen.

In dem Moment wird mir das erste Mal bewusst, dass es nicht nur um ein paar Tage Wandern in der Natur geht. Meine Verzweiflung, während ich die Kreditkarte bestelle, ist grenzenlos. Wer weiß, was bis September, wenn ich – dann mit Kreditkarte – endlich dorthin aufbrechen kann, alles passiert ist? Ich könnte bis dahin von einem LKW überrollt, Polen von Russland überfallen worden, die Welt untergegangen sein! Und ich würde in diesem Leben nicht mehr nach Bialowieza kommen! Und dabei MUSS ich da hin!

Als überraschend schon nach wenigen Tagen die Mail mit der Bewilligung der Kreditkarte eingeht, buche ich wie im Fieber Zugtickets, Ferienappartement und Mietwagen.

In der darauffolgenden Nacht träume ich vom „großen Waidmann“ Walter Frevert. Und werde am nächsten Morgen damit konfrontiert, dass das Vorbild für meinen Romanpsychopathen während der deutschen Besetzung Polens in Bialowieza Kriegsverbrechen begangen hat.

Alles ist völlig konfus. Aber gleichzeitig in der Tiefe klar und stimmig. Nur kann ich niemandem – mir selbst inbegriffen – erklären, warum es sich so absolut richtig anfühlt, dass ich genau jetzt in Bialowieza bin.

Ich zahle und laufe in der Abendämmerung zurück zum Zeltplatz. Es ist inzwischen neun Uhr Abends. Die Storchenkinder im großen Nest neben dem Supermarkt schlafen schon.