Ich bin im Traum mit „Dem Teufel“ konfrontiert, bekomme eine Tarot-Deutung von einem Piraten-Lama – und verstehe nichts…

Ich sehe mich um. Kein Zweifel: ich befinde mich in der Küche des Retreathauses am Ende der Welt. Die vertrauten blau gestrichenen Wände, an denen die beiden weißen Eckbänke entlanglaufen, davor die beiden langen Holztische – alles ist wie immer.

Aber irgendwie sieht trotzdem alles anders aus! Verwirrt lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern. Der ist viel schmaler und niedriger, als ich ihn in Erinnerung habe! Und statt durch braune Holzfenster schaue ich auf einmal durch runde Bullaugen ins Freie. Zu meiner Konfusion breitet sich dort draußen nicht der Weiher vor der überdachten Terrasse aus. Statt Tümpel, Wiese und Wald erkenne ich durch die nassen Scheiben eine unendliche grau-blaue wogende Wasserfläche. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich der Boden, wird mir mit einem Mal bewusst. Alles um mich dreht sich: Das Retreathaus am Ende der Welt scheint sich in ein Schiff verwandelt zu haben!

Glücklicherweise bin ich nicht allein in dieser seltsamen Küche. An der Stirnseite des Tisches unter den Fenstern sitzt Lama Vajranatha mit unbewegter Miene auf seinem gewohnten Stammplatz. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/ Wie immer hat er sich seine langen dicken grauen Dreadlocks mit einem breiten schwarzen Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt. Er mustert mich kühl und wirkt kein bisschen erstaunt darüber, dass er sich statt im Retreathaus im Bauch eines Schiffes befindet. Auch mein plötzliches Auftauchen scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Zu freuen scheint er sich über meinen Anblick allerdings auch nicht. Ich sehe mich nach Uriel um – er ist schließlich der Hausherr – aber von dem ist weit und breit nichts zu sehen. Und auch Uriels kleiner weißer Hund ist verschwunden.

Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Lama Vajranatha – und bemerke einen großen grün-gelb-blauen Papagei, der gerade hinter der Tischplatte auftaucht und – ein Bein vor das andere setzend – den rechten Oberarm des Lamas hinaufklettert. Als er auf seiner Schulter angelangt ist, schüttelt sich der große Vogel, spreizt kurz das Gefieder, richtet sich dann zu seiner vollen Größe auf, dreht den Kopf und starrt mich mit seinem rechten Auge durchdringend an.

„Du träumst!“, spricht in diesem Moment meine innere Stimme zu mir. „Kein Grund zur Panik. Schau einfach, was passiert.“

Auf einmal schiebt Lama Vajranatha energisch den Tisch ein Stück zurück – das scharrende Geräusch lässt mich zusammenzucken – stemmt sich schwerfällig von der Eckbank hoch und macht ein paar Schritte zur Tür. Jedesmal wenn er den rechten Fuß aufsetzt, klackt es laut. Kein Wunder: er trägt ein Holzbein!

Als er in seiner ganzen Größe und Breite, wie immer vollkommend schwarz gekleidet, mit seinem Turban, dem Papagei auf der Schulter und seinem Holzbein in der Tür steht, wird mir mit einem Mal bewusst, dass er aussieht wie ein Pirat! Ich bin im Traum in einem Piratenschiff gelandet!

Er tritt durch die Tür und winkt mir im Hinausgehen zu: ich soll ihm folgen. Statt im langen Flur des Retreathauses finde ich mich in einem schmalen dunklen Durchgang wieder. Ich stolpere hinter dem Lama-Piraten die enge Stiege hoch. Als ich auf das Deck klettere, sehe ich, dass ich mich auf einem alten Dreimaster befinde. Alle Segel sind gehisst, das Schiff jagt übers Meer. Ich höre, wie die Wellen rhythmisch gegen den Kiel klatschen. Von der Reling zu den Spitzen der Masten sind Schnüre gespannt, an denen viele bunte Wimpel im Fahrtwind flattern. Ich erkenne die fünf Farben der Buddha-Familien: blau, gelb, rot, weiß, und grün. Es sind tibetische Gebetsfahnen! Eigentlich hängen sie in den Bäumen am Weiher des Retreathauses am Ende der Welt. Am hinteren Mast flattern außerdem eine Reihe roter und blauer Fahnen. Das sind doch die, die Uriel und ich im März am Fluß aufgespannt haben! https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-flags/ Nur waren unsere rechteckig. Und auf einmal sind sie zu dreieckigen Wimpeln geworden!

Während ich mich umgeschaue, ist Vajranatha mit seinem Papagei auf der Schulter zum großen hölzernen Steuerrad in der Mitte des Decks geschritten. Wir scheinen alleine auf dem riesigen Schiff zu sein. Es ist wohl ein Zauberschiff, denke ich mir. Es braucht keine Mannschaft.

„XV“ – „Der Teufel“ aus dem Crowley-Tarot

Vajranatha winkt mich zu sich. Als ich neben ihm am Steuerrad stehe, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass er gerade dabei ist, einen Pack Karten zu mischen. Auf dem Deckel eines großen Holzfasses, das vor dem Steuerrad platziert ist, legt er sieben Karten aus und dreht sie vor meinen Augen eine nach der anderen um. Es sind meine vertrauten Crowley-Tarot-Karten! Die erste Karte der Legung ist „Der Teufel“.

Der Piraten-Lama mustert die Karten eindringlich. Dann hebt er den Kopf, schaut mir konzentriert in die Augen und spricht zu mir. „Remember: you all went into this together! So you all will only come out of this together!“

Ich fahre hoch. Durch die beiden hohen Sproßenfenster fällt das Licht der Straßenlaterne in mein Zimmer. Ich taste nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz nach zwei Uhr Morgens ist. Der Traum war so intensiv, dass ich immer noch glaube, das Schwanken des Schiffs unter mir zu spüren. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, mich an die Karten der Legung zu erinnern, so sehr ich mir auch den Kopf zermartere. Das einzige, was geblieben ist, ist das Bild des „Teufels“, auf der ersten Position. Die Karte, die dort liegt, verweist auf den Ursprung einer Situation. Der Merksatz für diese Position lautet: „Daher kommt es.“

Ob damit dasselbe gemeint ist wie mit dem „this“, von dem Lama Vajranatha sprach? Wenn ja, muss dieses „this“ etwas höchst Ungutes gewesen sein. Denn der Teufel ist die negativste Karte im ganzen Tarot-Deck. Er steht für Verstrickungen, Süchte, Abhängigkeiten und menschliche Abgründe. Traditionell werden die anderen Karten der Legung nicht mehr gewertet, wenn „Der Teufel“ auftaucht, weil seine negative Energie so stark ist. Ob ich mich deshalb nicht mehr an den Rest der Legung erinnern kann?

Der Bedeutung des schrägen Traums beschäftigt mich so sehr, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Schliesslich gebe ich auf, schalte das Licht an, stehe auf und blättere schlaftrunken am Bücherregal ein paar Tarot-Bücher nach der Bedeutung des „Teufels“ durch. In einem der Bücher werde ich fündig. In einer langen Liste, wofür „Der Teufel“ stehen kann, stoße ich auf „Schicksalsgemeinschaft“.

Das würde zu dem passen, was mir Vajranatha im Traum mit auf den Weg gegeben hat: „You all went into this together. You all will only come out of this together.“ Ich scheine also Teil von so etwas wie einer „Schicksalsgemeinschaft“ zu sein. Nur: wer, bitte, soll der Rest dieser vergnüglichen Mannschaft sein? Und was, zum Teufel noch mal, ist „this“?

Am liebsten würde ich den Traum und seine Botschaft einfach vergessen. Aber das traue ich mir nicht. Dafür war alles zu intensiv. Nur hätte ich mir klarere Handlungsanweisungen gewünscht. Und ein paar Informationen mehr wären auch kein Schaden gewesen.

Konfus und unzufrieden schlafe ich endlich wieder ein.