This Water runs East

Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

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Mönlam

Mein „Probe-Wohnen“ in Friedrichshain fällt ausgerechnet auf das große Gebetswochenende im Buddhistischen Zentrum.

Als ich am Berliner Hauptbahnhof die Treppe hinunter zur U-Bahn nehme, spüre ich ein fast schon vergessenes Kribbeln im Bauch. Es fühlt sich genauso an wie damals, während der Kindheit, als das Christkind hinter der verschlossenen Wohnzimmertür die Geschenke brachte.

Heute ist nicht Weihnachten, aber dafür beginnt Mönlam!

Die Tradition dieses großen tibetischen Gebetsfestes reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Es dauert sieben Tage und wird gleich nach dem tibetischen Neujahr im Februar zelebriert.

Während des Mönlam versammeln sich Mönche und Laien, um gemeinsam für ein langes Leben ihrer Lehrer, für die Verbreitung des Dharma – der Lehre Buddhas – und für Frieden auf der Welt zu beten. In Tibet finden schon lange keine Mönlams mehr statt, die chinesischen Besatzer haben sie verboten. Aber in den großen tibetischen Exilgemeinden in Indien und Nepal werden sie immer noch gefeiert. Dann kommen jedes Jahr Tausende zusammen.

Das Mönlam im Buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain ist in allem eine Nummer kleiner: es dauert nur drei Tage und keine sieben. Es werden keine tausend Gäste erwartet, sondern lediglich um die 150. Und es findet nicht im Februar statt, sondern im September.

Aber ansonsten ist alles, wie es sein soll: Bereits seit ein paar Wochen ist ein Lama aus Nepal im Buddhistischen Zentrum zu Gast, der die riesigen Tormas – die Opfergaben – für das Mönlam vorbereitet. Suriyel hilft ihm dabei, die Formen aus Holz herzustellen, um die dann ein Getreide-Teig geknetet wird. Wenn der getrocknet ist, werden die Opfergaben aufwendig bemalt. Die Herstellung von Tormas ist eine Kunst für sich! Der bescheidene Mönch ist ein Meister seines Fachs.

Als ich, vom U-Bahn-Ausgang kommend, das Buddhistische Zentrum betrete, summt es dort wie in einem Bienenstock!

Aus der Küche klingt das Klappern von Töpfen: Gerade wird das Abendessen für die Lamas gekocht, die bereits aus allen Ecken Europas angereist sind.

Durch die Gänge und Wege des Zentrums hasten Freiwillige, kontrollieren Listen, schleppen Stühle, Teller, Gebetstexte und tausend andere Kleinigkeiten.

Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und betrete den großen Tempel. Der Blick des riesigen Buddha ruht voller Gelassenheit auf dem bunten Treiben zu seinen Füßen.

In einer Ecke schraubt die Technik-Crew am Mischpult herum. Ein paar Leute rücken Sitzunterlagen und Stühle zurecht. Jemand verteilt Meditationskissen.

Ich trete an den Altar: Noch nie habe ich so schöne und große Tormas gesehen! Sie sind perfekt geformt und von Hand bemalt. Das zentrale Torma ist der Grünen Tara gewidmet. Im zarten Halbrelief streckt sie Hand zum Friedenssegen aus.Es wirkt, als wolle sie die gläserne Statue eines Kindes beschützen, die direkt unter ihr platziert ist.

Auf meine Frage hin erklärt mir eine Nonne mit britischem Akzent auf Englisch, dass es sich um den kindlichen Buddha handelt. Er wird, so sagt sie mir, während der Zeremonien eine wichtige Rolle spielen.

Während ich die Tormas und das seltsame Kind aus Glas bestaune, betritt ein Trupp nepalesischer Lamas den Tempel. Sie nehmen vor dem Altar Platz und packen traditionelle tibetische Trompeten – Rag Dung – aus. Gemeinsam fangen sie an, darauf zu spielen. Das schrille Vibrato ihrer Instrumente hallt durch den Tempel, hinaus in die Straßen und Hinterhöfe Friedrichhains.

„Alles ist bereit!“, rufen sie. „Das Mönlam kann beginnen!“

Probe-Wohnen

Ich verbringe einen sonnigen Augustsonntag im Buddhistischen Zentrum und erhalte eine Einladung…

Meine Innere Stimme hat beschlossen, dass ein Umzug nach Berlin ansteht.

Gegen meinen Willen!

Den ganzen August über bin ich im Widerstand. Das Keifen und Lamentieren meines verstörten Egos hält mich während der Nächte wach und verdüstert meine Tage.

Es hat eine lange Liste an Argumenten, die gegen ein Leben in Berlin sprachen. Aber eine Sorge treibt es besonders um:

„Und wie stellst du dir das vor? Bei dem angespannten Wohnungsmarkt in Berlin? Dort eine Wohnung zu suchen ist ein Albtraum! Da mache ich nicht mit!“

Ich kann meinem ängstlichen Ego nur zustimmen. Wenn die Innere Stimme uns in Berlin sehen will, ist es an ihr, dafür zu sorgen, dass eine Unterkunft auftaucht. Wie immer sie das auch anstellen will.

Die Innere Stimme schweigt.

Am letzten Sonntag im August fahre ich das erste Mal seit vier Wochen wieder ins Buddhistische Zentrum nach Friedrichshain. Die Sommerpause dort ist vorüber.

Nachdem wir die „Grüne Tara“ und das Riwo Sang Chöd hinter uns gebracht haben, sitzen Suriyel, sein Assistent Israfel und ich hinter der Teeküche auf der Terrasse und plaudern.

Israfel beklagt sich darüber, dass seine Mitbewohnerin, die gerade erst eingezogen ist, nächste Woche wieder ausziehen wird. Und das, wo es so anstrengend ist, jemanden zu finden, mit dem er gut zurechtkommt!

„Ich suche übrigens ein Zimmer in Berlin“, höre ich mich zu ihm sagen.

Suriyel, der links von mir sitzt, wäre vor Schreck beinahe von der Bank gekippt. Ich bin genauso erschrocken wie er.

„Was redest du da?“, zischt mein Ego die Innere Stimme an. „Bist du verrückt geworden?“

Aber es ist zu spät: Der Satz ist ausgesprochen. Er schwebt über dem kleinen Rasenstück vor der Terrasse. Nach ein paar Sekunden beginnt er sich im Takt der Gebetsfähnchen sanft im Wind zu wiegen. Vor unseren Augen steigt er zur goldenen Kuppel der Stupa auf und tanzt einmal um ihre Spitze, bevor er über den Dächern Friedrichhains verschwindet.

Nun gut, erklärt mir Israfel, nachdem er unseren Blicken entschwunden war. Wenn ich das wollen würde, könne ich gerne am nächsten Wochenende bei ihm übernachten.

Zum Probewohnen.

Metropole

Eine Aufenthalt im letzten Urwald Europas katapultiert mich nach Berlin…

Im Juli letzten Jahres war ich das erste Mal in Suriyels Buddhistischem Zentrum in Berlin-Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Auf der Suche nach Riwo Sang Chöd, dem tibetisch-buddhistischen Rauchopfer. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel bot es jeden Sonntag dort an. Ich musste es lernen. https://www.water-runs-east.eu/praxis/

Denn während meines Aufenthalts im polnisch-weißrussischen Bialowieza-Nationalpark zwei Wochen zuvor, war mir bewusst geworden, wie sehr ich diese Praxis entbehre. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Im letzten Urwald Europas begegneten mir auf Schritt und Tritt all die fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche, deren Erlösung meine Aufgabe ist.

Das ist das Grundprinzip buddhistischer Praxis in der Mahajana-Tradition. Zu Beginn jeder Meditation leiste ich den „Bodhicitta-Schwur“: Das Versprechen, Erleuchtung nicht aus eigensüchtigen Motiven erreichen zu wollen, sondern zur Beendigung allen Leidens.

Noch nie sind mir so viele Schattenwesen begegnet, wie in dieser archaischen Landschaft:

Erschossenen Juden.

Zu Tode gehetzten und gefolterte Partisanen.

Niedergemetzelten Dorfbewohner.

Und all die unzähligen Anderen, die in diesem riesigen uralten Wald ihr Leben verloren.

Ein nicht enden wollender Strom von Leid, Tod und Verzweiflung.

Heute sind es Flüchtlinge aus den entferntesten Orten der Erde, die hier – in diesem wilden Schwemmland, dessen Moore so unwegsam sind, dass nicht einmal die Wölfe es durchqueren – versuchen, nach Europa zu gelangen.

Wie viele von ihnen in den Sümpfen von Bialowieza zu Grunde gehen, weiß niemand.

Und ich konnte all diesen Wesen – deren verzweifelte Energie mir regelrecht den Atem nahm – nichts besseres anbieten, als ein paar Kerzen und Räucherstäbchen.

Kein Riwo Sang Chöd. Obwohl es das war, was sie gebraucht hätten. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

Weil ich zu träge gewesen war, das Rauchopfer zu lernen. Immer nur dabei saß, wenn Uriel – der Herr der Mühle – es mit mir praktizierte. Das hatte ich nun davon: Am hungrigsten Ort, in dem ich jemals gewesen war, fand ich mich alleine und mit leeren Händen wieder.

Deshalb trat ich an einem Sonntag im Juli – nach meiner Rückkehr aus dem Urwald – die Fahrt nach Berlin an. Es gab keinen anderen Platz, an dem ich das Rauchopfer hätte lernen können. Uriel lebt in einer einsamen Mühle am Ende der Welt. Er ist nicht erreichbar für mich. https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-eins/

Also musste es Berlin sein. Genauer: Friedrichshain. Ein Gedanke, der mich schaudern ließ!

Im Buddhistischen Zentrum angekommen, stellte ich fest, dass es dort angenehm ist. Mein Fazit während der Heimfahrt mit dem ICE zurück nach Leipzig war trotzdem: Es war kein Ort, den ich mir freiwillig ausgesucht hätte.

Umso verblüffte war ich deshalb über das, was sich am darauffolgenden Samstag ereignete: Während eines nachmittaglichen Spaziergangs durch die Leipziger Altstadt, meldete sich auf einmal meine Innere Stimme: „Tschüss Leipzig“, murmelte sie in mein Ohr. Kopfschüttelnd lief ich weiter. Ich musste mich verhört haben.

Doch es kam schlimmer!

Am nächsten Tag – einem Sonntag – fuhr ich ein zweites Mal nach Berlin, um mich von Suriyel in der korrekten Durchführung des Riwo Sang Chöd unterweisen zu lassen. Nachdem wir damit zu Ende waren, machte ich mich auf den Heimweg. Es war ein schöner Sommertag. Deshalb beschloss ich – anstatt die U-Bahn zu nehmen – bis zum Hauptbahnhof zu laufen.

Umweht von Abgasen, wanderte ich in Richtung Alexanderplatz – und dachte dabei an nichts. Auf einmal erklang erneut meine Innere Stimme: „Hallo Berlin!“

Diesmal war es kein Flüstern. DAS hatte ich mir definitv nicht eingebildet. Ich blieb wie erstarrt auf dem breiten Gehsteig der Karl-Marx-Allee stehen.

Auf den Fahrstreifen wurde gerade eine Radfahr-Demo abgehalten: Hunderte entspannt winkende Berliner radelten an frustriert hupenden Autofahrern vorbei, die schon seit längerem im Stau festsaßen. Auf einer nahen Parkbank hockten – beschallt von einem Ghetto-Blaster – kiffende Jugendliche und ergötzten sich an dem Schauspiel.

Ich fand es auch interessant. In der Art, in der ein Anthropologe den Ritus eines Indigenen-Stammes auf Papua-Neuguinea spannend findet. Und begleitet vom Wissen, dass mich bald ein ICE in mein zivilisiertes Leipzig zurückbringen würde.

Und auf einmal hieß es „Hallo Berlin!“

„Ach komm!“, flehte ich meine Innere Stimme an. „Das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein? Gestern: ‚Tschüss Leipzig‘? Heute ‚Hallo Berlin‘?

Die Innere Stimme schwieg. Sie hatte mir mitgeteilt, was es zu sagen gab. Auf Erklärungen verzichtete sie. Wie immer. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Als ich am Abend wieder in meinem Untermietzimmer angekommen war, schrieb ich eine Textnachricht an Uriel: „Ich werde wohl nach Berlin ziehen müssen.“ Der dachte, ich mache einen Scherz. Wie ich fand er, dass Berlin schön für ein paar Stunden ist. Aber sicher kein Ort, an dem man freiwillig lebt.

Ich ziehe nicht aus freien Stücken nach Berlin: Meine Inneren Stimme hat mich dazu verurteilt…

Adieu Leipzig

Ich lasse die dustere Wohnung samt ihren verwunschenen Bewohnern hinter mir…

Während der Nacht fühle ich mich, als würde ich am nächsten Morgen zum Schafott geführt werden.

Nach unruhigen Stunden im Halbschlaf kündigt trübes Morgengrauen den 29. Februar. Ein Schalttag.

Zufall…

Aber trotzdem stimmig: Ein gewöhnliches Datum wäre für dieses Ereignis unpassend gewesen.

Ein letztes Mal tappe ich auf knarzenden Dielen über den dusteren Flur, stelle in der Küche meine Espressokanne auf den altertümlichen Herd.

Meine verwunschenen Mitbewohner schlafen noch.

Lediglich der Theurang ist bereits wach. Er hockt wie eine zerzauste Krähe auf der Garderobe und beobachtet jede meiner Bewegungen. https://www.water-runs-east.eu/spirits/

„Ich gehe heute,“ flüstere ich ihm im Vorbeilaufen zu. „So leid es mir tut, ich kann dich nicht mehr füttern.“

Ich spüre seinen missgünstigen Blick, als ich – vorsichtig die Kaffeetasse balancierend – die Tür zu meinem Zimmer aufstemme.

Dort sieht es ungemütlich aus: Umzugskisten stapeln sich fast bis zur Decke. Schwarze Müllsäcke lagern Schicht auf Schicht. Während ich mein Bettzeug in die letzte leere Tüte stopfe, lausche ich auf das Läuten der Umzugsleute.

Die kommen – wie immer – zu spät.

Ich habe noch keine Umzugsfirma erlebt, die zum versprochenen Zeitpunkt vor der Tür steht. Und ich bin schon oft in meinem Leben umgezogen.

Deswegen verstehe ich auch nicht, warum sich ausgerechnet dieser Umzug so sehr nach „Tod“ anfühlt.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite beobachte ich zwei Stunden später, wie der Außenaufzug in gleichmütiger Monotonie mein Hab und Gut aus dem vierten Stock in den Transporter befördert.

Damit die beiden Umzugsleute in Ruhe ihre Arbeit tun können, gehe ich in die Bäckerei an der Ecke, um dort einen letzten Kaffee zu trinken. Maria und ich haben uns dort fast täglich getroffen. Jetzt ist sie in der Arbeit.

Sie wird in Zukunft ohne mich zurecht kommen müssen…

Mein Untermietzimmer ist übrigens wieder vermietet! Am Vortag kam ein Interessent, der es genommen hat.

Ich habe nur Gesprächsfetzen mitgehört, aber allem Anschein nach leidet er an Liebeskummer. Er habe eine Beziehung beendet und brauche so schnell als möglich eine neue Bleibe.

Willkommen im „Liebeskummer-Zimmer“.

So habe ich es getauft.

Meinem verwunschenen Vermieter fiel der Zusammenhang nicht auf: Kurz nach meinem Einzug vor zwei Jahren zählte er auf, wer schon alles in diesem Zimmer gewohnt hatte. Und erklärte mir, warum der-, oder diejenige, ein- und wieder ausgezogen war.

Fazit: Alle hatten sie Liebeskummer…

Das ist die Grundvorraussetzung, um in dieses Untermietzimmer einziehen zu können. Alle anderen – die eine praktische Bleibe suchen, eine gute WG-Gemeinschaft, oder ein günstiges Zuhause im schönen Waldstraßenviertel – lehnen dankend ab. Die Wohnung ist ihnen zu duster, der Vermieter zu seltsam.

Und auch wenn sie ihn weder sehen, ja noch nicht einmal von seiner Existenz ahnen, spüren sie die negative Energie des Theurangs, der jede ihrer Bewegungen während der Besichtigung aus den Augenwinkeln verfolgt.

Aber jemand, der mit Liebeskummer auftaucht, fühlt sich zuhause!

Die dusteren Bilder an den Wänden empfindet er als anheimelnd.

Der ausgetretene Parkett knarzt im Rhythmus der inneren Seufzer.

Die ausgehungerte Gier des Theurang, die drückend in allen Winkeln der Wohnung hängt, korrespondiert perfekt mit der Leere des Herzens.

Als ich damals in dieser Wohnung stand, wusste ich, dass ich genau das gefunden hatte, was ich brauchte.

Meinem Nachfolger wird es nicht anders ergangen sein. So habe ich ihn zumindest verstanden, während ich so still als möglich mein bescheidenes Fach im Badezimmer leerte und sauber wischte.

Heute darf ich weiterziehen. Was immer mich an diese Wohnung und seine verwunschenen Bewohner gebunden hat, scheint abgegolten zu sein.

Während ich – nachdem die Umzugsleute aufgebrochen sind – mein leeres Zimmer kehre, frage ich mich, was es wohl in der Tiefe gewesen ist, das mich hierher gebracht hat?

Ich habe keine Antwort darauf…

So ist es das mit Karma: Wir wissen, dass es uns leitet – von einer Verstrickung zur nächsten.

Auf das – Schritt für Schritt, in einer unendlichen Abfolge an Handlungen – die Balance wiederhergestellt wird.

Das Gleichgewicht allen Lebens…

Aber wie dessen Regeln lauten und welchen Gesetzen es folgt, bleibt uns verschlossen.

Zumindest in dieser Existenz…

Abschiedsgeschenk

Mein morgendliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – dient dem Wohl meiner Mitbewohner…

Seit drei Tagen stellt das morgendliche Sang eine echte Herausforderung dar!

Denn: Ich werde übermorgen umziehen – und entsprechend chaotisch sieht es in meinem Untermiet-Zimmer aus.

Die Räucherschale mit der glühenden Kohle in der Hand balanzierend, steige ich über Stapel von aussortierten Büchern und stolpere über zusammengerollte Teppiche.

Dass hinter meinem Rücken eine Wand aus bereits gefüllten Umzugskartons aufragt, ist meiner Konzentration nicht förderlich.

Ich gebe trotzdem jeden Morgen mein Bestes.

Bald werde ich die verwunschene Wohnung verlassen haben.

Das tägliches Riwo Sang Chöd ist mein Abschiedsgeschenk.

Für die dustere Wohnung, in der sich negative Energie in allen Ritzen und Ecken abelagert zu haben scheint.

Für deren unglücklichen Bewohner, die gefangen sind in seltsamen Phantasien, Riten und Bräuchen.

Für meinen Nachfolger, der noch nicht gefunden ist.

Und für den Theurang.

Der kleine Kobold, der in der Garderobe im Flur zuhause ist und seine Mitbewohner ohne Unterlass quält, ist der einzige, der versteht, was ich tue.

Deshalb erfreut er sich jeden Morgen an meinem Rauchopfer. Und ist den Rest des Tages umgänglich.

Aber allen anderen nützt es ebenso. Und nicht nur, weil der Theurang dadurch befriedet ist.

Die Energie in der Wohnung ist fühlbar angenehmer, seit ich täglich mein Rauchopfer praktiziere.

Ich gehe davon aus, dass es sich nur um einen temporären Effekt handelt. Ich bin schließlich kein Lama, sondern nur eine kleine Praktizierende.

Wenn ich übermorgen verschwunden sein werde, ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich das Unglück die Wohnung zurückerobert haben wird.

Es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Aber ich tue, was ich kann.

Mondphasen

Mein tägliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – ruft seltsame Traumbilder in mir wach…

In der Nacht nach meinem fünften „Homemade Riwo Sang Chöd“ träumte ich das erste Mal vom Mond. Im Traum stand er unbewegt am nächtlichen Himmel. Mir schien es, als würde er mich mit kaltem Blick fixieren.

Am nächsten Morgen nahm ich im Zustand des emotionalen Aufruhrs auf meinem Meditationskissen Platz, um mein tägliches Rauchopfer zu praktizieren.

Während ich meine zahlreichen Gäste bewirtete und dabei tiefes Mitgefühl für die Leiden aller fühlenden Wesen in mir wach hielt, versuchte ich zu ergründen, was gerade geschah?

Ich tappte völlig im Dunkeln…

In der darauffolgenden Nacht träumte ich abermals vom Mond: Wieder stand er voll und still am Himmel. Um mich erkannte ich die vagen Umrisse menschlicher Gestalten. Ein seltsames Murmeln begleitete ihre Bewegungen. Sie kamen und gingen als flüchtige Schatten.

Am Morgen wieder das tägliche Rauchopfer.

Während ich die Instant-Nahrung auf das glühende Kohlestück löffelte, war es mir, als würden sich an meinem offenen Fenster die Traumgestalten der letzten Nacht versammeln.

Das Mantra „Om ah Hum“ murmelnd, ließ ich die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten. Im Zustand tiefer Trance beobachtete ich dabei die tanzenden Rauchschwaden, die zum wolkenbedeckten Himmel aufstiegen.

Auf einmal war ich mir sicher, dass hier und jetzt meine Traumgestalten um mich waren, die sich an meinem Opfer gütlich taten!

Die Erkenntnis wurde begleitet von tiefem Mitgefühl: Wie waren sie doch verzweifelt und verloren!

Eine Welle der Trauer überschwemmte mich, kaum war dieser Gedanke an die Oberfläche meines Bewusstseins aufgestiegen.

Die nächsten Tage und Nächte waren unschön. Um es vorsichtig zu formulieren.

Jeden Morgen fütterte ich meine hungrigen Gäste.

Meine Tage brachte ich irgendwie hinter mich, innerlich gequält vom Gefühl völliger Verlorenheit.

Und jede Nacht träumte ich von Monden.

Vom vertrauten Erdtrabanten, der mich seit dem Beginn dieser Existenz begleitet.

Von fremden Monden, die um unbekannte Planeten kreisen und auf denen ich mich in meinen Träumen unversehens wiederfand. Ich wanderte Nacht für Nacht durch seltsame Landschaften – Wüsten, Dschungel, Hochebenen, Gebirge – immer begleitet von kahlen, mit Kratern überzogenen Himmelskörpern.

In diesen Träumen begegnete ich den seltsamsten Wesen. Mit allen schien ich auf tiefe Weise verbunden zu sein.

So kam es mir zumindest vor.

Meine Tage waren erfüllt von Trauer. Immer wieder überschwemmte mich das Gefühl des unendlichen Verlustes. Dabei hätte ich nicht zu sagen gewusst, was es war, was ich verloren hatte.

Es war einfach nur ein Gefühl vollkommener Leere. Als hätte sich unversehens in mir ein gigantischer Krater aufgetan, der gefüllt werden wollte.

Jeden Morgen fütterte ich während des Riwo Sang Chöd meine Gäste. Insbesondere die, die ich Nachts in meinen Träumen auf den fremden Planeten getroffen hatte.

Aber ganz besonders fütterte ich mich selbst. Nach jedem Rauchopfer erhob ich mich von meinem Kissen mit dem tröstlichen Gefühl, das Loch in meinem Inneren würde gerade – Schicht für Schicht – mit etwas aufgeschüttet, was ich unendlich lange entbehrt hatte.

Erdbeben

Sang – traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – sind unkompliziert und angenehm. Ihre Wirkung aber ist nicht zu unterschätzen…

…“Khorwa dong né trukpar solwa deb…“ rezitiere ich jeden Morgen bei meinem Riwo Sang Chöd, dem „Berg-Rauch-Opfer“.

Der Satz kommt irgendwann in der Mitte des Ritus, im Kapitel „The Seven Aspects of Devotional Pracitce“.

Weil man in diesem kurzen Kapitel nichts tun muss – weder Visualisieren, noch Opfern, noch Musik machen – habe ich ihm bisher keine große Beachtung geschenkt.

Während der ersten beiden Wochen, in denen ich mein tägliches Sang alleine Zuhause praktizierte, war ich vollauf damit beschäftigt, das „Drehbuch“ korrekt durchzuziehen.

Rauchopfer gehören zu den unkomplizierten Riten des tibetischen Buddhismus.

Das bedeutet nicht, dass es nichts zu tun gäbe: Der Text muss mit verschiedenen Melodien gesungen werden.

Es gilt, drei verschiedene Mantras zu rezitieren – zwei mit Hilfe der Mala, eines mit Mudras, speziellen Handbewegungen.

An den mehreren Stellen bin ich gefordert, gleichzeitig in der rechten Hand die kleine Trommel zu drehen und in der Linken die Glocke zu schwingen.

Und natürlich muss visualisiert werden! Anfangs produziert man das Bild Guru Padmasambhavas – des höchsten Heiligen Tibets, von dem, der Legende nach, das „Riwo Sang Chöd“ stammt – vor sich.

Zu diesem visualisierten Bild nimmt man „Zuflucht“, während man sein tiefes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen bewusst wahrnimmt. Danach „verwandelt“ man sich selbst in ihn, ruft dabei diese Emotion in sich selbst wach und hält sie während des gesamten Ritus.

Der Rauch des verbrennenden Speiseopfers wird mit Hilfe von Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt und an alle Gäste der vier Klassen verteilt.

Deren Anwesenheit man zumindest „fühlen“, noch besser aber „sehen“ sollte.

Und oben drauf bin ich immer gefordert, mein Speiseopfer in einer Weise darzubringen, die den Rauchmelder nicht alarmiert.

“Unkompliziert“ ist eine Frage der Definition…

Deshalb hat es ein bisschen gedauert, bis bei mir ankam, was ich mir da eigentlich jeden Morgen wünsche.

Übersetzt bedeutet “Khorwa dong né trukpar solwa deb“: „Ich bete dafür, dass mein Samsara in der Tiefe durchgerüttelt wird.“

So harmlos das Riwo Sang Chöd daherkommt: Sein Anspruch ist radikal.

Und auch sein Effekt.

Ich zumindest bin gerade ziemlich damit beschäftigt, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, weil der Boden unter meinen Füßen bebt.

Ohne dass es mir bewusst war, habe ich mir ein Erdbeben gewünscht – und ich habe es bekommen…

Intention

Während des traditionellen Rauchopfers soll man nicht nur alle Gäste Mitgefühl entgegenbringen, sondern auch sich selbst…

Jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, weiß, dass das Ziel der Übung „Erleuchtung“ ist.

Zwischen dem Praktizierenden und diesem wunderbaren Zustand – der nicht weniger als das Ende allen Leidens bedeutet – steht ein störrisches Etwas, das aufgeregt hüpft, winkt und ununterbrochen redet, um ganz viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.

Üblicherweise läuft dieses lästige Ding in der westlichen buddhistischen Szene unter „Ego“.

Keiner mag es. Alle wollen es so schnell als möglich los werden. Es gibt in der buddhistischen Szene markige Sprüche wie „Das Ego muss sterben!“

Deshalb ist es verblüffend, dass während des Rauchopfers nicht nur mit liebendem Mitgefühl – dem Bodhicitta – an alle fühlenden Wesen gedacht werden soll – sondern auch an den eigenen karmisch verstricken Geist.

Sonst wirkt das Opfer nicht.

In unserer westlichen Logik steht das in diametralem Widerspruch zu „Selbst-Losigkeit“.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich sie in einem der Bücher Jack Kornfields gelesen. Der wurde, zusammen mit vielen anderen renomierten westlichen buddhistischen Lehrern, nach Dharamsala eingeladen. Dort wollte der Dalai Lama von ihnen wissen, was denn das größte Problem wäre, mit dem sie in ihren Meditationsunterweisungen konfrontiert wären.

Ausnahmslos alle im Konferenzraum erklärten, der „Selbsthass“ ihrer Schüler wäre das größte Hindernis in ihrem Bemühen, den Buddhismus zu lehren.

Und dann passierte etwas schräges: Der Dalai Lama verstand nicht, was ihm die westliche Lehrer sagen wollten! Und seinen tibetischen Berater ging es nicht anders. Und es handelte sich nicht um ein Übersetzungsproblem.

Die tibetischen Mönche samt ihrem höchsten Oberhaupt wusste mit dem Konzept von „Selbsthass“ nichts anzufangen.

Worauf die westlichen buddhistischen Lehrer unter Zuhilfenahme von vielen Beispielen erklärten, was es damit auf sich hatte. Es war kompliziert und zeitaufwendig.

Als der Dalai Lama schließlich begriff, was „Selbsthass“ ist, war er fassungslos. Und begann zu weinen…

Wer also nicht alle Buddhas und Bodhisattvas – die Gäste der ersten Klasse, die zum häuslichen Riwo Sang Chöd erscheinen – traurig machen will, der sollte es sich erlauben, auch an sich selbst in liebender Güte zu denken.

Trotz aller Neurosen, Charakterschwächen und sonstiger Unzulänglichkeiten, die der Erleuchtung entgegenstehen…

Hindernisse

Durch die Praxis des Sang – des klassischen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – werden karmische Beschwernisse beseitigt…

Regelmäßig tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren, geht mit vielen positiven Resultaten einher:

Von den Buddhas und Bodhisattvas – den Gästen der ersten Klasse – erhält man Segnung.

Die Gäste der zweiten Klasse – Schützer – beschenken mit besonderen Fähigkeiten und Einsichten.

Wenn die fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen – die Gäste der dritten Klasse – gesättigt sind, danken sie es mit Wohlwollen.

Es gibt jedoch noch eine vierte Klasse von Gästen: die fühlenden Wesen, die uns nicht gut gesonnen sind!

Während unserer unendlichen Wanderung von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel geschehen. Mit uns – und mit denen, die uns auf unserer Reise begegnet sind.

Wir haben Gutes getan – und Schlechtes.

Deshalb gibt es die Kräfte, die uns karmisch in positiver Weise verbunden sind.

Aber auch die, bei denen wir karmische „Schulden“ haben.

In unserem Dasein zeigen sich diese Verbindlichkeiten aus früheren Leben als Konflikte, Widerstände, gescheiterte Pläne und Niederlagen.

Der unerträgliche Vorgesetzte, der nervige Kunde, die tyranische Verwandtschaft, der untreue Geliebte…

Sie tun uns etwas an – weil wir bei ihnen in der Schuld stehen.

Diese karmischen Passiva müssen entweder mühsam und schmerzhaft „abgearbeitet“ werden – oder man praktiziert ein Sang.

Denn zum Rauchopfer werden bewusst nicht nur die Kräfte eingeladen, die uns wohlmeinend bis neutral gegenüberstehen, sondern auch die vierte Klasse der Gäste.

Die, die mit uns ein Hühnchen zu rupfen haben.

Ihre Anwesenheit ist nicht immer einfach auszuhalten. Trotzdem bitten wir sie zur Tafel: Während der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aufsteigt, visualisieren wir die Präsenz all derer, mit denen wir in Konflikten verstrickt sind. Und wir bewirten sie mit Weisheitsnektar, so gut es uns möglich ist.

Wenn es uns gelingt, während des Rauchopfers eine Haltung der Großzügigkeit gegenüber unseren Widersachern einzunehmen – tiefes Mitgefühl für ihr Leiden zu entwickeln, während wir sie nähren – kann sich mit der Zeit die karmische Blockade auflösen.

Nachdem das morgendliche Sang abgeschlossen ist, wird auf die – immer noch glühenden – Kohle in der Räucherschale ein Bröckchen Guggul gelegt.


Das tibetische Baumharz sondert, während es qualmend verbrennt, einen strengen Geruch ab.

Die Gäste der vierten Klasse – unsere karmischen Gläubiger- verabscheuen ihn!

Wir laden sie zum Mahl, um unsere Schulden bei ihnen zu begleichen. Aber dauerhaft im Haus möchte sie niemand haben. Deshalb werden sie am Ende des Rauchopfers zügig hinauskomplimentiert.

Da sind die Tibeter pragmatisch…

Gästeschar

Zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – werden alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche geladen…

Wenn die dritte Klasse der Gäste zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – eintrifft, geht es hoch her!

Hungergeister mit langen dünnen Hälsen kämpfen verzweifelt um den besten Platz an der Tafel: ihre Gier ist grenzenlos! Obwohl sie sich immer alles in ihre riesigen Münder stopfen, was ihnen vor die Nase kommt, sind sie bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Schlund ist so eng, dass fast nichts davon in ihren leeren Mägen ankommt.

Mit rasender Wut werden sie von den Bewohnern der Hölle zur Seite gedrängt. Die kämpfen gegen alles, was ihren Wünschen und Bedürfnissen in die Quere kommt. Obwohl sie unendliche Qualen leiden, ist es ihnen nicht möglich, von ihrem Hass zu lassen.

Der große Pulk der Tiere, die ebenfalls den Ruf zum Mahl vernommen haben, hält sich von diesen Gästen fern. Von ihren Instinkten geleitet, spüren sie, wie gefährlich ihnen Hungergeister und Höllenbewohner werden können.

Die Halbgötter in ihren Rüstungen lassen sich von den Höllenbewohnern nicht beeindrucken. Die Hand am Schwerknauf stossen sie die wüsten Gesellen zur Seite, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Dewas, den Göttern. Denn der größte Wunsch der Halbgötter ist es, aufzusteigen und selbst zum Gott zu werden. Weil ihnen das nicht gegeben ist, werden sie von Eifersucht zerfressen.

Die Dewas lässt das kalt. Sie schweben in erhabener Arroganz über der Masse des gemeinen Volkes. Durch gutes Karma in die höchste Stufe der sechs Daseinsbereiche hineingeboren und mit allen Attributen des Glücks versehen, sind sie den Sorgen und Nöten der anderen fühlenden Wesen enthoben. Ihre größte Angst ist es, alt zu werden und zu sterben. Und das werden sie, auch wenn ihre Lebensspanne viele Jahrtausende umfasst. Früher oder später ist ihr gutes Karma aufgebraucht und sie müssen wieder in den Kreislauf des Samsara zurückkehren.

Während ich vorsichtig einen Löffel der nepalesischen Rauchopfer-Fertigmischung auf das Stück glühende Kohle in meiner Feuerschale gebe, beobachte ich aus den Augenwinkeln meine Gäste, die am offenen Fenster auf ihr Mahl warten.

Mit der kleinen Schale in der Hand trete ich zu ihnen, stelle mein qualmendes Speiseopfer vor ihnen auf das Sims und nehme auf meinem Kissen Platz.

Dort murmle ich – dazu die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om ah hung“ vor mich hin und konzentriere mich dabei darauf, im Zustand des tiefen Mitgefühls den tanzenden Rauch in magischen Weisheitsnektar zu verwanden.

Befriedigt stelle ich fest, dass der Trick funktioniert: jeder meiner Gäste bekommt genau das, was er braucht!

Die Hungergeister können sich endlich satt essen.

Die Höllenbewohner werden durch das spirituelle Mahl friedlich gestimmt.

Die Tiere unter meinen Gästen entspannen sich und werden weniger von ihren Instinkten getrieben.

Die Halbgötter vergessen während des Mahls ihre Eifersucht und ihren Neid.

Und die Arroganz der Götter verwandelt sich in Bescheidenheit und Akzeptanz.

Als Mensch bin ich Teil der bunten Schar. Auch ich bin eine Bewohnerin der sechs Daseinsbereiche. In meiner jetzigen Form bin ich zum Leid verurteilt, denn das ist die Last der menschlichen Existenz – und gleichzeitig die Qualität, die uns auszeichnet.

Denn den Menschen ist es als einzigen Wesen der sechs Daseinsbereiche vorbehalten, gutes Karma zu generieren, zur Erleuchtung zu erlangen und Samsara – den Kreislauf der Widergeburten – dauerhaft zu überwinden.

Deshalb praktiziere ich jeden Morgen mein Riwo Sang Chöd: Ich erwerbe mit jedem Ritual des Rauchopfers „Verdienst“ – gutes Karma – das sich positiv auf meine zukünftigen Widergeburten auswirken wird.

Und während ich es praktiziere, fühlt es sich nicht nur wunderbar für meine Gäste an – sondern auch für mich: Denn ich trage alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche in mir.

Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd füttere ich jeden Morgen meine eigenen hungrigen Anteile, befriede meine Wut, besänftige meine Ängste, lindere meine Eifersucht und Arroganz.

Das Riwo Sang Chöd dauert nur eine halbe Stunde. Wenn ich mich danach von meinem Meditationskissen erhebe, fühle ich mich super!

Ich kann nur allen empfehlen, es ebenfalls einmal zu versuchen…

Beschützer

Die „zweite Klasse der Gäste“ die zum tradtitionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer geladen wird, hat besondere Aufgaben…

Unser persönlicher Beschützer ist immer bei uns. Er begleitet uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt seit dem Beginn unserer vagen Existenz.

Er wird bei uns bleiben, bis wir das große Ziel – Buddhaschaft – erlangt haben werden.

So heißt es in der Nyingma-Tradition, einer der beiden „alten“ schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus.

In unseren Träumen können wir mit unserem persönlichen Beschützer in Kontakt treten. Wenn wir offen dafür sind und Präsenz auch im Schlaf halten können, wird er sich zeigen. Dann gibt er Rat und lädt ein in sein Reich, das jenseits von Raum und Zeit liegt.

Wem so viel Wachheit nicht gegeben ist, den führt er aus dem Unbewussten. Er – oder sie, es gibt Beschützer und Beschützerinnen – ist die Innere Stimme, die den Weg weißt.

Das, was wir „Intuition“ nennen…

Es gibt „zornvolle“ und „friedvolle“ Beschützer und Beschützerinnen.

Wer mit der sanften Variante gesegnet ist, wird zur Erleuchtung geführt.

Wer die „zornvolle“ Version abbekommen hat, wird zur Überwindung allen Leidens geprügelt.

So kommt es mir zumindest vor.

Ich werde von einer sehr energischen Beschützerin geführt. Sie reagiert allergisch auf Widerspruch, akzeptiert keine Schwächen, ist taub gegenüber meinen Klagen und hat keine Skrupel, mich auch noch die steilste und unwegsamste Abkürzung zum großen Ziel hinaufzujagen.

Denn das ist ihre Aufgabe.

So wie die aller anderen Beschützer – der „zweiten Klasse der Gäste“, nach den Buddhas und Bodhisattvas – die zum Rauchopfer geladen werden.

Einst waren die Beschützer mächtige Naturgeister und animistische Götter. Von Buddhas und Bodhisattvas befriedet, verpflichteten sie sich den Dharma – die Lehre Buddhas – gegen alle Bedrohungen zu verteidigen.

Ihre Obligenheit ist es, dafür zu sorgen, dass jedes fühlende Wesen zur Erleuchtung geführt wird.

Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd treten wir mit ihnen in eine persönliche Beziehung.

Wir bringen ihnen Opfer dar, um unseren Dank für ihren Schutz auszudrücken. Im Gegenzug erhalten wir von ihnen spezielle Fähigkeiten, die uns helfen, unser Ziel – die Überwindung allen Leidens – schneller zu erreichen.

Spirits

Meine Geister-Gäste erfreuen sich täglich an der magischen Nahrung, die ich ihnen durch den Rauch meines Riwo Sang Chöd zukommen lasse…

Im Elstermühlgraben – dem kleinen Flüsschen, das mitten durch das Waldstraßenviertel plätschert – wohnt ein Naga. Obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, bin ich mir dessen sicher.

Der schmale Wasserlauf – eingezwängt zwischen Art-Deco-Villen und gesichtslosen Neubaublöcken – ist der Durchgang zu einer anderen Welt. Und es ist der Naga – ein Wassergeist – der mit seiner magischen Energie dafür sorgt, dass in seinem Reich die Tür zu dieser alternativen Wirklichkeit geöffnet ist.

Für die, die sehen können…

Ich weiß nicht, wie vielen Bewohner des Viertels die Fähigkeit gegeben ist, dieses zarte Flimmern über der Wasseroberfläche wahrzunehmen. Die Zeichen zu deuten, die ihnen von dieser urwüchsigen Kraft geschenkt werden.

Vermutlich nimmt der eine oder andere Bewohner das magische Geschehen aus den Augenwinkeln wahr, wenn er am Kanal entlang in die Altstadt läuft. Die meisten, vermute ich, werden die Signale dieser anderen Welt beiseite wischen.

Tagträume, Hirngespinste…

Im Gegensatz zu ihnen weiß ich, dass der Naga existiert. Ein lokaler Wassergeist, mit Magie und Weisheit gesegnet. Er ist einer von vielen, die hier im Viertel leben.

In der alten Ulme am Rosengarten, in der die Graureiher-Kolonie nistet, lebt ebenfalls ein Naturgeist. Es könnte sich um einen Sadag handeln, den örtlichen Geister-Besitzer des Landstreifens, auf dem das Viertel erbaut wurde.

Und in der verwunschenen Altbauwohnung, in der ich seit nun fast zwei Jahren in einem Untermietzimmer hause, lebt ein Theurang. Der Kerl verströmt eine atemberaubend negative Energie! Ich halte jedesmal automatisch die Luft an, wenn ich mein Zimmer verlasse.

Mir kann der Theurang nichts anhaben, ich bin durch meine spirituelle Praxis geschützt. Mein Zimmer kann er nicht betreten.

Aber meine Mitbewohner leiden unter seinem wilden Treiben: Er sorgt dafür, dass nichts von Wert in ihrem Haushalt Bestand hat. Sobald ein bisschen Geld verdient ist, muss es auch schon wieder ausgegeben werden, weil unerwartet etwas kaputt gegangen ist. Sachen verschwinden und sind nicht mehr auffindbar. Und ständig gibt es Streit.

Einen Theurang im Haus zu haben, ist eine wirklich ungute Sache.

Für alle diese Geister praktiziere ich täglich mein Riwo Sang Chöd.

Wenn der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aus meinem kleinen Räuchergefäß aufsteigt und über die Dächer davonzieht, weiß ich, dass sich der Naga im Elstermühlgraben daran erfreut. Genauso wie der Sadag in der alten Ulme und all die anderen Naturgeister, die in den Bäumen, den Weihern und den verschatteten Hinterhöfen des Viertels leben.

Und im Flur meiner verwunschen Wohnung drückt der Theurang seine Nase an den Türspalt und saugt gierig auch noch das letzte Fitzelchen der Opfergabe in sich hinein.

Mein kleines Riwo Sang Chöd ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die magischen Wesen aus der anderen Welt, die mitten unter uns sind, bräuchten unser aller Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Wer möchte, kann den heimatlichen Naturgeister ein Räucherstäbchen opfern und ihnen dabei ein paar liebevolle Gedanken schicken.

Auch das ist bereits ein Sang…

Feuer-Gott

Ohne die magische Kraft des Feuers wäre die Transformation der Speiseopfer im Riwo Sang Chöd nicht möglich…

Das Feuer lebt!

Wer in die Flammen eines offenen Feuers starrt – und sich dabei gestattet, einfach nur zu sehen, was ist – wird sich Auge in Auge mit dem mächtigen Feuer-Gott wiederfinden.

Dass es uns gegeben ist, ihm in dieser Direktheit zu begegnen, verdankt sich unserer Lebensenergie.

Auch wir tragen einen Funken dieses magischen Feuers in uns.

Tummo.

Im Westen ist es Yoga-Adepten als „Kundalini-Energie“ vertraut: Eine Feuerschlange, zusammengerollt schlafend im Unterleib. Durch spezielle Übungen kann sie zum Leben erweckt werden.

Dabei ist Vorsicht geboten: „Kundalini-Unfälle“ – die durch das verfrühte Aktivieren der magischen Feuerkraft verursacht werden – können böse Konsequenzen haben.

Denn die Kraft des Feuers nährt unser Leben – und hat gleichzeitig das Vermögen, es zu zerstören.

Feuer ist schnell: Ein Funke auf trockenem Holz genügt, schon steht alles in Flammen. Es besteht immer die Gefahr, dass es außer Kontrolle gerät.

Deshalb sollte man dem Gott des Feuers immer mit Respekt und Vorsicht begegnen. Egal ob wir mit unserem Tummo – unserer Lebensenergie – oder mit äußeren Flammen zu tun haben.

In den tibetisch-buddhistischen Sang – den rituellen Rauch-Opfern – kommt dem Gott des Feuers eine besondere Aufgabe zu: Es ist seine magische Kraft, durch die Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig, Melasse und Kräuter in Weißheitsnektar verwandelt wird. Der Rauch, der beim Verbrennen der Speiseopfer entsteht, dient lediglich als Vehikel.

In den Himmel aufsteigend, trägt er die sättigende Nahrung in alle Sphären jenseits von Raum und Zeit.

Auf dass sich Buddhas und Bodhisattvas, Schützer und alle fühlenden Wesen daran erfreuen und jeder auf seine Weise karmische Verstrickungen lösen kann.

Der mächtige archaische Gott des Feuers wird gezähmt und in den Dienst des liebenden Mitgefühls – Bodhicitta – gestellt.

Rauch

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – Sang – ist eine Übung in Großzügigkeit und liebendem Mitgefühl…

Suriyels perfektes Sang im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain…

Rauchopfer heißen auf Tibetisch „Sang“.

Das bedeutet „rein“.

Der Rauch, der beim rituellen Verbrennen von Speiseopfern, Kräutern und Hölzer entsteht, gilt als Mittel der Reinigung.

Die Basisvariante des Sang praktiziert jeder, der ein Räucherstäbchen entzündet.

Willkommen in der Welt des Schamanismus!

Das Riwo SangChö – das „Berg-Rauch-Opfer“ – ist eines von vielen Sang im Vajrayana. Allen ist gemeinsam, dass sie ursprünglich schamanische Praxis waren. Als der Buddhismus nach Tibet kam, wurden die traditionellen Rauchopfer in die neue Religion integriert.

Tibetische Buddhisten praktizieren Sang als Ausdruck von Bodhicitta, der Haltung des liebenden Mitgefühls. Mit dem täglichen Rauchopfer – das etwa eine halbe Stunde dauert – wird das voraussetzungslose großzügige Geben allen fühlenden Wesen gegenüber eingeübt. Niemand wird ausgeschlossen. Selbst die nicht, die dem Praktizierenden Böses wünschen und ihm schaden wollen.

Denn wir sind – so lehrt es der Buddhismus – mit allen fühlenden Wesen in tiefer Weise verbunden.

Durch den Rauch, der während des Ritus entsteht, wenn die Opfergaben verbrennen, werden alle fühlenden Wesen in sämtlichen Daseinsbereichen auf perfekte Weise gesättigt.

Negatives Karma, das uns – durch falsches Denken und Handeln in der Vergangenheit – in schmerzhaften Situationen gefangen hält, kann durch das großzügige liebende Geben des Rauchopfers aufgelöst werden.

Ein Sang zu vollziehen, ist deshalb eine so schöne wie erfüllende Angelegenheit – für die Praktizierenden, wie für ihre Gäste.

Das Riwo SangChö gibt es in „klein“ für das unkomplizierte tägliche Ritual Zuhause: Dafür wird in einem kleinen Gefäß Räucherkohle entzündet und ein Instant-Pulver darüber gestreut. Das geht schnell und raucht nur dezent.

Praktiziert die Sangha – die buddhistische Gemeinde – im Tempel zusammen, ist ein „großes“ Riwo SangChö angesagt. Denn genauso ist es im jahrhundertealten Ritualtext festgeschrieben: Die Speiseopfer – Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Melasse, Honig und Kräuter – werden in Natura in ein offenes Feuer gekippt. Je mehr Rauch dabei entsteht, um so besser!

Allerdings gibt es ein kleines Problem dabei – zumindest im Westen: Die Nachbarn!

Normalsterbliche nichtbuddhistische Muggles sehen kein Reinigungsritual und sind beim Anblick des Rauches erfüllt von Bodhicitta – sie sehen Feinstaub und fühlen sich belästigt!

Dass Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum im dicht besiedelten Berlin-Friedrichshain liegt, macht die Sache nicht leichter. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Da hat es Uriel im Retreathaus am Ende der Welt besser. Bei ihm hat sich noch nie jemand über sein Riwo SangChö beschwert. Kein Wunder: er hat keine direkten Nachbarn. https://www.water-runs-east.eu/experience/

Der Kampf um die Interpretation des Rauches tobt, seit Suriyel vor einem Jahr das Riwo SangChö in die Sonntags-Praxis des buddhistischen Zentrums aufgenommen hat.

Die hingebungsvoll Praktizierenden beharren darauf, dass sie Gutes tun.

Die Nachbarn wollen von Religionsausübungen jeder Couleur unbelästigt bleiben.

Es ging hoch her!

Statt von karmischen Verstrickungen zu reinigen, bestand die Gefahr, dass das Sang welche produzierte.

Deshalb musste eine friedvolle Lösung gefunden werden. Wie es sich für ein buddhistisches Zentrum gehört.

Letzten Sonntag hat Suriyel das erste Mal ein Indoor-Riwo-SangChö praktiziert. Mit Räucherkohle. Ganz bescheiden. Niemand wurde von den zarten Rauchschwaden belästigt.

Nächsten Sonntag wird im buddhistischen Zentrum Losar gefeiert – lunares Neujahr. Zu diesem Anlass darf Suriyel ein großes Feuer machen. Mit ganz viel Rauch. Egal, was die Nachbarn sagen…

Homemade Sang

Ich emanzipiere mich – zumindest ein bisschen – und wage mich an ein privates Riwo Sang Chöd, das traditionelle tibetische Rauchopfer.

Ich praktiziere Zen – und gleichzeitig tibetisch-buddhistisches Vajrayana.

Das chinesisch-japanische Zen ist so etwas wie die Instantversion des Mahajana-Buddhismus: Der lösliche Kaffee im Schraubglas. Ein Löffel davon in die Tasse, heißes Wasser drüber, fertig.

Für meine tägliche Meditation – das Zazen – brauche ich einfach nur ein Kissen. Platz nehmen, ruhig werden, atmen. That´s it.

Vajrayana – die tibetische Form des Mahajana-Buddhismus – ist dagegen so etwas wie die Barista-Kaffee-Version.

Man braucht eine ausgefeilte – und oft teure – Ausstattung. Es gibt tausend Tricks und Kniffe, die man beachten muss und man kann wahnsinnig viel falsch machen.

Zen und Vajrayana bieten das selbe „Produkt“: Erleuchtung.

Aber der Weg dahin könnte nicht unterschiedlicher sein.

Wie bei der Wahl des Kaffees ist es eine Frage des Persönlichkeitstyps: Die einen bevorzugen Purismus, die anderen mögen es üppiger.

Und dann gibt es seltsame Menschen wie mich, die wollen beides.

Mit dem Ergebnis, dass ich morgens aus dem Bett wanke und auf mein Meditationskissen sinke. Dort sitze ich und tue nichts außer Atmen und „Da-Sein“.

Es ist fantastisch. Ich liebe es!

Wer es nicht glaubt, sollte das Zazen einfach mal selbst ausprobieren. Wie gesagt: Man braucht nur ein Kissen und Disziplin.

Aber danach ist es bei mir vorbei mit dem Minimalismus. Dann wird es kompliziert. Denn dann wechsle ich ins Vajrayana.

Bisher waren meine Bemühungen immer provisorisch. Und das ist noch milde ausgedrückt. Ich beschränkte mich auf das nackte Rezitieren meines Mantras. Immerhin mit Mala und Räucherstäbchen, aber für Vajrayana-Verhältnisse ist das Frevel.

Vergleichbar mit einem Barista, der ganze Espresso-Bohnen in eine Kaffeetasse gibt und heißes Wasser darüber gießt. Jeder Kaffeehaus-Besitzer würde ihn sofort feuern.

Seit ein paar Tagen absolviere ich deshalb täglich nach dem Zazen mein eigenes Riwo Sang Chöd! Das morgendliche Rauchopfer ist fester Bestandteil im Leben jedes gläubigen tibetischen Buddhisten. Es dauert etwa dreißig Minuten und ist nicht sonderlich kompliziert. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Ich habe beschlossen, dass ich mich nicht länger auf Suriyels und Uriels Praxis ausruhen und nur immer konsumieren kann. Nach sechs Jahren Vajrayana ist es an der Zeit, dass ich anfange, mein eigenes Ding zu machen.

Und das tue ich mit allem Chichi: Ich rezitiere den kompletten Text. Ich verbrenne währenddessen in einem kleinen Räuchergefäß original „Mountain-Top pure fragrant Smoke Offering“, gefertigt in einem Kloster in Nepal.

Das Räuchern praktiziere ich am offenen Fenster auf dem Fensterbrett, immer mit besorgtem Blick auf den Rauchmelder. Bisher ist er stumm geblieben. Möge es so bleiben.

Die größte Hemmnis für die häusliche Praxis des Riwo Sang Chöd ist aber nicht der Rauch, sondern der Krach, den man während des Rituals verursacht.

An mehreren Stellen muss mit der linken Hand die große Handglocke geläutet und gleichzeitig mit der rechten Hand die kleine Damaru – eine traditionelle tibetische Handtrommel – gedreht werden. Das ist koordinationstechnisch eine Herausforderung.

Und man produziert höchst exotischen Lärm – bei offenem Fenster. Dem Rauchmelder-Gesetz sei dafür gedankt.

Viele hier im Westen, die im stillen Kämmerlein tibetische Meditation praktizieren, wollen sich nicht vor ihren Nachbarn outen. Sie verzichten deshalb schweren Herzens auf die Praxis.

Das Riwo Sang Chöd – in Tibet, Nepal und Bhutan selbstverständlicher Teil des Alltags – ist in westlichen Großstädten ein Störfaktor. Der Rauch! Und dann noch der Lärm!

Aber ohne geht es nicht…

Insgesamt wird fünf mal Krach gemacht:

Am Ende der Anrufung von Guru Padmasambhava (dem wir der Legende nach das Riwo Sang Chöd verdanken) wird getrommelt und geläutet, um Dankbarkeit auszudrücken.

Nachdem das Speiseopfer durch Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt wurde, werden die vier Klassen der Gäste mit dem Lärm zum Mahl gebeten.

Nachdem das Opfer verbrannt ist – und dann noch einmal ganz zum Schluss – wird verkündet, dass alles erfolgreich verlaufen ist.

Und im letzten Drittel werden mit ohrenbetäubendem Krach alle negativen Kräfte vertrieben.

Das muss so sein. Ohne Musikinstrumente ist es kein Riwo Sang Chöd.

In einem anthropologischen Buch über Schamanen in der Mongolei habe ich folgendes traditionelle Zitat gelesen: „Wer mutig ist, wird ein Held. Wer sich nicht schämt, wird Schamane.“

Ich wäre lieber eine Heldin geworden, hätte ich die freie Wahl gehabt.

Mehr als eine „Schamanin in Ausbildung“ ist leider nicht aus mir geworden.

Was sich meine Nachbarn von mir denken, haben sie bisher für sich behalten…

Von links nach rechts, oben: Die traditionelle Ritual-Glocke mit dem Dorje, das Sang-Fertigpulver, ein kleiner Löffel, Räucherkohle, darunter ein traditionelles tibetisches Räuchergefäß, daneben die kleine Damaru. Darunter links die Mala, die für die Rezitation des Mantras von Guru Padmasambahavas gebraucht wird, sowie der Rezitationstext, gedruckt auf den typischen Papierstreifen.

Off Line

Engel, Teufel, Dämonen, Dakinis, Schützer und Mamos werden zu Fantasy transformieren. Der Blog kehrt zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurück…

Fünf Monate lang – seit Anfang September – habe ich in diesem Blog eine Geschichte von Engeln und Dakinis erzählt.

Dass – von meinem allerersten Blog-Eintrag an – alle Protagonisten der Geschichten, die ich hier schreibe, die Namen christlicher Heiliger tragen, war mir nie bewusst.

Und dass dies in einem Blog, der sich mit buddhistischer Meditation beschäftigt, etwas seltsam ist, kam mir nie in den Sinn.

Wenn mich jemand darauf angesprochen hätte – was nicht geschehen ist – hätte ich gesagt: „Zufall“…

Maria hat sich ihr Alias selbst ausgesucht.

Die Entscheidung, dem Herrn der Mühle einen Erzengel zum Paten zu geben, verdankte sich einer plötzlichen Eingebung und der Tatsache, dass Uriel den Namen mochte.

Suriyel wurde zum Erzengel, weil Uriel bereits einer war.

Alles Zufälle.

So es die denn wirklich gibt…

Letzten Sommer traf ich in Berlin-Friedrichshain auf einen zutiefst buddhistischen rundlichen Herrn mit Fusselbart. Der, beschloss ich, sollte auch in den Blog. Er brauchte ein Alias. Zwei Engel hatte ich schon, warum nicht einen dritten?

Ich machte mich auf die Suche nach einem stimmigen Engelsnamen – und mir wurde das erste Mal bewusst, was ich da Seltsames tat!

In der S-Bahn in Richtung Berlin-Südkreuz fasste ich deshalb zwei Beschlüsse:

Der neue Blog-Protagonist sollte nach dem Schutzengel Israfel benannt werden.

Und ich würde eine Reihe von Texten schreiben, in denen ich die christlichen Alias meiner Protagonisten ernst nehmen wollte. Genauso wie ihre buddhistischen Überzeugungen.

Ein Experiment.

Eine literarische Operation am offenen Herzen zweier Weltreligionen. In Echtzeit durchgeführt in meinem Blog.

Nachdem ich diesen Beschluss gefasst hatte, dachte ich nicht mehr weiter über die Konsequenzen meiner Pläne nach. Weder für den Blog, noch für mein Leben.

Es wäre zu gruselig gewesen. Die Aufgabe zu groß. Der Ärger unvorhersehbar.

Ich hätte es sonst nicht getan.

Aber die Texte – das war mir in dem Moment bewusst geworden, als mir klar war, was ich da eigentlich in meinem Blog trieb – mussten geschrieben werden. Wenn etwas so seltsam ist – und dazu so offensichtlich wie verschleiert – hat das eine tiefere Bedeutung.

Dann ist es Karma…

Ich fragte natürlich zuvor um Erlaubnis. Meine Protagonisten sind aus Fleisch und Blut – und ich bin zudem mit ihnen befreundet.

Maria war entzückt.

Bei den beiden Erzengeln hielt sich die Begeisterung merklich in Grenzen. Als überzeugte Buddhisten in einer Geschichte mit dem Allmächtigen und seinen himmlischen Heerscharen verbraten zu werden, behagte ihnen nicht.

Sie gaben trotzdem ihr Einverständnis, was ich ihnen hoch anrechnete.

Ich fing also an zu schreiben – und amüsierte mich köstlich dabei!

Zumindest anfangs…

Denn mit der Zeit nahm das Projekt gewaltige Ausmaße an: Ich hatte sechs Wochen für das neue Blogthema veranschlagt. Es wurden fünf Monate daraus.

Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, wie alle wissen, die bis jetzt tapfer mitgelesen haben.

Das „Ups-Baby“, stellte sich im Laufe der letzten Wochen heraus, ist das Fragment eines Fantasy-Romans!

Weil ich mich unversehens von der Gattung „Blog-Text“ in die Gattung „Fantasy“ gebeamt hatte, wurde ich das erste Mal mit den Grenzen meines Blogs konfrontiert. Das Spielen mit verschiedenen Szenarien, das Ausarbeiten von Neben-Charakteren und parallelen Handlungssträngen – all das sprengte den Rahmen der Texte.

Deshalb gibt die Autorin hiermit ihre Kapitulation bekannt: Alle Engel, Teufel, Dämonen, Beschützer und Mamos müssen leider off line gehen.

Dort werden sie sich in ein Manuskript verwandeln.

Wenn ich damit fertig bin, werde ich es alle wissen lassen.

Der Blog wird wieder zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückkehren: Jeden zweiten Tag werde ich wieder getreulich von den „Grenzen des Ich“ erzählen.

Von Zen, Vajrayana und Tantra.

Von Meditation, heiligen Riten und spiritueller Praxis.

Die Reise in den Dharma geht weiter…

Transformation

Die Herrin der Mamos erscheint im Gästehaus des Mandala. Dort nimmt sie ihre neuen Zöglinge in Augenschein…

Beelzebub schluckte schwer. Mit angewidertem Gesicht stellte er seine Kaffeetasse ab und beugte sich zu Proserpina und Cabor, die ihm gegenüber saßen. „Das war eine Schnapsidee!“, stieß er mit unterdrückter Stimme hervor. „Das Frühstück ist ein Witz, die Pensionswirtin schlimmer als jede Dämonin und dann auch noch diese“ – er wies mit dem Kinn zum Tisch in der gegenüberliegenden Ecke des Speisesaales, an dem Suriyel, Uriel, Gabriel und Luzifer saßen – „Vollidioten! Wir hätten niemals hierher kommen sollen!“

„Du warst es, der total scharf darauf war, durch das Tor zu kommen!“ zischte Proserpina ihn an. „Dir konnte es nicht schnell genug gehen!“ Sie verstellte ihre Stimme: „Ich war mal ein Fruchtbarkeitsgott, lasst mich hier rein!“

„Halt´s Maul!“ Beelzebub drosch mit der Faust auf dem Tisch, dass der Teller mit dem angeschimmelten Käse ein paar Zentimeter in die Luft hüpfte. „Du warst es, die sich auf den Pakt eingelassen hat! ‚Transformation!‘ Ich habe keinen Bock auf ‚Transformation!‘ Was soll das überhaupt sein? Ich fand es gut in der Hölle! Ich will wieder heim!“

Die Tür zum Speisesaal schwang auf.

Herein watschelte die rothäutige, bis auf den Lendenschurz nackte, Wirtin mit den hängenden Brüsten und dem, wirr vom Kopf abstehenden, schwarzen Haar. In ihrer rechten Hand drehte sie rhythmisch eine kleine Stabtrommel. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Sie blieb – weiter die Trommel drehend – in der Mitte des Raumes stehen. Mit einer herrischen Geste ihrer linken Hand, forderte sie ihre Gäste auf, aufzustehen.

Beelzebub, Cabor, die Erzengel und Luzifer erhoben sich.

Proserpina verschränkte die Arme vor der Brust und blieb demonstrativ sitzen.

Schwere Schritte näherten sich.

Die Trommel verstummte.

„Hier kommt die ein-zopfige Mutter, die große Beschützerin, die mächtige Ekajati!“, quäkte die Wirtin des Gästehauses, bevor sie sich auf den Boden warf.

Durch die Tür schob sich eine mächtige Gestalt. Sie war von schwarzer Hautfarbe. Um die Hüften trug sie einen Lendenschurz aus dem Fell eines Tigers. Hals und Stirn waren mit Ketten aus Menschenschädeln geschmückt. Ein dicker blonder Zopf fiel ihren nackten Rücken hinab. Sie hatte lediglich eine Brust, die ihr bis zum Bauchnabel hing. Unter ihrer Nase ragte zwischen ihren Lippen ein spitzer langer Zahn hervor.

Ihr einziges – blutunterlaufenes – Auge, das in der Mitte ihrer Stirn saß, wanderte langsam durch den Raum und musterte jeden einzelnen der atemlos dort Stehenden eindringlich. Schließlich blieb ihr Blick an Proserpina hängen, die immer noch auf ihrem Stuhl saß. Blitzschnell hob sie den Arm und schleuderte das Katrika – ein kleines geschwungenes Messer – nach ihr. Mit einem satten „Plopp“ bohrte sich die scharfe Klinge genau über Proserpinas Scheitel in die dicken Holzbohlen der Wand.

Proserpina schnappte erschrocken nach Luft, rutschte vom Stuhl und sank am Boden auf die Knie.

Die anderen im Raum taten es ihr nach.

Ekajati, auch Mahacinatara genannt – die schwarze zornvolle Emanation der Tara – Herrin aller Mamos, mächtigste aller Beschützer des Mandala der Yeshe Walmo und weise Führerin zur höchsten Leerheitserfahrung, hatte sich im Gästehaus eingefunden, um ihre neuen Schützlinge in Empfang zu nehmen.

Im Herzen des Mandala

In der Stille des Palastes geht Maria ihren Verpflichtungen nach…

Maria durchquerte in der Morgensonne den Innenhof. Unter ihren Füßen knirschte Kies. In den Baumwipfeln zwitscherten Vögel. Der langezogene klagende Ruf des Pfaus, der vor dem Springbrunnen auf und ab schritt, übertönte das gleichmäßige Plätschern des fallenden Wassers.

Während sie, in jeder Hand einen Eimer tragend, dahinschritt, lauschte Maria den vertrauten Geräuschen – und der Stille.

In den ersten Tagen ihrer Anwesenheit war sie so überwältigt von Angst und Verwirrung gewesen, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Die Gerüche, Farben und Klänge, die sie in jedem Augenblick umgaben, erschienen ihr wie ein Fiebertraum. Nichts schien beständig. Es war, als gäbe es in dieser seltsamen Welt keinen Fixpunkt für ihre überreizten Sinne.

Die Nächte brachten keine Linderung. Auf ihrem harten Lager wurde sie von seltsamen Bildern und Phantasien gequält. Es war ihr nicht möglich, zwischen Wachzuständen und Träumen zu unterscheiden. War die zornvolle blaue Göttin wirklich mehrmals um Mitternacht in ihrer schmalen Kammer erschienen? Maria wusste an den darauffolgenden Morgen nicht zu sagen, ob Yeshe Walmo sie wirklich durch den Palast und die umliegenden Gärten geführt und ihr Anweisungen gegeben hatte, oder ob das alles nur wirre Phantasien ihres überspannten Geistes gewesen waren.

Trotz ihrer Konfusion und Zweifel erledigte sie tagsüber, was ihr des Nachts aufgetragen worden war. Etwas anderes blieb ihr nicht zu tun: Es gab niemanden, den sie fragen, oder der ihr etwas raten hätte können.

Abgesehen von den Vögeln in den Bäumen, dem Pfau im Innenhof und den Rehen und Kaninchen, die sie am frühen Morgen in Gärten sah, war Maria allein.

In dem riesigen Palast schien niemand zu leben, außer ihr.

Inzwischen war ihr die tiefe Ruhe, die sie in einem fort umgab, vertraut. Anfangs nur für Sekunden zwischen wirren Gedanken und Angstphantasien greifbar, schien es Maria nun, als würde sie durch die Stille schwimmen wie ein Fisch. Ihr kam es vor, als triebe sie fortwährend im klaren Wasser eines Sees.

Hatte sie anfangs noch mit sich selbst gesprochen – verzweifelt versucht, sich selbst zu erklären, was mit ihr geschehen war, sich ihrer Wut auf Uriel, den Allmächtigen und sämtlichen Kräften und Gewalten des Himmels, der Erde und der Hölle hingegeben – waren ihre Gedanken fast vollkommend verstummt.

Jeder Satz, den sie im Geiste an sich selbst richtete, ließ sie zusammenzucken. Jedes Wort, stellte sie zu ihrem Erstaunen fest, störte.

Denn diese Stille, die Anfangs nur im Außen war, war ein Teil von ihr. Tief in ihr – hatte sie zu ihrem vollkommenen Staunen festgestellt – gab es nichts außer Weite und Ruhe.

Maria stellte die beiden schweren Eimer auf dem Pflaster ab, stemmte die schwere Holztür auf, griff wieder nach ihrer schweren Last und schritt, sorgsam einen Fuß vor den anderen setzend, die steinerne Treppe in den Keller hinab.

Während ihre Schritte von den steinernen Wänden widerhallten, verschmolz sie vollends mit der Stille des Mandala.

Unverhofftes Wiedersehen

Uriel nimmt – in Begleitung Luzifers – Quartier im Gästehaus des Mandala. Dort trifft er zu seinem Erstaunen auf seine beiden Erzengel-Kollegen Gabriel und Suriyel.

„Das ist meines!“ Luzifer hatte sich an Uriel vorbei in das Zimmer mit der Nummer elf gedrängt und warf mit einer weit ausholenden Bewegung sein Jacket auf das schmale Bett unter dem Fenster.

Uriel verdrehte die Augen, während er seinen schweren Rucksack auf das schmale Bett an der Tür fallen ließ. Dass er gezwungen war, sich das Zimmer des Gästehauses mit Luzifer zu teilen, konnte nur ein Witz sein!

Der Zimmerkollege war schon im Badezimmer verschwunden. Dem Rauschen der Dusche lauschend, stand Uriel am Fenster und starrte hinaus. Dort draußen breitete sich eine sanfte Hügellandschaft in der Morgensonne aus. Auf einem kleinen See paddelten Enten. Ein schmaler Flußlauf führte direkt an der Grundstücksgrenze vorbei.

Irgendwo hier innerhalb der Grenzen des Mandalas der Yeshe Walmo musste sich Maria befinden.

Luzifer kam, sich das Hemd zuknöpfend, mit nassen Haaren aus dem Bad, zog sich sein Jacket wieder über und riss die Zimmertür auf. „Ich gehe Frühstücken! Kommst du mit?“

Während Uriel hinter ihm die Treppe ins Erdgeschoss hinunterlief, wunderte er sich über Luzifers Benehmen. Der schien sich weit weniger an Uriels Anwesenheit zu stören, als es umgekehrt der Fall war.

Uriel trat hinter Luzifer durch die Tür mit der Aufschrift „Speisesaal“ und schnappte verblüfft nach Luft: An einem Tisch in der anderen Ecke des großen, ansonsten leeren, Raumes saßen Suriyel und Gabriel! Beide hatten die Köpfe gehoben und starrten ihrerseits mit offenen Mündern zu ihnen.

„Ist das hier eine Erzengel-Konferenz? Welche Ehre, dass ich auch dazu eingeladen worden bin!“ Luzifer hatte sich als erstes erholt und tänzelnde mit breitem Lächeln quer durch den Raum zu den einzigen Gästen. „Ihr gestattet, dass wir uns zu euch setzen?“ Damit nahm er an einem der beiden noch freien Stühle Platz.

„Luzifer!“ Suriyel fixierte ihn über den Tisch hinweg. „Du komplettes Arschloch! Was hast du mit meinen Schutzengeln angestellt?“ Mit lautem Krachen schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.

Uriel legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Beruhige dich! Den Schutzengeln geht es gut! Der Idiot“, er warf Luzifer einen verächtlichen Blick zu, „ist wieder einmal auf der ganzen Linie gescheitert!“

Die Tür zum Speisesaal flog auf. Während Suriyel – weiter Luzifer mit mörderischem Blick ins Visier nehmend – wieder auf seinen Stuhl sank, watschelte ihre seltsame Wirtin herein. Wie bei ihrer Ankunft war sie, abgesehen von einem Lendenschurz, nackt. Ihre schweren Brüste ruhten auf einem großen Tablett, dass sie mit grimmigem Gesichtsausdruck vor sich her trug.

Ohne ihre Gäste eines Blickes zu würdigen, warf sie Geschirr und Besteck auf den Tisch, knallte noch einen Brotkorb, einen Teller mit Aufschnitt und eine Thermoskanne daneben und verschwand wieder.

Uriel ließ den Blick angeekelt über das altbackene Brot, die sich wellende Wurst und den von Schimmel überzogenen Käse gleiten. Der Kaffee war nur eine hellbraunen Brühe, stellte er fest, als er den Inhalt der Thermoskanne in seine Tasse kippte.

„Es gibt keine Milch“, erklärte ihm Gabriel, die seinen suchenden Blick richtig gedeutet hatte.

Seufzend griff er erst nach dem Brot und suchte anschließend mit spitzen Fingern Käsescheiben heraus, die einigermaßen schimmelfrei zu sein schienen. „Was soll man auch anderes erwarten von einem Gästehaus, dass von einer Mamo geführt wird?“

„Wieso ‚Mamo‘? Und wo sind wir hier überhaupt? Wir haben keine Ahnung, wie wir hierher gekommen sind und was wir hier sollen!“ Gabriel rang nach Luft.

„Das hier ist das Gästehaus im Mandala der Yeshe Walmo, der zornvollen weiblichen Emanation des Buddha. Ich hatte mir keinen anderen Rat gewusst, als sie in die Mühle zu rufen, um den Fluch dieses Idioten über die Schutzengel zu brechen!“ Uriel warf Luzifer einen vernichtenden Blick zu. „Die Yeshe ist während der Feuer-Puja auf der Terrasse der Mühle erschienen, hat die Schutzengel befreit – und ist samt Maria wieder verschwunden!“

Gabriel schnappte nach Luft: „Maria ist hier irgendwo?“

„Nehme ich an, ja.“ Uriel wiegte den Kopf. „Das ist zumindest das wahrscheinlichste: Dass Yeshe Walmo sie mit zu sich in ihr Mandala genommen hat. Obwohl ich von so etwas niemals zuvor gehört und gelesen habe. Aber die Yeshe wird auch eher selten angerufen, um alberne Machtspielchen von durchgeknallten Profilneurotikern zu beenden!“

Luzifer saß mit hochrotem Kopf am Tisch, starrte auf seinen Teller und schwieg.

„Und dann hast du uns gleich alle zusammen hierherbestellt? Du hättest uns vorher fragen können, ob wir das wollen!“ Gabriel konnte ihren Ärger nur mühsam unterdrücken.

„Ich habe hier überhaupt nichts gemacht! Ich wollte nach Nepal ins Bön-Kloster, den Abt um Hilfe bitten! Yeshe Walmo ist die höchste Göttin der Bön-Pos, ich dachte, er weiß eine Lösung. Aber auf dem Weg dahin hat mich auf einmal eine krasse Energie erwischt, ein extrem helles Licht – und auf einmal habe ich mich vor den Toren des Mandalas wiedergefunden. Gemeinsam mit dem da!“ Uriel wies mit dem Kinn auf Luzifer.

Der hob den Kopf: „Ich wollte ganz sicher nicht hierher kommen! Ich war gerade dabei das allererste Hochamt der Fliegen zu zelebrieren – nach 2.500 Jahren harter Arbeit – und dann machst du mir“, er spuckte vor Uriel auf den Boden aus, „alles zunichte! Du Diletant! Und was haben wir jetzt davon? Die Dämonen werden für immer die Herrschaft über die Hölle behalten und wir sitzen hier fest!“

„Ich weiß nicht, ob es die Hölle überhaupt noch gibt!“, schaltete sich Suriyel ein. „Während Gabriel und ich dort waren, gab es eine gewaltige Explosion. Die Energie war so stark, dass wir bis hierher geschleudert wurden, so wie es aussieht. Keine Ahnung, was aus den ganzen Teufeln und Dämonen geworden ist.“

Ihre Diskussion wurde von aufgeregtem Stimmengewirr unterbrochen, dass vom Flur in den Speisesaal drang. Sie hörten das aggressive Klagen der Mamo, das von einer energischen Frauenstimme übertönt wurde. „Nein! Wir wollen nicht zuerst in unser Zimmer! Wir wollen Frühstück! Wo ist der Speisesaal?“

Die Tür wurde aufgerissen. Uriel glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Herein trat die gefürchtete Dämonin Proserpina, dicht gefolgt vom gefallenen Engel Cabor, wie immer mit Zylinder und Gesichtsmaske. Der letzte der neuen Gäste musste sich bücken. Sein riesiger Kopf mit den Stierhörnern wäre sonst am Türrahmen hängen geblieben: es war der Dämon Beelzebub, stellte Uriel ungläubig fest.

Proserpina starrte ihrerseits auf die vier am Tisch Sitzenden. „Luzifer! Und dazu noch drei Erzengel! Was für eine Scheiße geht hier ab?“

Im Gästehaus

Gabriel und Suriyel finden Obdach in der Herberge des Mandala der Großen Göttin.

Hinter ihnen schloss der Wolfs-Wächter mit lautem Knall das hölzerne Tor.

Ohne den beiden Erzengeln, die er gerade eingelassen hatte, noch weiter Beachtung zu schenken, verschwand er in einem windschiefen Haus, das sich in den Schatten der großen Mauer duckte.

Gerade begann es zu dämmern. Das erste Morgenlicht fiel auf eine Ansiedlung von Holzhäusern, die rund um den großen Innenhof errichtet waren. Das Torwächter-Haus war das erste in der Reihe. Auf seinem Türposten prankte eine große Wolfsmaske.

Das Haus daneben war deutlich größer. Gabriel betrachtete fasziniert die riesige Maske eines Bullen, die über dem mächtigen Türstock hing und in der Morgensonne leuchtete. Sie schien aus Kupfer geschmiedet worden zu sein. Die beiden langen geschwungenen Hörner, die daran befestigt waren, reichten über die halbe Hausfront.

Suriyel riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte sich in Bewegung gesetzt, überquerte mit energischen Schritten den Innenhof und steuerte auf das Haus zu, das sich genau gegenüber dem Eingangstor befand. Stirnrunzelnd las Gabriel, was auf dem großen Schild geschrieben stand, das in seinem Vorgarten platziert war: „Gästehaus“.

Beschwingt rannte sie hinter Suriyel her: Hier schien es Frühstück und ein warmes Bett zu geben! Kein Wunder, dass er es auf einmal so eilig hatte!

Als sie neben ihm vor der Haustür zum Stehen kam, hatte er bereits geklopft. Kurz darauf erklangen schwere Schritte. Mit lautem Klacken drehte sich ein Schlüssel im Schloss, dann schwang die Türe auf.

Gabriel schnappte nach Luft: Vor ihnen stand eine alte Frau. Sie war – abgesehen von einem Lendenschurz – nackt. Ihre faltiger ausgemergelter Körper war rot. Schwere Brüste hingen bis zum Bauchnabel herab. Ihr schwarzes Haar stand in wirren Büscheln vom Kopf ab. Um ihren Hals trug sie eine Kette aus Knochen und Schädeln. Um ihre Hüften hing ein dicker Lederbeutel.

Die Alte musterte sie aus kleinen bösen schwarzen Augen. „Was wollt ihr so früh am Morgen?“

Suriyel schien es die Sprache verschlagen zu haben.

Gabriel räusperte sich: „Frühstück und ein Bett. Oder ist das hier kein Gästehaus?“

Die Alte zog energisch den Rotz durch die Nase und spuckte den beiden Erzengeln vor die Füße. „Doch!“

Dann trat sie zur Seite und winkte sie herein. „Aber erwartet nicht zu viel! Hier gibt es nur das nötigste, damit das klar ist!“

Gabriel stolperte hinter Suriyel in den langen dunklen Flur. Die Alte schlufte zu einem Tresen, klaubte – dabei ununterbrochen vor sich hin schimpfend – einen Schlüssel vom Bord und knallte ihn auf die Ablage. „13“. Erster Stock rechts. Badezimmer im Flur. Ich will keine Klagen hören, verstanden?“

Damit schob sie sich hinter dem Tresen hervor und watschelte zu einer Tür am Ende des Flurs. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal zu ihnen um: „Frühstück in einer halben Stunde!“ knurrte sie in ihre Richtung, bevor sie verschwand.

„Wow!“ Suriyel griff nach dem Schlüssel. „Auf das Frühstück bin ich gespannt!“

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