Mein „Probe-Wohnen“ in Friedrichshain fällt ausgerechnet auf das große Gebetswochenende im Buddhistischen Zentrum.

Als ich am Berliner Hauptbahnhof die Treppe hinunter zur U-Bahn nehme, spüre ich ein fast schon vergessenes Kribbeln im Bauch. Es fühlt sich genauso an wie damals, während der Kindheit, als das Christkind hinter der verschlossenen Wohnzimmertür die Geschenke brachte.
Heute ist nicht Weihnachten, aber dafür beginnt Mönlam!
Die Tradition dieses großen tibetischen Gebetsfestes reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Es dauert sieben Tage und wird gleich nach dem tibetischen Neujahr im Februar zelebriert.
Während des Mönlam versammeln sich Mönche und Laien, um gemeinsam für ein langes Leben ihrer Lehrer, für die Verbreitung des Dharma – der Lehre Buddhas – und für Frieden auf der Welt zu beten. In Tibet finden schon lange keine Mönlams mehr statt, die chinesischen Besatzer haben sie verboten. Aber in den großen tibetischen Exilgemeinden in Indien und Nepal werden sie immer noch gefeiert. Dann kommen jedes Jahr Tausende zusammen.
Das Mönlam im Buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain ist in allem eine Nummer kleiner: es dauert nur drei Tage und keine sieben. Es werden keine tausend Gäste erwartet, sondern lediglich um die 150. Und es findet nicht im Februar statt, sondern im September.

Aber ansonsten ist alles, wie es sein soll: Bereits seit ein paar Wochen ist ein Lama aus Nepal im Buddhistischen Zentrum zu Gast, der die riesigen Tormas – die Opfergaben – für das Mönlam vorbereitet. Suriyel hilft ihm dabei, die Formen aus Holz herzustellen, um die dann ein Getreide-Teig geknetet wird. Wenn der getrocknet ist, werden die Opfergaben aufwendig bemalt. Die Herstellung von Tormas ist eine Kunst für sich! Der bescheidene Mönch ist ein Meister seines Fachs.
Als ich, vom U-Bahn-Ausgang kommend, das Buddhistische Zentrum betrete, summt es dort wie in einem Bienenstock!
Aus der Küche klingt das Klappern von Töpfen: Gerade wird das Abendessen für die Lamas gekocht, die bereits aus allen Ecken Europas angereist sind.
Durch die Gänge und Wege des Zentrums hasten Freiwillige, kontrollieren Listen, schleppen Stühle, Teller, Gebetstexte und tausend andere Kleinigkeiten.
Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und betrete den großen Tempel. Der Blick des riesigen Buddha ruht voller Gelassenheit auf dem bunten Treiben zu seinen Füßen.
In einer Ecke schraubt die Technik-Crew am Mischpult herum. Ein paar Leute rücken Sitzunterlagen und Stühle zurecht. Jemand verteilt Meditationskissen.

Ich trete an den Altar: Noch nie habe ich so schöne und große Tormas gesehen! Sie sind perfekt geformt und von Hand bemalt. Das zentrale Torma ist der Grünen Tara gewidmet. Im zarten Halbrelief streckt sie Hand zum Friedenssegen aus.Es wirkt, als wolle sie die gläserne Statue eines Kindes beschützen, die direkt unter ihr platziert ist.
Auf meine Frage hin erklärt mir eine Nonne mit britischem Akzent auf Englisch, dass es sich um den kindlichen Buddha handelt. Er wird, so sagt sie mir, während der Zeremonien eine wichtige Rolle spielen.
Während ich die Tormas und das seltsame Kind aus Glas bestaune, betritt ein Trupp nepalesischer Lamas den Tempel. Sie nehmen vor dem Altar Platz und packen traditionelle tibetische Trompeten – Rag Dung – aus. Gemeinsam fangen sie an, darauf zu spielen. Das schrille Vibrato ihrer Instrumente hallt durch den Tempel, hinaus in die Straßen und Hinterhöfe Friedrichhains.
„Alles ist bereit!“, rufen sie. „Das Mönlam kann beginnen!“




















