This is Maria´s turn. Videos and Photos are designd by her. Thank you.


Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz
This is Maria´s turn. Videos and Photos are designd by her. Thank you.



Der morgendliche Blick in den Spiegel jagt mir Schauer über den Rücken. Wenn Maria mich sehen könnte, würde sie weinen. Kein Geheimnis gehobener Gesichtspflege ist ihr fremd. Leider ist sie 800 Kilometer weit weg. Das Kosemtikregal bei Rossmann ist nicht dechifrierbar. Ich habe nur eine vage Idee davon, wo die Shampoos aufhören und die Cremes anfangen – ohne Maria bin ich verloren.
Auf dem Weg ins Café laufe ich an einem Ladengeschäft vorbei. „Milky Spa“, lese ich. „Bubble Ozean“. Wunderbar, Problem gelöst! Dann eben eine Kosmetikbehandlung. Ich nehme die Stufen mit Elan und klingle, als ich feststelle, dass die Tür verschlossen ist. Eine gepflegte Frau Ende vierzig öffnet, perfekt gezupfte Augenbrauen, keine Botox-Lippen. Die Kosmetikerin meines Vertrauens! Sie lässt ihren Blick um meine Beine wandern und sieht mich dann fragend an. Ich hätte gerne einen Termin, erkläre ich ihr. Sie runzelt die Stirn. Versteht sie kein Englisch? Ich zeige auf meine Wange. „For my face.“ Sie schaut einen Moment verblüfft, stößt mit Schwung die Tür auf und weißt ins Innere. „But it´s for dogs!“ Tatsächlich: auf dem Behandlungstisch steht ein perfekt frisierter Tibet-Terrier und wedelt mir freundlich entgegen. Wir lachen schallend. Es ist aber auch schräg! Ich verabschiede mich und denke, dass ich zumindest ein neues polnisches Wort gelernt habe: „Psa“ heißt wohl Hund.
Als ich kurz darauf in einem Café sitze und im Online-Lexikon nachschlage, lerne ich, dass es so einfach leider nicht ist: „Hund“ heißt in der Grundform „pies“. „Psa“ ist eine Konjugation. Eines Substantivs! Es gibt auch noch „psem“, „psami“ und „psy“, erfahre ich. Himmel hilf!
Ich habe in meinem Mini-Appartement ein paar polnische Floskeln auswendig gelernt. „Dziekuje!“ heißt „Danke!“. Noch schöner ist „Dziekuje piknie!“ „Danke schön!“ Aber wenn es so weit wäre, dass ich mich für irgendwas bedanken könnte, traue ich mich nicht, es auszusprechen, weil ich denke, es klingt albern.
Am Nachmittag ergattere ich dann doch noch einen Termin in einem Kosmetiksalon. Die Kosmetikerin ist leider nicht im Ansatz so sympathisch wie die Hunde-Salon-Dame. Sie schürzt ihre üppigen Botox-Lippen und mustert mich abschätzend. Sie überlegt offensichtlich, wie viel Touristenaufschlag sie mir zumuten kann, ohne dass ich mich umdrehe und gehe. Als sie mir den Preis nennt, tippe ich auf sportliche 50%. Egal, ich nicke ergeben. „With waxing, yes.“ Es ist ein Experiment, ich bin gespannt, wie ich hinterher aussehen werde.
Maria hat mir Photos geschickt. Sie war am Morgen in Leipzig bei einem professionellen Photoshooting. Die Photographin wäre super nett und aus Saporischschja, schreibt sie mir. Ich bewundere die coole Optik. Das Photo mit Tattoo gefällt mir am Besten. Ich frage, ob ich es im Blog posten darf? „For sure!“ kommt es zurück.
Deshalb: wer Maria sehen möchte, gehe zum Blogeintrag Nummer 18 „Hipster“…
„You safed my life!“ Die Bedienung lächelt routiniert. Ich bin wohl nicht das erste Opfer der polnischen Küche, das vor Dankbarkeit über ihren veganen Kichererbseneintopf die Tischplatte küsst. Ich habe Kimchi dazu bestellt. Hinter dem Tresen steht das Bio-Limo appart nach Farben sortiert, die Bedienung trägt ihr Haar in zartem Rosa – die Subkultur hat mich wieder!
Ich denke an Maria und Vasilisa, die inzwischen gut in Deutschland angekommen sind und sich sicher gerade mit der gleichen Erleichterung, mit der ich meine vegane Suppe löffle, die Kante geben. Das Experiment „interkulturelle Akzeptanz“ wurde erfolgreich abgeschlossen, aber nur, weil beide Seiten höchste Selbtdisziplin bewiesen haben.
Vor dem Abendessen in der alternativen Suppenküche lande ich bei Rossmann. Bioladen gibt es keinen in der Innenstadt, sagt mir mein Handy, also muss es der Drogeriemarkt tun. Erst kommt ein gut sortiertes Regal mit Tiernahrung, dann ein noch üppiger befülltes mit Baby-Nahrung. Das Regal danach ist doppelt so lang wie das mit der Baby-Nahrung, perfekt ausgeleuchtet, und von oben bis unten bestückt mit allen Arten von Alkoholika.
Die „Gesund-Abteilung“ schräg gegenüber der Spirituosen ist so winzig, dass ich erst daran vorbei laufe. Protein geht noch am ehesten, lerne ich, es gibt ein paar Riegel und Shakes. Außerdem noch Trockenfrüchte, ein paar Pasten und drei verschiedene Sorten vegane Milch. Alles aus Deutschland importiert, ich habe keine Probleme damit, die Beschriftungen zu verstehen. Die Preise sind auch wie Zuhause, für Durchschnittspolen ist das sicher Luxus.
Ich komme von einem anderen Planeten.
Wer ist hier seltsam: Die Mädels mit ihrem exzessiven Alkoholkonsum, ihrer Leidenschaft für Botox und ihrem Umgang mit Sex, der konfliktfrei zwischen Porno und Puritanismus navigiert?
Oder ich, mit meinem Vegetarismus, meiner Dauerbesorgtheit über mein körperliches und mentales Wohlergehen, dem exzessiven Meditieren für die harten Highs statt Alkohol und Drogen?
Ich zahle die vegane Suppe und das Kimchi mit der Karte. „Euro or Zloty?“ fragt mich die Bedienung und hält mir das Lesegerät hin. Definitiv Euro, denke ich…
Um sechs Uhr morgens brechen die beiden auf, ich registriere es im Halbschlaf. Vasilisa muss irgendwann spät Abends wieder aufgetaucht sein, als ich bereits schlief. Ich habe alles, was ich an Wert bei mir trage, in Griffweite neben meinem Bett platziert. Sie hatte mir erzählt, dass sie mehrmals innerhalb von Tagen als Zimmermädchen gefeuert wurde, weil sie klaut wie ein Rabe. Es wäre schade, wenn unsere gerade beginnende Freundschaft an ihren Straßenkind-Instinkten scheitern würde.
Als ich um neun Uhr aufstehe, rüttelt immer noch der Sturm an den Fenstern. Auf der anderen Seite der halb überfluteten Brachfläche, die sich vor dem Appartementkomplex ausbreitet, blähen sich an einem eingerüsteten Neubau riesige graue Planen im Wind. Das seltsame Knacken ertönt. Ich hatte auf einen eigenwilligen Rauchmelder getippt, der sich an Marias banana-taste E-Zigarette stört. Aber nein, es ist ein Lautsprecher! „Uwaga! Uwaga!“ schallt es von der Decke. Dafür muss ich kein Polnisch können, die Tonlage sagt alles. Was danach kommt, ist mir ein Rätsel. Ich denke: „Scheiße!“ Netterweise folgt eine weitere Durchsage in Englisch: „Attention! Attention! There is a hazard in the building where you are currently in. Stay calm, don´t leave the room and wait for further instructions!“
Was ist „a hazard?“ Streicht ein Axtmörder durch die leeren Flure und Gänge? Oder hat der gelangweilte Concierge hinter seinem Desk im protzigen Eingangsbereich versehentlich auf den falschen Knopf gedrückt? Ich beschließe, zu duschen und zu packen, während ich auf „further instructions“ warte. Der Lautsprecher bleibt still, der Concierge hat wohl wirklich den falschen Knopf erwischt. Während ich meinen Rucksack schultere und noch mal kontrolliere, ob ich nichts vergessen habe, frage ich mich, ob der Lautsprecher auch als Mikro funktioniert? Und was sonst noch an Technik in den Appartements versteckt ist, mit der sich die gelangweilte Belegschaft die Zeit vertreibt?
Auf dem Vorplatz pfeift mir der Wind um die Ohren. Am Rand sind mehrere Wagen mit weißrussischen Kennzeichen geparkt. Unser Hippster war nicht so exotisch, wie wir dachten. Die Stadt wäre voller Belarussen, hat mir Maria erzählt, sie hört es an ihrem Russisch. Es sind nur 500 km von der Belarussischen Grenze nach Gdanzg. Die Taxifahrerin, die Daria und Maria nach dem Clubbesuch zurück ins Appartement gebracht hatte, war ebenfalls Weißrussin. Maria hat mir von ihr berichtet: dass sie von perfekter Schönheit gewesen wäre. Und viel jünger wirkend, als ihre vierundvierzig Jahre. Die schöne Belarussin hat zwei Kinder, einen Sohn von achtundzwanzig und eine Tochter von sechsundzwanzig Jahren, die mit ihr nach Gdanzg gekommen sind, so hat sie es Maria erzählt. Ich rechne nach: die Taxifahrerin hätte in Marias Lieblings-Youtube-Sendung auftreten können. Bei dem Gedanken daran, was es bedeutet, in Gdanzg an Wochenenden nachts als Taxifahrerin zu arbeiten, schaudert mich.
Ich steuere auf das Restaurant am Goldenen Tor zu, in dem wir am Sonntag Frühstücken waren. Das Buffett ist wieder üppig gedeckt, nur scheint es an Werktagen nicht üblich zu sein, dass Laufkundschaft vorbei kommt. Die Bedienung lässt ihren Blick über die Liste mit den Zimmergästen wandern und möchte, dass ich sofort zahle, als ich erkläre, ich wäre kein Hotelgast. Während ich frühstücke, tippe ich an meinem Blogtext. Es zieht sich. Lauter Krach reißt mich aus meinen Gedanken: die Bedienung stellt die Tische um, die Frühstückszeit ist vorbei. Ich frage, ob ich noch einen Kaffee haben kann? „We are closed!“ Richtig, ich sitze allein in dem großen Gastraum. Es ist mir unangenehm. „Why did you tell me?“ Sie schüttelt den Kopf: „No problem.“ Ob ich noch fertig schreiben könne, frage ich hoffnungsvoll. Selbstverständlich. Ich sitze noch mehr als eine Stunde in meiner Ecke, hebe zwischendurch die Beine, als die Putzfrau unter meinem Tisch den Boden wischt und niemand stört sich an mir. Nachdem ich den Blogtext hochgeladen habe, verabschiede ich mich herzlich von Bedienung, Barmann und Putzfrau und freue mich darüber, wie entspannt die Polen sind.
Ich kann erst um vierzehn Uhr in mein Innenstadt-Appartement und flüchte vor dem eisigen Wind in die riesige Mall. Ein Buchladen! Die Verkäuferin führt mich zu einem schmalen halbhohen Regal. Mehr an engischsprachiger Literatur wäre nicht vorrätig, erklärt sie, als sie meinen enttäuschten Gesichtsausdruck sieht. Ich hatte auf irgendwas Historisches gehofft, irgend ein Standardwerk zur Geschichte Polens oder etwas in der Art. Was sich kulturbeflissene Touristen eben zu Gemüte führen, wenn sie in Gdanzg einen Stop einlegen. Statt dessen: vier Regalbretter Flughafen-Billigliteratur. Ich suche die Reihen ab und finde ein einziges Buch eines polnischen Autors: „Travels with Herodotus.“ Ryszard Kapuscinski. Der Name sagt mir nichts, egal, zumindest ist es von einem Polen – und Penguin, ganz banal kann es nicht sein. Erst als ich vor der Kasse stehe, merke ich, dass ich ein Reisebuch erwischt habe. „Ryszard Kapuscinski was the greatest traveller-reporter of our time…“ verrät mir der Text auf der Rückseite des Taschenbuchs.
Ich muss mich durch zwei Türcodes tippen, bevor ich an meine Zimmerschlüssel komme. Das Appartement ist winzig, vierzehn Quadratmeter, es gibt nicht mal einen Kleiderschrank. Dafür ist es hell und freundlich, keine Spur von Mikrophonen, und vor der Haustür ebt und flutet das ganz normale Gdanzger Leben an einem kalten Februartag.

Telefonica schickt eine Sturmwarnung per SMS. Der Wind rüttelt an den Fassaden und treibt laut pfeifend Schneeregen durch die Gdanzger Altstadt. Maria und Vasilisa verschwinden in irgendeine Mall, ich bleibe im Restaurant zurück und tippe meinen Tagesblog herunter.
Ich habe die beiden wieder zum Frühstück ausgeführt, Vasilisa hat auf ein polnisches Restaurant bestanden. Es gäbe nichts besseres als polnisches Essen, erklären mir beide. Die Frühstückskarte ist netterweise mit englischen Untertiteln. Ich lerne, dass ohne Waffeln nichts geht in der polnischen Küche: Waffeln mit Ei Benedikt und Würstchen, Waffeln mit Nutella-Pfannkuchen – sogar das Müsli wird mit Waffel angeboten! Ich nehme das Müsli mit Kaffee, die beiden anderen Ei Benedikt und Nutella-Pfannkuchen. Mit Sekt. Sie prosten mir ausgelassen zu.
Das Müsli ist mit einer riesigen Waffel dekoriert und üppig mit Puderzucker bestäubt. Während ich mich hindurch arbeite, bekomme ich die Photos von gestern vorgeführt, Maria muss ihren Instagram-Account füttern – für all die armen Jungs, die keine Telefonnummer von ihr bekommen haben. Sie beherrscht Photoshop wie der Stardirigent das Synphonieorchester, ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie es hinkriegt. Und auch die Posen: die Welt eine Bühne.
Als ich mit dem Tippen fertig bin, zahle ich, freue mich wieder einmal darüber, wie günstig hier alles ist, und frage per WhatsApp nach, wo die beiden stecken. Immer noch in der Mall, es dauere noch, ich bekomme ein aufgekratztes Photo aus der Umkleidekabine.
Draußen pfeift mir der Wind um die Ohren. Ich ziehe mir die Kapuze der Regenjacke über den Kopf und laufe los, heraus aus der geradezu künstlich perfekt sanierten Altstadt in Richtung Hafen. Riesige Möven segeln in der Höhe elegant im Sturm, Menschen hasten an mir vorbei, es ist Montag. Rosenmontag. In Gdanzg scheint keiner Fasching zu feiern.
Morgen fahren Maria und Vasilisa nach Berlin, Maria hat heute früh gleich nach dem Aufwachen Blablacar gebucht. Ich bleibe und habe meinerseits ein kleines Appartement in der Altstadt gebucht. Den osteuropäische Mittelschichtstraum, in dem wir jetzt untergebracht sind, finde ich schaurig. Maria und Vasilisa sind beide im Plattenbau aufgewachsen, für sie scheint der gesichtslose riesige Appartementkomplex mit dem gelangweilten Concierge, Spa, Gym und den verspiegelten Aufzügen der Inbegriff von Luxus zu sein. An jedem Durchgang muss der Türcode eingetippt werden. Ich finde es klaustrophobisch, die beiden anderen scheint es zu beruhigen. Wir Innen, die Anderen ordentlich ausgesperrt draußen.
Ich laufe im Schneeregen ziellos umher. Aus der Ferne winken riesige Kräne. Es geht eine vierspurige Ausfallstraße entlang, links und rechts davon halb verfallene Fabrikgebäude. Ich umkreise riesige Pfützen, die sich in den Löchern des zerborstenen Asphalts sammeln. Ab und zu rumpelt ein LKW an mir vorbei. Aus der Nähe wirken die Kräne wie versteinerte Riesen. In der Bewegung verhext. Nichts regt sich auf dem riesigen Gelände, nur die Möven kreischen in der Höhe.
Müde und ausgefroren falle ich am Nachmittag neben Maria ins Bett. Vasilisa ist entschwunden, sie muss für die Reise nach Berlin packen. Maria hat ihren Instagram-Account auf den neuesten Stand gebracht. „Oh no!“ Sie hält mir das Handy hin. „I found Daria.“ Richtig, das ist Daria, ordentlich gephotoshopped, bei Maria sieht das deutlich besser aus. Maria scrollt vor meinen Augen Darias Photos. Wir sind beide schockiert. „What does she think?“ Viel nackte Haut und höchst aufreizende Posen. Ich hatte schon etwas in der Art befürchtet, als ich Daria am Sonntag beim Frühstück fragte, was sie denn arbeiten würde und mir Vasilisa ein vages „nichts Konkretes“ übersetzte. Die Photos im Account hat sie definitv nicht selbst aufgenommen, sie hat sich für irgendwen in Pose geworfen. Ohne Zweifel ein Mann, der voeyristische Blick ist unverkennbar. Wir betrachten beide den mageren Körper, der sich in einem kurzen Videoclip lasziv an einer Wand reibt. So wie es aussieht, wird Daria effektiv vermarktet.
Während wir die Katastrophe betrachten, plärrt gegenüber an der Wand der Fernseher. Auf Russisch. Als Maria die Sendung gestern das erste Mal aufrief, war ich schockiert: „You are watching Russia TV?“ Maria verstand meine moralische Empörung nicht: „It´s not TV. It´s on Youtube. And the guy is Belarus! I love him.“
Der von Maria angebetete Moderator ist ein kraftsportgestählter Typen mit Bart und Haifischgrinsen, der auf der rechten Bildschirmhälfte in Maschinengewehrgeschwindigkeit in die Kamera rattert. Auf der linken Hälfte läuft etwas anderes, da sitzt ein Mädchen heulend mit einer älteren Frau, die wohl ihre Mutter ist. Ich verstehe wieder einmal nichts. „What´s the story about?“ Maria strahlt: „It´s about girls who get pregnant at sixteen.“ Ich verstehe immer noch nichts. „It´s a TV series about pregnant girls?“ „Yes!“ „That´s interesting?“ Maria nickt. „Yes. I love how stupid they are.“ Ich bin fassungslos und flüchte mich in Zynismus. „At least they couldn´t cover you anymore. You crossed the age gap.“
Nachdem das Baby glücklich geboren und der pickelige Vater die stark geschminkte Mutter mit einem Blumenstrauß an der Kliniktür empfangen hat, können wir uns der ersten Unterrichtseinheit „Kartenlegen“ widmen. Vasilisa ist immer noch verschwunden, sie antwortet wieder einmal nicht auf Textnachrichten, Maria ist genervt. Also kriegt Maria die Einführungsstunde exklusiv. Wir machen zwei Runden: erst kriegt sie eine Legung von mir und ich erkläre die Fußnoten dazu. Dann legt sie mir die Karten und ich kontrolliere, ob sie auch den Subtext verstanden hat.
Ich drehe Marias Karten um und siehe da – oben rechts „der Teufel“. „Oh no, Maria, I am sorry, that´s not good!“ „Der Teufel“ ist die negativste Karte im Deck, erkläre ich ihr, eigentlich ist es üblich, die anderen Karten nicht mehr zu deuten, weil „der Teufel“ so dominant ist, dass alles andere ohne Bedeutung ist. Ich interpretiere die Karten psychologisch, deshalb finde ich diese hilflose Haltung nicht zielführend. „Der Teufel“ hat einem immer was zu sagen. „It´s about shadows,“ erkläre ich Maria, „a surpressed unconscious theme who present itself through an incident in the outside.“
Danach bin ich dran, sie übernimmt die Rolle der Interpretin und dreht meine Karten um. Siehe da: auch ich habe „den Teufel.“ Maria grinst und streckt mir über die Karten hinweg ihre Hand hin. Ich schüttelte sie: willkommen im Club! Sie macht ihre Sache gut, es ist auch für mich erhellend, was ihr alles zu meiner Legung einfällt.
Warum sich immer alle freuen, wenn ich zu Besuch komme?
…. Weil ich unkompliziert, nett und unterhaltsam bin?
Völlig falsch: weil ich Karten legen kann! My biggest asset – und ein Alleinstellungsmerkmal. Ich kenne niemanden, der es so gut kann wie ich. (Die einzige, die es besser konnte, ist vor ein paar Jahren in Rente gegangen.) Das sage ich, obwohl ich normalerweise kein gutes Haar an mir lasse – ich glaube, z.B. nicht wirklich, dass ich gut schreiben kann. Aber Kartenlegen, das kann ich.
Maria, die von dieser Fähigkeit im Schnitt drei Mal pro Woche profitiert, hat es Vasilisa schon vor unserer Ankunft per Text-Nachricht verkündet. Die will bitte sofort eine Legung. Ich weigere mich, ihr die Karten während des Frühstücks im Restaurant zu legen. Ich bin schließlich im Urlaub, es reicht, dass ich, von Britney Spears beschallt, meinen Blog-Text runtertippen muss.
Als ich damit fertig bin, schicke ich Maria eine Textnachricht, sie holen mich mit Uber ab. Ohne Daria, die hätte von sich aus beschlossen, dass es an der Zeit für sie war, nach Hause zu gehen, versichern mir beide.
Wir fahren an die Ostsee. Der Parkplatz ist bis auf den letzten Platz belegt, es ist Sonntagnachmittag. Wir laufen mit Familien, Pärchen und Hundebsitzern einen Wanderweg entlang. Hinter dem Deich weißer Sandstrand. Maria und Vasilisa rennen kreischend in Richtung Meer, jetzt sind sie besoffen von der Natur.

Ich wandere völlig versunken den Strand entlang, der eisige Wind pfeift mir um die Ohren, über mir kreischen Möven. Als ich schon fast am Ende der Bucht angekommen bin, eine Textnachricht von Maria. Wo ich stecken würde? Ihnen wäre kalt, sie wären müde! Ich drehe um, stemme mich gegen den Wind und lasse schweren Herzens die See hinter mir.
Wieder zurück im Appartement gibt es kein Entkommen mehr. Vasilisa kriegt Raider-Waite, die Anfänger-Karten. Sie sind am plastischsten. Und am nüchternsten, ideal für Beruf und Zukunft. Vasilisa will wissen, wie es in ihrem Leben weiter gehen soll?
Während des gestrigen Abendessens hat sie mir erzählt, dass ein Freund von ihr in den Niederlanden lebt und sie gefragt hat, ob sie nicht zu ihm kommen möchte. Er arbeitet in einer Sandwich-Fabrik, sie würde dort auch einen Job bekommen. Nein, sie hätte keine Beziehung mit ihm, er sei schwul, erklärt sie mir. Als der Krieg begann, hätte er die Ukraine illegal verlassen, um der Einberufung zu entgehen. Er könne nie mehr zurück, ihm drohen in der Heimat zehn Jahre Haft wegen Fahnenflucht. Deshalb würde er sich in den Niederlanden ein neues Leben aufbauen und hätte sie gerne bei sich. Vasilisa spricht nach zwei Jahren in Gdansk fließend Polnisch. Ihr Englisch ist sehr überschaubar. Ich bin skeptisch, ob das eine gute Idee ist: „You would have to learn Dutch. It´s not easy. A lot like German.“ Sie bekommt einen sturen Zug um den Mund. „I can manage.“
Das Kartenlegen lohnt sich auf alle Fälle, ich lasse sie mischen und abheben. Ihre Legung beeindruckt mich. „You have to listen to the voice of your heart,“ erkläre ich ihr. „You should trust your inner guidance.“ Visilsa scheint intuitiv zu sein, solche Karten sind selten. Sie könnten von mir sein.
Vasilisa hat mich von Anfang an fasziniert. Wie Maria ist sie blitzgescheit, ich bin beeindruckt von ihrer Auffassungsgabe. Und sie hat dieselbe Vitalität und Energie, die auch Maria und ich teilen. Außerdem sieht sie mir ähnlich. Ich bin mir sicher, dass die Bedienungen in den Restaurants, in denen wir einkehren, davon ausgehen dass hier Mutter und Tochter sitzen, begleitet von einer Freundin der Tochter. Und sie ist, wie Maria, aus Shaporischschja. Ob auch ihre Eltern und Großeltern von dort kämen? Sie nickt. „You should tell Vasilisa the story about my grandfather and Shaporischschja,“ sage ich zu Maria. Das hätte sie bereits getan, erklärt sie mir, Vasilisa wisse Bescheid. Vasilisa nicht dazu.
Vasilisa versteht sofort, wie Tarot funktioniert. Sie leidet an extremen Ängsten, sagen die Karten, deshalb fällt es ihr so schwer, ihrer Inneren Stimme zu trauen. Kein Wunder, bei der Kindheit. Ich fasse einen Entschluss: „You know, Vasilisa, it seems, it´s about time that you learn how to read Tarot for your own. It will help you to calm yourself and will teach you how to follow your inner guidance. I will explain to you how it works.“
Um vier Uhr morgens tauchen Maria und Daria wieder auf, Vasilisa ist vor dem Club verloren gegangen. Maria ist nicht besorgt, sondern verärgert. „We texted her many times, she doesn´t answer! And she is so drunk!“ Die anderen beiden auch, Daria bricht auf dem viel zu kurzen Sofa zusammen, Maria fällt neben mir ins Bett. Eine Stunde später ist auch Vasilisa wieder da, sie schläft auf dem Fußboden.
Am späten Vormittag stehen wir vor dem Appartementkomplex, die Mädels blinzeln mit verqollenen Augen in die Sonne. Der Vorteil an Gin ist, dass man ihn nicht riecht, merke ich. So besoffen wie sie immer noch sind, müssten sie nach Alkohol stinken, aber nein. Maria verkündet, dass sie ihre Mutter per Videocall anrufen muss. „She will be happy that you are still alive.“ Ganz kann ich mir meine Missbilligung dann doch nicht verkneifen. Während Maria telefoniert, erzählt mir Vasilisa in gebrochenem Englisch von ihrer Nacht. Sie hätte dem Typen, der sie im Club aufgegabelt und ins Taxi befördert hätte, in den Schoß gekotzt. Worauf er sie aus dem Taxi warf, sie sich ein eigenes orderte und glücklich wieder bei uns auftauchte. Eine drastische, aber effektive Methode, sich schlechten Sex zu ersparen, denke ich mir.
Ich habe alle zum Frühstück eingeladen, wir laufen an einem Kanal entlang durch die schöne Altstadt, voran Vasilisa mit Daria, Maria folgt mit mir. Sie macht eine rüde Geste in Richtung Daria. „I am going to kick her! She is full of shit!“ Vielen Dank und guten Morgen, denke ich mir. Das letzte, was ich vor der ersten Tasse Kaffee des Tages gebrauchen kann, ist eine lautstarke Prügelei in der Fußgängerzone. „Please, Maria, behave!“ Den Ton packt sie nicht, ganz besonders, wenn sie noch betrunken und noch dazu im Unterzucker ist. „She deserves it. You have no idea how she talked about us!“ Daria läuft nur fünf Meter vor uns, sie versteht kein Wort Englisch, Maria sieht keinen Grund, ihre Stimme zu dämpfen. „Never talk about other persons mistakes and errors,“ spule ich automatisch runter. Die eherne Buddhismus-Regel bringt Maria erst recht auf die Palme. „SHE talked about our errors. Am I not allowed to tell you what she said about you?“ Ich mühe mich um Präsenz. „Listen, Maria, let´s have a cup of coffee and a bit of food and afterwards you will get rid of Daria. In a peaceful way, please.“
Vasilisa lotst uns in ein Restaurant am Goldenen Tor, das üppige Frühstücksbuffett beruhigt die Gemüter. Ich setze mich neben Daria, die drei Stück Obst und einen Hauch von Joghurt auf ihrem Teller platziert hat und in Zeitlupe daran herumstochert. Sie wirkt völlig überfordert und verloren, das zwanghafte Essen dient wohl dem Angstmanagement. Sie tut mir leid, mit Anfang zwanzig komplett allein in einem fremden Land, das ist hart. Sympathisch ist sie mir trotzdem nicht.
Die anderen beiden bestellen Bier statt Kaffee und prosten mir mit Elan über den Tisch zu. It´s just another day in Paradise….
Mich schaudert: auf dem Tisch der Ferienwohnung steht zwischen Tellern mit Gemüse, gegrillten Würstchen und einem misshandelten Lachsfilet eine Flasche Gin. Über dem Sofa räkeln sich auf einem riesigen Bildschirm spärlich bekleidete Frauen zu russischem Rap, irgendein Musiksender. Vasilisa, Marias Freundin, öffnet mir gegenüber den Billigsekt, der Korken knallt an meine Stirn. Ich lache schallend, „treffender“ lässt sich die Situation nicht auf den Punkt bringen.
Vasilisa hat mit Daria, einer Freundin aus Charkiw – auch sie alleine in Polen – schon in der Ferienwohnung auf uns gewartet, sie haben für uns gekocht. Ich freue mich über das Essen, ignoriere Gin und Sekt und lade mir von dem Lachs auf meinen Teller. Vasilisa mustert mich interessiert über den Tisch. „You don´t eat meat?“ Das scheint ihr noch nicht oft untergekommen zu sein. „No.“ Sie runzelt die Stirn. „Why?“ „I am a Buddhist.“ Damit kann sie offensichtlich nichts anfangen. Maria erklärt auf Ukrainisch, Vasilisa nickt und schaut weiter verständnislos.
Die drei kippen energisch Sekt und Gin in sich hinein, ich nippe an meinem Wasserglas und stelle mich auf anstrengende Stunden ein. Vasilisa ist schön, ich bewundere ihre perfekten Gesichtszüge. Sie ist von kräftiger Statur. Daria ist dafür um so schlanker, sie stochert neben mir in ihrem Gemüse herum und wirkt dabei wie tiefgefroren. Eine klassische Anorektikerin. Beide sind noch ein bisschen jünger als Maria, gerade mal zwanzig.
„Du würdest keine drei Monate dort überleben!“ Während ich die drei Ukrainerinnen beobachte, die sich gerade gemeinsam die Kante geben, fällt mir der Kommentar meines polnischen Zen-Lehrers ein, nachdem ich ihm von der Ukraine vorgeschwärmt hatte. Wie lebendig und vital alles dort gewesen wäre. Er hat recht. Dafür fehlt mir die Härte. Und der Überlebensinstinkt.
Vasilisa hat in Shaporischschja einige Zeit als Straßenkind überlebt. Maria hat sie damals, mit sechzehn, aufgelesen und ihr Wohnung und Job besorgt. Dabei ist sie gerade mal zwei Jahre älter.
Ich habe kein Gefühl für Gefahren. Während der Ukraine-Reise war es nur dem beherzten Einreifen eines Mitreisenden zu verdanken, dass ich am Hauptbahnhof von Kwiw einem Überfall entging. Ich trabte am frühen Morgen unausgeschlafen ein paar Meter hinter der Reisegruppe den langen Gang zu den Bahnsteigen entlang und war so in Gedanken versunken, dass ich die jungen Frauen nicht bemerkte, die mich – zwischen den Seitengängen auftauchend und wieder verschwindend – umkreisten wie Haifische den Thunfischschwarm. Zwei zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, als sie sich, direkt vor mir laufend, lautstark und handgreiflich zu streiten begannen, während sich eine dritte hinter mir an meinem Rucksack zu schaffen machte. Der Serbe, der vom Reiseleiter als „Nachhut“ abgestellt worden war, packte energisch zu und zerrte sie gerade in dem Moment weg, als sie den Reißverschluss öffnete. Ich war geschockt. Auch über seine Ausdrucksweise: „Zigeuner!“ Wenn, dann hieß das „Sinti und Roma“!
Ein paar Tage später, auf der Rückreise von Charkiw, erging es uns am Hauptbahnhof von Kwiw noch schlechter: als die Reisegruppe die schweren Koffer vom Bahnsteig zum Ausgang hochschleppte, kamen uns auf der viel zu engen, steilen Treppe eine Gruppe dieser „Sinti und Roma“ entgegen und stießen zwei Frauen aus der Gruppe die Treppe hinunter. Die beiden stürzten, rissen die hinter ihnen Kommenden mit, die Koffer purzelten die Stufen hinunter. Wieder verhinderte der Serbe durch sein beherztes Eingreifen, dass der Überfall erfolgreich verlief. Die Frauen – beide schon über siebzig – blieben, bis auf ein paar Schürfwunden und Blutergüsse unverletzt, aber es hätte auch anders ausgehen können.
Die sanfte stille Maria verwandelt sich in ein Raubtier, kaum hat uns der nette Thomasz am Vorortbahnhof von Gdanzg verabschiedet. Sie wittert und äugt in alle Richtungen, jeder Muskel ist angespannt. Ich trabe hinter ihr her im Bewusstsein, dass sie die Sache im Griff hat.
Drei Stunden später flüchte ich auf das Bett des Einzimmerappartements, schreibe meinen Blogtext ins Reine und schaue den Dreien zwischendurch beim Saufen zu. Als die Sektflasche komplett und die Ginflasche halb geleert sind, machen sie sich ausgehfein. Der Musiksender wird bis zum Anschlag aufgedreht, diverse nabelfreie, tief dekoltierte Bustiers präsentiert. Ich bin beeindruckt davon, wie gerade die Drei noch laufen können. Um elf Uhr Abends brechen sie in irgendeinen Club auf, ich wünsche viel Spaß und drücke meine Hoffnung aus, dass sie lebend wieder zurückkommen mögen. „Don´t worry!“ ruft Maria noch, als sie, inzwischen mit deutlicher Schlagseite, hinter den anderen Beiden aus dem Appartement rauscht.

Maria tritt erschrocken einen Schritt zurück. Der Mann, der uns auf dem Bahnsteig des Vorortbahnhofs von Gdanzk angesprochen hat, wechselt vom Englischen ins Russische und fängt an, wild gestikulierend auf sie einzureden. Ich verstehe nur „Putin“ und „Lukaschenko“. Als er Luft holt, weißt Maria auf mich: „She doesn´t speak Russia.“ Der Mann wendet sich mir zu und wechselt wieder ins Englische: „Where are you from?“ „Germany.“ Er sieht mich beeindruckt an. „And you?“, frage ich ihn. „Belarus“. Jetzt schaue ich beeindruckt, einen Weißrussen habe ich noch nie getroffen. Und er noch nie jemanden aus Deutschland.
Wir taxieren uns gegenseitig. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig, klassischer Hipster, Dreitagebart, schwarzer Hoodie. Er holt wieder tief Luft und lässt dieselbe Tirade noch einmal auf Englisch los: Lukaschenko und Putin wären des Teufels und alle Russen würden mit ihnen zur Hölle gehen. Die Kraftausdrücke schiebt er auf Russisch dazwischen, dafür scheint sein englischer Wortschatz nicht auszureichen. Ich betrachte ihn besorgt, er steht schwitzend vor uns und wirkt agitiert. Ich versuche, Struktur in die Sache zu bringen: wie lange er schon in Polen wäre? „Four month.“ Er ist der erste männliche Flüchtling, den ich treffe. Ob er sein Land illegal verlassen hat, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf: nein, mit Visum, complitly legal. Als er meinen konfusen Gesichtsaudruck sieht, schiebt er nach: er hätte in Minsk IT studiert und würde als Sicherheitsexperte für ein amerikanisches Softwareunternehmen arbeiten. Die hätten alles organisiert, inklusive einer Wohnung für ihn hier in Gdansk. Von dem Typus Flüchtling habe ich bisher nur in der Presse gelesen.
Ich habe ihn nur kurz abgelenkt, er verfällt wieder wild gestikulierend in seine Hasstirade auf Putin und die Russen. Die habe ich in den letzten Monaten – in mehr oder weniger gutem Englisch, manchmal auch mithilfe von Google-Übersetzer – in diversen Variationen gehört. Bisher immer nur von Ukrainerinnen. Jetzt also ein Weißrusse. Ich unterbreche ihn: wie es wohl der russischen Bevölkerung damit geht, dass alle Welt sie so sehr hasst?
Er redet noch einen Takt schneller: sie wären es gewohnt! Schon seit Jahrhunderten dächten die Russen, dass alle Welt sie hassen würde, erklärt er mir. Es wäre in ihre Kultur eingeschrieben: Russland, umzingelt von bösartigen Neidern, die sie für ihre kulturelle Überlegenheit und ihre moralische Reinheit hassen. Er spukt es geradezu aus: „moral purity!“ Er holt Luft: „They are psychotic! Schizophrenic!“ Er starrt mir in die Augen: „Do you understand ´schizophrenic´?“ Als ich nicke, fährt er schwitzend und wild gestikulierend fort: „In Russia, there is only love and peace, holy family, fucking shit! And at the same time, drunken women are throwing there babies out of the windows! Russians are angels, the rest of the world are devils, so everyone deserves, what they are doing.“ Wieder die Gyalpos, denke ich. Und vor mir scheint einer zu stehen, der ihnen nicht wirklich entkommen ist.
Der Zug fährt ein, der weißrussische Hipster lässt sich mir gegenüber auf den Sitz fallen. Ich bin dankbar, dass er das Thema wechselt. Gerade wäre er an einem Fahrradladen vorbei gekommen. Die hätten endcoole Räder, personalised, you know? Er hätte gerne eines, erzählt er. Ich lache auf: „You are the perfect Hipster.“ Er zuckt mir gegenüber zusammen und fängt wieder an zu schwitzen: „I hate Hipsters!“ Was soll ich dazu sagen? Ich versuche, ihn zu besänftigen: „It was a joke!“ Er rutscht wieder in eine Tirade: „No, realy, I hate them. I am not a Hipster!“
Dankenswerterweise taucht Maria auf, sie hat die Zugtickets organisiert, ein Glück, dass sie einigermaßen Polnisch versteht. Der Hipster-hassende weißrussische Hipster will ihre Telefonnummer. Sie hält ihm ihren Instagram-Account unter die Nase. Das kenne ich schon: die schöne Maria wird ständig von Männern um ihre Nummer gebeten. Weil sie ein gutes Herz hat und Ärger vermeiden möchte, bekommen die, die für weitere Kontakte nicht in Frage kommen, den Instagram-Account angeboten. Besser als ein kränkendes „Nein“. Er starrt erst auf ihr Handy dann in ihr Gesicht: „You are a Tattoo-Artist? I hate Tattoos! Roality never had to mark itself!“
Wortlos schiebt Maria den Ärmel ihres Anoraks zum Ellbogen und präsentiert ihm ihren von oben bis unten tätowierten Unterarm. Ich schalte mich ein: „You know, in Europe we try to accept everyone at his own terms. As long as it doesn´t harm you it´s not your business. It is called ´liberalism´“. In seinem Kopf rattert es: „Yes, yes, I love liberalsm! I try to accept everything!“ Er springt auf, der Zug hält an dem Bahnhof, an dem er aussteigen will. Wir wünschen ihm einen schönen Abend und sehen ihm nach, wie er auf dem Bahnsteig verschwindet. „Poor Guy.“ Maria seufzt auf. „Let´s hope he will arrive in Europe someday.“

Ich bin erleichtert: das erste Mal seit einem Monat kann ich mich wieder an meine Träume erinnern. Nach einem Albtraum während des Vajra Armor Retreats im Januar kam der großen Blackout.
Danach sind die Träume einfach verschwunden. Weg!
Weil für mich Träume genauso valide sind wie Wachgeschehen, taste ich mich wie blind durch die Tage und ängstige mich. Mein Herz brennt, der Herzschlag fühlt sich höchst ungesund an: ich quäle mich mit dem Gedanken, ich könne einen Herzinfarkt bekommen.
Im Dezember die Rohatsu – das härteste Retreat meiner Zen-Linie – und gleich danach, im Januar, die drei Vajra-Armor-Retreats bei meiner Khandro noch oben drauf.
Ich zeigte mir im Spiegel selbst einen Vogel, während ich meine Augenringe inspiziere.
Nicht nur meine Träume sind mir abhanden gekommen, auch meine Romanfiguren sind verschwunden, ich kann nicht arbeiten.
Um Zugang zu ihnen zu haben, muss ich entspannt sein.
Dazu gibt weder mein Inneres noch mein äußeres Leben Anlass: ich schlage mich mit den Altlasten meiner früheren Existenz herum und als ob das nicht schon genug wäre, kollidiere ich mit meinen verwunschenen Mitbewohnern.
Der Schock ist beiderseit. Diese Vehemenz hätten sie mir nicht zugetraut – und ich mir auch nicht.
Leider habe ich keine Ahnung, wie ich die neue Energie, die mich aus der Tiefe meines Körpers überschwemmt, kanalisieren und dosieren soll. Ich vibriere vor mich hin und bin ernsthaft besorgt um mein körperliches und seelisches Wohlergehen.
Lange halte ich das nicht mehr durch.
Ein Abendessen mit Maria bringt die Rettung. Ob ich Lust hätte, mit ihr nach Polen zu fahren? Sie würde eine Freundin besuchen, die schon vor dem Krieg aus Saporischschja nach Gdansk gezogen ist und wäre glücklich, wenn ich sie begleiten würde.
Die Ferienwohnung ist gebucht, sie zeigt mir Photos. „For sure,“ antworte ich. „I never have been to Poland.“ Maria schiebt ihr Handy wieder in die Handtasche und nickt zufrieden. „But you have to accept that we will get drunk. It´s our habit when we are celebrating.“
„And you have to accept that I will not get drunk. It´s my habit when I am celebrating.“
Wir hatten das schon öfter, accepting cultural differences nennt sich das wohl.
Nachdem die Details geklärt sind, diskutieren wir die Konsequenzen. Wir sind uns beide einig, dass diese Reise speziell ist. Keine Ahnung warum – wir brechen zu einem Kurztrip nach Polen auf – aber irgendwas wird passieren. Etwas wirklich wichtiges!
Wir spüren es beide.
Beide haben wir keine Ahnung, was es sein könnte.
Am nächsten Tag beschließe ich, über die Polen-Reise zu bloggen. Was immer auch passieren wird, ich werde darüber schreiben. Für mich, für Maria – und für alle anderen, die in unserem Leben von Bedeutung sind.
Ich lade WordPress herunter, buche noch ein bisschen Service dazu und starte mein Experiment. Bis wir aufbrechen, werde ich die Vorgeschichte erzählen, beschließe ich. Wie es dazu kam, dass Maria und ich befreundet sind und gemeinsam nach Danzig fahren.
Ich habe genau elf Tage.
Am Abend des elften Tages lade ich den letzten Text hoch. Der Blog ist im Hier und Jetzt angekommen. Als ob mein Unbewusstes auf diesen Augenblick gewartet hätte, kehren in der Nacht auch die Träume zurück.
Draußen prasselt der Regen gegen die Scheiben. Ich ziehe mir die Regenjacke über, bevor ich den Treckingrucksack schultere. Thomasz wird uns vor Marias Haustür aufsammeln und nach Danzig bringen. Für schlappe vierzig Euro pro Person. Ich hatte den Service von Blablacar unterschätzt…
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