This Water runs East

Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

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Zwölf: Verbunden – Teil zwei

Vorne wacht der Lehrer, hinten blüht die Sangha…

Vier Dinge braucht es, um erleuchtet zu werden:

Buddha: das Vertrauen in die eigene Buddha-Natur

Dharma: die Lehren des Buddha

Lama: den spirituellen Lehrer

Sangha: die spirituelle Gemeinschaft

Das Vertrauen in die eigene Buddha-Natur bildet den „Motor“ – den Antrieb – für die Praxis. Es ist tief im Unbewussten vergraben wie ein Samen, der darauf wartet, dass er von Wärme und Feuchtigkeit zum Leben erweckt werden wird.

Wenn die Umstände günstig sind, beginnt dieser Samen zu keimen, zarte Wurzeln zu schlagen, sich beharrlich an die Oberfläche zu arbeiten. Die „Sonnenstrahlen“, die das zarte Pflänzchen ins Leben gerufen haben, können von einem spirituellen Lehrer ausgeschickt worden sein, von eine kraftvolle Sangha, manchmal auch von einem Praktizierenden, der genug Verdienste angesammelt hat, um andere daran teilhaben zu lassen.

Das Vertrauen in die eigene Buddha-Natur ist das tiefe Wissen darüber, in der Essenz energetisches Bewusstsein zu sein, das von allem Leid befreit werden kann. Nur wenn dieses Wissen aktiviert worden ist, kann der Weg gegangen werden. Aber auch dann ist er hart und steinig. Und an jeder Kreuzung lauert Mara – der buddhistische Teufel – um den Praktizierenden zu täuschen und in die Irre zu führen.

Deshalb ist ein guter Lehrer existentiell. Und eine starke Sangha – eine Gemeinschaft von Praktizierenden. Der Lehrer führt und leitet, die Sangha hält und unterstützt.

Ich habe vortreffliche Lehrer – und gleich zwei gute Sanghas. Die eine – meine Zen-Online-Sangha – trägt mich durch ihre zuverlässige Präsenz: jeden Morgen und Abend sind wir via Zoom miteinander verbunden. Wir meditieren gemeinsam, ich kenne inzwischen ihre Sitzecken und Wohnzimmer. Siehe da, Jürgen und seine Frau sind gerade im Urlaub, sie meditieren um sechs Uhr morgens auf den Fahrersitzen ihres Wohnmobils. Und Ute sitzt schon im Garten, bei diesen Temperaturen! Wenn wir uns zu Sesshins am Hof treffen, gibt es immer ein Hallo: „Sitzt du nicht auch immer mit mir?“ Aber während der Retreats wird geschwiegen. Ich kenne und mag viele, näheren Kontakt habe ich zu niemandem.

Glücklicherweise habe ich noch meine Tantra-Sangha. Im Tantra ist es etwas Besonderes, mit anderen Schülern eine gemeinsame Praxis und einen gemeinsamen Lehrer zu teilen. Man wird zur Dharma-Schwester und zum Dharma-Bruder – zur spirituellen Verwandtschaft – mit der man auf vielfältige Weise verbunden ist.

Als die Khandro uns im Januar nach dem letzten Durchgang des Mantra-Retreats verabschiedete, hat sie uns genau das bescheinigt: dass wir eine richtige Sangha geworden sind. Sie würde es spüren, wir hätten jetzt als Gemeinschaft die richtige Energie. Viele von uns würden schon seit Jahren gemeinsam praktizieren, und jetzt, wo wir auch noch einen festen Ort gefunden hätten, wären wir zusammengewachsen, erklärte sie uns und freute sich sichtlich darüber. Wir konnten ihr nur zustimmen, genauso hatte es sich auch für uns angefühlt.

Jetzt – während der Retreats im März – vermisse ich meine Dharma-Schwestern und Brüder. Wir waren anfangs vier Praktizierende, eine hat uns gestern verlassen, jetzt sind wir nur noch zu dritt. Und das bei einer so kraftvollen Praxis wie Vajrakilaya! Während ich zu den Trommelschlägen des Rinpoche gemeinsam mit den beiden Anderen laut die Texte rezitiere, spüre ich die Leere an der gegenüberliegenden Wand. Es fühlt sich an, als wäre da ein Loch, das ich ständig mit Energie füllen muss.

Es kommt mir vor, als würde ich ihre Anwesenheit spüren, ein seltsames Gefühl, das mich immer wieder überkommt, während ich völlig in der Rezitation aufgehe und die tibetischen Silben mit der Kraft meines Wurzel-Mantras ausstosse. Es sind drei aus der Sangha, von denen ich das Gefühl habe, sie müssten eigentlich da sein. Zwei Dharma-Brüder, eine Dharma-Schwester.

Mit der Dharma-Schwester habe ich gestern lange telefoniert, wir sind uns verbunden, tauschen fast täglich Nachrichten aus. Sie hat eine phantastische Energie, schillernd und kraftvoll, es ist immer ein Genuß, mit ihr zu praktizieren. Kein Wunder, dass ich sie vermisse.

Während der Pause am Nachmittag sehe ich zu meiner Verblüffung, dass einer der beiden Dharma-Brüder – und zwar der, der mir gefühlt gegenüber sitzt – versucht hat, mich anzurufen. Na so etwas! Ich habe ihn erst im Januar kennengelernt, wir führten ein einziges – intensives – Gespräch, tauschten Telefonnummern aus und das war es dann gewesen. Was will er auf einmal von mir? Am Abend rufe ich zurück. Er ist erstaunt, als er hört, dass ich gerade bei Uriel und im Retreat bin. „Ach, ist da gerade was?“ fragt er. Nein, von meinem Blog hat er auch noch nicht gehört.

Er hätte in den letzten Tagen immer wieder an mich gedacht – warum auch immer – und spontan beschlossen, mich anzurufen, erklärt er mir. Wir führen ein einstündiges Gespräch, es ist, als würden wir uns seit vielen Jahren kennen. Zum Abschied versichern wir uns gegenseitig, wie schön es war, von einander zu hören. Wir wären eben Sangha, meint er noch, bevor er auflegt.

Elf: Verbunden – Teil eins

Ich war mit leeren Händen gekommen. Über Monate hatte ich mir Gedanken gemacht, was ich ihm mitbringen solle, wenn ich ihn das erste Mal besuchen würde. Aber als der Lockdown endlich beendet war und ich aufbrechen konnte, fühlte sich nichts richtig an. Also ließ ich es. So wie er es mich gelehrt hatte.

Anderen war es leichter gefallen, ihm ihre Verbundenheit zu zeigen, sah ich, als ich ihn endlich gefunden hatte. Kerzen brannten, Blumen blühten in Vasen und Töpfen, Malas waren zwischen kleinen Engelsfiguren drapiert.

Willigis war auf dem Klosterfriedhof zwischen seinen Mitbrüdern begraben worden. Ein schmales Grab am unteren Ende der vordersten Reihe. Der Grabstein fehlte noch, ein provisorisches Holzkreuz war mit seinem Namen und seinen Lebensdaten versehen: Willigis Jäger OSB, 7. März 1925 – 20. März 2020.

Vögel sangen in den Bäumen, die entlang der hohen Friedhofsmauer ihre Äste in die warme Morgensonne reckten. Der Duft von frisch gemähtem Gras hing in der Luft, aus der Ferne klang das gleichmäßige Rauschen der Autobahn herüber. Ich stand vor seinem Grab und spürte weinend der vollkommenen Leere nach, die sein Tod hinterlassen hatte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich verstünde in der Tiefe, was es bedeutet, wenn jemand wirklich tot ist. Willigis vor vollkommend WEG! Es erschütterte mich zutiefst. Wo er doch immer so sehr DA gewesen war! Mit Willigis zu sprechen – oder auch nur in seiner Nähe zu sein – war immer mit einer geradezu existentiellen Erfahrung der Präsenz einher gegangen.

Die meisten Menschen – wurde mir in diesem Augenblick bewusst – sind „WEG“ während sie da sind und „DA“, während sie weg sind. Willigis war „DA“ gewesen als er da war und jetzt, wo er „WEG“ war, war er vollkommen verschwunden. Er würde keinen seiner Schüler oder Angehörigen als Gespenst aus der Vergangenheit quälen, er hatte keine Verstrickungen hinterlassen, mit denen er Andere über seinen Tod hinaus an sich band.

„Es ist ihm egal, dass ich DA bin“, dachte ich, während ich mir die Nase putzte und mich wieder sammelte. „Er ist längst schon weitergezogen in ein anderes Universum oder eine andere Dimension. Nichts hat ihn zurückgehalten zu gehen, als es für ihn an der Zeit gewesen ist.“

Ich zog das eiserne Friedhofstor hinter mir zu und trat aus dem Schatten der hohen Bäume in die warme Sommersonne. Auf einmal segelte direkt vor mir eine Taubenfeder vom Himmel. Ich streckte die Hand aus und fing sie ihm Flug. Verblüfft schaute ich nach oben: der strahlend blaue Himmel über mir war leer, weit und breit war kein Vogel zu sehen. Ich lachte schallend: das war wieder einmal typisch Willigis!

Schon immer war ich mit leeren Händen zu ihm gekommen und nie ließ er mich gehen, bevor er mir nicht ein Geschenk überreicht hatte.

Punktlandung

Der blaue zornvolle Gott Vajrakilaya breitet seine Flügel aus – und schenkt mir eine phantastische Erfahrung…

Ich springe flügelschlagend und tanzend im Rhythmus der Trommel auf und ab. Um mich: Feuer! Unter meinen nackten Fußsohlen: meine Feinde! Ich spüre die Wärme und Bewegungen ihrer Leiber, es ist ein höchst unangenehmes Gefühl, auf Anderen herumzutrampeln. „Es ist nur eine Visualisierung“, ermahne ich mich, „es handelt sich um deine inneren Blockaden, die haben es verdient. Genieß es!“

Ergeben tanze ich weiter, schwinge meine sechs Arme, drehe mich flügelschlagend zwischen den Feuerzungen im Kreis und versuche währenddessen, nicht nur durch die Augen des blauen Kopfs im Zentrum zu schauen, sondern irgendwie auch die beiden Köpfe, die hinter meinen Ohren sitzen, zu spüren und durch ihre Augen zu sehen. Nach ein paar Versuchen ändert sich die Optik, ich kriege immer wieder kurz etwas zustande, das als 180-Grad-Winkel durchgeht. Damit ist das Tagesziel erreicht.

Ich gebe mir selbst den Segen, von der Pflicht in die Kür zu wechseln, breite die Flügel aus und stoße mich mit beiden Beinen – unter mir knirschen die Knochen meiner Feinde – vom Boden ab. Eigentlich hatte ich das Fenster nehmen wollen, aber ich habe so viel Energie drauf, dass ich durch die Zimmerdecke breche, durch das Zimmer im zweiten Stock schieße, auch dort ein Loch durch die Decke schlage, dann noch eines im Dachstuhl – plötzlich liegt das Retreathaus unter mir. Ich fliege! Verwirrt schlage ich mit den riesigen blauen Flügeln, meine Gefährtin klammert sich erschrocken an meiner Brust fest. Es geht ganz leicht, merke ich. Ich bin zum Fliegen geboren! Wer hätte das gedacht?

Ich kreise probeweise auf niedriger Höhe über dem Dach des Retreathauses und sehe auf dem Grund der Löcher, die mein massiger Körper geschlagen hat, den Fußboden des Schreinraums. Auf meinem Sitzplatz schlagen weiterhin Flammen hoch, winzig klein erkenne ich die Körper der zermalmten Feinde im Feuer.

Neben dem Retreathaus liegt der Weiher. Ich breite meine Flügel aus, gehe in den Sturzflug und jage über die Wasseroberfläche, der Rücken meiner Gefährtin lässt das Wasser links und rechts aufspritzen. Ein paar Enten flattern erschrocken auf. Vielleicht etwas pubertär, aber es macht definitv Spaß.

Jetzt bin ich im Experimentier-Modus! Sturzflug ist super. Was geht noch? Ich schlage kräftig mit den Flügeln und schraube mich spiralförmig in die Höhe. Retreathaus, Weiher und Dorf werden kleiner und kleiner. Eine Schar Krähen flattert krächzend tief unter mir vorbei. Es ist erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit ich aufsteige. Ich strecke die Flügel, breite meine sechs Arme aus und segle knapp unter der dichten Wolkendecke dahin.

Irgendwas ist mit meinen Augen! Auf einmal wird mir bewusst, dass ich wie ein Vogel sehe! Der rote Kopf an meiner einen Schädelhälfte ist das linke Vogelauge, der weiße Kopf an meiner anderen Schädelhälfte ist das rechte Vogelauge. Der blaue Kopf in der Mitte blickt durch das Stirn-Chakra. „Klar“, denke ich, „Vögel „lesen“ das Magnetfeld der Erde! Dafür brauchen sie ein offenes Stirn-Chakra!“ Eine wissenschaftlich gewagte These, aber zumindest für mich als Verkörperung des dreiköpfigen fliegenden Gottes Vajrakilaya ist sie stimmig.

Ich bin entzückt über die neue Perspektive, die sich aufgetan hat, segle, alle sechs Arme ausgebreitet, dahin und gewinne trotz meiner Bewegungslosigkeit stetig an Höhe. Um mich sind jetzt dichte Wolken, Schneeflocken jagen an mir vorbei. Eigentlich müsste mir kalt sein, aber ich spüre nichts außer einer überwältigend klaren Energie, die meinen Körper durchströmt.

Unerwartet breche ich durch die Wolkendecke. Um mich das Blau des Himmels, über mir – weiß strahlend – das Licht der Sonne. Ich segle, Flügel und Arme ausgestreckt, in rasender Geschwindigkeit auf sie zu, ihr Licht wird mit jedem Augenblick gleißender. Seltsamerweise verspüre ich keine Angst, die tiefe innere Klarheit, die ich in mir trage, sagt mir, dass alles genau so ist, wie es sein soll.

Da! Das Licht hat mich verschluckt! Es fühlt sich an, als ob die Zeit aufgehört hat zu existieren. Ich bin mir bewusst, dass ich mich in rasender Geschwindigkeit vorwärts bewege und gleichzeitig ist es, als ob alles still stehen würde.

Auf einmal sehe ich „doppelt“! Ich bin Vajrakilaya, der hoch am Firmament durch die Sonne segelt und gleichzeitig „sehe“ ich in meinem auf dem Kissen sitzenden Körper mein gleißend weiß leuchtendes Herz-Chakra – und darin, winzig klein, aber perfekt erkennbar, mich selbst als Vajrakilaya, der mit ausgebreiteten Armen und Schwingen durch meine Herzensenergie segelt. Ich bin Außen und Innen zugleich! Was für ein Trip!

Irgendwann wird mir bewusst, dass ich die ganze Zeit das Wurzel-Mantra rezitiere. Etwas sagt mir, dass es an der Zeit ist, zurückzukehren. Ich schlage mit den Flügeln, umklammere mit allen sechs Armen meine Gefährtin und gehe in den Sinkflug. Der Wind rauscht in den Ohren, Wolkenfetzen jagen an mir vorbei. Da! Unter mir erkenne ich das Dach des Retreathauses. Erstaulicherweise passe ich mit den ausgebreiteten Flügeln durch die Löcher in Dach und Zimmerdecken. Kaum sitze ich wieder auf meinem Kissen, fängt der Rinpoche auch schon an, langsam und laut das Mantra zu rezitieren, die Meditationseinheit ist zu Ende.

Als krönenden Abschluss habe ich auch noch eine Punktlandung hingekriegt. Und das ohne Flugschein…

Flügel

Ich rufe die kraftvolle Energie des zornvollen blauen Gottes Vajrakilaya in mir wach – eine umwerfende Erfahrung…

Ich breite meine Flügel aus und bewege sie vorsichtig auf und ab. Sie sind viel größer als auf dem Bild. Vajrakilaya tanzt, spüre ich. Ich nehme seine Bewegung auf, die Flügel schlagen im Takt dazu. Ich hüpfe auf und ab, Funken sprühen, Feuerzungen lodern.

Die Energie, die mich durchströmt, ist phantastisch.

Doch, halt!

Ich habe drei Köpfe!

Einen roten links, einen weißen rechts. Als ich in der Dynamik der Bewegung versuche, auch noch in drei Richtungen gleichzeitig zu schauen, bricht die Visualisierung zusammen.

Ich sitze wieder auf meinem Kissen im Schreinraum und muss mich beherrschen, vor lauter Frustration nicht meine Mala in die Ecke zu pfeffern.

Die Anderen murmeln weiter konzentriert das Wurzel-Mantra vor sich hin, lassen dazu die Perlen ihrer Malas durch die Finger gleiten und sind in der Meditation.

Also noch einmal von vorne: ich nehme wieder Position ein, kontrolliere kurz im Skript, ob ich alle Silben des Wurzel-Mantra auch korrekt rezitiere, fokussiere noch mal den kleinen blauen Vjarakilaya auf der Postkarte vor mir, taste in meinem Unterleib nach der korrespondierenden Energie und lasse sie meine Wirbelsäule entlang nach oben strömen, bis sie über mein Stirnchakra nach Außen dritt.

Während mich die Energie nur so durchschüttelt, transformiere ich erneut zur flügelschlagenden, rhythmisch sechs Arme bewegenden, auf ihren Feinden tanzenden Gottheit Vajrakilaya, die von Flammenzungen umspielt wird.

Ein wunderbares Gefühl der Freiheit durchströmt mich!

Ich beschließe, die Visualisierung der zwei Köpfe erst einmal ruhen zu lassen, genieße Bewegung, Energie und Klarheit und entschuldige mich im Geiste für alles, was ich dem tanzenden blauen Gott gestern in meiner Frustration vorgeworfen habe.

Er fühlt sich auch nicht richtig männlich an. Was ich mit meiner Gefährtin machen soll, die ich auf meiner mächtigen Brust vor mir her trage, ist mir auch noch nicht richtig klar. Sie sind offensichtlich im Geschlechtsakt vereint, aber jetzt an Sex zu denken – und auch noch als Mann! – wäre höchst störend, es ist ein weiteres Problem, das ich auf später verschiebe. Wir haben ja noch ein paar Tage: mehr als zu Vajrakilaya zu werden und das Bild in seiner Komplexität stabil in der Bewegung halten zu können, habe ich mir für das erste Retreat nicht vorgenommen.

Ich konzentriere mich auf die Flügel. Die sind richtig cool! Sechs Arme, nun gut, die werden sicher noch von Nutzen sein, wenn es darum geht, die Feinde zu zerschmettern. Aber gerade tanze ich, schwinge die Arme im Takt dazu und fache mit jedem Schlag meiner mächtigen Flügel das Feuer um mich weiter an. Funken sprühen,der Energielevel steigt und steigt. Es wäre klasse abzuheben und eine Runde zu fliegen, denke ich mir. Nur wohin dann mit den sechs Armen? Außerdem bin ich noch nicht durch, ermahne ich mich. Die beiden Köpfe an den Seiten müssen auch noch aktiviert werden.

Der Rinpoche fängt an, laut das Mantra zu singen, die erste Runde Visualisierung ist beendet. Ich mache mir eine mentale Notiz für den morgigen Tag: einmal Rundumsicht erarbeiten und zur Belohnung ein Flug über das Retreathaus stehen auf dem Programm.

Vajrakilaya

Der achtarmige dreiköpfige geflügelte zornvolle Gott Vajrakilaya löst heftigen Widerstand in mir aus…

Vajrakilaya mit seiner Gefährtin

Irgendwann während der Nacht wache ich auf, etwas kitzelt im Gesicht. Ich taste in der Dunkelheit. Es dauert, bis ich realisiere, dass ich einen der beiden wedelartigen Grashalme in der Hand halte, die uns der kleine nepalesische Rinpoche während der mehr als dreistündigen Einweihung überreicht hatte. Wir sollten einen der Halme unter die Matratze legen, den anderen unter das Kopfkissen, wurde uns aufgetragen. Dann würden uns unsere Träume Aufschluss über unsere Praxis geben.

Ich stopfe den halb zerbröselten Wedel wieder unter das Kopfkissen. Bevor mich der Halm geweckt hat, habe ich von einer aufgeschnittenen Ananas geträumt. Das ist nicht die erschütternde Traumbotschaft, die ich nach einem Retreattag wie dem vergangenen erwarten hätte.

Der zornvolle blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen, sechs Armen, seinen Flügeln und seiner Gefährtin, die er – kaum sichtbar – vor sich auf der Brust trägt, während er unter den Füßen seine Feinde zermalmt, hat sich als unüberwindbares Hindernis entpuppt. So erfreut ich darüber war, wie wenig inneren Widerstand die weibliche zornvolle Gottheit Simhamukha ausgelöst hat, so frustriert bin ich über Vajrakilaya. Mich selbst als löwenköpfige Simhamukha zu visualisieren, hat mir regelrecht Spaß gemacht: es war, wie an Fasching ins Hexenkostüm zu schlüpfen.

Aber mich in einen männlichen zornvollen Gott zu verwandeln? No way! Jedesmal, wenn ich die Postkarte mit seinem Bild, das ich vor mir an meinen Kaffeebecher gelehnt habe, ins Visier nehme und versuche, irgendwie mit ihm in Kontakt zu kommen – ich brauche eine Idee seiner Energie, damit ich mich in ihn „verwandeln“ kann – überkommt mich bleierne Erschöpfung. Es ist, als würde jemand wie auf Kommando mein Hirn ausschalten. Das verdammte Wurzelmantra, das wir rezitieren müssen, während wir uns selbst als Vajrakilaya visualisieren, kann ich mir auf den Tod nicht merken. Bei Simhamukha brauchte ich eine Viertelstunde, bis ich es auswendig konnte. Die eine Zeile für Vajrakilaya will einfach keine Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen. Er macht mich fertig!

Während des Mittagessens klage ich dem amerikanischen Lama mein Leid. Die Übersetzung des Zeremonien-Texts aus dem Tibetischen samt sämtlicher Fußnoten, wie man was zu visualisieren hätte, stammen schließlich von ihm. „Ja, ja“, nickt er wissend, „sich in die andersgeschlechtliche Meditationsgottheit zu verwandeln, ist immer eine Herausforderung, besonders wenn sie zornvoll ist.“ Das ginge nicht nur mir so. Immerhin ein kleiner Trost.

Die Zeremonie für Vajrakilaya zieht sich über den gesamten Tag. Das dicke Copyshop-Buch, durch das wir uns arbeiten, ist – wie bei Simhamukha – nichts anderes als das ausgefeilte Drehbuch für einen Film, der sich vor unseren inneren Augen abspulen soll. Gute und böse Kräfte erscheinen, Opfergaben in allen Formen und Variationen – auch höchst unappetitlichen aber mächtige – werden visualisierend bereitet und dargebracht. Schließlich der Höhepunkt: Vajrakilaya zermalmt seine Feinde zu Staub!

Der Rinpoche begleitet den inneren Film mit rituellen Handlungen: wenn er nicht gerade die Trommel schlägt und mit uns rezitiert, bereitet er diverse Opfergaben vor und bringt sie dar. Weil ich ihm gegenüber sitze, obliegt es mir, in regelmäßigen Abständen die kleine Schale Bier für die jeweils aktuelle Klasse der Götter aus dem Fenster zu kippen. Zwischendurch fliegt auch mal ein Torma hinaus, beziehungsweise muss irgendwo im Garten platziert werden.

Um sechs Uhr Abends sind wir fast durch, der Rinpoche ruft zufrieden: „Zock!“. Jetzt dürfen wir essen, was die Götter von den geweihten Speisen übrig gelassen haben. Uriel steigt nach vier Tagen Rotwein auf Gin Tonic um, der Rinpoche bevorzugt Bier. Wir teilen Chips, Kekse, Oliven und getrocknetes Fleisch unter uns auf. Der kleine blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen starrt mich giftig von seiner Postkarte an, während ich einen Schluck Wein nehme. Ich starre giftig zurück und denke: du Ekel! Ich verabscheue aggressive Männer. Da können sie noch so Klarheit und Erleuchtung bringen, ich packe sie nicht.

Es hilft nichts. Ich habe noch fünf Tage Zeit, mich in diesen zornvollen Typen zu verwandeln. Egal wie!

Poland. Part 3.

It’s a new day. Katharina invited us to breakfast. The weather was perfect, it was sunny and warm. We left our apartment and went looking for a place to eat. Along the way, we took photos and had fun talking. I was very calm. We came to the city center and decided to go to the first cafe that came across. But the menu did not impress us, there was practically nothing to eat. And we decided to go further in search, as we were too hungry. Having bypassed a couple more establishments, Vasselila remembered that there is a great place nearby where we can have a great meal. I walked with Katarina in front, Vaselisa and her friend walked behind us. I accidentally overheard the conversation. Vasilisa’s friend was extremely unhappy that we could not decide on a place for so long. She thought it was because Katarina didn’t eat many types of foods. It made me very angry, I don’t understand how she could say that? It looked very rude of her. I told Katarina that I was angry and ready to hit Vasilisa’s friend. Of course I said it was not serious, I don’t hit people. Katarina reassured me, we finally found a place where we can have breakfast. It was something like a buffet. We served food, Katarina took coffee. Vasilisa and I took a beer. It was so wonderful to know that I can do whatever I want and I don’t care what others think. I am finally on vacation, I met after long time my friend, next to me is my close friend who shared this journey with me. I’m so young and there’s so much more to come. We had fun all morning. Katarina decided to stay because she is more responsible for writing a blog, and she does it more than once a week, unlike me. And Vasilisa and I decided to take a walk. We walked and at some point sat on a bench and lit a cigarette. We talked about what happened in our lives since we didn’t see each other. I was sincerely sorry for her because she got into bad company. And she returned to the same habits that I tried to help her overcome. I think she was also far away from me, our family situations are very similar. It was sad, but I received a message on Whatsapp that Katarina is free. We are a shipper to the sea. We took a taxi quite quickly, leaving the car we immediately found ourselves at the entrance to the beach. And after a couple of minutes we see the beautiful Baltic Sea. I started to run. I don’t know why, but it seems to me that at that moment I was truly happy, I was overwhelmed with emotions. Vasselila ran after me. Katharina decided to walk along the coast, and we, after our run, decided to stay and take some photos. It was very windy and very soon I felt very cold. We went home. It was a pleasant holiday, short but still. I spent great time with people close to me.

Sieben: Der Wächter

Vajrapani – der Wächter

Meditationspraxis muss gefunden werden. Manche laden sich eine App herunter, buchen einen Kurs im Wellness-Hotel. Selbst diese Aktivitäten – so banal sie Hard-Core-Meditationsjüngern scheinen – benötigen einen Impuls, eine innere Suchbewegung. Wenn diese stark genug ist, wird auf dem Radarbildschirm des Bewusstseins irgendwo ein grüner Punkt aufleuchten. Da ist sie – eine Praxis!

Aber jede Praxis wird von einem Wächter beschützt. Er ist ein Archetypus, eine tief im individuellen wie kollektiven Bewusstsein verborgene Figur, präsent in Mythen und Geschichten seit Anbeginn der Menschheit. Der Wächter hat eine wichtige Funktion: er prüft den Willen des potentiellen Adepten.

Zum ersten Mal manifestiert er sich, wenn die Praxis in greifbare Nähe rückt. Manchmal als Zweifel: ist es wirklich das richtige für mich, sollte ich nicht lieber X,Y,Z machen? Des Öfteren nimmt er die Gestalt von Trägheit an und lässt alleine das Buchen des Retreats zu einer nicht zu bewältigenden Kraftanstrengung werden. Häufig tarnt er sich als Getriebenheit: es muss noch so viel erledigt werden, bevor ich – irgendwann – ein Retreat buchen kann.

Der Wächter der Praxis kann sich auch im Außen manifestieren: als Partner, der überhaupt nichts von solchen Albernheiten hält, als Krankheitsfall in der Familie, der in letzter Minute eine Stornierung erzwingt, als ungeduldiger Vorgesetzter, der genau an dem Wochenende Einsatz fordert, an dem das Retreat angesetzt ist.

Den wenigsten, die das erste Mal in einem Meditationskurs sitzen, ist bewusst, dass sie zu den „Happy Few“ gehören. Zu denen, die den ersten Wächter auf dem Weg zur Erleuchtung erfolgreich überwunden haben.

Aber schnell stellt sich heraus, dass es nur ein kleiner Etappensieg war. Kaum beginnt die Unterweisung in die Praxis, ist er wieder da, der Wächter. Während des ersten Zur-Ruhe-Kommens, wenn die Wellen der Emotionen flacher und flacher werden und vage Bilder aus dem Unbewussten aufzusteigen beginnen, prüft er erneut. Im Zen manifestiert sich der Wächter zu Beginn der Praxis vor allem in Form von körperlicher Unruhe und Schmerz. Viele sind völlig überfordert davon, dass es auf einmal buchstäblich „nichts zu tun“ gibt. Über Stunden und Tage nichts anderes als stilles Sitzen auf dem Kissen, dazu der Atem, der kommt und geht.

Begleitet vom Bewusstsein, dass jede kleine Bewegung – das Kratzen an der juckenden Nase, das Verlagern des schmerzenden Knies – die donnernde Stille des Zendos stören würde, man ertappt wäre dabei, in der Praxis nachzulassen. Und je heftiger der innere Widerstand gegen das stille Sitzen wird, je mehr man den erlösenden Gongschlag herbei sehnt, um so unerträglicher werden Unruhe und Schmerz.

Es ist die existentielle Erfahrung des völligen Zurückgeworfen-Werdens auf sich selbst. Nie ist man einsamer und sich selbst mehr ausgeliefert als auf dem Kissen. Die meisten haben sich Meditation anders vorgestellt. Man erwartet Wellness und Glücksgefühle, statt dessen findet man sich in einer Folterkammer wieder. Dazu die Strenge und Kühle des Lehrers, wo man doch geliebt und angenommen werden möchte! Wieder hat der Wächter seine Pflicht getan. Aus den „Happy Few“ sind die „Happy very few“ geworden.

Und so geht es immer weiter, Retreat um Retreat, Jahr um Jahr. Der Wächter lässt nie nach in seinem Bestreben, zu prüfen, ob man es wirklich ernst meint mit der Praxis. Er ist unermüdlich, immer im Dienst und gnadenlos. Je höher der Gewinn, der mit einer Praxis einher geht, um so unerbittlicher seine Prüfung. „Meinst du es wirklich ernst?“ fragt er wieder und wieder. „Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?“

Und der Preis ist hoch: viele bezahlen den Gewinn aus der Praxis mit dem Verlust von Ehepartnern, sozialem Ansehen, der Sicherheit zu wissen, wer und was sie sind, wo sie hingehören.

Die Praxis bringt existentielle Unruhe ins Leben, denn das ist ihr Auftrag: der Weg zur Erleuchtung ist gepflastert mit dem Abschied von Konzepten. „Wenn du deine Mutter triffst, töte deine Mutter. Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha“, lehrte Rinzei. „Es gibt nichts, was heilig ist.“ Alles muss in jedem Augenblick in Frage gestellt werden. Jede Sichtweise, jede Idee davon, wie ich bin, wie Andere sind, wie die Welt zu sein hat, ist einfach nur Konzept, das von der Realität abschneidet.

Meine Zen-Lehrer lehrten mich, den Wächter in allen seinen Erscheinungsformen zu würdigen. Nie begegnet man sich selbst direkter und ungeschminkter, als in den Momenten, in denen er prüft. Er legt alle Schwächen, Phantasien und Ausflüchte gnadenlos bloß. Wenn das erkannt und akzeptiert werden kann, wandelt er sich vom Gegner zum Verbündeten.

Wenn er sich mir in den Weg stellt, falte ich die Hände vor der Brust und verneige mich – meist zähneknirschend – tief vor ihm, um ihm meine Dankbarkeit für sein pflichtbewusstes Werk zu zeigen.

Sechs: Riwo Sang Chöd

Torma, vom Rinpoche aus Haferflocken und Butter geformt und mit Lebensmittelfarbe eingefärbt.

Sang Chöd. Der Rinpoche hält – auf seinem roten Thron sitzend – die Flamme des Feuerzeugs an ein Stück Kohle, legt es, als es glüht, in eine kleine Metallschale und häuft eine Mischung aus Mehl, Zucker und Butter darüber. Es ist kurz nach halb acht Uhr morgens, wir beginnen den Tag mit einem Opfer-Ritual für die Buddhas, Boddhisttvas und die Wesen aus dem formlosen Bereich. Ich nehme auf sein Zeichen hin die rauchende Metallschale, öffne das Fenster und platziere sie außen auf dem Fensterbrett. Die Metallschale ist ungünstig, hat uns der Rinpoche gestern erklärt, das Behältnis müsse aus Ton sein. Die schwächsten aller Wesen – die aus dem formlosen Bereich –  sind so scheu und ängstlich, dass das Metall sie verstört. Obwohl sie unendlich hungrig sind, wagen sie es nicht, das Opfer anzunehmen.

Ich habe schlecht geschlafen. So ist es immer: nach dem High geht es abwärts. Je extremer der positive Effekt der Meditationspraxis, desto krasser der Absturz. Gestern bin ich im Zustand des vollkommenen Friedens durch den Tag gewandert und in tiefer Harmonie eingeschlafen.

Nachts, im Traum oder im Halbschlaf – während intensiver Retreats lässt sich irgendwann der Wachzustand nicht mehr wirklich vom Traum unterscheiden – das Bild meines im Bett liegenden Körpers. Samt meiner Aura. Ich bin irritiert, über meine Aura habe ich mir bisher keine großen Gedanken gemacht. Aber, voila, da ist sie! Weiß und hell. Aber nicht ruhig strahlend, sie vibriert, unangenehme Lichtblitze zucken und stören den Fluss des Lichts. Ich verströme eine Energie, die wirkt, als wäre in meinem Unterleib einen Störsender eingebaut.

Mit diesem Bild stolpere ich morgens um sieben in die kalte dunkle Küche. Mein Blog ist immer noch offline, leider ist in der Nacht kein Wunder geschehen. Ich schreibe eine weitere Klagemail an meine „persönliche Kundenbetreuerin“, von der nur vorgefertigte Standard-Antworten zurückkommen.

Dann muss ich auch schon zum Sang Chöd antreten. Nicht mal einen Kaffee konnte ich mir aufbrühen, es ist nicht mein Tag heute. Als wir mit dem Opfern durch sind, lässt der Rinpoche auf einmal seinen Blick auf mir ruhen und spricht mich direkt an. Ich müsse zukünftig morgens täglich eine bestimmte Praxis durchführen. „Katharina“, erklärt er mir in seinem gebrochenen Englisch, „du brauchst es, damit du damit klar kommst, dass deine Schönheit geht und du alt wirst.“ Die Erlösung läge nur in der Erreichung der Buddha-Natur, keine Antifalten-Creme würde mich befreien. Samsara, was sonst.

Guten Morgen und vielen Dank! Und das ohne Kaffee! „Is this your personal compliment for me before the breakfast?“ Er ist offensichtlich verblüfft darüber, dass ich gekränkt auf seine Fürsorge reagiere und mich über etwas echauffiere, was ja wohl offensichtlich ist und alle betrifft, nicht nur mich. Der Buddha hat schließlich gesagt, dass Leben Leiden ist. „Geboren werden ist Leiden, krank werden ist Leiden, alt werden ist Leiden, sterben ist Leiden.“ Die Anderen aus der Sangha stimmen im Chor in meine Besänftigung mit ein. Das ginge allen so, sie würden auch nicht jünger und schöner etc.

Nach dem Sang Chöd wird gefrühstückt, ich lehne meine Zeitung an den Saftkrug, gebe mich den aktuellen Weltkatastrophen hin und bin nicht zu mehr zu sprechen.

Wir haben heute frei, Simhamuka ist abgeschlossen, morgen beginnt Vajra Kilaya. Der Rinpoche muss die Tormas – die rituellen Opferspeisen für die Geister und Götter – für das anstehende Retreat basteln. Tormas sind aus Haferflockenteig geknetete dreiseitige Pyramiden, die mit Lebensmittelfarbe rot eingefärbt werden. Die tibetischen Schamanen opfern Tiere, um die Geister und Götter zu besänftigen. Weil der Buddhismus das Töten von Lebewesen untersagt, bieten die Lamas ihnen Tormas an – spirituellen vegetarischen Fleischersatz. Dank ihrer langjährigen Meditationspraxis können sie die Haferflockenpyramiden mit so viel Lebensenergie aufladen, dass die Geisterwelt ohne schlechtes Karma gesättigt und besänftigt wird.

Während der Rinpoche singend und betend seinen Haferflockenteig knetet, schlüpfe ich in meine Laufschuhe. Am Ende wird mich – mit sehr viel Glück – meine Praxis aus dem Samsara befreien. Bis dahin kämpfe ich mit irdischen Mitteln gegen meinen körperlichen Verfall an.

Der Weg führt entlang eines wild rauschenden Baches durch den kahlen Winterwald. Weiße Flocken segeln vom grauen Himmel. Ich folge einem einsamen Paar Fußspuren im Schnee. In den Büschen und Wipfeln singen und pfeifen unverdrossen die Vögel, sie spüren den Frühling trotz Kälte und Eis. Der Pulsoximeter hält sich stabil im roten Bereich, ich glühe vor Energie. Während ich vor mich hinlaufe, spüre ich meinem Ärger nach. Tantra-Praktizierende verbringen ihr Leben damit, Ahnungslosen zu erklären, dass es im tibetischen Tantra NICHT um Sex geht. Es wäre einfach nur Meditation, inklusive der Visualisierung körperlicher Verschmelzung mit dem andersgeschlechtlichen Gefährten der Meditationsgottheit. Das stimmt allerdings nur bedingt. Es gibt durchaus auch den höchst realen geschlechtlichen Aspekt, das macht diese Form des tibetischen Buddhismus so anfällig für sexuelle Ausbeutung. Das traditionelle Ideal des tibetischen Tantra-Praktizierenden ist der wandernde Siddha, der sich ein schönes Dorf-Mädchen sucht, um mit ihr gemeinsam in aller Körperlichkeit an der Vervollkommnung seines Energiekörpers zu arbeiten. Es gibt unsägliche Geschichten darüber, was Lamas naiven Frauen aus dem Westen alles weiß machen, immer mit der Kernbotschaft, was sie mit ihnen anstellen würden, diene einzig und allein ihrer Buddha-Natur.

Das hat unser liebenswerter ernsthafter Rinpoche ganz sicher nicht im Sinn. Er ist rührend besorgt um meine Erleuchtung. Da sitzt diese alternde Frau vor ihm, strengt sich an wie blöd, hat keine Ahnung von nichts und es ist nur noch so wenig Lebenszeit für sie übrig, damit sie Buddha-Natur erlangen kann.

Aber trotzdem! Wenn ich irgendetwas verabscheue, dann ist es dieser wertende Blick auf mein Äußeres. Den haben Männer wie Frauen drauf. Der Blick von Frauen auf Geschlechtsgenossinnen ist oft noch grausamer als der von Männern.

Es ist der Blick, mit dem ich aufgewachsen bin, deshalb reagiere ich wohl so empfindlich. In meiner Familie ist die Rollenteilung klar definiert, Grautöne nicht gestattet. Die Männer haben mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Welt hinauszuziehen und in einem Kampf auf Leben und Tod ihr Hab und Gut zu mehren. Den Frauen ist es aufgetragen schön zu sein – sie repräsentieren schließlich den hart erkämpften Erfolg der Männer – und dabei ein unterwürfiges und bedürfnisloses Verhalten an den Tag zu legen. Die einzigen Bedürfnisse die zählen, sind die der Männer.

Ich komme aus einer archaischen Welt, ist mir irgendwann bewusst geworden. Die Moderne mit den philosophischen Errungenschaften der Aufklärung hat keine Spuren im Denken und Fühlen meines Familiensystems hinterlassen. Es gilt die Regel der Omertà, des Schweigens der sizilianischen Mafia. Was in der Familie geschieht – und dazu gehört die „Zurichtung“ des Nachwuchses mit Mitteln, die den Staatsanwalt auf den Plan rufen würden – muss unter allen Bedingungen geheim gehalten werden.

Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass mich der tibetische Buddhismus mit seinen schamanischen Wurzeln und seinem Fokus auf die Besänftigung und Befriedung böser Kräfte so anspricht, obwohl er mir auf der rationalen Ebene fremd ist. In der Tiefe habe ich es im Blut.

Während ich vor mich hin koche, kämpfe ich mich einen Hang hinauf. Oben angekommen geht es über eine Anhöhe, links und rechts Wiesen und Felder. Es ist genug jetzt, ermahne ich mich. Jammern ist verboten. Nichts ist sinnloser, als sich zum Opfer eigener oder fremder Konzepte zu machen. AKZEPTANZ. Es ist wie es ist. Ich altere, in Gottes Namen. So lange ich noch sitzen und meditieren kann, geht die Welt nicht unter.

Als ich in die Auffahrt des Retreathauses einbiege, habe ich mich wieder beruhigt. Ich stoppe den Zeitmesser und bekomme auf dem kleinen Bildschirm meiner Laufuhr einen Pokal überreicht. „Ein neuer Rekord!“ meldet sie. Na bitte!


Fünf: Gischt

Vor mir ragt ein riesiges schwarzes Schwert auf. Auf dem Griff eingravierte Zeichen. Es sind vier Vajra, sternförmig angeordnet. Ich bin mir bewusst, dass ich träume. Ich versuche, so viel Bewusstsein zu aktivieren, dass ich die Traumsituation aktiv steuern kann. Irgendetwas wird hier und jetzt von mir erwartet. Nur was? Richtig! Im Traum verwandele ich mich in die löwenköpfige Dakini Simhamukha. Das Bild ist wakelig, ich habe es noch nie im Wachzustand praktiziert. Während der Zeremonien des Tages brauchte ich meine ganze Konzentration, um mich Zeile für Zeile, Stunde für Stunde, durch den tibetischen Text zu arbeiten.

Genauso ungewohnt wie es ist, plötzlich eine zornvolle Dakini zu sein, so seltsam fühlt sich das Heft des Schwertes in meinen Händen an. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Der Rinpoche hat es am Abend während des Zeremoniells vorgeführt. Er stach mit einem schwarzen Miniaturschwert – dass exakt so aussieht, wie das riesige, dessen Heft ich im Traum umklammere – auf eine leere Metallschale ein. Im Text hieß es dazu, Simhamukha tötet alle Feinde und zermalmt sie zu Staub.

Ich hebe das Schwert auf Kopfhöhe. Zwischen meinen Füßen liegt etwas, ich spüre wie es sich bewegt. Es ist lebendig. Auf einmal durchströmt mich eine wahnsinnige Energie, ich fühle mich, als würde ich glühen. Mit aller Kraft ramme ich das Schwert in das, was sich dort auf dem Boden befindet. Es ist eine graue nebelhafte Gestalt, sehe ich, während die Spitze der Klinke hindurchfährt und sich in die Erde bohrt.

Plötzlich wechselt das Bild. Ich starre auf eine braune Tonwand. Nur eine Sekunde, dann knallt es, eine riesige Welle sprengt die Wand, Gischt spritzt, es rauscht und schäumt, ein unendliches Gefühl der Befreiung überkommt mich.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich gut. Extrem gut. Der unangenehme Druck hinter den Augäpfeln ist verschwunden.

Vier: Simhamukha

Die zornvolle Dakini Simhamukha

Der Nepalese ist ein Rinpoche – ein Meister – der Amerikaner ein Lama – ein Lehrer. Deshalb bekommt der Nepalese die Suppe vor dem Amerikaner. Es ist das selbe Prinzip, dass ich schon aus den Zeremonien kenne: die hohen Götter bekommen ihre Opferspeisen vor den lokalen Gottheiten. Hierarchie ist wichtig im tibetischen Buddhismus.

Dass der kleine freundliche Nepalese mit dem kahlgeschorenen Schädel wirklich ein Rinpoche ist, bekomme ich während der Zeremonie für Simhamukha zu spüren. Sie zieht sich über den den ganzen Tag: vier Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Das Skript, durch das wir uns rezitierend, trommelnd und opfernd arbeiten, hat fast vierhundert Seiten.

Die Energie des Rinpoche lässt den Schreinraum glühen. Draußen segeln Schneeflocken in das graue Wasser des Weihers. Drinnen sitzt der Nepalese schwitzend im Unterhemd auf seinem roten Thron, drischt rezitierend auf die große tibetische Trommel ein und führt uns mit verblüffenden Konzentration durch das Ritual.

Ich haste mit dem Finger von Zeile zu Zeile, bei dieser Geschwindigkeit die tibetische Lautschrift zumindest einigermaßen richtig auszusprechen, ist eine Herausforderung. Zwischendurch wird immer wieder gestoppt, das Skript korrigiert, der Rinpoche hört, trotz des durch mich verursachten „Rauschens“, jeden Fehler, der sich in die Übersetzung der tibetischen Schriftzeichen in die Lautschrift eingeschlichen hat!

Eigentlich müsste ich, die Rezitation begleitend, noch Visualisieren. Das Zeremoniell ist nichts anderes als eine Anleitung zur Meditation. Unter der tibetischen Lautschrift wird sowohl in tibetischen Lettern, als auch in englischer Übersetzung, Schritt für Schritt beschrieben, was sich vor meinen inneren Augen abspielen soll. Es ist das Drehbuch eines phantastischen Films. Im Mittelpunkt: die löwenköpfige Dakhini Simhamukha.

Für Tantriker verfügt unser Körper über drei verschiedene Dimensionen: „Body“, „Speech“ and „Mind“. „Body“ ist der physische Körper, „Mind“ die mentale Ebene. Tantra ist auf das fokussiert, was dazwischen ist: „Speech“. „Speech“ beschreibt in diesem Kontext nicht „Sprechen“, sondern bezieht sich auf unsere Existenz als Wesen, die durch und durch aus Energie bestehen. Alles was wir denken, fühlen, tun – die Worte die wir sprechen, die Gedanken, die unser Handeln und Erleben begleiten, die Emotionen die durch innere und äußere Impulse ausgelöst werden, die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – ist nichts anderes als ein Ausdruck unseres Energiekörpers.

Sind wir durch karmische Belastungen energetisch blockiert, verstricken wir uns durch Ignoranz und negative Gefühle mit der materiellen Welt. Wir leiden, verursachen Leiden und finden nicht den Weg zur Erleuchtung. Deshalb zielen alle Praktiken des Tantra darauf ab, unseren Energiekörper zu reinigen und unsere Lebensenergie zu transformieren.

Tantra fokussiert auf das Unbewusste. Durch Visualisierungen, das Rezitieren und Singen von Mantras, die Verwendung bestimmter Mudras und Körperhaltungen sollen Blockaden durch negative Emotionen und falsche Vorstellungen aufgebrochen werden. Die Prozesse, die durch das Praktizieren von Tantra ausgelöst werden, können mental herausfordernd sein.

Sowohl die friedvollen als auch die zornvollen Gottheiten, in die sich die Schüler durch Visualisierungen verwandeln sollen, sind Ausdruck der verschiedenen Aspekte der Buddhaschaft. Tantra ist deshalb – trotz des üppigen Götterhimmels – nicht polytheistisch, die einzelnen Gottheiten repräsentieren akzentuierte emotionale Zustände, die vom Lehrer – je nach karmischer Belastung und aktueller Problemlage – verschrieben werden, wie ein Arzt spezifische Medikamente bei körperlichen Beschwerden verordnet.

Zu den „harten“ Methoden des Tantra gehören die „zornvollen“ Praktiken. Eine davon ist Simhamukha, die Dakhini mit dem Löwenkopf.

Drei: Initiation

Mein Schreintisch nach dem Abschluss der Initiation

Die dröhnende Stimme des Lama hallt in dem engen Raum wieder, in dem wir uns an diesem Abend versammelt haben. Wir: das sind vier Praktizierende – und zwei Lamas. Ein nepalesischer und ein amerikanischer. Uriel witzelt, das Betreuungsverhältnis entspräche dem einer englischen Eliteuniversität.

Tagsüber war das Betreuungsverhältnis sogar noch besser: Eins zu Eins. Die Vorlesung des amerikanischen Lamas Vajranatha erinnert mich an lang zurückliegende Oberseminare. Er ist Ethnologe und Antrophologe, spricht fließend Tibetisch und erklärt einer einzigen Schülerin – mir – die Grundprinzipien des tibetischen Tantra. Die anderen hören aus Höflichkeit zu, sie wissen Bescheid.

Es gibt das Sutra-System, referiert er, und das Tantra-System. Sutra – den Weg der Entsagung – lehrte der Buddha öffentlich. Die „Eintrittskarte“ zum Sutra-Pfad sind Gelübde, wie die Zufluchtnahme und der Boddhisattva-Schwur. Schüler, die diesem Pfad zur Erleuchtung folgen, geloben, alle Handlungen zu unterlassen, die Anderen Schaden zufügen könnten. Damit ihnen das gelingt, werden sie darin unterwiesen, die Wurzelgifte der Leidenschaften (die Kleshas) zu erkennen und zu meiden und bekommen als Antidot bestimmte Meditationstechniken mit auf ihren Weg.

Tantra – der Pfad der Transformation – war dagegen nur wenigen fortgeschrittenen ausgewählten Schülern vorbehalten. Die Unterweisungen in diese esoterischen Praktiken waren – im Gegensatz zu den Sutren – geheim. Zugang zum tibetischen Tantra erhält bis heute nur, wer vom Lama initiert wird.

Der kleine Lama mit dem kahlgeschorenen Schädel singt mit seiner vollen dröhnenden Stimme. Ich werfe die Blüte, die ich während der Zeremonie in der Hand gehalten habe, auf das Blatt Papier, das er mir entgegenstreckt. Darauf abgebildet: Simhamukha, die Dakini mit dem Löwenkopf, in ihrem Mandala. Die Blume landet irgendwo am rechten Rand, der Lama nickt und verkündet: „Green“! Die anderen lachen. Ich verstehe wieder einmal nichts und stolpere auf meinen Platz zurück.

Die Initiationszeremonie ist jetzt, nach zwei Stunden, fast zu Ende. Wir durften an einem magischen Akt teilhaben. Die Linienhalter der Praxis wurden angerufen, Geistern und Göttern geopfert, in symbolischen Gesten die Waffen der zornvollen Dakini Simhamukha an die Praktizierenden übergeben. Wir sprachen die tibetischen Worte nach, die uns der Lama vorgab, und rezitieren Mantras.

Der enge Raum glüht vor Energie. Uriels kleiner weißer Hund hüpft nervös auf und ab. Er ist von ausgesprochen sanftem und liebenswertem Gemüt, die vibrierende Kraft der zornvollen Göttin Simhamukha, die uns alle erfasst hat, verstört ihn.

Zu Beginn der Zeremonie mussten wir uns mit einem roten Band die Augen verbinden. Wir sind symbolisch „blind“, erklärt uns der nepalesische Lama, durch die Praxis der zornvollen Dakini Simhamukha werden wir auf neue Weise „sehen“ lernen.

Ich lausche dem magischen tibetischen Singsang des Lama, starre auf das leuchtende Rot der Binde und spüre der bleiernen Erschöpfung hinter meinen Augäpfeln nach. Die habe ich wohl schon immer, vermute ich, oder zumindest schon sehr lange. Bewusst wurde es mir aber erst während der Vajra Armor-Retreats sechs Wochen zuvor. Als die schwarze Wolke ging und die Wut kam.

Irgendwas ist da! Es fühlt sich an, als säße zwischen meinen Augen und der Schädelwand etwas, das unaufhörlich Energie zieht und mich dazu zwingt, auf eine künstliche Weise auf die Welt zu sehen. Alle Versuche, meinen Blick zu entspannen, diese Erschöpfung zu mildern, das was da sitzt, loszulassen, sind gescheitert.

Ich habe keine Ahnung, was „es“ ist, ich bin nicht in der Lage, in meinen Schädel „hineinzusehen“. Es gibt sicher Praktizierende die das können – es gibt nichts, was es nicht gibt, habe ich gelernt – ich kann es jedenfalls nicht und ich habe auch keine Idee, wie es anzustellen wäre. Schon alleine die Vorstellung, meine Pupillen so zu verdrehen, dass sie in das Innere meines Schädels wandern, lässt Übelkeit in mir aufsteigen. Was für eine bizarre Vorstellung!

Als wir in der Mitte des Zeremoniells aufgefordert werden, die Augenbinde abzunehmen, das Mandala praktizieren und den Reis werfen, fühle ich mich, als würde die Last mehrerer Leben auf meine Sehnerven drücken. Gleichzeitig „prickelt“ es auf meiner Stirn, mein „drittes Auge“ ist höchst aktiv. Dieses Prickeln spüre ich seit dem erfolgreich bestandenen Wasser-Test des Vajra Armor Retreats immer wieder, es kommt und geht in Schüben. So stark wie jetzt, nach der Initiation, war es noch nie.

Als wir nach dem Ende der Zeremonie alle beim Abendessen sitzen, frage ich den nepalesischen Lama, was es mit der Farbe grün, die ich mit meiner Blüte getroffen habe, auf sich hat. Es wäre eine Prophezeiung, erklärt er mir. Grün wäre die Farbe der Karma-Familie von Simhamukha. Ich verstehe wieder einmal nichts und erkundige mich, ob die Tatsache, dass meine Blüte ausgerechnet im grünen Bereich des Mandalas gelandet ist, Konsequenzen für meine Praxis haben wird? „For sure“, kommt es zurück. Und welche? „Grün“ steht für „zornvoll“, antwortet er. Ich könne mich auf eine besonders zornvolle Praxis einstellen.

Wer den Tantra-Vortrag nachlesen möchte, dem sei diese Schrift empfohlen. Zu Beziehen ist sie über den Autor: Lamavajranatha@hotmail.com

Hypnotized

Ich mache mich auf dem Weg in das Retreathaus am Ende der Welt, um mich in magischer Tantra-Praxis zu üben…

„It´s the same kind of story, that seems to come down from long ago. Two friends having coffee together, when something flies by there window. It might be out on that lawn, wich is wide, at least half of a playing field. Because there´s no explaining, what your imagination can make you see and feel. Seems like a dream. They got me hypnotized…“

Mit Fleedwood Mac im Ohr schaue ich aus dem Zugfenster.

Draußen: Lichte, noch kahle Wälder. Schmale, von der Frühlingssonne beschienene Äcker. Hecken, die Wiesen umsäumen.

Dazwischen: Wasser.

Kleine Weiher, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Schmale Bäche, hin und wieder ein See. Irgendwann nimmt der Regionalzug den Weg über eine Brücke.

Ich starre in die Strömung des Flusses. Auch ich bin „hypnotized“.

Heute Nacht habe ich wild geträumt. Meine Seele schwingt sich ein auf das, was kommen wird.

Denn ich bin auf dem Weg in das Retreathaus am Ende der Welt. Mein Freund und Dharma-Bruder Uriel hat mich eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Uriel – der Herr der Mühle – geht im Alltag einem seriösen, verantwortungsvollen Job nach. Weder seine zahlungskräftigen Klienten, noch seine Angestellten wissen, was sich hinter seiner freundlich-verbindlichen Fassade verbirgt:

Uriel ist tibetisch-buddhistischer Tantra-Meister. Er verfügt über Fähigkeiten, die in unserer Kultur ungewöhnlich sind.

Die hat er sich über viele Jahre hart erarbeitet. Unter schwierigen Umständen.

Denn die uralten tibetisch-buddhistischen Tantra-Techniken und Riten, die Uriel praktiziert, sind geheim. Und rar. Es gibt nur wenige tibetisch-buddhistische Lehrer, die sie beherrschen und darüber hinaus bereit sind, westliche Schüler darin zu unterweisen.

Vor zwei Jahren kaufte Uriel deshalb eine alte Mühle. Das einsam stehende Gebäude – direkt an einem Weiher gelegen und vom Mühlbach umschlossen – ist der perfekte Ort für geheime Tantra-Retreats.

Im historischen Dachstuhl richtete Uriel einen Schreinraum ein. Auf dem großen Altar thronen die Statuen der Buddha-Emanationen, mit denen er praktiziert.

Im Erdgeschoss der alten Mühle gibt es, seit Uriel die Sanierung abgeschlossen hat, eine Küche und einen großen Speiseraum. Im ersten und zweiten Stock stehen mehrere Zimmer bereit.

Nicht nur für die nepalesischen Lamas, die Uriel regelmäßig in sein Retreathaus am Ende der Welt einlädt, um sich von ihnen in geheimen Tantra-Praktiken unterweisen zu lassen.

Sondern auch für alle seine Dharma-Freunde, die mit ihm lernen und praktizieren wollen.

Uriel holt mich vom Bahnhof ab. We are two friends, having coffee together, while we´ll get hypnotized…

Eins: Mein Teufel

May I introduce my personal devil to you?

Seit Jahren wandert er durch mein Zimmer. Manchmal sitzt er prominent platziert auf meinem Fensterbrett. Dann hat er mich im Blick – und ich ihn. Manchmal steht er im Bücherregal. Von dort beobachtet er mich während des Meditierens, ich spüre seinen stechenden Blick im Nacken. Manchmal überfordert er mich, dann verbanne ich ihn in seinen Styroporsarg. Aber so weit, dass ich ihn in irgendeiner Schublade verschwinden lassen würde, gehe ich nie.

Ich habe lange nach ihm gesucht. Die Anderen waren zu plakativ, zu grob, zu christlich… Es ist wahnsinnig schwierig, ein Symbol für den eigenen Teufel zu finden, habe ich festgestellt. Den Meinen entdeckte ich schließlich bei einem Gothic-Versand. Irgend eine dystopische Figur aus einem Roman. Ich hatte ihren Namen vergessen, sobald ich die kleine Gestalt mit den Fledermausflügeln und dem Krakenarmen-Bart aus dem Versandkarton gezogen hatte. Er ist einfach „mein Teufel“.

Es war ein langsamer schmerzhafter Prozess der Annäherung. Als ich in meine Tiefe hinabstieg wie Orpheus auf der Suche nach Eurydike – damals, als meine Welt zusammenbrach – dem Fährmann Charon die Münze in die Hand drückte, damit er mich hinübersetze über den Acheron, war ich mir sicher, dass ich im Hades meines Inneren auf einen grauenhaften Teufel stoßen würde. Mein ganzes Leben lang war ich davon überzeugt gewesen, im Grunde böse zu sein. Schlecht. Verdorben. Ich wanderte tage- und nächtelang in fiebrigen Phantasien und quälenden Albträumen durch die stille Schwärze meiner inneren Abgründe und fand – nichts. Einfach nur nichts. Ich bin nicht böse. Die Erkenntnis war so verblüffend wie erleichternd.

Als ich wieder zur Oberfläche zurückgekehrt war und daran ging, die Trümmer meines Selbstbildes zu sortieren, mir, meiner Vergangenheit, meiner Familiengeschichte einen neuen Sinn zu geben, blieb mein Teufel eine Leerstelle. Ich war nicht böse. Was war ich dann?

Die Sache ist kompliziert, stellte ich fest. „Böse“ ist einfach. Ich war ständig mit der Widergutmachung für meine phantasierte Schlechtigkeit beschäftigt gewesen. Es hatte mich völlig erschöpft, geschwächt, klein gehalten. Aber es war ein klares Konzept gewesen, etwas, das mein Denken und Handeln in der Tiefe strukturierte.

Nachdem ich mich Willigis Radikalkur unterworfen hatte, „zu lassen“, war dieses Denken in sich zusammengebrochen. Auf einmal war ich damit konfrontiert, dass jeder Moment zählte: jeder Gedanke, jede Emotion, jede Handlung. Und dass „Gut“ und „Schlecht“ keine tauglichen Prinzipien waren, um meine neue Welt zu ordnen.

Zen hat keine Moral und keine Ethik. Jeder Augenblick, jede Begegnung mit sich und anderen ist frisch, noch nie dagewesen. Jeder Atemzug ist neu. „Gut“ und „Schlecht“ sind einfach nur Konzepte, die vom Leben abschneiden. Es fiel mir schwer, diese Wahrheit zu akzeptieren. Ich wehrte mich energisch. Als ich endlich aufgab – wieder ein Zusammenbruch – begegnete ich zum ersten Mal meinem Schatten.

Er ist ein „shape shifter“, lernte ich, er funktioniert nach dem selben Prinzip wie die „Boggarts“ in Harry Potter. Er nimmt jene Form an – schillernd, überraschend, unerwartet – die der Moment für ihn hergibt, nimmt in jedem Augenblick den Platz ein, der ihm angeboten wird. Er ist reine Energie. Er ist immer da. Es gibt keinen Atemzug ohne ihn.

Es erfordert eine spezielle Technik des „Sehens“, lernte ich, ihn wahrzunehmen. Einen Blick der Gelassenheit, der vollkommenen Offenheit. Und den Mut anzuerkennen, dass er mein ist. Er war es von meinem ersten Atemzug an, er wird es bis zu meinem letzten bleiben. Es gibt kein Entkommen, keine Erlösung, keine Befreiung. Es gibt keinen Sieg über den eigenen Schatten. Schon die Vorstellung, dies sei möglich, ist nur wieder mein Teufel in neuer Gestalt.

Das denke ich mir, während vor dem Fenster des ICE der Thüringer Wald vorbei zieht. Zwischen den kahlen Bäumen taut der Schnee.

About Poland. Part 2.

It was the fourth hour of our journey. I did not feel tired, I was looking forward to meeting Vasilisa. I felt that something good was about to happen. And now we are already in Poland, but there are still a couple of hours of travel ahead. We stopped at a gas station. Our driver turned out to be quite a nice person. He said that he wanted to go to eat at one of his favorite Polish restaurants. I supported him, as I was determined to try something from Polish cuisine. But it turned out to be McDonald’s. I will not say that I was upset, of course it was not the favorite „Polish restaurant“ that I expected, but it turned out to be no worse. Katorina and I went inside. She does not like such food, so she only took coffee. We talked about what we would like to see in Gdansk, we were so happy. We continued on our way. In one of the villages, our fellow traveler and part-time friend of the driver left us and wished us a good trip. We started talking to the driver. He works near Munich and they immediately hit it off with Katarina as she knows those places around Bavaria. Time flew by, he told us about Gdynia, where he lives, it’s only twenty minutes from Gdansk. And he told us that we had to return when it was warm. We got out of the car at the station, the driver was very worried about whether we would get there, explained many times which train we needed and where to buy a ticket. It was very nice of him, it’s still unusual for me that strangers can be really genuinely kind. And here we are standing at the station, I’m smoking, it’s twenty minutes before the train, I feel like I’m starting to freeze. Suddenly a young man comes up and asks us something in Polish. I answer that we do not speak Polish. He looks at me and asks in Russian “maybe you speak Russian or Ukrainian?”. “I’m talking for two,” I answer and immediately specify where he is from. I’m always wary of this kind of dialogue. „Belarus“. The guy was frankly dissatisfied with the situation in his country, and this is understandable. It was difficult for him to leave the country, but he specified that he was more comfortable in Poland. We got on the train and he continued talking. He talked a lot. It looked like he had no friends and was very lonely. I feel very sorry for such people, because it was clear that he really wanted to talk to us. Before leaving the train, he uttered, “I know a bar where there are a lot of immigrants from Belarus and Ukraine, can we go sometime? Will you give me your number?“ I didn’t want to offend him, it was clear that he was nervous, so I gave my instagram. He left the train, after a few stops we also got off and finally ended up in a taxi, then Vasilisa met us and we went up to our apartment. Vasilisa and her friend cooked dinner for us, the apartment turned out to be much smaller than I expected. But I was glad to meet Vasilisa after a couple of years. At dinner we drank champagne and some gin. After that we decided to go to the club. We had a lot of fun, we remembered our meetings in Zaporozhye. There were many funny situations. We went outside, decided to smoke and call a taxi after. I finally felt at ease. After a long time, I met a person whom I know, with whom I have a memory, something dear. Such a forgotten feeling for me. We got into a taxi, the driver was a rather attractive woman who also turned out to be from Belarus, we talked a little, it turned out that she was a little over forty, which surprised me a little, since she looked much younger. Vasilisa became drunk within minutes of our journey. We stopped at the club. „Let’s smoke?“ she suggested to our driver. She agreed, and while we were smoking, Vasilisa showered her with compliments, even hugged her. It was funny to watch it from the side. When we entered the club, there were not many people, but we liked the music, so we took a cocktail and went to dance. At some point, Vasilisa disappeared. And this club has 3 floors! We went around all three several times. She was at the closet, talking to her friend. In the end, we returned to dance, but she warned that she wanted to continue the discussion with her friend. We didn’t mind, but soon we got tired of this party and we wanted to go home. Vasilisa disappeared again. I went outside with her friend. She is also a little younger than me, but for some reason from the very beginning made me a dubious impression. We’re trying to get through to Vasilisa. I was angry. She always does that, it turns out she left with some guy. We called a taxi, it was 4 am when we arrived home. Katarina woke up. „Everything is fine?“ she asked. I replied that I was angry with Vasilisa and just went to bed. I did not hear when she returned, but when I saw that she was sleeping, I became calmer. It didn’t make sense to talk to her about how it wasn’t right. It happened more than once. I made sure everything was fine and fell asleep again. Looking forward to a new day.

Die Reise ist zu Ende. Oder doch nicht?

Jede Sekunde zählt! Ich schnalle den Treckingrucksack enger, werfe mich, als sich die Tür des EC vor mir öffnet, aus dem Zug, haste die steilen Treppen des Berliner Hauptbahnhofs hinunter, jage den langen Flur des zweiten Untergeschosses entlang, schlittere um die Kurve.

Da, die letzte Treppe, unten steht der ICE nach Leipzig! Monotones Piepen begleitet das Schließen der Türen. Als ich keuchend am Bahnsteig ankomme, fährt der Zug an. „Sänk you for Träveling wiss Deutsche Bahn“, denke ich ergeben. …Deutschland hat mich wieder.

Die erste Zugdurchsage auf Deutsch während der Einfahrt in den Hauptbahnhof Frankfurt/Oder hatte mir regelrecht in den Ohren geschmerzt. Das polnische Sprachbad in Gdanzg war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dass ich über Tage nicht verstand, was um mich herum gesprochen wurde, hatte mich nicht gestört. Im Gegenteil: erst als ich wieder mit dem Deutschen konfrontiert bin, wird mir bewusst, dass ich in Gdanzg die ganze Zeit mit dem Gefühl herum gelaufen war, in der Tiefe würde ich alles verstehen.

Die deutschen Sätze um mich kommen mir vor wie eine Fremdsprache, es ist, als müsse ich sie die ganze Zeit im Kopf übersetzen. Ich habe einen regelrechten Kulturschock! Und das nach zehn Tagen im Nachbarland Polen!

Ich wandere quer durch den Bahnhof, es ist fünf Uhr abends. Rush Hour. Eine Stunde, bis der nächste ICE nach Leipzig fährt. Auf dem Vorplatz sitzen die üblichen Berliner Verdächtigen in der Abendsonne, von der anderen Seite der Spree grüßt die Reichstagskuppel.

„Ich bin wieder da,“ denke ich, während ich die träge im Wind flatternden Deutschlandfahnen betrachte. „Unfug!“, ermahne ich mich. Was ist das für ein Satz? Ich bin immer „da“! Oder ich sollte es zumindest sein, denn das ist das Ziel meiner Meditationspraxis: Präsenz. Ich war in Gdanzg da, jetzt bin ich in Deutschland da. Ein Zitat von Meister Dosan aus dem 16. Jahrhundert fällt mir ein: „Der Weg liegt immer unter deinen Füßen.“

Das ist die eine Wahrheit. Die unmittelbare, sinnliche: ich höre, ich sehe, ich rieche, ich schmecke. An mir ziehen Geräusche, Farben, Gerüche, Geschmäcker vorbei. In diesem Augenblick: meine Bewegung, meine Emotion, mein Schritt. Jetzt! Alles ist immer nur genau dieser eine Atemzug, dieser eine Moment. Es ist die Essenz dessen, lebendig zu sein.

Gleichzeitig gibt es noch eine andere Wahrheit. Kapuscinski schreibt in „Travels with Herodotus“: „A journey, after all, neither begins in the instant we set out, nor ends when we have reached our doorstep once again. It starts much earlier and is really never over, because the film of memory continues running on inside of us long after we have come to a physical standstill. Indeed, there exists something like a contagion of travel, and the disease is essentially incurable.“

Ich bin im Außen gereist – und gleichzeitig im Inneren. Mein „film of memory“ zeigt mir nicht nur die prächtige Innenstadt von Gdanzg, die Brandung der Ostsee. Irgendwo in mir hat sich Polen verankert. Wohl im Herzen. Es ist lebendig. „This disease is essentially incurable.“ Die Reise geht weiter. Wohin sie führen wird, ist ungewiss. Es spielt keine Rolle: Der Weg liegt immer unter meinen Füßen, im Innen wie im Außen.

Am Abend schreibt mir Uriel: „Keep on writing, Katharina. Jetzt wird der Blog erst richtig gut.“

Übermorgen reise ich ans Ende der Welt. Uriel erwartet mich dort im Retreathaus „Just for Family and Friends“. Er hat eine „Frühjahrsoffensive“ organisiert: drei Trantra-Retreats in drei Wochen.

Wer mich auf dieser „inneren Reise“ durch Simhamukha, Vajrakilaya und Throma begleiten möchte, ist herzlich eingeladen, weiter mitzulesen…

Plaza Stogi

Plaza Stogi – Der Stadtstrand von Gdanzg

Mein letzter Tag in Gdanzg – und der erste seit einer Woche, an dem die Sonne scheint. Ich muss noch einmal an den Strand!

Mit Maria und Vasilisa bin ich mit Uber dorthin. ich beschließe, zum Abschluss auch noch den öffentlichen Nahverkehr auszuprobieren. Gleich hinter dem Goldenen Tor fährt die Straßenbahn 9 zur Endhaltestelle Plaza Stogi, dem Stadtstrand von Gdanzg. Es sind schlappe 15 Haltestellen, die Fahrt dauert exakt 23 Minuten. Ich nähere mich dem Fahrkartenautomaten wie der Sprengmeister einem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg: werde ich dieser Aufgabe gewachsen sein? Ich schaffe es nicht mal, mir in München ein MVV-Ticket zu lösen! Und jetzt auch noch auf Polnisch! Zwei Minuten später halte ich ein Ticket in der Hand, es ist unglaublich. Ich wäre gerne beeindruckt von mir, aber dafür gibt es keinen Grund: es ist kinderleicht! Der Automat spricht sogar Englisch und die Auswahl an Tickets ist völlig überschaubar, es gibt nicht mal Tarif-Zonen. Ich entscheide mich für „One Way- 75 Minutes“ für 4,60 Zloty – etwas weniger als 1 Euro – und dann fährt auch schon die Straßenbahn ein.

Heute ist der Parkplatz vor dem Deich fast leer. Kein Wunder, es ist Montagmittag, das letzte Mal war ich an einem Sonntagnachmittag hier. Es sind nur ein paar Meter, dann breitet sich der riesige Strand vor mir aus. Ich laufe quer durch den Sand zur Brandung. Es ist gerade Ebbe, am nassen Saum der See entlang zu laufen macht Spaß und ist nicht so anstrengend wie durch den trockenen Sand. Als ich – auf einem Bein balancierend – den Sand aus einem Schuh kippe, kommt eine große Welle, schwappt über meinen Fuß, vor Schreck verliere ich das Gleichgewicht. Erkenntnis: so kalt ist sie garnicht, die Ostsee. Mit nassen Socken und Schuhen laufe ich weiter, es tut der Freude keinen Abbruch.

Am Ende des Strands reicht ein grauer Steinwall weit ins Meer hinaus. Da wollte ich schon bei meinem ersten Besuch hin, zwei müde verfrorene betrunkene Mädels hielten mich davon ab. Heute bin ich alleine da. Ich tippe darauf, dass ich etwa dreißig Minuten brauchen werde. Von wegen! Eineinhalb Stunden später packe ich meine Thermoskanne an den grauen Steinen aus. Der Strand hat eine Länge von mindestens sechs Kilometer! Da passen sicher auch an heißen Sommertagen alle Gdansker Kinder drauf, samt Eltern und Großeltern.

Ich freue mich an Sonne, Meer und Wind, bestelle mir im Strandrestaurant noch eine polnische Fischsuppe und steuere tiefenentspannt am späten Nachmittag die Haltestelle gleich neben dem Restaurant an. Die Straßenbahn wartet schon, Endhaltestelle. Die kräftig gebaute Zugführerin steht neben der geöffneten Fahrertür und raucht. Am Bahnsteig kein Fahrkartenautomat. Ich habe noch zwei Minuten. Vielleicht kann man auch in der Straßenbahn Tickets lösen? Ich laufe einmal durch: nichts. „Idiot!“, denke ich, „warum hast Du nicht das Tagesticket genommen?“

Die Zugführerin versteht kein Englisch und reagiert ungehalten, als ich ihr erkläre, ich würde gerne mitfahren, hätte aber kein Ticket! Ich winke fragend mit dem Handy, sie öffnet ostentativ genervt die Tür zum Fahrgastraum und weist, irgendwas Polnisches ausstossend, auf einen Aufkleber. Ich scanne das Icon und lande wirklich auf der Homepage des Öffentlichen Nahverkehrs von Gdanzg. Im Gegensatz zum vortrefflichen Fahrkartenautomaten ist es komplett unübersichtlich, außerdem akezptiert es kein Apple-Pay, es will Google-Pay. Während die Straßenbahn Fahrt aufnimmt, tippe ich mich nervös durch die Seiten, versuche vergeblich Google-Pay zu aktivieren und gebe irgendwann genervt auf. Ich muss schwarz fahren.

Bei der Idee, was passieren wird, sollte ich einem polnischen Kontrolleur in die Hände fallen, wird mir ganz anders! Meine wenigen Begegnungen mit Autoritätspersonen haben mich gelehrt, dass die Polen deutlich autoritärer ticken als die Deutschen. Und mangelnde Englischkenntnisse kompensieren sie durch Grobheit. Mein multifunktional einsetzbarer Allwetter-Charme, seit dem Kleinkindalter in Perfektion eingeübt, zerschellt an polnischen Respektspersonen. Er ist mein Geheimrezept gegen Autoritätsgehabe, Unterwürfigkeit beherrsche ich leider nicht. Ich beschließe, es nicht auf einen Versuch ankommen zu lassen und verlasse, kaum sind wir an den Rändern der Innenstadt angekommen, die Straßenbahn. Lieber drei Kilometer laufen, als einem polnischen Fahrkartenkontrolleur in die Hände zu fallen…

Privat Property

Es schneit, eiskalter Wind bläst mir ins Gesicht. Für Winterwetter bin ich nicht ausgestattet, ich trage drei Schichten Kleidung übereinander. Egal, ich will endlich ans Meer. Ein Fußweg führt den Kanal entlang aus der Altstadt. Jachten schaukeln am Kai, auf der gegenüberliegenden Seite grüßt der riesige Appartementkomplex, in dem ich meine ersten Nächte mit Maria in Gdanzg verbracht habe.

Das ist der Appartementkomplex – aktuell belegt von Belarussen auf der Flucht vor Lukaschenko….

Der Fußweg endet, ich finde mich zwischen riesigen halb verfallenen Lagerhallen wieder. Das Navigationssystem lotst mich verlassene Straßen entlang, schaurig pfeift der Wind in den Industrieruinen. An einem leeren Parkplatz eine große Schautafel: „Welcome to imperial shipyard“. Netterweise in Englisch. Ich erwarte irgendwas Historisches und werde sofort eines Besseren belehrt: es handelt sich um ein Immobilienprojekt! Der ehemalige imperiale Hafenbereich, erfahre ich, wird neu bebaut und auch ich könne hier mein Traum-Appartement erstehen. Zentrumsnah, mit allem Chichi – inklusive Spa, Gym und Concierge-Service. Wow! Zielgruppe scheinen nur bedingt Polen zu sein, sonst müsste das Projekt nicht Englisch annonciert werden. Während ich fröstelnd lese, fährt ein Mietwagen an mir vorbei, kreist einmal um den Parkplatz, der Fahrer verrenkt, während er mich umrundet, den Hals in alle Richtungen. Ein Kaufinteressent! Wo der wohl herkommt? Ukraine, Russland, Belarus?

Für mich wirkt die Bevölkerung von Gdansk irritierend homogen. Alle sind kaukasisch, nur die alten Frauen auf dem Wochenmarkt tragen Kopftuch, ich habe während meines Aufenthalts genau ein farbiges Paar gesehen, offensichtlich Touristen. Was für ein Unterschied zu westdeutschen Großstädten!

Dabei geht es auch hier bunt gemischt zu, Gdansk wird überrannt von Flüchtlingen aus dem Osten. Mit den üblichen Konsequenzen. Meine Kosmetikerinnen aus Dnepro haben sich bei mir bitterlich über die polnische Kundschaft beklagt: die ließe sich nach allen Regeln der Kunst von ihnen verwöhnen, benähme sich aber respektlos und herablassend. Als ob Ukrainerinnen Dienstboten wären! Dabei könnten sie nicht mal putzen, die Polinnen!

Ein paar Meter von der Immobilien-Schautafel entfernt entdecke ich Kunst: Riesige Figuren aus Metallschrott wanken aus dem Hafenbecken an Land. Der Kommentar eines Gdanzger Künstlers zu was? Sowjetischem Imperialismus? Immobilienhaien? Reichen Russen? Oder einfach nur Deko, mit der sich die Immobilien-Kundschaft schmückt?

Es geht über mehrere Kilometer Richtung Norden. Ich könnte genauso gut die S-Bahn nehmen, sie fährt in regelmäßigen Abständen auf der anderen Seite der vierspurigen Stadtautobahn an mir vorbei, aber nein, ich muss laufen, warum auch immer. Der nasse Schnee klatscht mir ins Gesicht, außer mir ist niemand zu Fuß unterwegs. Irgendwann wieder ein Neubaugebiet, die selben verklinkerten Appartementblöcke mit den gläsernen Balkonen. „Lighthouse“ lese ich auf einem Wegweiser. Das klingt nach Hafen, ich schlage den Weg nach links ein und tatsächlich, auf einem Hügel ragt ein altertümlicher Leuchtturm in die Höhe. Als ich an ihm vorbei laufe, lässt sich auf dem schneebedeckte Dach des großen langgestreckten Gebäudes ein riesiger Schwarm Aaskrähen nieder. Ihr lautes Krächzen übertönt das gleichmäßige Klatschen der Wellen an der Kaimauer.

Die Kaimauer ist gerade einmal zwei- oder dreihundert Meter lang. Auf der anderen Seite des breiten Kanals laufen Spaziergänger, dahinter ragt ein bewaldeter Hügel auf. Ich habe die falsche Kanalseite erwischt, die nächste Brücke ist zwei Kilometer entfernt. Ich beschließe, dass mir mehr Meer heute nicht vergönnt ist, drehe um und laufe die elf Kilometer wieder zurück.

Als ich wieder am „imperial shipyard“ ankomme, bricht die Dunkelheit herein. Es hat aufgehört zu schneien, am Himmel leuchtet der Mond. Außer mir ist niemand zu Fuß unterwegs, auf der vierspurigen Straße fahren am Sonntagabend nur wenige Autos. Ich laufe einen unendlich langen Bauzaun entlang und fühle mich unwohl. So was sollte man als Frau nicht tun! Das Handy in den eiskalten Fingern vor mich haltend, folge ich dem Navigationssystem. Es sind nur zwei Kilometer bis in die Innenstadt, das werde ich wohl irgendwie überleben. Das Navi schickt mich nach links, ich folge ihm im Laufschritt, nur weg von hier. Die Nase am Bildschirm umkreise ich eine rot-weiße Schranke. Da schießt ein bulliger Kerl aus dem Verschlag, stellt sich mir in den Weg und bellt mich auf Polnisch an. Dafür habe ich keine Zeit, ich halte ihm mein Handy entgegen, setze einen hilflosen Gesichtsausdruck auf und versuche, ihn zu umrunden. Keine Chance! Er packt mich an den Schultern und blafft mich, als ich protestiere, an: „Privat Property!“ Damit schiebt er mich auf die andere Seite der Schranke. Ich denke mir etwas höchst Unhöfliches über ihn, er sich sicher in etwa das Selbe – nur auf Polnisch – über mich. Das Navy rechnet, während ich vor mich hin fluchend die dunkle menschenleere Straße entlang haste, noch mal einen Kilometer oben drauf. Als ich vierzig Minuten später die verfallenen Industriegebäude hinter mir lasse und in die belebte Innenstadt einbiege, atme ich erleichtert auf. „Privat Property!“ Was für eine Scheiße…

Reflexionen über Zen und Willigis

Mein Sitzplatz im verwunschenen Untermietzimmer

Ich vermisse mein Zafu, mein Sitzkissen. Morgens um sechs staple ich alles, was das Mini-Appartement an Kissen zu bieten hat, auf dem Schlafsofa, nehme irgendwie oben drauf Platz und wähle mich zur täglichen Morgenmeditation mit meiner Online-Sangha ein. Pünktlich um 6:10 Uhr erscheint die Zen-Lehrerin auf meinem Handy-Bildschirm, um 6.15 Uhr erklingt drei Mal der großen Gong, das Zazen beginnt. Wir meditieren 45 Minuten. Den Abschluss bildet ein kleines Ritual: wir rezitieren gemeinsam das Herz-Sutra, gefolgt von einem Tesho – dem traditionellen Vortrag des Lehrers/der Lehrerin – in diesem Fall ist es ein kurzer Tagesimpuls.

Die zwei gemeinsamen Sitzzeiten Online – um 20:15 Uhr findet täglich das Abendsitzen statt – verdanken wir der Pandemie. Vorher bin ich jahrelang zwei Mal täglich alleine für mich auf meinem Kissen gesessen.

Dann wurde am 18. März 2020 der erste Lockdown angekündigt. Und Willigis beschloss, dass der richtige Moment gekommen war, um zu gehen. Er starb am 20. März 2020 mit 95 Jahren. Mein Zen-Lehrer scherzte während der ersten Online-Sesshin, die er ein paar Tage später über Zoom „in Memoriam Willigis“ abhielt, dass Willigis wieder mal perfekt im Timing gewesen war: eigentlich wäre die Wahlfamilie weit weg vom Hof gewesen. Mein Zen-Lehrer – und Willigis Zieh-Sohn – sollte z.B. ein Sesshin in Spanien abhalten, aber wegen des angekündigten Lockdowns saß auf einmal die ganze Belegschaft auf dem Hof fest und gleichzeitig war das riesige Retreathaus leer, alle Kurse waren abgesagt worden. Willigs war umgeben von allen, die ihm wichtig waren und verließ den Hof in Stille. Es war friedlich und schön, erzählte mein Zen-Lehrer.

Am Morgen nach seinem Tod kamen Brüder aus dem Kloster Münster Schwarzach auf den Hof, wuschen den Leichnam und kleideten ihn wieder in seine Kutte. Er hatte sie fast zwanzig Jahre nicht mehr getragen. Nachdem sie Willigis in seiner Benediktiner-Kluft in den Sarg gelegt hatten, wickelte ihm mein Zen-Lehrer noch die Mala um das Handgelenk. So wurde er auch auf dem Kloster-Friedhof von Münster Schwarzach begraben: In Benediktinerkutte, mit Kreuz und Mala. Keine Ahnung, was sich Archäologen denken werden, sollte sein Leichnam in 1000 Jahren exhumiert werden? Schade, dass ich den Fachaufsatz zu diesem Fund nie lesen kann….

Die Wahlfamilie konnte sich verabschieden, der Rest der Sangha nicht. An der Beerdigung durfte nur die Klostergemeinschaft teilnehmen, die Video-Übertragung brach unter dem Ansturm zusammen. Die Homepage des Hofs füllte sich mit Klagen. Ich weinte drei Tage durch.

Zen-Leute sind konservativ, aber flexibel. Es musste was passieren, also wurde in Windeseile Zoom angeschafft und das allererste Online-Sesshin zu Ehren Willigis abgehalten. Glücklicherweise nahmen ein paar Mädels teil, die Zoom schon aus der Arbeit kannten, sie lotsten meinen Lehrer durch die Software. Es hatte seine komischen Momente und war ansonsten ein großer Trost.

Und Doris und ihr Mann Frieder eröffneten die Online-Sangha. Seit März 2020 findet an jedem einzelnen Tag des Jahres zuverlässig Morgens und Abends das Online-Sitzen statt. Wenn die beiden keine Zeit haben, übernehmen andere aus der Sangha. Die Online-Sangha wird zu einem Fixpunkt in meinem unruhigen Leben und ist ein großes Geschenk für meine Praxis.

Es ist kein „Zufall“, dass ich ausgerechnet im Zen und bei Willigis gelandet bin. So sehr er in seinem christlichen Glauben verwurzelt war, so gelassen und offen war er allen anderen Traditionen gegenüber. Deshalb hat er sein Zen auch von jeder Religion entleert. Es ging ihm immer nur um die Praxis: wenn es ums Sitzen ging, war er knallhart. In seiner Linie wird gesessen, bis der Arzt kommt. Alles andere, was den traditionellen japanischen Rinzei-Zen ausmacht, ließ er weg. Wir haben nur die Basics: Gongs, Klanghölzer, Zazen, Kinhin, Tesho, Mondo, Dokusan, die Basis-Texte und den Bhoddhisattva-Schwur. Er fand, das würde reichen. Ansonsten konnte jeder suchen, nehmen, glauben und praktizieren, was ihm vor die Nase kam.

Er hat mir – und vielen anderen – mit dieser Offenheit und Klarheit ein großes Geschenk gemacht. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt…“

Es gibt so viele Wege zur Erleuchtung, wie es Lebenwesen gibt…

Ukrainische Augenbrauen

Maria schreibt jetzt auch im Blog. Pünktlich zum Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine, dem wir auf makabre Weise unsere Freundschaft verdanken, hat sie ihren ersten Beitrag hochgeladen. Sie muss Englisch schreiben, das macht es viel schwerer für sie, ihren „Sound“ zu finden, als wenn sie in ihrer Muttersprache erzählen könnte. Ich hoffe, sie wird trotzdem weiter machen. Immer nur Objekt meiner Erzählung zu sein, ist ihr nicht angemessen.

Ich bin am 24. Februar gleich mit mehreren existentiellen Themen konfrontiert. Neben dem Krieg ist es der Hunger. Er begegnet mir in Gestalt eines Mannes mittleren Alters, im roten Anorak und auf Krücken, kurz nachdem ich die alternative Suppenküche mit einem großen Glas Kimchi verlassen habe. Er spricht mich auf Polnisch an, und wechselt, als er meinen verständnislosen Gesichtsausdruck sieht, ins Englische: „Please, I need money! I am hungry!“ Ich bin völlig überfordert, ich habe keinen einzigen Zloty bei mir! Maria bezahlt selbst Kleinbeträge mit Karte und hat mir nach unserer Ankunft erklärt, dass es nicht notwendig wäre Geld zu wechseln. Ich stammle: „I am realy sorry! I have no cash!“ Der arme Kerl entschuldigt sich auch noch bei mir, bevor er sich umdreht und auf seinen Krücken weiterhinkt. In der ersten Wechselstube, an der ich vorbei komme, hole ich mir Zloty, so was soll mir nicht noch einmal passieren.

Während ich durch die Stadt laufe, beschäftigt mich die Begegnung. Es war das erste Mal seit meiner Ankunft vor einer Woche, dass ich angebettelt wurde. Und dann auch noch so existentiell! Es hat mir ganz sicher was zu sagen, wie Innen so Außen. Nur was? Ich laufe über den Wochenmarkt. Der Blumenkohl sieht aus wie gemalt, Kartoffeln in allen Farben, Formen und Variationen, rote und gelbe Beete leuchten zwischen Bergen Karotten und Salat. Die Saubohnen gibt es frisch, nicht nur getrocknet wie bei uns. Dagegen ist ein deutscher Wochenmarkt ein Trauerspiel. Polen scheinen durchaus Gemüse zu essen, aber wohl nur Zuhause und nicht im Restaurant. Leider kann ich nichts mitnehmen, ich habe ja keine Küche in meinem Mini-Ferienappartement.

Meine Gedanken wandern zu meiner aktuellen Lebenssituation: In Leipzig habe ich auch keine Küche. Oder zumindest nichts, was den Namen verdienen würde. Mein verwunschener Vermieter hat viele Jahre in Lateinamerika gelebt und nicht nur einen Sohn aus der Karibik zurück nach Sachsen gebracht, sondern auch einen mehr als frugalen Lebensstil. Ich hatte beschlossen, dass meine neue Existenz mit Campingkühlschrank, Mikrowelle und rosa Waschschüsselchen im Spülbecken statt Spülmaschine eine verdiente karmische Strafe ist. Für meine zurückgelassene Existenz mit Luxusküche, Fünf-Gänge-Menüs, gehobener Tischkultur, dem Bücherregal voller Kochbücher. Das vergangene Jahr habe ich mich von vegangem Standard-Eintopf ernährt, den ich einmal in der Woche unter widrigen Bedingungen zubereitet und portionsweise täglich in der Mirowelle aufgewärmt habe. That´s it.

Die prächtigen Blumensträuße auf dem Wochenmarkt lösen die nächste innere Jammertirade aus: statt in meinem prächtigen Garten fand ich mich in Leipzig auf einem winzigen Balkon wieder. Mein verwunschener Vermieter gab mir netterweise kurz nach meinem Einzug im Frühjahr einen seiner vier Balkonkästen ab. Die Ringelblumen und der winzige Basilikum waren kein wirklicher Trost. Das ganze Gartenjahr über habe ich gelitten, wenn ich auf meinen Joggingrunden an den üppigen Schrebergärten vorbei lief. Und jetzt kommt das nächste Frühjahr, das ich ohne Blumenrabatten verbringen muss.

Es ist offensichtlich, dass auch ich „hungrig“ bin. Akzeptanz, ermahne ich mich wieder einmal, Akzeptanz… Es funktioniert nicht wirklich. Mein hungriger Geist lenkt mich ins Outlet-Store. In einem Moment geistiger Umnachtung erstehe ich Spitzenunterwäsche in Pink!

Am Abend finde ich mich im edel gestylten Kosmetiksalon wieder. Hinter dem Tresen lehnt eine zusammengerollte ukrainische Fahne in der Ecke. Die eine Kosmetikerin ist blond, die zweite brünett, die dritte schwarzhaarig. Schön sind sie alle drei. Und sie sehen aus wie geklont: volle Botox-Lippen, null Mimik dank Botox-behandelter Stirn, dafür perfekter Taint. Die Blonde ist die einzige, die Englisch kann, untereinander sprechen sie – kein Polnisch, sondern Ukrainisch! Jawohl, sie kämen aus der Ukraine, erklärt mir die Blonde, genauer aus Dnepro. Ich drücke mein Beileid über den Jahrestag aus, verkünde, dass ich schon mal in der Ukraine war und wie gut es mir dort gefallen hat – before the war – und gebe mein Schicksal in ihre Hände. Die Brünette übernimmt die Kosmetikbehandlung. Nach der Grundreinigung holt sie die Blonde und die fragt, ob ich „Injections“ möchte? Ich bin hochgradig alarmiert: „What kind of injections?“ „For your skin.“ Ist das der Code für „Botox“? So wie man beim Cocain-Taxi „Pizza“ bestellt? Oder bin ich paranoid? Ich lehne dankend ab, sicher ist sicher.

Auch ohne „Injections“ läuft die Kosmetikbehandlung auf einem Niveau ab, wie ich noch keine erlebt hatte. Diverse seltsame Geräte kommen zum Einsatz, damit die Gesichtsmaske besser einzieht, bekomme ich eine futuristisch leuchtende Wärmeplatte aus Metall aufgelegt. Ich sehe sicher aus, als käme ich von einem fremden Planeten.

Danach kommt Phase zwei. Jetzt ist die Dunkelhaarige am Zug, ich bewundere ihre perfekt gepflegte Augenpartie. Ich bin an einen Profi geraten, denke ich. Während der nächsten Stunde lerne ich, dass die Schlussfolgerung zu kurz gegriffen war: ich bin an eine Künstlerin geraten. Sie pinselt, malt, zupft und wachst an meinen Augenbrauen herum, als wäre ich ein Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle.

Ich bin etwas erschrocken, als ich mich nach dem Ende der Behandlung im Spiegel betrachte. Was für Augenbrauen! Ich sehe ukrainisch aus! Die drei Kosmetikerinnen freuen sich, so soll es sein. Wir machen noch ein Selfie zu viert, ich verspreche, dass ich bei meinem nächsten Besuch in Gdanzg wieder vorbei kommen werde, die Blonde sortiert meine Kundenkarte in ihren Hängeordner ein.

Andere tragen am 24. Februar die gelb-blaue Fahne, um ihre Solidarität mit der Ukraine auszudrücken, ich trage ukrainische Augenbrauen…

Für alle, die in Gdanzg zu Besuch sind und auch ukrainische Augenbrauen – und eine perfekte Kosmetikbehandlung – möchten: Moon-light, Szeroka 56/57

About the idea of ​​going to Poland

My name is Maria.  To be honest, I am completely inexperienced and have never written anything before, unlike my good friend, and now partly a co-author, Katharina.  But we decided that the blog would be more interesting if we show two different views on certain situations.  I want to tell our little „journey“ to Poland, Gdansk.  A couple of weeks before, I was completely at a loss as to what I could do on my vacation.  In truth, this is my first real vacation, although I have been working since early childhood.  But unfortunately in my country it is normal when people work a lot and have very little rest.  A couple of months earlier I was already in Poland with my colleagues, it was exciting and very cheap, so the idea arose in my head to visit this country again. On the most ordinary Tuesday evening, I was relaxing at home after a working day.  I opened instagram and saw the story of my old friend Vasilisa.  We met back in Zaporozhye, 3 years ago in one of the clubs.  Since then, we began to communicate, but in these friendly relations, I rather felt like a mother or an older sister.  She is only a couple of years younger than me.  But our life stories are somewhat similar.  In a bad way.  But this is not about that now, in fact, when I opened Instagram, I saw her photo, and just asked what country she was in now.  She replied that she now lives in Poland, in Gdansk.  I said that I had a vacation soon, and we agreed to meet.  Emotions overwhelmed me.  Probably because I haven’t seen my entourage since I left the country because of the war.  Some nostalgia washed over me.  After a couple of days, I finally met Katharina.  We met in one of the Vietnamese restaurants.  As always, we chatted about everything, and at some point I told her that I was planning a trip to Poland and invited her to come with me.  It was so spontaneous and so similar to me.  And I was very happy when she agreed.  We both needed this trip.  I wanted a change of scenery, to see something new, to be away from everything.  We have been looking forward to the next couple of weeks and finally the day has arrived.  We met Katarina in my apartment, chatted and waited for our blablacar.  I was insanely excited as this was the first trip I had organized.  The driver, as it turned out, was from Poland, spoke Polish to me.  I understand Polish, not completely, but most of it.  It is a bit similar to Ukrainian.  The driver immediately seemed kind and open to me.  This makes me happy here.  I rarely meet gloomy and angry people.  I got into the car and turned on classical music on my headphones.  It doesn’t look like me at all.  But I began to listen to this melody and felt that all the anxiety was letting go of me.  As if something is changing.  Finally our journey begins.

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