Ich praktiziere ein tibetisch-buddhistisches Rauchopfer auf einem keltischen Opferstein und hoffe, dass es bei den Gästen Anklang findet…

Zum zweiten Mal bin ich auf dem Hochplateau des Maimont in den Vogesen. https://www.water-runs-east.eu/maimont/
Ich will dort ein Opfer darbringen. Genau wie im September 2022. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/
Diesmal soll es allerdings kein „Hexenopfer“ werden, sondern ein Riwo Sangchö. Schließlich habe ich in der Zwischenzeit gelernt, wie man das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer durchführt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/
Etwas mehr als eine halbe Stunde brauchen meine Freundin und ich für die Strecke vom Parkplatz bis zur keltischen Opferschale.
War das Finden des Opfersteins und das Darbringen des Opfers beim ersten Mal ein dramatisches Abenteuer, ist es jetzt beinahe Routine.
Meine Freundin nimmt wieder auf einem Felsen naher der Opferschale Platz und sieht mir dabei zu, wie ich das Opferritual vorbereite.
Im September 2022 opferte ich Blumen, Obst und ein Räucherstäbchen. So wie es mir die Hexe aus dem Thüringer Harz via Messenger aufgetragen hatte. https://www.water-runs-east.eu/hexe/
Diesmal hole ich Kupferschälchen aus meinem Rucksack, reihe sie – so gut das auf der Oberfläche des Felsens möglich ist – nebeneinander auf dem vorderen Rand der keltischen Opferschale auf und fülle eines nach dem anderen mit Wasser.
Jedes der Wasserschälchen symbolisiert eine andere Opfergabe für die Gäste, die ich bald einladen werde: Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Blumenschmuck, Weihrauch, Kerzen, Duftwasser, Speisen und Musik.
Alle Opfergaben werden durch das Wasser in den Schälchen symbolisiert. Bis auf die Kerze. Die gibt es in Natura: Zwischen dem vierten und dem fünften Schälchen stelle ich ein kleines Teelicht auf.
Dahinter platziere ich mein Räuchergefäß, in das ich ein Stück Kohle lege. Daneben stelle ich das Glas mit der Räuchermischung.
Schließlich hole ich einen Zierkissenbezug heraus, in dem ich den Text des Riwo Sangchö und meine Mala transportiere. Ich trapiere den Kissenbezug auf dem hinteren Teil des Opfersteins und lege meine Mala und den Ritualtext darauf.
Nachdem ich auch noch meine Ritualglocke, den Vajra und die kleine Handtrommel darauf platziert habe, bin ich startklar.
Die Freundin inspiziert stirnrunzelnd mein Arrangement: Wir haben kein Opfer für die Opferschale!
Sie hatte, als wir aufbrachen, ein weiteres Mal Obst und Blumen mitnehmen wollen. Das hatte ich zurückgewiesen. Es ist schließlich alles für ein Riwo Sangchö vorhanden, inklusive des Instant-Powder!
Jetzt muss ich ihr recht geben. Mein Opfer sieht irgendwie unpassend aus. Alles ist um die Opferschale aufgereiht, die Schale selbst bleibt leer.
Soll ich das Räuchergefäß hineinstellen? Aber eigentlich gehört es hinter die Schälchen.
Ich bin verunsichert. Wie ist es richtig?
Gleichzeitig komme ich mir blöd vor. Es ist schon exzentrisch genug, ein Opfer an einer keltischen Opferschale darzubringen. Warum sollte es einen Unterschied machen, ob das Opfer am Rand des Steins oder in dessen Mulde präsentiert wird?
Zwischen angemessener Sorgfalt und zwanghafter Neurose liegen oft nur Nuancen.
Ich beschließe, die Räucherschale am Rand der Opferschale stehen zu lassen. Auf die paar Zentimeter wird es nicht ankommen.
Das nächste Mal werde ich wieder Obst und Blumen in die Mulde legen, aber jetzt haben wir keine dabei. Es lässt sich nicht mehr ändern.
Unter dem kritischen Blick der Freundin entzünde ich die Kerze und turne auf den Opferstein.
Nachdem ich im Schneidersitz hinter meinem Zierkissenbezug Platz genommen habe, nehme ich zuerst meine Mala und rezitiere 108 Mal mein Vajra Armor Mantra. Für jede Perle der Mala ein Mantra. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/
Das Mantra habe ich auch während des ersten Rituals vor zwei Jahren gesprochen.
Als ich mit dem Vajra Armor Mantra durch bin, beginne ich mit dem traditionellen tibetischen Rauchopfer.
Zuerst rezitiere ich Tashi Zigpa, danach Gyaltsen Tsen Ma.
Tashi Zigpa mag ich gerne. Es ist die Bitte um den siegreichen Ausgang aktueller Projekte und wird traditionell zu Beginn tibetisch-buddhistischer Tantra-Praktiken gesprochen.
Gyaltsen Tsen Ma – ein ungewöhnlich kraftvoller Text, der fast nur aus Keimsilben besteht – liebe ich. Die Anrufung zur Überwindung aller Hindernisse verdanke ihn meiner Khandro.
Während ich die magischen Silben spreche, senkt sich Stille über das Hochplateau.
Ich bin beim Haupttext des Riwo Sangchö angelangt.
Zuerst rufe ich Guru Rinpoche an und nehme Zuflucht zu ihm. Als nächstes entwickle ich bewusst Bodhichitta – liebendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen – bevor ich in einer Visualisierungsmeditation durch die Energie Guru Rinpoches gereinigt werde und mich danach in ihn transformiere.
In der Form Guru Rinpoches verwandle ich das Rauchopfer-Pulver in Amrita. Diesen magischen Akt vollziehe ich mit Hilfe von Mantras – tibetischen Zaubersprüchen – und Mudras – einer Abfolge von Handbewegungen.
Nachdem die Transformation abgeschlossen ist, läute ich die Ritualglocke und drehe die kleine Handtrommel dazu.
Das Drohnen der Glocke, untermalt vom fiebrigen „Tocktocktock“ der Damaru, lässt die Stille beben.
Auf einmal kriecht eisige Kälte über das Hochplateau.
Genau wie beim letzten Mal.
Ich versuche die Angst, die mich an der Kehle packt, zu ignorieren und rezitiere weiter.
Die Einladung der Gäste.
Buddhas, Bodhisattvas, Schützer – und die Geister der Natur. „The real landlords“, nennt sie meine Khandro.
Nach den wahren Herren des Maimont lade ich noch alle Tiere ein, die hier leben – und zum Schluss alle Kräfte, die mir feindlich gesonnen sind und sogar die, die mir den Tod wünschen.
So steht es im Text.
Sie sind da. Alle miteinander. Ich glaube sie zu spüren, während ich – zitternd vor Nervosität – die Räuchermischung auf die glühende Kohle gebe.
Aber diesmal „sehe“ ich sie nicht. Im Gegensatz um letzten Mal. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/
Während der Rauch des Opfers in weißen Schwaden zum Himmel steigt und dabei einen intensiven Geruch verströmt, murmle ich – die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om a Hung“.
Nach etwa zehn Minuten ist die Räucheropfermischung verbrannt. Ich verabschiede die Gäste, widme die Verdienste, die ich – hoffentlich!!! – durch dieses Opfer erworben habe allen fühlenden Wesen und schließe mit einem Gebet an Guru Rinpoche.
Als ich von der Opferschale klettere, fühlen sich meine Beine an, als wären sie aus Gummi.
Mein Puls rast.
Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer, das ich gerade unter Aufbietung all meiner Kräfte und Fähigkeiten dargebracht habe, angenommen worden ist.
Denn ich habe nichts „gesehen“.
Was nichts heißen muss. Ich bin schließlich eine unbeholfene Laien-Praktizierende. Mit eingeschränkter Sichtweise.
Mal sehe ich etwas – oder glaube zumindest, das zu tun – ein andermal sehe ich nichts. Was nicht bedeutet, dass da nichts gewesen sein könnte.
Die Freundin tritt zu mir und beobachtet mich dabei, wie ich mein Equipement von der Opferschale nehme und in den Rucksack packe. Auch sie ist sich unschlüssig, ob die Gäste hier waren.
Die Landlords.
Es hat sich so angefühlt. Für uns beide. Aber sicher sind wir uns nicht.
Im Gegensatz zum letzten Mal. Da waren sie da. Wir wussten es beide.
„Was, wenn wir sie verärgert haben?“ Die Freundin ist besorgt.
Wir sind beide keine Experten, wenn es um örtliche Naturgeister geht.
Während wir dem Wanderweg bergabwärts in Richtung Parkplatz folgen, diskutieren wir das Opfer. Wir sind uns einig, dass die Kälte, die während des Rauchopfers über das Hochplateau kroch, nicht feindselig war.
Sie war von nüchterner Klarheit.
Wie auch immer. Geschehen ist geschehen.
Uns bleibt nichts anderes, als das Beste zu hoffen. Wenn es wieder so sein wird wie beim ersten Mal, werden wir bald erfahren, ob wir gutes oder schlechtes Karma generiert haben. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/
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