Es schneit, eiskalter Wind bläst mir ins Gesicht. Für Winterwetter bin ich nicht ausgestattet, ich trage drei Schichten Kleidung übereinander. Egal, ich will endlich ans Meer. Ein Fußweg führt den Kanal entlang aus der Altstadt. Jachten schaukeln am Kai, auf der gegenüberliegenden Seite grüßt der riesige Appartementkomplex, in dem ich meine ersten Nächte mit Maria in Gdanzg verbracht habe.

Das ist der Appartementkomplex – aktuell belegt von Belarussen auf der Flucht vor Lukaschenko….

Der Fußweg endet, ich finde mich zwischen riesigen halb verfallenen Lagerhallen wieder. Das Navigationssystem lotst mich verlassene Straßen entlang, schaurig pfeift der Wind in den Industrieruinen. An einem leeren Parkplatz eine große Schautafel: „Welcome to imperial shipyard“. Netterweise in Englisch. Ich erwarte irgendwas Historisches und werde sofort eines Besseren belehrt: es handelt sich um ein Immobilienprojekt! Der ehemalige imperiale Hafenbereich, erfahre ich, wird neu bebaut und auch ich könne hier mein Traum-Appartement erstehen. Zentrumsnah, mit allem Chichi – inklusive Spa, Gym und Concierge-Service. Wow! Zielgruppe scheinen nur bedingt Polen zu sein, sonst müsste das Projekt nicht Englisch annonciert werden. Während ich fröstelnd lese, fährt ein Mietwagen an mir vorbei, kreist einmal um den Parkplatz, der Fahrer verrenkt, während er mich umrundet, den Hals in alle Richtungen. Ein Kaufinteressent! Wo der wohl herkommt? Ukraine, Russland, Belarus?

Für mich wirkt die Bevölkerung von Gdansk irritierend homogen. Alle sind kaukasisch, nur die alten Frauen auf dem Wochenmarkt tragen Kopftuch, ich habe während meines Aufenthalts genau ein farbiges Paar gesehen, offensichtlich Touristen. Was für ein Unterschied zu westdeutschen Großstädten!

Dabei geht es auch hier bunt gemischt zu, Gdansk wird überrannt von Flüchtlingen aus dem Osten. Mit den üblichen Konsequenzen. Meine Kosmetikerinnen aus Dnepro haben sich bei mir bitterlich über die polnische Kundschaft beklagt: die ließe sich nach allen Regeln der Kunst von ihnen verwöhnen, benähme sich aber respektlos und herablassend. Als ob Ukrainerinnen Dienstboten wären! Dabei könnten sie nicht mal putzen, die Polinnen!

Ein paar Meter von der Immobilien-Schautafel entfernt entdecke ich Kunst: Riesige Figuren aus Metallschrott wanken aus dem Hafenbecken an Land. Der Kommentar eines Gdanzger Künstlers zu was? Sowjetischem Imperialismus? Immobilienhaien? Reichen Russen? Oder einfach nur Deko, mit der sich die Immobilien-Kundschaft schmückt?

Es geht über mehrere Kilometer Richtung Norden. Ich könnte genauso gut die S-Bahn nehmen, sie fährt in regelmäßigen Abständen auf der anderen Seite der vierspurigen Stadtautobahn an mir vorbei, aber nein, ich muss laufen, warum auch immer. Der nasse Schnee klatscht mir ins Gesicht, außer mir ist niemand zu Fuß unterwegs. Irgendwann wieder ein Neubaugebiet, die selben verklinkerten Appartementblöcke mit den gläsernen Balkonen. „Lighthouse“ lese ich auf einem Wegweiser. Das klingt nach Hafen, ich schlage den Weg nach links ein und tatsächlich, auf einem Hügel ragt ein altertümlicher Leuchtturm in die Höhe. Als ich an ihm vorbei laufe, lässt sich auf dem schneebedeckte Dach des großen langgestreckten Gebäudes ein riesiger Schwarm Aaskrähen nieder. Ihr lautes Krächzen übertönt das gleichmäßige Klatschen der Wellen an der Kaimauer.

Die Kaimauer ist gerade einmal zwei- oder dreihundert Meter lang. Auf der anderen Seite des breiten Kanals laufen Spaziergänger, dahinter ragt ein bewaldeter Hügel auf. Ich habe die falsche Kanalseite erwischt, die nächste Brücke ist zwei Kilometer entfernt. Ich beschließe, dass mir mehr Meer heute nicht vergönnt ist, drehe um und laufe die elf Kilometer wieder zurück.

Als ich wieder am „imperial shipyard“ ankomme, bricht die Dunkelheit herein. Es hat aufgehört zu schneien, am Himmel leuchtet der Mond. Außer mir ist niemand zu Fuß unterwegs, auf der vierspurigen Straße fahren am Sonntagabend nur wenige Autos. Ich laufe einen unendlich langen Bauzaun entlang und fühle mich unwohl. So was sollte man als Frau nicht tun! Das Handy in den eiskalten Fingern vor mich haltend, folge ich dem Navigationssystem. Es sind nur zwei Kilometer bis in die Innenstadt, das werde ich wohl irgendwie überleben. Das Navi schickt mich nach links, ich folge ihm im Laufschritt, nur weg von hier. Die Nase am Bildschirm umkreise ich eine rot-weiße Schranke. Da schießt ein bulliger Kerl aus dem Verschlag, stellt sich mir in den Weg und bellt mich auf Polnisch an. Dafür habe ich keine Zeit, ich halte ihm mein Handy entgegen, setze einen hilflosen Gesichtsausdruck auf und versuche, ihn zu umrunden. Keine Chance! Er packt mich an den Schultern und blafft mich, als ich protestiere, an: „Privat Property!“ Damit schiebt er mich auf die andere Seite der Schranke. Ich denke mir etwas höchst Unhöfliches über ihn, er sich sicher in etwa das Selbe – nur auf Polnisch – über mich. Das Navy rechnet, während ich vor mich hin fluchend die dunkle menschenleere Straße entlang haste, noch mal einen Kilometer oben drauf. Als ich vierzig Minuten später die verfallenen Industriegebäude hinter mir lasse und in die belebte Innenstadt einbiege, atme ich erleichtert auf. „Privat Property!“ Was für eine Scheiße…