Nach einer langen Nacht lege ich mir vor einem Hostel in Berlin-Kreuzberg Tageskarten – mit dem Motherpeace-Tarot-Deck…

Sonntagmorgen um Neun. Ich sitze in Berlin-Kreuzberg vor dem Hostel und sehne den Moment herbei, an dem mir erlaubt sein wird, meine Augenringe hinter der Sonnenbrille zu verstecken. Noch liegt der schmale Holztisch im Schatten, aber die warmen Sonnenstrahlen wandern stetig näher an die Hauswand heran. Ich zähle die Minuten, halte mich an meiner Kaffeetasse fest und konzentriere mich auf das pralle Leben, dass neben mir auf dem Gehweg vorbei zieht.
Ein Mann im Clownkostüm bleibt an unserem Tisch stehen und hält mir eine Plastiktröte unter die Nase. Mein Humor hat heute Urlaub. Er nimmt mein genervtes „No! Thank you!“ ungerührt zur Kenntnis und versucht sein Glück ein Straßencafé weiter. Ein Obdachloser wandert, unaufhörlich vor sich hin schimpfend, den Gehweg auf und ab. Touristen steuern, begleitet vom lauten Rattern ihrer Rollkoffer, den nahen U-Bahn-Schacht an. Die Schlange vor der Bäckerei auf der anderen Straßenseite wird lang und länger. Mit lautem Bimmeln scheucht die Straßenbahn ein Rudel übernächtigter Brautjungfern von den Schienen. Die Schleier auf ihren Köpfen wippen, als sie sich auf hohen Absätzen hinter der in Schlangenlinien laufenden Braut in spé auf den Bürgersteig retten.
Maria und ich haben im Acht-Bett-Zimmer übernachtet. Gemischt. Die Zeiten, in denen Berlin billig war, sind definitv vorbei. Dass wir nach dem Open-Air in Köpenick jede hundert Euro für ein paar Stunden Schlaf im Hotelzimmer investieren sollen, haben wir beide nicht eingesehen. Das Hostel ist ok und glücklicherweise hat keiner der Herren im Raum geschnarcht. Und besoffen und zugedröhnt war auch keiner.
Unausgeschlafen bin ich trotzdem. Aber das liegt an meiner Erkältung, mit der ich mich nach Berlin geschleppt habe. Die Tickets für das Open-Air hatte ich schon im Oktober gekauft, ein „once-in-a-lifetime-event“. Ich musste hin, da konnte mich der Husten noch so quälen. Jetzt habe ich den Salat: die Nase läuft, meine Stimme ist weg und zur Abwechslung sehe ich mal so alt aus wie ich bin – und fühle mich noch mal zehn Jahre älter. Mindestens…
Maria sitzt mir – schön wie der strahlende Frühsommermorgen – gegenüber. Sie dreht sich entspannt ihre Morgenzigarette. Nach der zweiten Tasse Filterkaffe kehrt meine Stimme zumindest in Ansätzen wieder und wir unterhalten uns über den gestrigen Abend. Maria war das allererste Mal in ihrem Leben auf einem Live-Konzert, sie fand es toll. Obwohl alles auf Deutsch war und sie faktisch nichts verstanden hat. Aber die Stimmung war super, das Wetter schön und die übliche Berliner Menagerie machte ihre Aufwartung, es gab also auch abseits der Bühne genug zu bestaunen.
Nach dem Frühstück krame ich mein Karten-Deck aus dem Rucksack. Wenn ich auf Reisen gehe, packe ich ein, was jeder vernünftige Mensch mitzunehmen pflegt: Schlafanzug, Zahnbürste etc. – und dazu immer noch zwei „unvernünftige“ Dinge: zum einen meine Mala, die tibetische Gebetskette. Denn ich habe mich verpflichtet, täglich mein Vajra-Armor-Mantra zu rezitieren, komme was wolle. Auch gestern Abend habe ich es vor dem Einschlafen im Acht-Bett-Zimmer vor mich hingemurmelt. Und zum zweiten meine Tarot-Karten. Denn jeden Morgen – ebenso komme was wolle – lege ich mir meine Tageskarten. Ich habe schon so manches Mal Schlafanzug oder Zahnbürste vergessen. Mit meiner Mala und meinen Tarot-Karten ist mir das noch nie passiert.
Normalerweise habe ich immer etwas Hemmungen, mir in der Öffentlichkeit die Karten zu legen. Aber das hier ist Berlin! Der Herr am Nebentisch mustert mich trotzdem irritiert, als ich anfange zu mischen. Da muss er durch: wer in Berlin-Kreuzberg nächtigt, wird mit Verstörenderem konfrontiert als einer übermüdeten mittelalten spleenigen Frau, die einfach nur wissen will, was der Tag bringen wird.
Meine Tageskarten lege ich mir immer mit dem „Motherpeace-Tarot“. Das ist ein feministisches Set aus den USA und weit weniger gebräuchlich als das „Raider-Waite“, mit dem ich immer Maria die Karten lege, oder das „Crowley“, das ich im Alltag benutze.

Drei Mal „V“ – „Der Hohepriester“: links „Motherpeace“, in der Mitte „Crowley“, rechts „Raider-Waite“.
Das Besondere an „Motherpeace“ ist, dass es fast nur Karten mit weiblichen Abbildungen gibt. Aber nicht nur die Bildmotive, auch die Deutung der Karten unterscheidet sich von klassischen Decks: im „Motherpeace“ werden traditionelle patriachale Perspektiven zurückgewiesen, der Fokus liegt auf weiblicher Selbstermächtigung und der Betonung des Vertrauens in die weibliche Intuition.
Eine weitere Besonderheit des „Motherpeace“ ist, dass die Karten rund sind – und die jeweilige Bildposition in die Deutung mit einfließt. Ist das Motiv nach rechts gedreht, steht das für eine Verstärkung der Botschaft. Eine Drehung nach links gilt als Hemmung. Steht die Karte auf dem Kopf, wird das – je nach Karte – entweder als Blockade oder als Umkehrung interpretiert.
Deshalb ist das „Lesen“ einer „Motherpeace“-Legung ein bisschen komplizierter: es gibt noch einmal eine Information mehr, die mit berücksichtigt werden muss. Dafür spart man sich in vielen Fällen das „Unterlegen“. Das ist eine Technik, bei der noch einmal gezielt mit einer weiteren Legung gefragt wird, ob diese konkrete Karte positiv oder in ihrem Schattenaspekt gedeutet werden muss.
Beim Motherpeace erschließt sich das aus der Drehung der Karte. Wenn man es mal raus hat, ist die runde Form deshalb sehr praktisch. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Set für meine Tageslegung benutze: Morgens muss es schnell gehen und bei diesen Karten ist die Bedeutung mit einem Blick ersichtlich.
Für die Tageslegung werden die 78 Karten des Tarot in drei Stapel sortiert: in den ersten kommen alle zweiundzwanzig „großen Arkana“, in den zweiten Stapel alle „Personenkarten“ (klassisch: Bube, Ritter, Königin, König) in den dritten alle vierzig Karten der „kleinen Arkana“.
Dann wird jeder Stapel einzeln gemischt und die jeweils oberste Karte umgedreht. Beim Motherpeace muss das mit Bedacht geschehen, auch die Drehung der Karte ist von Bedeutung. Der Winkel sollte also beim Umdrehen nicht verändert werden.

Hier noch einmal meine Tageslegung aus Berlin: links „V“ – „Hohepriester“, in der Mitte „Sohn der Stäbe“, rechts „Vier Kelche“.
Die Karten werden nun wie folgt gedeutet: Links beschreibt die Karte der „Großen Arkana“ welches Thema den Tag dominieren wird. Die Personenkarte in der Mitte zeigt, welcher Persönlichkeitsanteil in mir heute aktiv ist. Die Karte rechts steht für die Energie, mit der mir die Außenwelt – meist ist es eine konkrete Person – begegnet.
Am heutigen Tag stehe ich unter dem Einfluss des „Hohepriesters“. Ich habe Glück, dass er auf dem Kopf steht, denn im Motherpeace ist die „V“ – im Gegensatz zum klassischen Tarot – negativ beschrieben.
Auf der Karte ist ein Mann abgebildet, der sich als Frau verkleidet hat und von den Frauen um ihn herum auf Knien angebetet wird. Der Hohepriester hat die natürliche intuitive Macht der Frauen unter seine Kontrolle gebracht und manipuliert seine Anhängerinnen, indem er ihnen ihre Fähigkeit selbst zu denken, zu fühlen und ihrer Intuition zu vertrauen, abspricht. Er steht für patriachale starre Autorität, die alles Weibliche und Intuitive kontrollieren und ausbeuten will.
Weil die Karte auf dem Kopf steht, ist mein Grundthema des heutigen Tages die Rebellion gegen diese Strukturen. Das mache ich allerdings auf charmante Weise: die Karte in der Mitte zeigt den „Sohn der Stäbe“ – eine der wenigen männlichen Abbildungen des Decks. Er steht aufrecht. Das bedeutet, dass ich heute unterhaltsam und verspielt bin. Und im Außen, so die Karte rechts, bin ich mit einer Person konfrontiert, die sich eine Auszeit vom Alltag nimmt, um in Ruhe über eine Situation nachdenken zu können.
So ist es, stellen Maria und ich fest, als wir uns über die Karten unterhalten. In der Nacht bevor wir nach Berlin fuhren, haben wir beide Seltsames geträumt. Unser beider Träume waren von jener speziellen Qualität, die darauf hinweist, dass es sich nicht um „normale“ nächtliche Verabeitungsprozesse des Gehirns handelt, sondern um Botschaften, in denen wir nicht nur mit unserem eigenen Unbewussten, sondern auch noch mit anderen Personen in Kontakt standen.
Wer regelmäßig Tantra-Meditation praktiziert, kennt diese Erfahrung. Maria praktiziert nicht: sie hat vor einem Monat das erste Mal in ihrem Leben an drei Tantra-Zeremonien teilgenommen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/ Das war es auch schon gewesen. Ich bin deshalb beeindruckt von ihrem Traum: sie scheint es ohne Praxis und ohne Vorerfahrung fertig gebracht zu haben, mit einer anderen Person im Traum in Kontakt zu treten. Respekt!
Allerdings lag diesem Treffen kein Plan zugrunde. Maria war innerlich mit dieser anderen Person beschäftigt gewesen – wohl so sehr, dass sie unbewusst im Traum das Treffen arrangiert hat. Jetzt ist sie konfus – wie konnte das passieren? Außerdem beschäftigt sie die Frage, welche Schlüsse sie aus der seltsamen Traumbegegnung ziehen soll. Von daher passt die Tageskarte für sie als mein „Außen“ heute gut.
Auch ich hatte eine „Traum-Begegnung“. Im Gegensatz zu Maria hatte ich sie mir beim Einschlafen bewusst gewünscht und ich bin erfreut, dass das Treffen zustande gekommen ist. Es verlief sehr harmonisch. Deshalb bin ich seit gestern morgen – trotz Erkältung – ausgesprochen gut gelaunt. Von daher finde ich den „Sohn der Stäbe“ stimmig.
Und auch der auf dem Kopf stehende „Hohepriester“ passt perfekt. Denn das, was in diesem Traum passiert ist, lässt mich wieder einmal an meinem Verstand zweifeln. Dass ich jemand anderen zu einem Traumgespräch einladen kann, ist für Tantra-Praktizierende Standard. Und mein Gast praktiziert auch, von daher war die Schwelle niedrig. Aber dass ich mich mit jemandem ausführlich über komplizierte Dinge austauschen kann, ohne dabei im Traum zu sprechen, bringt mich an meine Grenzen. Kann es sein, dass ich mir das alles ausgedacht habe? Es ist ja wohl nicht möglich, dass ich mich wortlos mit einer anderen Person „unterhalten“ kann, einfach nur durch meine Herzensenergie?
Die Sonne hat den Tisch vor dem Hostel erreicht. Erleichtert verstecke ich meine Augenringe hinter den dunklen Brillengläsern, beobachte die Menschen, die auf dem Gehweg an uns vorbei ziehen, nehme einen Schluck Kaffee und beschließe, meiner Tageskarte und meiner Intuition zu vertrauen: es war keine Einbildung. Ich bin mittlerweile in der Lage, mit Hilfe meiner Herzensenergie zu hören und zu „sprechen“. Das verdanke ich wohl meinem Vajra-Armor-Mantra, dass ich seit mehr als drei Jahren praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/
Im Januar habe ich am Ende des Retreats den Tantra-Test des ersten Levels für das Mantra bestanden. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-feuer/
So etwas geht immer mit Konsequenzen auf der energetischen Ebene einher. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was es diesmal wohl gewesen sein könnte, was sich in mir verändert hat. Die Frage scheint hiermit beantwortet zu sein.
Übermüdet, hustend, heiser – und sehr vergnügt – schultere ich meinen Rucksack und laufe mit Maria in Richtung Hauptbahnhof. Leipzig ruft…
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