Mein tägliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – ruft seltsame Traumbilder in mir wach…

In der Nacht nach meinem fünften „Homemade Riwo Sang Chöd“ träumte ich das erste Mal vom Mond. Im Traum stand er unbewegt am nächtlichen Himmel. Mir schien es, als würde er mich mit kaltem Blick fixieren.
Am nächsten Morgen nahm ich im Zustand des emotionalen Aufruhrs auf meinem Meditationskissen Platz, um mein tägliches Rauchopfer zu praktizieren.
Während ich meine zahlreichen Gäste bewirtete und dabei tiefes Mitgefühl für die Leiden aller fühlenden Wesen in mir wach hielt, versuchte ich zu ergründen, was gerade geschah?
Ich tappte völlig im Dunkeln…
In der darauffolgenden Nacht träumte ich abermals vom Mond: Wieder stand er voll und still am Himmel. Um mich erkannte ich die vagen Umrisse menschlicher Gestalten. Ein seltsames Murmeln begleitete ihre Bewegungen. Sie kamen und gingen als flüchtige Schatten.
Am Morgen wieder das tägliche Rauchopfer.
Während ich die Instant-Nahrung auf das glühende Kohlestück löffelte, war es mir, als würden sich an meinem offenen Fenster die Traumgestalten der letzten Nacht versammeln.
Das Mantra „Om ah Hum“ murmelnd, ließ ich die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten. Im Zustand tiefer Trance beobachtete ich dabei die tanzenden Rauchschwaden, die zum wolkenbedeckten Himmel aufstiegen.
Auf einmal war ich mir sicher, dass hier und jetzt meine Traumgestalten um mich waren, die sich an meinem Opfer gütlich taten!
Die Erkenntnis wurde begleitet von tiefem Mitgefühl: Wie waren sie doch verzweifelt und verloren!
Eine Welle der Trauer überschwemmte mich, kaum war dieser Gedanke an die Oberfläche meines Bewusstseins aufgestiegen.
Die nächsten Tage und Nächte waren unschön. Um es vorsichtig zu formulieren.
Jeden Morgen fütterte ich meine hungrigen Gäste.
Meine Tage brachte ich irgendwie hinter mich, innerlich gequält vom Gefühl völliger Verlorenheit.
Und jede Nacht träumte ich von Monden.
Vom vertrauten Erdtrabanten, der mich seit dem Beginn dieser Existenz begleitet.
Von fremden Monden, die um unbekannte Planeten kreisen und auf denen ich mich in meinen Träumen unversehens wiederfand. Ich wanderte Nacht für Nacht durch seltsame Landschaften – Wüsten, Dschungel, Hochebenen, Gebirge – immer begleitet von kahlen, mit Kratern überzogenen Himmelskörpern.
In diesen Träumen begegnete ich den seltsamsten Wesen. Mit allen schien ich auf tiefe Weise verbunden zu sein.
So kam es mir zumindest vor.
Meine Tage waren erfüllt von Trauer. Immer wieder überschwemmte mich das Gefühl des unendlichen Verlustes. Dabei hätte ich nicht zu sagen gewusst, was es war, was ich verloren hatte.
Es war einfach nur ein Gefühl vollkommener Leere. Als hätte sich unversehens in mir ein gigantischer Krater aufgetan, der gefüllt werden wollte.
Jeden Morgen fütterte ich während des Riwo Sang Chöd meine Gäste. Insbesondere die, die ich Nachts in meinen Träumen auf den fremden Planeten getroffen hatte.
Aber ganz besonders fütterte ich mich selbst. Nach jedem Rauchopfer erhob ich mich von meinem Kissen mit dem tröstlichen Gefühl, das Loch in meinem Inneren würde gerade – Schicht für Schicht – mit etwas aufgeschüttet, was ich unendlich lange entbehrt hatte.
Schreibe einen Kommentar