Eine Aufenthalt im letzten Urwald Europas katapultiert mich nach Berlin…

Im Juli letzten Jahres war ich das erste Mal in Suriyels Buddhistischem Zentrum in Berlin-Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Auf der Suche nach Riwo Sang Chöd, dem tibetisch-buddhistischen Rauchopfer. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel bot es jeden Sonntag dort an. Ich musste es lernen. https://www.water-runs-east.eu/praxis/

Denn während meines Aufenthalts im polnisch-weißrussischen Bialowieza-Nationalpark zwei Wochen zuvor, war mir bewusst geworden, wie sehr ich diese Praxis entbehre. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Im letzten Urwald Europas begegneten mir auf Schritt und Tritt all die fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche, deren Erlösung meine Aufgabe ist.

Das ist das Grundprinzip buddhistischer Praxis in der Mahajana-Tradition. Zu Beginn jeder Meditation leiste ich den „Bodhicitta-Schwur“: Das Versprechen, Erleuchtung nicht aus eigensüchtigen Motiven erreichen zu wollen, sondern zur Beendigung allen Leidens.

Noch nie sind mir so viele Schattenwesen begegnet, wie in dieser archaischen Landschaft:

Erschossenen Juden.

Zu Tode gehetzten und gefolterte Partisanen.

Niedergemetzelten Dorfbewohner.

Und all die unzähligen Anderen, die in diesem riesigen uralten Wald ihr Leben verloren.

Ein nicht enden wollender Strom von Leid, Tod und Verzweiflung.

Heute sind es Flüchtlinge aus den entferntesten Orten der Erde, die hier – in diesem wilden Schwemmland, dessen Moore so unwegsam sind, dass nicht einmal die Wölfe es durchqueren – versuchen, nach Europa zu gelangen.

Wie viele von ihnen in den Sümpfen von Bialowieza zu Grunde gehen, weiß niemand.

Und ich konnte all diesen Wesen – deren verzweifelte Energie mir regelrecht den Atem nahm – nichts besseres anbieten, als ein paar Kerzen und Räucherstäbchen.

Kein Riwo Sang Chöd. Obwohl es das war, was sie gebraucht hätten. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

Weil ich zu träge gewesen war, das Rauchopfer zu lernen. Immer nur dabei saß, wenn Uriel – der Herr der Mühle – es mit mir praktizierte. Das hatte ich nun davon: Am hungrigsten Ort, in dem ich jemals gewesen war, fand ich mich alleine und mit leeren Händen wieder.

Deshalb trat ich an einem Sonntag im Juli – nach meiner Rückkehr aus dem Urwald – die Fahrt nach Berlin an. Es gab keinen anderen Platz, an dem ich das Rauchopfer hätte lernen können. Uriel lebt in einer einsamen Mühle am Ende der Welt. Er ist nicht erreichbar für mich. https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-eins/

Also musste es Berlin sein. Genauer: Friedrichshain. Ein Gedanke, der mich schaudern ließ!

Im Buddhistischen Zentrum angekommen, stellte ich fest, dass es dort angenehm ist. Mein Fazit während der Heimfahrt mit dem ICE zurück nach Leipzig war trotzdem: Es war kein Ort, den ich mir freiwillig ausgesucht hätte.

Umso verblüffte war ich deshalb über das, was sich am darauffolgenden Samstag ereignete: Während eines nachmittaglichen Spaziergangs durch die Leipziger Altstadt, meldete sich auf einmal meine Innere Stimme: „Tschüss Leipzig“, murmelte sie in mein Ohr. Kopfschüttelnd lief ich weiter. Ich musste mich verhört haben.

Doch es kam schlimmer!

Am nächsten Tag – einem Sonntag – fuhr ich ein zweites Mal nach Berlin, um mich von Suriyel in der korrekten Durchführung des Riwo Sang Chöd unterweisen zu lassen. Nachdem wir damit zu Ende waren, machte ich mich auf den Heimweg. Es war ein schöner Sommertag. Deshalb beschloss ich – anstatt die U-Bahn zu nehmen – bis zum Hauptbahnhof zu laufen.

Umweht von Abgasen, wanderte ich in Richtung Alexanderplatz – und dachte dabei an nichts. Auf einmal erklang erneut meine Innere Stimme: „Hallo Berlin!“

Diesmal war es kein Flüstern. DAS hatte ich mir definitv nicht eingebildet. Ich blieb wie erstarrt auf dem breiten Gehsteig der Karl-Marx-Allee stehen.

Auf den Fahrstreifen wurde gerade eine Radfahr-Demo abgehalten: Hunderte entspannt winkende Berliner radelten an frustriert hupenden Autofahrern vorbei, die schon seit längerem im Stau festsaßen. Auf einer nahen Parkbank hockten – beschallt von einem Ghetto-Blaster – kiffende Jugendliche und ergötzten sich an dem Schauspiel.

Ich fand es auch interessant. In der Art, in der ein Anthropologe den Ritus eines Indigenen-Stammes auf Papua-Neuguinea spannend findet. Und begleitet vom Wissen, dass mich bald ein ICE in mein zivilisiertes Leipzig zurückbringen würde.

Und auf einmal hieß es „Hallo Berlin!“

„Ach komm!“, flehte ich meine Innere Stimme an. „Das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein? Gestern: ‚Tschüss Leipzig‘? Heute ‚Hallo Berlin‘?

Die Innere Stimme schwieg. Sie hatte mir mitgeteilt, was es zu sagen gab. Auf Erklärungen verzichtete sie. Wie immer. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Als ich am Abend wieder in meinem Untermietzimmer angekommen war, schrieb ich eine Textnachricht an Uriel: „Ich werde wohl nach Berlin ziehen müssen.“ Der dachte, ich mache einen Scherz. Wie ich fand er, dass Berlin schön für ein paar Stunden ist. Aber sicher kein Ort, an dem man freiwillig lebt.

Ich ziehe nicht aus freien Stücken nach Berlin: Meine Inneren Stimme hat mich dazu verurteilt…