Der Berg in den Vogesen ist ein geschichtsträchtiger Ort, um den sich wilde Sagen ranken…

Auf einem Barockballs in der Sächsischen Provinz mache ich die Bekanntschaft einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696&preview=true
Eine so seltsame wie bereichernde Begegnung.

Einem Facebook-Post dieser Hexe verdanke ich, dass ich von der keltischen Opferschale auf dem Maimont erfahre. https://www.water-runs-east.eu/?p=8711
Fünf Wochen nach dem Barockball.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich zu Besuch bei einer Freundin im Pfälzer Wald. Als ich der – gemütlich Abends auf ihrer Coach sitzend – mein Handy mit dem Post der Hexe aus dem Harz unter die Nase halte, identifiziert die den großen grauen Felsen, auf dem die Hexe ein Opfer darbringt, sofort als keltischen Opferstein!
Denn, im Gegensatz zu mir, kennt sie diese mystischen Steine.
Einer davon – erfahre ich von ihr – befindet sich nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Inmitten einer 2000 Jahre alten keltischen Ringanlage, die um den Gipfel eines Berges verläuft.
Dem Maimont.
Ich bin elektrisiert!
Inspiriert von den Fotos der Hexe auf Facebook, die stolz ihr Herbst-Tag-und-Nachtgleichen-Opfergaben auf einem keltischen Opferstein im Harz präsentiert, beschließen wir, ebenfalls ein „Hexen-Opfer“ darzubringen.
Denn: Wenn eine keltische Opferschale in erreichbarer Nähe ist, muss sie bespielt werden!
Am nächsten Morgen brechen wir auf. Im Rucksack, den ich im Kofferraum des Auots meiner Freundin verstaue, befinden sich die Opfergaben.
Ich habe schlecht geschlafen. Was gestern Abend ein spontaner Scherz war, hat über Nacht existenzielle Bedeutung gewonnen.
Warum ist mir mit einem Mal, als ginge es bei dieser schrägen Opferung um Leben und Tod?
Ich bin mir selbst wieder einmal ein völliges Rätsel.
Meine seltsame Getriebenheit erscheint mir höchst albern. Beschämt über mich selbst bemühe ich mich, meine Freundin nichts davon spüren zu lassen.
Die parkt in Erwartung eines netten Ausflugs am Fuße des Maimont. Mit den Rucksäcken über den Schultern schlagen wir den Weg in Richtung „Gipfel“ ein. So steht es auf der Wandermarkierung.
„Anhöhe“, finde ich, träfe es besser. Der Maimont ist gerade einmal 518 Meter hoch. Eine halbe Stunde Wegzeit veranschlagt die Wandermarkierung bis zur Opferschale.
Weil ich nicht zu einer Bergwanderung aufgebrochen bin, sondern zu einem Opferritual, kommt mir das entgegen. Ich stürme die Forststraße hoch, als ginge es um ein Wettrennen.
Getrieben von dem Gedanken: „Ich MUSS da hoch!“
Nach einer Viertelstunde kommen wir an der Ruine einer Burg vorbei. Nur die Grundmauern und die Reste eines Turmes stehen noch. Die interessieren mich gerade nicht die Bohne.
Weil ich mir das nicht anmerken lassen möchte, folge ich der Freundin den Trampelpfad entlang zur Ruine.
Auf dem Weg dorthin berichtet sie mir, was sich die Einheimischen seit Generationen über die Burg erzählen:
„Der Sage nach existiert die Burg in zwei Zeitdimensionen. Es gibt einen Punkt am Gipfel des Maimont, von dem man einen direkten Blick hinunter auf die Ruine hat. An speziellen Tagen – so wird erzählt – sehen Menschen immer wieder nicht nur Steine und Geröll, sondern die unzerstörte Burg, in der mittelalterliches Leben herrscht! An diesen Tagen ist es gefährlich auf dem Maimont: Immer wieder verschwinden Menschen! Es heißt, sie wären versehentlich in diese andere Zeitdimension geraten und hunderte von Jahren in die Vergangenheit katapultiert worden, ohne jede Chance, wieder in ihre Zeit zurückzukehren!“
An normalen Tagen hätte ich diese Geschichte faszinierend gefunden.
Heute bin ich völlig auf die Opferschale fixiert.
Weil das so albern wie bizarr ist, folge ich zähneknirschend der Freundin in die Ruine, klettere hinter ihr auf die Turmreste, bewundere den Ausblick über das Elsass – und amte erleichtert auf, als wir wieder auf dem Hauptweg zum Gipfel stehen.
Jetzt stürme ich geradezu voran, die Freundin hat Mühe, mit mir Schritt zu halten. Jäh werde ich von einem rot-weißen-Flatterband gestoppt. Dahinter: Ein großes Schild. „Betreten verboten! Lebensgefahr!“, lese ich.
“Stimmt! Das hatte ich ganz vergessen!“ Die Freundin ist neben mir zum Stehen gekommen. „Hier hat es letzte Woche gebrannt!“
Und wirklich: Den Steilhang hinauf, über den sich der Wanderweg in Serpentinen hochschlängelt, steht ein schwarz verkohlter Baumstamm neben dem anderen. Schwer hängt der Geruch verbrannten Holzes in der Luft.
Die Freundin packt umständlich die Wanderkarte aus. Ich muss mich beherrschen, sie nicht anzufahren. Ich muss SOFORT hinauf!
“Es gibt noch einen Wanderweg, der auf der französischen Seite hoch führt“, erklärt mir meine Freundin. Ihr Finger zeichnet einen großen Bogen auf der Karte. „Wir müssen da lang.“ Sie zeigt auf einen schmalen Pfad, der um den Berg herumführt.
Zähneknirschend laufe ich hinter ihr her.
Nach einiger Zeit stoßen wir auf eine Abzweigung. Endlich geht es wieder hoch zum Gipfel. Ich hetze den Weg hinauf.
“Schau!“, ruft die Freundin hinter mir. „Tibetische Gebetsfahnen!“ Ich drehe mich zu ihr um. Richtig! Einige Meter abseits vom Weg spannen sich bunte tibetische Gebetsfahnen über einer Felsformation. Ich war so absorbiert von der keltischen Opferschale, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte!
“Wer die wohl gespannt hat? Und warum ausgerechnet hier?“ Die Freundin, die wie ich tibetischen Buddhismus praktiziert, ist hingerissen von dem Ort.
Ich habe ihn schon wieder vergessen. Das einzige, das mich gerade interessiert, ist die keltische Opferschale!
Sollte die Freundin mein Verhalten seltsam finden, behält sie es für sich. Stumm klettert sie hinter mir den steilen Hang hinauf. Etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Hochplateau.
“Der Maimont hat zwei Gipfel. Der eine liegt auf der französischen, der andere auf er deutschen Seite“, referiert meine Freundin, während wir die Hochebene überqueren. „1940 fand hier eine verlustreiche Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und der französischen Armee statt. Viele Soldaten sind gestorben.“
Das reißt mich kurz aus meiner Obsession. Eine seltsame Schwere scheint über der bewaldeten Hochebene zu liegen. Schweigend laufen wir hintereinander den schmalen Pfad entlang. Der endet an einem mächtigen Metallkreuz, das auf einer Felsnase montiert ist.
Das „Friedenskreuz“, das auf dem deutschen Gipfel des Maimont zur Erinnerung an die Opfer der Schlacht aufgestellt wurde. Wir klettern die Trittleiter zum Denkmal hoch. Aus der Tiefe klingt das an- und abschwellende Rauschen einzelner Autos zu uns hoch. Die Häuser des Dorfes, das sich in das Tal schmiegt, sehen von hier oben aus wie Spielzeugklötze. Die bewaldeten Hänge, die sich dahinter erstrecken, leuchten schon in bunten Herbstfarben.
Kurz bin ich von dem friedlichen Ausblick gefangen, dann fällt mich wieder der Gedanke an die Opferschale an.
„Wir müssen weiter!“
Gehorsam klettert meine Freundin hinter mir die Trittleiter hinunter.
„Wo ist der Opferstein?“, frage ich sie ungeduldig. Der Weg, dem wir den Berg hoch gefolgt sind, endet am Friedenskreuz.
Die Freundin sucht auf der Wanderkarte. Der Opferstein ist nicht eingezeichnet. Sie ruft die Wander-App auf. Auch die kennt keine keltische Opferschale.
Jetzt werde ich hysterisch: „Ich MUSS da hin!“
„Wir finden sie schon!“, beruhigt mich die Freundin. „Sie muss irgendwo da drüben sein!“
Jetzt trabe ich hinter ihr her. Quer über die Hochebene, dann erst einen steilen Hang hinunter und danach einen weiteren hoch.
Wir waten durch raschelndes Laub, um uns segeln Blätter zu Boden. Der schrille Ruf eines Bussards dringt durch die dichten Äste zu uns hinunter.
Hinter seinem Schrei steht die Stille wie eine Wand. Es ist, als wären wir mit einem Mal vollkommend alleine auf diesem seltsamen Berg.
Auf einmal fällt mir die Sage über die zwei Zeitdimensionen wieder ein. Was, wenn heute gerade einer dieser Tage ist, an denen die Tür zwischen Gegenwart und Vergangenheit offen steht und wir uns auf einmal im Mittelalter wiederfinden?
„Wir könnten uns noch nicht mal verständigen!“, erkläre ich voller Furcht der Freundin. „Wir können weder Althochdeutsch noch Latein.“
„Ich habe das große Latinum“, antwortet sie gedankenverloren, während sie sich zu orientieren versucht. „Schau! Da oben ist die Wallanlage!“
Richtig: Der Hang, den wir gerade hochklettern, wird von einer langgezogenen Erhöhung umschlossen.
Als wir dort ankommen, muss ich erst einmal Luft holen. Die keltische Verteidigungsanlage – ein etwa zwei Meter hoher Wall, der in einem großen Bogen über das Plateau verläuft – ist auch nach 2000 Jahre deutlich zu erkennen.
„Dort ist der Opferstein!“ Die Freundin weist auf einen großen roten Felsen, nicht weit vom Wall entfernt.
Endlich!
Ich renne auf den Stein zu, als ginge es um mein Leben.
Wie spannend!!!!