Während des traditionellen Rauchopfers soll man nicht nur alle Gäste Mitgefühl entgegenbringen, sondern auch sich selbst…

Jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, weiß, dass das Ziel der Übung „Erleuchtung“ ist.

Zwischen dem Praktizierenden und diesem wunderbaren Zustand – der nicht weniger als das Ende allen Leidens bedeutet – steht ein störrisches Etwas, das aufgeregt hüpft, winkt und ununterbrochen redet, um ganz viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.

Üblicherweise läuft dieses lästige Ding in der westlichen buddhistischen Szene unter „Ego“.

Keiner mag es. Alle wollen es so schnell als möglich los werden. Es gibt in der buddhistischen Szene markige Sprüche wie „Das Ego muss sterben!“

Deshalb ist es verblüffend, dass während des Rauchopfers nicht nur mit liebendem Mitgefühl – dem Bodhicitta – an alle fühlenden Wesen gedacht werden soll – sondern auch an den eigenen karmisch verstricken Geist.

Sonst wirkt das Opfer nicht.

In unserer westlichen Logik steht das in diametralem Widerspruch zu „Selbst-Losigkeit“.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich sie in einem der Bücher Jack Kornfields gelesen. Der wurde, zusammen mit vielen anderen renomierten westlichen buddhistischen Lehrern, nach Dharamsala eingeladen. Dort wollte der Dalai Lama von ihnen wissen, was denn das größte Problem wäre, mit dem sie in ihren Meditationsunterweisungen konfrontiert wären.

Ausnahmslos alle im Konferenzraum erklärten, der „Selbsthass“ ihrer Schüler wäre das größte Hindernis in ihrem Bemühen, den Buddhismus zu lehren.

Und dann passierte etwas schräges: Der Dalai Lama verstand nicht, was ihm die westliche Lehrer sagen wollten! Und seinen tibetischen Berater ging es nicht anders. Und es handelte sich nicht um ein Übersetzungsproblem.

Die tibetischen Mönche samt ihrem höchsten Oberhaupt wusste mit dem Konzept von „Selbsthass“ nichts anzufangen.

Worauf die westlichen buddhistischen Lehrer unter Zuhilfenahme von vielen Beispielen erklärten, was es damit auf sich hatte. Es war kompliziert und zeitaufwendig.

Als der Dalai Lama schließlich begriff, was „Selbsthass“ ist, war er fassungslos. Und begann zu weinen…

Wer also nicht alle Buddhas und Bodhisattvas – die Gäste der ersten Klasse, die zum häuslichen Riwo Sang Chöd erscheinen – traurig machen will, der sollte es sich erlauben, auch an sich selbst in liebender Güte zu denken.

Trotz aller Neurosen, Charakterschwächen und sonstiger Unzulänglichkeiten, die der Erleuchtung entgegenstehen…