Alles ist mit allem verbunden, nichts voneinander getrennt – so lehrt es die Sage des Gottes Indra…

Am Berg Meru, seiner himmlischen Wohnstätte – so geht die Geschichte – ließ Indra von einem listigen Handwerker ein unendliches Netz von überwältigender Schönheit und Perfektion spannen. Es reicht über alle Dimensionen und Universen und ist geschmückt mit unzähligen Juwelen, die so konzipiert sind, dass sich in jedem einzelnen Juwel alle anderen wiederspiegeln.
Ich denke an Indras Netz, während ich an meinem Manuskript schreibe. Meine Figuren sind wieder lebendig, das erste Mal seit sechs Monaten. Eine quälende Phase des verzweifelten Tastens in meinem Inneren liegt hinter mir. Im Herbst waren meine Charaktere auf einmal nicht mehr zu fassen gewesen. Ich versuchte sie mit allen Tricks und Mitteln zum Agieren zu bewegen, aber es war, als würde ich an den Schnüren von Marionetten ziehen. Sie handelten, aber die Geschichten, die ich ihnen andichtete, waren flach und leer. Ich hatte den Kontakt zu ihnen verloren, weil ich sie nicht mehr verstand. Ich war „blind“. Es kann mir nichts schrecklicheres passieren.
Ich werde immer wieder gefragt: „Denkst Du Dir das alles aus, oder passiert das wirklich?“
Was ist „wirklich“?
Mein Wolf zum Beispiel, der gerade neben meinem Schreibtisch auf dem dicken weißen Schafwollteppich vor sich hin döst, ist nicht „wirklich“ in dem Sinne, dass dort ein Tier aus Fleisch und Blut läge. Aber ich denke ihn mir auch nicht aus. Er ist auf eine andere Art lebendig. Er existiert in einem energetischen Zwischenreich zu dem ich Zugang habe, wenn meine Sinne wach sind und mein Geist offen ist. Dann „sehe“ ich ihn. Und damit ist nicht nur der optische Aspekt gemeint. Mit „sehen“ bezeichne ich eine umfassende sinnliche Erfahrung: ich spüre ihn. Ich glaube ihn zu riechen, zu hören. Er ist vollkommend DA.
Wir haben diese Fähigkeit in der Familie. Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die sich ganz selbstverständlich mit den Geistern Verstorbener über Kochrezepte unterhielt. Spirituell Gesinnte nennen es „hellsichtig“. Unvoreingenommene nennen es „imaginativ“. Die große Mehrheit nennt es „verrückt“.
Ich nehme an, dass diese Art des Sehens nicht so selten ist, wie man es vermuten würde. Weil wir in einer Kultur leben, in der diese „Kunst“ weder geschätzt noch gefördert wird, hat sie sich in Nischen zurückgezogen und treibt oft die wildesten Blüten. Wie jede Begabung muss sie kultiviert, der angemessene Umgang mit ihr muss gelehrt werden. Sonst führt die Fähigkeit des differenzierten Sehens auf Abwege. Des Öfteren – bei mentaler Instabilität und psychischen Anfälligkeiten – auch ins Verderben.
Die Glücklichen, seelisch Stabilen malen inspirierende Bilder, denken sich die schönsten Geschichten aus. Was wären Filmkunst und Literatur ohne all die Hellsichtigen, die ihre Fähigkeiten nutzen, um das, was sie wahrnehmen, so zu übersetzen, dass es auch Anderen zugänglich wird, ihnen etwas über das eigene Leben zu sagen hat?
Ich habe lange gebraucht, um meinen Frieden mit dieser Fähigkeit zu machen. Über Jahre habe ich mich in meinen Kopf geflüchtet. Es war verführerisch, denken kann ich gut. Und intellektuelle Beschlagenheit geht mit Anerkennung und Status einher. Die Fähigkeit „Wölfe“ und noch vieles Andere zu sehen, definitiv nicht.
Erst der Osten schenkte mir eine Haltung, die es mir ermöglichte, mit meiner speziellen Begabung zu leben und sie für mich nutzbar zu machen.
Für Andere ist mein extremes tägliches Meditieren – mindestens eineinhalb Stunden sind es immer – und meine vielen Retreats ein Spleen. Für mich ist es existentell: nur wenn ich konstant in diesem speziellen Modus der Wachheit und Präsenz bin, den buddhistische Meditation schenkt, bin ich in der Lage, mich sicher in beiden Welten zu bewegen. Dann bewältige ich auch in extremen Stress-Situationen pragmatisch meinen Alltag und bin gleichzeitig in der Lage „Indras Netz“ zu „sehen“.
Wir sind alle in der Tiefe miteinander verbunden. Ob wir uns – wie es im tibetischen Buddhismus selbstverständlich angenommen wird – in unzähligen früheren Leben karmisch miteinander verstrickt haben, oder ob es – so sieht es Zen – einfach das Prinzip des Tao ist: Alles steht mit Allem in Beziehung, wenn sich das Eine wandelt, wandelt sich das Andere.
Im Kern – da sind sich Vajrayana und Zen einig – ist alles Leerheit. Jede Erscheinung ist bedingt. Deshalb macht es auch keinen Sinn, ein großes Gewese um das zu machen, was um uns ist. Ob es unser Alltag ist – oder Wunder und seltsame Erscheinungen, die uns Indras Netz schenkt. Sie sind genauso DA wie meine Stromrechnung, mein leerer Kühlschrank und meine nervenden Nachbarn.
Und genauso gehen sie auch wieder: gerade hat man sich noch furchtbar darüber aufgeregt – oder war zutiefst erschüttert – morgen ist es schon Vergangenheit, wird von etwas Anderem abgelöst, was unseren Geist völlig in Beschlag nimmt.
Ich sitze täglich auf meinem Kissen um zu „sehen“ – und es gleichzeitig nicht allzu ernst zu nehmen.
Schreibe einen Kommentar