Zum Mönlam finden sich buddhistische Lehrer aus verschiedenen Ländern, Klöstern, Linien und Traditionen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain ein…

Misstrauisch beäugt von Israfels Katze nehme ich am frühen Morgen auf meinem Meditationskissen Platz.
Von der Warschauer Straße ertönt gedämpfter Verkehrslärm. Vor dem Haus entlädt der türkische Gemüsehändler seinen Transporter. Das Klappern und Krachen der abgestellten Kisten klingt rhythmisch zu mir hoch.
Ich lausche den Geräuschen Friedrichhains und beobachte, wie die Morgensonne langsam über den Parkett des leeren Zimmers wandert. Das hier ist der Raum, für den ich mich zum „Probe-Wohnen“ bei Israfel eingefunden haben.
Ich sitze, atme, lausche den Geräuschen um mich und bemühe mich, dem beängstigenden Gefühl vollkommener Verlorenheit, das mich erfüllt, mit freundlicher Gelassenheit zu begegnen.
Nachdem meine Meditationseinheit abgeschlossen ist, stoße ich im Flur auf Israfel. Er ist gerade dabei, sein schönstes Hemd zu bügeln. Ich hole mein langes Kleid aus dem Rucksack. Es ist schließlich Mönlam!
Nach einem hastigen Frühstück ziehen wir vor der frustrierten Katze die Wohnungstür ins Schloss und eilen zu Fuß ins Buddhistische Zentrum.
Dort herrscht bereits reger Betrieb. Zwanzig Lamas aus Nepal und verschiedenen Ecken Europas sind in den letzten Tagen angereist. Sie übernachten während des Mönlam im Buddhistischen Zentrum. Dazu werden noch eine Reihe buddhistischer Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Zentren Berlins erwartet. Und obendrauf noch mindestens 100 Laien. Alle müssen ein komplettes Wochenende lang bekocht und versorgt werden.
Das Mönlam ist selbst für Suryiels tibetisch-buddhistisches Zentrum, das zu den größten Berlins gehört, eine Herausforderung. Dazu kommt, dass es das allererste traditionelle Gebetsfest ist, dass dort stattfinden wird. Niemand hat Erfahrung damit. Entsprechend nervös sind die ehrenamtlichen Helfer und Organisatoren.
Als wir eintreffen, sind die Lamas gerade mit ihrem Frühstück fertig und wandern von der Teestube in den Tempel. Dort wurden – in jeweils drei Reihen links und rechts des Altars – Schreintische und Sitzgelegenheiten für sie bereitgestellt.
Suriyel erzählt mir später, dass es eine höchst komplexe Angelegenheit war, im Vorfeld zu entscheiden, welcher Lama an welcher Stelle platziert werden sollte. Das wäre ganz große Politik gewesen: Es musste streng nach Hierarchie und Status entschieden werden.
Die wichtigsten Lamas dürfen in die erste Reihe, die ein bisschen weniger wichtigen in die zweite. Das Lama-Fußvolk kommt in die dritte Reihe. Dazu sind alle noch mal in jeder einzelnen Reihe nach Wichtigkeit sortiert. Je näher am Altar, desto höher der Status.
Die tibetisch-buddhistischen Lamas – Asiaten wie Europäern – tragen rote Kutten. Heute sind außerdem noch drei Herren in Orange zu Gast. Es handelt sich um indonesische Theravada-Mönche aus einem buddhistischen Zentrum in Berlin, dessen Abt heute Nachmittag einen Vortrag halten wird.
Israfel und ich sichern uns zwei Plätze, von denen wir einen guten Blick auf eine der beiden Leinwände haben, die links und rechts des Altars aufgebaut wurden. Wir werden die nächsten drei Tage von morgens bis abends beten: Die Gebetstexte werden mit Beamern darauf projiziert.
Als der Gründer des Zentrums – eine hoher tibetisch-buddhistischer Lama – den Tempel betritt, ist der bis auf den letzten Platz besetzt. Und das an einem ganz normalen Freitag-Morgen! Wer es irgendwie einrichten konnte, hat sich den Tag frei genommen.
Nach den Niederwerfungen setzen sich alle. Dann wird das Mönlam feierlich eröffnet: Die Lamas in den ersten beiden Reihen stülpen sich riesige gelbe Hüte über den Kopf. Ein paar greifen zu den traditionellen tibetischen Trompeten, zwei andere schlagen die großen Trommeln.
Das schrille Vibrato der Trompeten, untermalt von den rhythmischen Trommelschlägen, lässt den Tempel beben. Dazu steigt aus mehreren Schalen der Geruch von Räucherwerk auf. Er vermischt sich mit dem intensiven Duft der Blumen, die in großen Vasen neben dem Altar platziert sind.
Alles um uns bebt vor Energie. Es fühlt sich an, als wären wir in eine andere Dimension und in eine andere Wirklichkeit katapultiert worden. Dass jenseits der Mauern des Zentrums der ganz normale Wahnsinn eines Werktags in Berlin-Friedrichshain stattfindet, erscheint plötzlich surrial.
Wir dagegen befinden uns mit einem Mal im 15. Jahrhundert, irgendwo in einem Kloster in Zentral-Tibet. Die unverputzten Wände des Tempels, die moderne Technik, die Europäer in ihrer westlichen Kleidung – es ist, als wäre alles durch die intensive Vibration transzendiert worden.
Nachdem die Musik verstummt ist, erhebt der höchste Lama seine Stimme und beginnt in wohlklingendem Singsang auf Tibetisch das erste Gebet zu sprechen. Alle anderen fallen ein.
Das Mönlam hat begonnen…
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