Das Zen des spirituellen Zentrums hat seine Wurzeln im chinesischen Chan. Der ist ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus. Das verleiht dem Zen in der Familie der buddhistischen Traditionen eine Sonderstellung…

Was viele nicht wissen: Zen ist keine originär japanische Erfindung, sondern stammt aus China.
Die indische Religion des Buddhismus gelangte im 2. Jahrhundert nach Christus nach China, wurde dort heimisch und zur dritten Staatsreligion neben Konfuzianismus und Daosimus.
Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte verschmolz der Buddhismus in China mit dem Daoismus.
Der Daoismus wurzelt in Jahrtausende alten schamanischen Traditionen und erhielt durch Laotse im 4. Jahrhundert vor Christus eine ganz eigene Philosophie. Laotse lehrte, dass das „Dao“ das „höchste Mysterium“ darstellt. Ihm sind alle kosmischen Prozesse unterworfen. Das Dao repräsentiert sowohl Sein als auch Nicht-Sein und vollzieht sich in unaufhörlichem Wandel.
Der Daoismus hat kein Gottesbild. Das Dao wird als mysteriöses Naturgesetz verstanden, dessen Kräften alles unterworfen ist.
Im Ergebnis entstand im 5. Jahrhundert nach Christus im Norden Chinas das Chan. Es waren Wandermönche, die sich vom traditionellen Buddhismus, wie er in chinesischen Klöstern nach indischer Tradition praktiziert wurde, distanzierten. Dort lag der Fokus auf dem Rezitieren von Sutren, dem Praktizieren aufwendiger Riten und dem Vermitteln intellektuellen Wissens über die Lehren des Buddhismus.
Die chinesischen Wandermönche suchten den direkten Weg zur Erleuchtung, fokussierten sich auf Meditation und beriefen sich dabei auf den historischen Shakayamuni.
Auch Buddha hatte seine Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum nach acht Tagen und Nächten des konzentrierten Meditierens erlangt.
Zuvor hatte er sich an allem versucht, was die spirituellen Traditionen des Hinduismus bereit hielten, um dem Leiden zu entkommen: er hatte diverse Meditationstechniken erlernt und bis zur völligen Erschöpfung praktiziert, er hatte sich kasteit und wäre bei seinem Versuch, durch strenge Nahrungsvorschriften erleuchtet zu werden, beinahe verhungert. Alles war vergebens gewesen.
Am Ende erreichte er durch das Meditieren in offenem Gewahrsein die Erkenntnis über das Entstehen und die Überwindung allen Leidens.
Deshalb, so die chinesischen Wandermönche, reiche diese Praxis der Meditation aus, um Erleuchtung zu erlangen. Alles andere, was der traditionelle Buddhismus noch bereithält, wäre überflüssiger Schnick-Schnack.
Nachvollziehbarer Weise waren traditionelle Buddhisten nicht begeistert von dieser Sichtweise. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die aufmüpfigen Wandermönche zogen durch die Berge Nordchinas, meditierten über viele Jahre und interpretierten die spirituellen Erfahrungen, die ihnen in tiefer Versenkung zuteil wurden, als Mysterienspiele des Dao.
Deshalb hat das Chan eine ganz eigene Philosophie, die Praktizierenden anderer buddhistischer Traditionen nicht ohne weiteres zugänglich ist.
Im 9. Jahrhundert nach Christus kam das Chan durch japanische buddhistische Mönche, die in China in dieser Tradition zu Meistern wurden, nach Japan.
Dort wurde es zum Zen.
In Japan gibt es heute drei Hauptströmungen des Zen-Buddhismus: Soto, Ubaku und Rinzei. Wer im Westen Zen praktizieren möchte, hat üblicherweise die Wahl zwischen Soto-Zen und Rinzei-Zen.
Soto-Zen ist stark vom japanischen Zen-Meister Dogen geprägt. Der erlangte im 13. Jahrhundert in der chinesischen Soto-Tradition Erleuchtung, kehrte danach in sein Heimatland zurück und reformierte dort den japanischen Soto-Zen.
Dogen, der ein bezaubernder Mensch gewesen sein muss, bemühte sich darum, auch Laien den Zugang zum Zen zu ermöglichen. Er – der aus dem japanischen Hochadel stammt – hatte keine Berührungsängste mit dem „einfachen Volk“ und entwickelte eine Meditationspraxis, die auch Menschen mit wenig Bildung und freier Zeit zugänglich war. Er war sehr erfolgreich in seinen Bemühungen. Soto ist bis heute die beliebteste Zen-Tradition in Japan. Sie ist, wie ihr Begründer Dogen, sanft und freundlich.
Die zweite große Zen-Tradition Japans, der Rinzei-Zen, blickt traditionell auf den Soto-Zen herab. Er gilt dort als „Zen der Bauern“.
Rinzei dagegen war das Zen des japanischen Krieger-Adels, der Samurai. Entsprechend elitär und martialisch ist die Tradition das Rinzei-Zen. Das machte ihn anfällig für nationalistische und faschistische Strömungen, die im Zuge der Meiji-Restauration zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan populär wurden.
Der Rinzei-Zen spielte während des Zweiten Weltkriegs eine unrühmliche Rolle in Japan. Zen-Meister dieser Tradition bildeten zum Beispiel Kamikazi-Piloten aus, die durch Zen-Meditation lernten, ihre Todesangst zu überwinden, während sie ihre Flugzeugen in amerikanische Kriegsschiffe steuerten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehrere japanische Zen-Meister als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.
Auch aus diesem Grund beruft sich die Zen-Linie des spirituellen Zentrums weniger auf den japanischen Rinzei-Zen, sondern auf die ursprüngliche chinesische Tradition und ihren Gründer Linij.
Der lebte im achten Jahrhundert in einem abgelegenen Kloster inmitten eines Gebirges. Er war berühmt für seine Klarheit und berüchtigt für seine Grobheit. Das von ihm bevorzugte Mittel, um seine verstockten Mönche zu tieferer Erkenntnis zu bewegen, war eine saftige Ohrfeige.
Deshalb ist das Zen des spirituellen Zentrums, trotz seiner Hinwendung zum chinesischen Chan, immer noch nichts für sensible Gemüter.
Wer gerne Zen praktizieren möchte und einen etwas weniger rauen Umgang bevorzugt, dem sei eine Soto-Linie empfohlen.
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