Mitten durch den Urwald von Bialowieza verläuft eine Grenze. Sie ist mit Stacheldraht bewehrt und wird mit Maschinengewehren bewacht…

Während ich auf dem Waldweg dahinlaufe, werfe ich immer wieder einen Blick auf den Bildschirm meines Handys: dort bewegt sich mein virtuelles „Ich“ als kleiner blauer Punkt näher und näher an die Grenze heran.
Die grauen Regenwolken sind weitergewandert, vom Himmel brennt die Sonne. Hitze und Luftfeuchtigkeit lassen mir den Schweiß über den Rücken laufen. Ich bin inzwischen seit mehr als zwei Stunden unterwegs. Dabei sind es von der kleinen Datscha bis zur Grenze zwischen Polen und Belarus gerade mal ein paar hundert Meter.
Luftlinie.
Nachdem ich nicht fliegen kann, muss ich mich auf zwei Beinen zur „Ostflanke“ der NATO bewegen.
Und das zieht sich. Erst die lange Hauptstraße von Bialowieza entlang. Nach dem Ortsende geht es auf einem Feldweg durch eine Heidelandschaft. Das Gras steht hüfthoch, unzählige Blumen blühen, Insekten summen, Grillen zirpen. Jubilierend steigen Lerchen aus den Wiesen in den Himmel auf.
Über einem Buchenhain kreist majestätisch ein riesiger dunkelbrauner Raubvogel. Für einen Bussard ist er zu groß. Ein Adler?
Umso tiefer ich in die Heide hineinlaufe, desto zahlreicher werden die Pfoten- und Hufabdrücke im Matsch des Weges. Ich scheine auf eine Art „Wildtierautobahn“ geraten zu sein! Wenn es die letzten Stunden über nicht so stark geregnet hätte, wäre dieses Geheimnis an mir vorüber gegangen.
Jetzt sehe ich, dass vor Kurzem riesige Hirsche hier entlang gelaufen sind: ihr Gewicht hat sie tief in den Schlamm einsinken lassen. Dazwischen die Abdrücke von Kälbern, zart und klein gegen die mächtigen Klauen der erwachsenen Tiere. Erst sind sie gegangen, schlussfolgere ich. An einer Stelle muss sie etwas aufgescheucht haben: die Abdrücke – mit einem Schlag noch tiefer eingegraben – deuten auf jagenden Lauf.
Dazwischen riesige Pfotenabdrücke. Wölfe?
Links und rechts des Feldweges führen zahlreiche Wildpfade ins Grasland. Hufspuren und Pfotenabdrücke verschwinden auf einem davon, dafür tauchen ein paar Meter weiter neue Abdrücke von Hirschen auf, die sich im Rudel die Straße entlang bewegt haben, nur um kurz darauf auf einem anderen Wildpfad abzubiegen.
Dazwischen seltsam schaufelartige Pfotenabdrücke eines kleineren Tieres mit langen Krallen. Ein Dachs? Und diese schmale schnurartige Spur: das kann doch nur ein Fuchs gewesen sein! Oder das? Ein Marder? Ach: Wildschweine waren auch unterwegs! Mit Frischlingen, so wie es aussieht. Und hier die vertrauten Klauenabdrücke eines einzelnen Rehes, wohl ein Bock.
Ich bin es völlig falsch angegangen, wird mir bewusst. Anstatt nachts zu schlafen und tagsüber zu wandern, hätte ich es andersherum halten müssen. Nach Einbruch der Dunkelheit ist der Aufenthalt im Nationalpark verboten. Aber es ist kurz vor Mittsommer. Gerade wird es erst um elf Uhr abends dunkel und um drei Uhr morgens dämmert es bereits wieder. Es gäbe also genug Spielraum, sich hier spät am Abend oder früh am morgen ins Gebüsch zu setzen und einfach zu schauen, was alles vorbeiläuft.
Ich lasse die Tiere, deren Fährten ich gerade entdeckt habe, in einem Reigen an meinem inneren Auge vorbei wandern. Hirsche, Rehe, Dachse, Füchse – schön.
Aber Wölfe? Und Bachen mit Frischlingen? Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie mein Hund vor ein paar Jahren beim Spaziergang im heimischen Wald von einer Bache attackiert wurde. Er überlebte nur mit viel Glück.
Vielleicht ist eine nächtliche Wacht im Gebüsch doch keine so brillante Idee?
Mit diesem Gedanken finde ich mich unversehens vor einer rot-weißen Schranke wieder. Daneben ein großes Schild, das in entschiedenem Ton auf Polnisch und Englisch verkündet, dass hier die Sperrzone des Nationalparks beginne. „Off Limits to unauthorized personnel! Video control!“
„Ist ja gut, ist ja gut,“ denke ich, während ich mich umdrehe, um den Weg wieder zurückzulaufen. Ich kann nur hoffen, dass meinem Antrag auf eine Führung in die Sperrzone, den ich heute früh im Büro des Nationalparks gestellt habe, stattgegeben wird. Morgen werde ich Bescheid bekommen.
In einem Bogen laufe ich durch die Heide um die Sperrzone herum, umschwirrt von zahlreichen Mücken, denen „Anti-Brumm“ glücklicherweise etwas sagt.
Irgendwann finde ich mich in einer Auenlandschaft wieder: links und rechts der aufgeschütteten Straße steht – zwischen Birken, Eichen und Hainbuchen – das Wasser in kleinen Tümpeln. Darin blühen Seerosen, Frösche quaken, blaue Libellen schießen über den Weg.
Ich zucke zurück: beinahe wäre ich auf eine Kreuzotter getreten. Ich sehe ihr nach, wie sie, sich hastig windend, im Gras der Uferböschung verschwindet.
Auf der befestigten Schotterstraße scheinen regelmäßig schwere LKWs zu fahren. Ihre Reifenabdrücke haben sich tief in den Matsch eingegraben. Je näher ich der Grenze komme, desto ausgefahrener werden die Wege. Irgendwann biege ich – dem Navi folgend – auf einen Feldweg ab, der von den Reifen schwerer Fahrzeuge regelrecht ausgehöhlt ist.
Ich steige über Steine, springe über Furchen, stolpere über harte Erdbrocken. Jetzt ist es keine idyllische Wanderung mehr, sondern ein Hindernislauf. Um mich wird es im Wald immer dunkler. Die Bäume – fast nur noch Fichten – sind jung und wachsen dicht an dicht. Nicht nur ich scheine mich hier unwohl und verloren zu fühlen: aller Vogelgesang ist verstummt. Das einzige, das mich noch begleitet, ist das penetrante Surren der Mücken.
Nach etwa zwanzig Minuten blitzt etwas Helles vor mir zwischen den Baumstämmen auf. Gleich da vorne, sehe ich auf dem Routenplaner, muss die Grenze zu Belarus sein! Im Näherkommen entdecke ich einen etwa fünf Meter hohen stabilen Metallzaun, gekrönt von fünfzig Zentimeter Stacheldraht. Davor lagern Panzersperren aus Beton.
Ich beschleunige meine Schritte und öffne im Dahineilen die Kamera des Handys. Irgendetwas sagt mir, dass ich hier nicht willkommen bin.
Und wirklich! Rechts von mir läuft zwischen den Bäumen eine menschliche Gestalt auf mich zu. Es ist ein Soldat in Flecktarn-Uniform, der sich, auf mich zueilend, hektisch eine schwarze Maske über Mund und Nase zieht.
Schnell drücke ich auf den Auslöser und schiebe das Handy wieder in meine Hosentasche. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich der Hüter der Grenze – ein Maschinengewehr über der Schulter – vor mir aufbaut.
Ich mustere ihn. Er macht trotz seiner martialischen Aufmachung einen harmlosen Eindruck. Ich sehe nur seine Augenpartie – Augenfarbe braun – aber die lässt vermuten, dass ich es mit einem polnischen Wehrpflichtigen von Anfang zwanzig zu tun habe. Er spricht mich – erkennbar um Autorität bemüht – auf Polnisch an.
„I don´t speak Polish!“ Dazu wedle ich hilflos mit beiden Händen, setze meinen „Damsel in Distress“-Gesichtsausdruck auf und erkläre ihm, dass ich „on holidays and interested in the border“ wäre.
Ich sehe nicht viel von ihm. Das was ich sehe, verrät mir, dass er sich gerade überfordert fühlt. „Please, go!“ stößt er hervor. „You are not allowed to be here!“
„Abiturient“, denke ich automatisch und „Liebling aller Schwiegermütter“. „Was ich immer denke!“, denke ich weiter, während ich – um einen würdevollen Abgang bemüht – dem Schwiegermutterliebling „A good day to you!“ wünsche und auf dem Weg zurück stolpere.
Heute ist wahrhaftig ein „Grenztag“, resümiere ich, während ich wieder in Richtung der befestigten Straße laufe. Ich wurde zwei Mal hintereinander zurückgewiesen. Und dazu noch diese extremen Übergänge zwischen wilder Natur und menschlicher Rigidität: erst die Heide mit den Wildfährten, durch die die Grenze der Sperrzone des Naturschutzgebiets führt, danach die wilde Auenlandschaft, das von einem Bollwerk aus Menschenhand durchschnitten wird.
Ich habe – wird mir mit einem Mal bewusst – mein ganzes bisheriges Leben in einer „Sperrzone“ verbracht: der „Festung Europa“. Ein „Naturschutzgebiet“ für die Glücklichen, die in diesem Leben das große Los gezogen haben: Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, Frieden, dazu die Freiheit, sich lebenslang mit nichts anderem als den eigenen Neurosen beschäftigen zu dürfen. Ein Fakt, der mir auf der rationalen Ebene bewusst war, mir aber emotional nichts sagte.
Mit einem Mal hat das Wort „Grenze“ eine neue Bedeutung für mich bekommen. Von nun an werde ich es nicht mehr mit einem dicken schwarzen Strich auf Landkarten verbinden, sondern mit der stacheldrahtbewährten Zaunanlage im Wald im Osten Polens. Und mit dem Gedanken, dass ich mich – auf die menschliche Ebene übersetzt – in der gleichen Kategorie wie die Wisente des Nationalparks bewege: als Europäerin bin ich ein rares Exemplar meiner Spezies. Ich werde in einer Sperrzone beschützt und bewacht, damit ich nicht zu Grunde gehe…
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