Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Fünfzehn: Öffnen

Im Clara-Park flattert etwas Grünes an einem Baum. Es ist ein gefalteter Notizzettel, sehe ich im Näherkommen. „Öffne mich!“ lese ich. Das finde ich witzig. Ich klappe das Papier auf: „Folge dem Licht Deines Herzens“, wird mir mitgeteilt. Aha.

Während ich meinen Wolf beobachte, der konzentriert schnuppernd unsichtbaren Fährten auf dem Rasen nachspürt, denke ich über die beiden Botschaften nach. Ob dem unbekannten Schreiber bewusst war, dass er mit den Forderungen „sich zu öffnen“ und gleichzeitig „dem Licht seines Herzens zu folgen“ Widersprüchliches verlangt?

Ich lasse den grünen Zettel hinter mir, trete wieder auf den Weg und wandere weiter durch den Park. Um mich Pärchen, Eltern mit Kindern. Auf den Grünflächen lagern Grüppchen von Menschen, die – plaudernd, musizierend, mit einander spielend – einen der ersten warmen Frühlingstage genießen.

Ich bin allein unterwegs, begleitet nur von meinem Schattentier. Ich „folge dem Licht meines Herzens“, auch wenn ich es nicht so dramatisch ausdrücken würde. Mich „zu öffnen“ – fürchte ich – würde dem im Wege stehen.

Seit letztem Sommer bin ich auf Facebook. Mit Widerwillen, aber es war unvermeidlich. Seit ich „dem Licht meines Herzens folge“, bewege ich mich in Subkulturen, die vorzugsweise dort ihre Infos posten. Die Gothic-Scene lädt zu schrägen Festen ein, die Barock-Community zu Bällen in die hintersten Ecken der Republik und die weltweit vernetzten Tantra-Leute sind ebenfalls in Scharen dort unterwegs. Ich erstellte ein möglichst nichtssagendes Profil, lud zwei Photos hoch und harrte der Dinge, die da kommen würden. Zu meinem Erstaunen wurde ich augenblicklich überrannt mit „Freundschaftsanfragen“. Fast ausschließlich von Männern.

„Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten“, heißt es im Zen. Wie übersetze ich das in Social Networking? Ich beschloss, alle Anfragen anzunehmen – „wer kommt, ist willkommen“ – egal wie schräg die Photos aussehen – und abzuwarten, was passiert.

Erkenntnis Nummer eins: der globale Durchschnittsmann eröffnet eine Konversation via Messenger üblicherweise mit „Hi“ – und sonst nichts. Es gibt nationale Besonderheiten, Franzosen z.B. schreiben stur „Bonjour“. Entweder sie sind des Englischen nicht mächtig oder darüber erhaben, ich weiß es nicht. Nepalesen und Inder bevorzugen das formellere „Hello“. Männer aus dem arabischen Sprachraum tendieren zu ungebetenen Komplimenten wie „You are so beauteful“ oder „You are amazing“. Ungeschickter geht es nicht. Das war es dann aber auch schon an kulturellen Akzentuierungen.

Jede Initiativnachricht via Messenger, die impliziert, ich müsse emotional in Vorleistung gehen – beschloss ich – läuft unter „wer geht, wird nicht aufgehalten“. Der Chat-Verlauf wird umstandslos gelöscht, die betreffenden Herren fliegen wieder aus der Freundschaftsliste. Ich handhabe meinen Facebook-Account inzwischen möglichst ökonomisch: einmal in der Woche nehme ich alle Freundschaftsanfragen an, am nächsten Tag bin ich einen Abend lang damit beschäftigt, alle „Hi“-Kontakte zu löschen und im Laufe der nächsten Tage auch noch alle, die nicht persönlich mit mir in Kontakt getreten sind, aber Indiskutables posten. Meine Taktik, Zen auf Facebook zu praktizieren, ist extrem zeitaufwendig, des Öfteren frustrierend – und ob es wirklich meiner Erleuchtung dient, steht in den Sternen.

Aber, Erkenntnis Nummer Zwei: die schönsten und überraschensten Posts verdanke ich Herren, deren Freundschaftsanfragen ich sicher nie angenommen hätte, würde ich selektieren. Dem in Norwegen lebenden Ägypter, der sich nur für Sex und Kiffen zu interessieren scheint, aber phantastische Fotos postet. Zwischendurch schüttle ich über seine Sprüche den Kopf, aber er ist einer von wenigen, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt und richtig witzig sein kann.

Oder der kleine runde Pole mit der Barock-Perücke aus Danzig: er wohnt original 18. Jahrhundert, liebt – neben seiner Frau – Desserts in allen Variationen und hat zwischendurch Kluges über die Welt und das Leben zu sagen, auch wenn der automatische Übersetzer oft die schrägsten Texte aus dem polnischen Original fabriziert. Ich kenne ihn nicht, aber alle Zeichen lassen sich nur so deuten, dass er ein ausgesprochen liebenswerter und gutherziger Mensch ist. Wenn ich einen schlechten Tag habe, sind seine banalen Alltagsposts immer ein Trost für mich. Er kriegt ganz viele Likes von mir und hat mir umgekehrt – auf Englisch – zum Geburstag gratuliert.

Es ist immer eine Gratwanderung zwischen „dem eigenen Licht zu folgen“ und „sich zu öffnen“. Wann wird aus „Innerer Führung“ sturer Eigenwille? Und umgekehrt: Ab welchem Punkt sind Einflüsse von Außen keine Bereicherung mehr, sondern nur noch Ablenkung? Eine schlüssige Antwort darauf habe ich bisher nicht gefunden. Ich laviere, etwas besseres fällt mir nicht ein…

1 Kommentar

  1. iZarim

    Hi

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