Nach einer kurzen Nacht im Bialowieza-Nationalpark holen mich beim Morgenkaffee Erinnerungen ein…

Ich werde von Vogelgesang geweckt. Fahles Licht fällt durch das kleine Sichtfenster des Treckingzeltes. Draußen dämmert es. Ich fühle mich, als wäre ich eben eingeschlafen. Nach dem Handy tastend sehe ich, dass es gerade Mal drei Uhr morgens ist! Als ich um elf Uhr Abends die kleine Taschenlampe löschte, war es draußen noch nicht richtig dunkel gewesen.
Seltsam, denke ich, als ich mir meinen Kleiderbeutel so bequem als möglich unter den Kopf stopfe und versuche, wieder einzuschlafen. Ich bin rund 1000 Kilometer nach Osten gefahren – und nicht nach Norden. Und trotzdem geht hier – sechs Tage vor Mittsommer – die Sonne nicht wirklich unter.
Um sieben Uhr morgens zwitschern und singen die Vögel in den Bäumen rund um das Zelt in einer Lautstärke, dass an Schlaf nicht länger zu denken ist. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie. Auf der Wiese glänzt Tau. Abgesehen vom Lärm der Vögel ist es geradezu gespenstisch still.
Der Geruch, der mich umgibt, ist noch überwältigender als gestern Abend. Es riecht nach Sommermorgen, Blumen, Gräsern – und nach Wald! Als ich, den Kosmetikbeutel unter dem Arm, über die Wiese zum primitiven Waschraum wandere, kommt es mir vor, als würde ich durch Moleküle schwimmen.
Die kleine Gasflamme des Campingkochers zischt, nach ein paar Minuten brodelt das Wasser. Ich gieße den Instantkaffee auf und lasse mich in der warmen Morgensonne auf dem Freisitz nieder. Ich bin komplett steif von der kurzen Nacht auf der harten Isomatte, am frühen Morgen habe ich noch dazu ordentlich gefroren – aber dafür trennt mich kein Fenster, keine Wand und kein Dach von der Natur!
Glücklich lege ich die Tageskarten – und starre verstimmt auf den „Kaiser“. Die IV der großen Arkana des Tarot steht für männliche Macht und patriachale Strukturen.
Nach der gestrigen Begegnung mit den beiden Polizisten und „dem Namen des Vaters“ bin ich nicht wirklich überrascht von der Karte. https://www.water-runs-east.eu/der-name-des-vaters/
Irgendwas in der Richtung muss ich auch geträumt haben. Ich krame in meinem Gedächtnis nach einem Traumbild der vergangenen Nacht, aber es will mir nichts einfallen außer dem vagen Gefühl, dass die Tageskarte des roten Kaisers den Nagel auf den Kopf trifft. Dass mich meine Innere Stimme, mein Karma – what´s ever – hierher nach Bialowieza geschickt hat, weil es genau darum geht: um männliche Gewalt – und alles, was damit zusammenhängt.
Ich lasse die beiden Anreisetage noch einmal Revue passieren: Der psychisch kranke Obdachlose in Warschau, „Der Name des Vaters“ des polnischen Polizisten, das Militär auf dem Nationalparkgelände, die nahe Grenze zu Belarus, Verbündeter Russlands im verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine. Dazu die Erwähnung von „Göring“ und der seltsame Zusammenhang mit Walter Frevert.
Meine Gedanken wandern vom ehemaligen NS-Forstmeister des Bialowieza-Nationalparks zu meiner Romanfigur, für deren Charakter Frevert Pate stand. Dem Psychopathen, der trächtige Hirschkühe erlegt und ihre ungeborenen Kälber verbrennt. Der gruselige „Friedrich-Zwei“ tauchte vor zwei Jahren aus meinem Unbewussten auf – und begleitet mich seitdem. Mittlerweile ist bereits das zweite Manuskript, in dem ich mich an ihm abarbeite, fast fertig. Aber ich kann es einfach nicht abschließen. Seit Monaten sind alle inneren Bilder verschwunden – und ich habe keine Ahnung, warum?
Ich trinke eine weitere Tasse Instantkaffee an und kaue gedankenverloren an einem altbackenen Hörnchen. Unversehens steigen Bilder aus der Vergangenheit in mir auf: Ich stehe in der abendlichen Dunkelheit mit einer Gruppe von Menschen vor einem Haus. Rechts von uns ragt eine steile Felswand auf.
Warum fällt mir ausgerechnet jetzt mein allererstes Vajra-Armor-Retreat ein? Es fand im Oktober 2019 statt. Vor dreieinhalb Jahren. Es kommt mir vor, als läge es erste ein paar Wochen zurück, so intensiv sind die Erinnerungen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/
Ich sehe die amerikanische Khandro aus der Haustür treten. Ihr prächtiger goldener tibetischer Hut, den sie auf dem langen blonden Haar trägt, glänzt im Licht der Flurbeleuchtung. Sie kontrolliert, ob alles für das Setzen der Boundaries auf dem weitläufigen Gelände bereit ist. Sie wird, während die Gruppe an allen Himmelsrichtungen Opfer für die örtlichen Naturgeister bringt, das begleitende Ritual auf der Dachterrasse durchführen.
Nachdem sie die letzten Anweisungen erteilt hat, verschwindet sie wieder im Haus. Kurz darauf erklingt lautes Trommeln von der Terrasse, wir können beginnen. Einer von den drei Ungarn ist der Geko. Er presst die große weiße Muschel an die Lippen und trötet, dass es nur so von den steilen Felswänden widerhallt.
Damit setzt sich der Trupp in Bewegung, Taschenlampen blitzen auf. Wir sind nur vier Frauen im ersten Durchgang, automatisch gehen wir gemeinsam. Vor uns laufen die Männer durch die Dunkelheit. Alle in langen tibetischen Röcken, sie rezitieren im Gehen ein Mantra. An der Einfahrt wird ein Stop eingelegt. An dem bunten Band, das auf Hüfthöhe gespannt ist und die Grenzen des Retreats symbolisiert, machen wir Halt.
Fasziniert stehe ich am Rand der Gruppe, und beobachte, wie die Männer in ihren langen Röcken kleine Figürchen aus Haferflockenteig, die Naturgeister symbolisieren, neben dem Begrenzungspfosten ins Gras legen, sie mit Wein übergießen und dabei singen und beten. Der stämmige Ungar trompetet mit der Muschel durch die Nacht. Die Khandro antwortet mit wildem Trommeln von der Dachterrasse.
Noch nie vorher habe ich Männer erlebt, die, angeleitet von einer Frau, Röcke tragen, singen und opfern – und sich kein bisschen seltsam dabei vorzukommen scheinen. Im Gegenteil, alle genießen ganz offensichtlich das Ritual. Auch ich. Aber noch mehr als am fremdartigen Setzen der Boundaries erfreue ich mich am Anblick der Männer. Sie sind schön anzusehen. Es ist ein so seltsames wie berührendes Schauspiel.
Meine Gedanken wandern weiter: kurz vor dem Ende des Retreats verlor ich auf dem weitläufigen Gelände meinen Schlüsselbund. Wohnungsschlüssel, Autoschlüssel, Briefkastenschlüssel – alles war weg und blieb trotz intensiven Suchens verschwunden. Ich wusste in dem Moment, dass mir dieser Verlust etwas wichtiges zu sagen hatte. „There is no such thing as an accident.“ Aber ich konnte mir keinen Reim daraus machen. Ich tappte damals genauso im Dunkeln, wie ich es jetzt gerade tue.
Als ich, nach dem Abschluss des Retreats, irgendwann samt Auto wieder Zuhause angelangt war, stand ich völlig neben mir. Kein ungewöhnlicher Zustand nach intensiven Meditationserfahrungen. Allerdings hält er normalerweise nicht länger als drei bis vier Wochen an. Diesmal war es anders. Sechs Monate lang war ich buchstäblich „verrückt“! Während der ganzen Zeit war mir bewusst, dass ich mich unmöglich verhielt – aber ich konnte nichts dagegen machen. Und als ich im Sommer 2020 wieder einen Zustand erreicht hatte, der sich von außen als „normal“ bezeichnen ließ, verfiel ich für ein weiteres halbes Jahr in eine Art innere Schockstarre. Ich war mir selbst vollkommend fremd geworden. Alles was ich dachte, sprach und tat, fühlte sich falsch an. Dass durch den Lockdown die Zeit stillzustehen schien, war ein großes Glück.
Mit diesem Gedanken finde ich mich auf dem kleinen Campingplatz im äußersten Osten Polens wieder. Die Morgensonne fällt auf die Tischplatte, in den Bäumen singen unzählige Vögel, Insekten summen, der Duft des Waldes hüllt mich ein. Die intensiven Sinneseindrücke erreichen mein Gehirn nur in Spurenelementen.
Verwirrt schüttle ich den Kopf. Alles um mich dreht sich. Ich fühle mich, als wäre ich – wie damals, nach dem Retreat – in einem seltsamen Zwischenreich gefangen. Kurz überwältigt mich Panik: was, wenn ich hier und jetzt verrückt werde?
Ich zwinge mich dazu aufzustehen, meine Frühstücksutensilien ins Auto zu räumen und ein paar Äpfel, Riegel und Wasser in den Rucksack zu stopfen. Laufen, denke ich vage, ist das Beste, was ich jetzt tun kann. Wenn ich mich richtig anstrenge, werde ich wieder in meinem Körper ankommen.
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