Am ersten Abend des Mönlam – dem traditionellen tibetischen Gebetsfest – findet eine Feuer-Puja statt…

Während der Teepause am Nachmittag bildet sich in einer Ecke des Tempels eine lange Schlange. Die Teilnehmer des Mönlams tragen Namen über Namen in eine Liste ein, die dort ausliegt.

Denn heute Abend gibt es eine Feuer-Puja.

Über dem Buddhistischen Zentrum hängt die Dunkelheit. Alle sind satt vom guten Essen und müde vom stundenlangen Gebet. Als die zwanzig Lamas in ihren orangenen Roben den Tempel betreten, fällt einigen der Teilnehmer des Mönlams das Aufstehen für die respektvolle Begrüßung erkennbar schwer.

Der tibetische Abt, der uns alle den ganzen Tag durch das Zeremoniell geführt hat, wirkt vollkommend wach. Und das trotz seines fortgeschrittenen Alters!

Er wird auch die Feuer-Puja anleiten. Als er das Eingangsgebet spricht, bildet sich im Tempel ein seltsamer Sog.

Begleitet vom schrillen Dröhnen der Trompeten, dem durchringenden Scheppern der Zimbeln und dem fibrigen Klingeln der Glocken in den Händen der Lamas, tritt der Chöpen – der Messdiener – an den Altar, um dort das Zeremoniell vorzubereiten.

Mit jeder Minute wird die Energie im Tempel intensiver. Alles scheint zu vibrieren. Die Teilnehmer sind jetzt wach. Alle Müdigkeit ist verschwunden.

Von einen unsichtbaren Band gezogen, stehe ich auf, schlängele mich durch dichtbesetzte Reihen und setze mich direkt vor den Altar. Es ist gerade noch so viel Platz, dass der Chöpen an mir vorbei laufen kann. Er schenkt mir keine Beachtung.

Der rhythmische tibetische Sing-Sang des Abtes wird von den konzentrierten Bewegungen des Chöpen am Altar begleitet.

Auf der Terrasse des Tempels entzündet Suriyel währenddessen das Feuer. Durch die offene Tür dringt die Kälte der Nacht, begleitet vom Knacken und Knistern der Holzscheite, an denen die ersten Flammen lecken. Der Geruch von Rauch breitet sich im Raum aus. Nach ein paar Minuten tanzen die ersten Feuerzungen in der Dunkelheit, ich nehme es aus den Augenwinkeln war, während ich wie hypnotisiert beobachte, was sich direkt vor mir abspielt.

Der Messdiener tritt mit den Opfergaben zum Abt. Der greift mit der einen Hand zur Glocke, die andere hebt er und segnet die Gaben. Während der Chöpen das Tablett mit den kleinen Schalen langsam vor dem Abt kreisen lässt, schwenkt der die Glocke und murmelt dabei vor sich hin.

Das fiebrige Läuten der Glocke, begleitet vom unverständlichen Strom der Worte füllt den Saal und steigt zur hohen Decke. Die Energie ist jetzt so stark, dass mein ganzer Körper vibriert.

Direkt vor dem Abt ist die aufgerollte Liste mit all den Namen befestigt, die die Mönlam-Teilnehmer am Nachmittag darauf geschrieben haben.

Der Chöpen nimmt den Stab mit der Namensliste, legt ihn auf das Tablett und trägt – in die plötzliche Stille hinein – beides auf die Terrasse.

Während der Abt wieder die Stimme erhebt und – begleitet von den Lamas – rezitiert und betet – wirft Suriyel erst die Opfergaben, danach die Liste in das wild lodernde Feuer.

Als das Papier von den Flammen verzehrt wird, schießt eine Stichflamme in die Dunkelheit.

All die Namen der Menschen, die krank oder vor kurzem gestorben sind, verbrennen in Sekunden. Begleitet von der Energie des Rituals, das sie von ihrem Leid befreien soll.

Kurz darauf ist die Feuer-Puja zu Ende.

Sie hat gewirkt. Ich bin mir sicher.