Sang – traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – sind unkompliziert und angenehm. Ihre Wirkung aber ist nicht zu unterschätzen…

…“Khorwa dong né trukpar solwa deb…“ rezitiere ich jeden Morgen bei meinem Riwo Sang Chöd, dem „Berg-Rauch-Opfer“.

Der Satz kommt irgendwann in der Mitte des Ritus, im Kapitel „The Seven Aspects of Devotional Pracitce“.

Weil man in diesem kurzen Kapitel nichts tun muss – weder Visualisieren, noch Opfern, noch Musik machen – habe ich ihm bisher keine große Beachtung geschenkt.

Während der ersten beiden Wochen, in denen ich mein tägliches Sang alleine Zuhause praktizierte, war ich vollauf damit beschäftigt, das „Drehbuch“ korrekt durchzuziehen.

Rauchopfer gehören zu den unkomplizierten Riten des tibetischen Buddhismus.

Das bedeutet nicht, dass es nichts zu tun gäbe: Der Text muss mit verschiedenen Melodien gesungen werden.

Es gilt, drei verschiedene Mantras zu rezitieren – zwei mit Hilfe der Mala, eines mit Mudras, speziellen Handbewegungen.

An den mehreren Stellen bin ich gefordert, gleichzeitig in der rechten Hand die kleine Trommel zu drehen und in der Linken die Glocke zu schwingen.

Und natürlich muss visualisiert werden! Anfangs produziert man das Bild Guru Padmasambhavas – des höchsten Heiligen Tibets, von dem, der Legende nach, das „Riwo Sang Chöd“ stammt – vor sich.

Zu diesem visualisierten Bild nimmt man „Zuflucht“, während man sein tiefes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen bewusst wahrnimmt. Danach „verwandelt“ man sich selbst in ihn, ruft dabei diese Emotion in sich selbst wach und hält sie während des gesamten Ritus.

Der Rauch des verbrennenden Speiseopfers wird mit Hilfe von Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt und an alle Gäste der vier Klassen verteilt.

Deren Anwesenheit man zumindest „fühlen“, noch besser aber „sehen“ sollte.

Und oben drauf bin ich immer gefordert, mein Speiseopfer in einer Weise darzubringen, die den Rauchmelder nicht alarmiert.

“Unkompliziert“ ist eine Frage der Definition…

Deshalb hat es ein bisschen gedauert, bis bei mir ankam, was ich mir da eigentlich jeden Morgen wünsche.

Übersetzt bedeutet “Khorwa dong né trukpar solwa deb“: „Ich bete dafür, dass mein Samsara in der Tiefe durchgerüttelt wird.“

So harmlos das Riwo Sang Chöd daherkommt: Sein Anspruch ist radikal.

Und auch sein Effekt.

Ich zumindest bin gerade ziemlich damit beschäftigt, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, weil der Boden unter meinen Füßen bebt.

Ohne dass es mir bewusst war, habe ich mir ein Erdbeben gewünscht – und ich habe es bekommen…