
Was wohl mein nepalesischer Rinpoche „sehen“ und schlussfolgern würde, käme er in die verwunschene Wohnung im Leipziger Waldstraßenviertel, in der ich ein Zimmer bewohne?
„Ist das duster hier!“, bekam ich von einer Freundin zu hören. „Was für eine gruselige Atmosphäre!“, meinte eine andere. Dabei bin ich von Kunst umgeben: riesige bemalte Leinwände im Flur, Siebdrucke im Badezimmer, Radierungen auf der Toilette. Alles schwarz und bedrohlich: Menschenfresser, Gefangene, Gefolterte. Auf dem Duschvorhang der Schattenriss einer Hexe, die – den spitzen Dolch erhoben – nur darauf wartet, zuzustechen. So auffällig wie das Anwesende ist das Abwesende. Alles hier scheint nur aus Leerstellen und Symbolik zu bestehen – begleitet von dröhnender Sprachlosigkeit.
Was ist das, was mich tagein, tagaus umgibt?
Als ich im Januar letzten Jahres, nach dem Vorstellungsgespräch für mein Untermietzimmer, das schöne Art-Deco-Treppenhaus hinunterlief, kam mir in den Sinn, dass nicht nur die Wohnung, sondern das ganze Haus und alle Bewohner darin, verzaubert sein müssen.
Daran hat sich bis heute nichts geändert: der nette Hausbesitzer erinnert mich mit seinem langen Bart und seiner gebeugten Erscheinung bei jeder Begegnung an Herrn Turtur, den Scheinriesen aus „Jim Knopf“. Ich bin jedesmal erstaunt, dass er nicht größer ist als ich, obwohl er die Statur eines mächtigen Mannes hat. Er wirkt als wäre er von Spinnenweben bedeckt. Seine Frau pflegt, den Kopf gesenkt, den Garten im Innenhof. Sie spricht nicht und nimmt nie Blickkontakt auf, selbst wenn sie gegrüßt wird. Im Haus herrscht seltsame Stille. Bei Begegnungen höre ich freundlich „Guten Tag“. Und doch kommt es mir vor, als würden alle in Luftblasen die Treppen hinauf und hinunter schweben.
Das Waldstraßenviertel ist das „jüdische Viertel“ der Stadt. Fast kein Haus, vor dem nicht glänzende „Stolpersteine“ an die ehemaligen Bewohner erinnern, die in Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald ermordet wurden. Ob es ihre Geister sind, mit denen ich zusammenlebe?
Für meinen nepalesischen Rinpoche ist es selbstverständlich, dass wir von schwachen unsichtbare Wesen, Geistern und Götter verschiedenster Klassen umgeben sind. Es ist seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Menschen und übernatürliche Geschöpfe in Frieden koexistieren können. Regelmäßig wird er aus seinem quierligen Kathmandu in entlegene Bergdörfer gerufen, weil ein erzürnter Naturgeist oder eine nicht angemessen behandelte regionaler Gottheit den Bewohnern das Leben schwer macht. Dann ist er über Tage damit beschäftigt, herauszufinden, was die Ursache der Verwerfungen ist und die entsprechenden Riten zu vollziehen, um wieder alles ins Gleichgewicht zu bringen.
Die amerikanische Khandro hat uns im Januar erklärt, dass meist gekränkte Naturgeister für Unglück an bestimmten Orten verantwortlich sind. Wenn sie schlecht behandelt, oder ihnen die angemessenen Opfer dafür, dass man in ihren Grenzen lebt, verwehrt werden, wenden sie sich gegen die Menschen. Es kann der Geist eines Berges sein, der bebaut, der Geist eines Flusses, der begradigt oder zugeschüttet wurde. Sie sind zurecht verärgert über die schlechte Behandlung, die ihnen angetan wurde und lassen es die Verursacher und ihre Nachkommen spüren.
Das Waldstraßenviertel ist auf einem Sumpfgebiet errichtet worden. Einzelne Arme des Flüsschens ziehen sich, einbetoniert in Kanälen, entlang der kopfsteingepflasterten Straßen. Die Graureiher fischen des Nachts darin, sie haben gelernt, dass das Licht der Straßenlaternen die Fische an die Wasseroberfläche lockt. Vielleicht sind die Naturgeister weniger flexibel?
Erst fand ich diese Perspektive bizarr. Aber meine tiefenpsychologisch-systemischen Interpretationen wären es umgekehrt für meinen Rinpoche. Wenn ich mein Zimmer verlasse und durch die dustere Wohnung wandere – was ich nur ungern und so wenig als möglich tue – frage ich mich jedesmal: „Was „sehe“ ich wirklich? Wenn ich alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“, von „möglich“ und „unmöglich“ bei Seite lasse: Was ist es, womit ich seit einem Jahr zusammenlebe?
Es ist stark, merke ich jedesmal. Es ist bedrohlich. Es ist etwas, das wütend und gekränkt ist. Es sinnt auf Rache, kommt mir in den Sinn.
Während ich mir selbst beim Fühlen und Denken zusehe und -höre, schüttle ich den Kopf über mich. „Lass gut sein!“, ermahnt mich die Stimme der Vernunft.
Ich lasse es bleiben, es führt zu nichts. Dass mir die Khandro im Januar versichert hat, dass mich mein Vajra Armor-Mantra vor allen metaphysischen Bedrohungen schützt, beruhigt mich trotzdem. Solange ich es täglich praktiziere, hat sie mir erklärt, kann mir nichts passieren. Ich rezitiere es mehrmals am Tag. Mir geht es wie Nils Bohr mit dem umgedrehten Hufeisen. Es reicht mir, wenn mir gesagt wird, dass es hilft, selbst wenn ich nicht daran glaube…
Schreibe einen Kommentar