Der Wolf hat mich im Blick. Er liegt neben dem Schreibtisch – den mächtigen Kopf auf den Vorderläufen – und lässt seine Augen auf mir ruhen. Was sieht er?

Für mich ist er Form gewordenen Energie. Was bin ich für ihn?

Ebenfalls Energie, die Form gefunden hat? Sieht er mich als Spektrum von Farben? Spürt er mich? Hört er mich? Riecht er mich?

Während ich – ihm in die Augen schauend – darüber nachdenke, wird sein Blick müde, die Lider wandern tiefer und tiefer. Es ist keine Frage, die ihn umzutreibt. „Du bist da, was soll´s?“, scheint er mir dösend zuzumurmeln.

Was sehen wir, wenn wir sehen? Unser Alltagsbewusstsein gaukelt uns vor: Realität. Nackte, harte Materie. Die Neurowissenschaft weiß, dass die visuellen Daten unsere Netzhaut im Sehzentrum des Großhirns gefiltert, aufbereitet und umgerechnet werden, bevor sie in unser Bewusstsein gelangen. Wir sind Überlebensmaschinen, keine neutralen Beobachtungsstationen. Das ausschlaggebende Kriterium für unser neurophysiologisches System ist die Relevanz sinnlicher Daten.

Wie diese Relevanz definiert ist, hängt von vielen Faktoren ab: Umwelteinflüssen. Genetik. Sozialen Prägungen, die sich in Lernerfahrungen übersetzt und die individuelle Struktur unseres neuronalen Systems geformt haben. Was erfahren wird, hinterlässt physiologische Spuren im Gehirn. Die Verhaltensmuster, die aufgrund dieser Erfahrungen generiert werden, bilden – wenn sie Routine werden – neuronale „Autobahnen“. Sie determinieren Wahrnehmung und Denken, ohne dass es uns bewusst ist. Denk- und Verhaltensmuster werden habitualisiert: ohne nachzudenken setzen wir den Blinker immmer an der selben Abbiegung unseres Daseins, folgen den immer gleichen ausgetretenen Pfaden des Lebens. Aus evolutionsbiologischer Perspektive macht es Sinn: unser physiologisches System ist darauf ausgelegt, so ökonomisch als möglich zu agieren. Jedes Infragestellen von Eindrücken und Reizen geht mit Stressreaktionen einher, kostet Energie und Zeit. Wir bestehen aus Aminosäuren. Über Millionen von Jahren haben evolutionäre Prozesse dafür gesorgt, dass wir optimal darauf ausgelegt sind, zu überleben, uns fortpflanzen und unsere Nachkommen erfolgreich aufzuziehen.

Deshalb wirken viele Menschen, wenn sie älter werden, „eingefahren“. Sie nehmen Sinnesreize nur im vertrauten Spektrum wahr und verarbeiten diese Eindrücke bevorzugt entlang ihrer neuronalen Standardwege. Alle Umweltreize, inneren Bilder und emotionale Regungen, die nicht in gewohnte Schemata passen, werden ausgeblendet. Wenn das nicht möglich ist, weil die inneren oder äußeren Reize zu massiv sind, werden sie als „Störungen“ interpretiert. Die physiologischen Stressreaktionen, die das Unerwartete auslösen, werden als beängstigend und bedrohlich empfunden. Primitive Abwehrreaktionen sollen das System wieder ins Gleichgewicht bringen. Negative Emotionen werden nach Außen projiziert, ein Arsenal an Verteidigungsmechanismen aktiviert. Meist wird der Radius solcher Menschen im Laufe des Lebens kleiner und kleiner. Sie ziehen sich in ihre vertraute Komfortzone zurück, meiden neue Erfahrungen und fürchten Veränderung.

Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die neben mir im Kammermusiksaal der Musikhochschule den Studenten lauschte. Nach dem Ende des Konzerts lief sie – den Blick gesenkt – in der Abenddämmerung vor mir den Gehweg entlang. Und direkt an einem Waschbären vorbei, der keinen Meter von ihr entfernt am Rinnstein saß. Offensichtlich hatte sie das possierliche Tier nicht bemerkt. „Ein Waschbär!“ rief ich hinter ihr her. „Da sitzt ein Waschbär!“ Sie schien mich nicht gehört zu haben. Stur lief sie weiter und verschwand um die Ecke in die Nebenstraße.

Ich ging vor dem Waschbären in die Hocke. Das war ihm nicht geheuer, er verkroch sich in den Abwasserkanal am Rinnstein, er passte gerade durch das zerborstene Gitter. „Bist du süß!“ erklärte ich seiner schnuppernden Nase. „Grrrrr!“ kam es zurück. Ich hatte nicht gewusst, das Waschbären knurren können.

Ich gehe davon aus, dass viele Menschen – ohne es zu wissen – von Schatten-Tieren beschützt und begleitet werden. Sie „sehen“ sie nicht, weil es ihnen nie in den Sinn käme, dass es so etwas geben könne wie Energie, die Form annimmt. Es ist ihnen nicht bewusst, dass auch sie nichts anderes sind als Energie, die Form angenommen hat. Deshalb spüren sie auch nicht, dass sie „gesehen“ werden. Was schade ist, finde ich. Was wäre ich ohne meinen Wolf?