Ich starte Verhandlungen für eine Führung ins Allerheiligste des Nationalparks, laufe blind in einen Gewittersturm, ziehe in ein pittoreskes Holzhaus um und reflektiere über Up- und Downgrades und das kleine Glück im Leben…

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt krieche, ist der Himmel grau. Während der kleine Spirituskocher das Wasser für den Instantkaffee zum Kochen bringt, rufe ich die Wetter-App auf. Die Aussichten sind trübe: Neunzig Prozent Regenwahrscheinlichkeit während der nächsten vier Tage. Die werde ich nicht im Zelt verbringen, beschließe ich, dafür bin ich zu verweichlicht.
Auf einer altbackenen Mohnschnecke kauend, suche ich online nach einem Dach über den Kopf. Während der Wanderung gestern war ich entzückt von den traditionellen Holzhäusern gewesen. Wie gerne, hatte ich gedacht, würde ich in so einem gemütlichen Ding mal übernachten. Bei booking.com werden gleich mehrere davon hier in der Ecke angeboten, aber ein komplettes Haus ist viel zu teuer.
Schließlich finde ich drei Kilometer weiter die Hauptstraße entlang ein einzelnes Zimmer in einem Holzhäuschen, das bezahlbar ist. Ich buche und beende zügig mein Frühstück, damit ich das Zelt abbauen kann, bevor es anfängt zu regnen.
Als ich meine Utensilien im Kofferraum verstaue, fallen die ersten Tropfen. Ich flüchte mich in den kleinen Dacia, winke im Vorbeifahren dem Campingplatzbesitzer zum Abschied zu und steuere das Informationszentrum des Nationalparks an.
Als ich von der Hauptstraße auf das Gelände abbiege, muss ich mich im Schritttempo durch einen großen Pulk Soldaten zum Besucherparkplatz schieben. Der ist besetzt, stelle ich fest: von einer kompletten mobilen Kaserne. Generatoren rattern, Militärlaster rangieren, Dutzende von Männern und Frauen in Tarnfarben laufen mehr oder weniger geschäftig zwischen grauen Containern herum.
Als ich wende, um wieder vom Gelände zu fahren, klopft ein rundlicher Herr an mein Fenster. Ich könne, bedeutet er mir, mein Auto vor seinem Souvenir-Shop gegenüber des Besucherparkplatzes abstellen. Erleichtert nehme ich das nette Angebot an und eile im Sprühregen die Treppen hoch in das kleine Büro des Nationalparks.
Darin steht ein grauhaariger Ranger in Tarnfarben, der, zu meinem Erstaunen, Deutsch spricht. Er sucht mir eine Wanderkarte heraus und erklärt mir, dass ich überall wandern darf – nur nicht in der Sperrzone, dort wo der Urwald am ältesten und wildesten ist.
Das hatte ich schon Zuhause auf der Homepage des Nationalparks gelesen: in geführten Gruppen wären der Besich des vorderen Teils der Sperrzone möglich. Der hintere – weit größere Teil – stünde nur Wissenschaftlern offen. Die schriftlich zu beantragenden Sondererlaubnis würde von der Parkleitung ausgestellt werden, wenn das Forschungsinteresse nachweisbar wäre.
Ich möchte gerne an einer Touristenführung teilnehmen. Ob denn während der nächsten Tage eine stattfindet, frage ich den Guide. Der blättert in einem großen Kalender. Morgen früh gäbe es eine auf Spanisch, ansonsten wären nur noch Führungen auf Polnisch angemeldet. Damit kann ich nichts anfangen.
Wir diskutieren ein bisschen hin und her und auf einmal erklärt er mir, dass ich auch eine Führung in den hinteren Teil der Sperrzone anmelden könne – vorausgesetzt ich wäre bereit, dafür zu zahlen. Aha? Wie viel das kosten würde?
Er zählt zusammen: 700 Zloty für die Führung, 65 Zloty für den Eintritt, also 765 Zloty, etwa 170 Euro. Von wegen „Low-Budget-Urlaub“! Erst die Vollkasko-Versicherung beim Autovermieter, gleich darauf die 400 Zloty für die Geschwindigkeitsüberschreitung, heute morgen der Übernachtungs-Upgrate wegen des Regenwetters – und jetzt auch noch eine teure Führung. Egal! Wann ich gehen könne, frage ich enthusiastisch.
Jetzt rudert der Guide wieder zurück. Hat er den Mund zu voll genommen? Er wiegt den Kopf hin und her, blättert im Kalender, starrt an die Zimmerdecke. Erst müsse eine Sondergenehmigung beantragt werden, dann werde man sehen. Und überhaupt ginge das erst ab Montag, heute – einem Samstag – wäre niemand im Büro. Ich solle zu Wochenbeginn noch einmal nachfragen.
Also was jetzt: Führung oder keine Führung? Ich will es mir nicht mit ihm verscherzen, bedanke mich, verspreche – oder drohe – dass ich auf alle Fälle wieder kommen werde und eile, die Wanderkarte in der Hand, zum Auto zurück. Hinter dem Tresen des Souvenir-Shops langweilt sich der nette Besitzer. Ein paar Touristen wandern zwischen Trauben von Soldaten in Tarnfarben über das Gelände, es ist ein seltsamer Anblick.
Der kauzige Guide im Info-Point hat mir erklärt, im nördlichen Teil des Nationalparks wären die Bäume besonders alt. Dort lebten die Wisente. Im südlichen Teil wären die Bäume jünger, dort gäbe es besonders viele Vögel und „tolle Energie“.
Während der Regen von draußen an die Windschutzscheibe klopft, überlege ich, die Wanderkarte über das Lenkrad gebreitet, worauf mir der Sinn steht? Alte Bäume und Wisente oder junge Bäume und „tolle Energie“? Davon, beschließe ich nach kurzem Nachdenken, hatte ich gestern genug. Also auf nach Norden in den alten Wald und zu den Wisenten.
Die Straße dorthin führt durch einen kilometerlang grünen Tunnel, so hoch und dicht stehen hier die Bäume. In regelmäßigen Abständen warnen Schilder vor Wildwechsel. Statt des üblichen Hirsch-Symbols ist ein massiges Wisent darauf abgebildet. Ich scheine mich wirklich in der „Büffel-Ecke“ zu befinden.
Fünfzehn Kilometer hinter Bialowieza parke ich auf einem großen Wanderparklatz. Darauf stehen gerade mal drei Autos, alle mit polnischem Kennzeichen. Ich breche mit einem besorgten Blick zum wolkenverhangenen Himmel auf. Hoffentlich wird der Regen nicht stärker!
Der Wald ist wirklich alt! Links und rechts des schmalen Forstwegs stehen riesige alte Eichen, Hainbuchen und Kiefern. Die Äste bilden ein regelrechtes Dach über dem Weg, der mich vor dem immer stärkeren Regen schützt. Während ich vor mich hinlaufe, frischt der Wind merklich auf und lässt die Blätter über meinem Kopf rauschen. Dumpfes Grollen rollt über die Wipfel, ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken. Irgendwo, ein paar Kilometer entfernt, hat der Blitz eingeschlagen.
Ich drehe um und haste zum Auto zurück, so schnell es mir möglich ist. Die Bäume hier sind richtig alt – und einige sicher morsch. Im Gewittersturm einen Ast – oder gleich einen ganzen Baum – auf den Kopf zu bekommen, ist keine attraktive Idee. Erst gehe ich zügig. Als das Grollen lauter und lauter wird, fange ich an zu laufen – und ärgere mich dabei über mich selbst. Wie konnte ich nur so blöd sein, mich auf die Wetter-App zu verlassen? Auch wenn die nur Regen verkündet hat – es war offensichtlich, dass ein Gewitter aufzog. Ich bin aber auch immer noch neben der Spur!
Die letzten paar hundert Meter lege ich in getrecktem Galopp zurück. Um mich tobt der Wald im Sturmwind, über meinem Kopf rollt der Donner. Einmal knallt es, dass es mir durch Mark und Bein geht: irgenwo hat ein Blitz eingeschlagen. Dazu gießt es wie aus Kübeln. Schwer atmend und triefend vor Nässe werfe ich mich ins Auto. Immerhin: ich lebe – und jetzt bin ich wach!
Völlig durchnässt parke ich zwanzig Minuten später an der Hauptstraße von Bialowieza vor der Datscha, in der ich ein Zimmer gebucht habe. Ein pittoreskes altes Holzhäuschen mit Sprossenfenstern, an der Front halb überwachsen von Kletterrosen. Während sanft der Regen rauscht, stehe ich fröstelnd vor der geschlossenen Haustür und wähle die Nummer meiner Zimmerwirtin. Ihre Mutter käme gleich, um mir die Tür zu öffnen, erklärt sie mir in gebrochenem Englisch.
Und wirklich: ein paar Minuten später läuft – vom Nachbarhaus kommend – eine ältere Frau in Wickelschürze über die Wiese zu mir herüber. Sie spricht kein Englisch, stellt sich heraus, während sie mich in das alte Holzhaus einlässt.
Innen ein großer Raum: rechts ein langer Tisch – und links eine kleine Küche, dazu in der Ecke ein großer Kühlschrank! Davon stand nichts bei booking.com. Ob ich das alles benutzen dürfe? Die Frau nickt und erklärt mir irgendwas auf Polnisch.
Dann öffnet sie eine Tür gleich neben dem Küchenbord: mein Zimmer. Darin ein großes Bett samt Nachtisch, dazu ein einfaches Bad. Als ich zustimmend nicke, bekomme ich die Schlüssel in die Hand gedrückt und dann ist meine Wirtin auch schon verschwunden.
Ich habe die Datscha für mich alleine, stelle ich fest, nachdem ich – geduscht und in trockener Kleidung- alles in Augenschein nehme. Was für ein Upgrate! Vom Treckingzelt zum pitoresken Holzhaus – genau wie ich es mir gestern gewünscht hatte. Dass Bialowieza gerade nicht von Touristen, sondern vom Militär überrannt wird, scheint mein persönliches Glück zu sein.
Im örtlichen Supermarkt gebe ich mich anschließend einem regelrechten Kaufrausch hin. Ich habe einen Kühlschrank! Also Milch statt Milchpulver für den Kaffee, Pfirsiche statt Äpfel, was ich für Frischkäse halte, wird sich zuhause als handgemachter Quark entpuppen. Ich muss ein bisschen suchen, bis ich zwischen den Regalen jemanden auftreibe, der Englisch spricht, aber schließlich übersetzt mir ein Pole die Zutatenliste der Fertig-Piroggen. Es gibt zwei vegetarische Sorten! Die Tomatensauce ist sogar im Angebot. Um den Pfefferminztee zu identifizieren, genügen meine bescheidenen botanischen Kenntnisse.
Wieder in der Datscha angekommen, verstaue ich meine Vorräte feierlich in dem großen Kühlschrank. Er hat sogar ein Tiefkühlfach! Seit eineinhalb Jahren muss ich in meiner Untermietwohnung in Leipzig mit einem winzigen Campingkühlschrank auskommen. Dass ein absolut durchschnittlicher Kühlschrank solche Glücksgefühle in mir auslösen kann, ist eine neue Erfahrung.
Und dazu noch eine Küche! Obwohl das etwas hochgegriffen ist: es gibt gerade mal einen zweiflammigen Gaskocher, ein paar einfache Töpfe und nicht mal einen Kochlöffel. Ich krieche unter die Spüle, drehe die Propangasflasche auf, koche eine Portion Piroggen „Ukrainische Art“ (lecker) mit polnischer Fertiggemüsesoße (furchtbar) und bin glücklich.
Nach dem Essen sitze ich vor einer Tasse dampfendem Pfefferminztee, schaue in den regennassen Garten hinaus und meditiere über mein Leben. Dass mich ein winziges Holzhaus, ein simpler Kühlschrank und ein primitiver Propangaskocher einmal so glücklich machen könnten, wäre mir noch vor zwei Jahren niemals in den Sinn gekommen. Im „Früher“ war die Designerküche so selbstverständlich wie der Urlaub im Luxushotel.
Manchmal ist wohl ein radikaler Down-Grade nötig – sinniere ich – damit sich die Tür für das Glück öffnen kann…
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