Ich träume von einem Leben in der eigenen Datscha in Bialowieza…

Während der Nacht und den ganzen nächsten Tag über rauscht der Regen vom Himmel. Ich verbringe lesend und schreibend einen entspannten Sonntag in meiner Datscha.
Zwischendurch koche ich mir eine Tasse Tee und nehme mir etwas zu Essen aus dem wunderbaren Kühlschrank. Mein Bedürfnis, jemals wieder in mein Untermietzimmer nach Leipzig zurückzukehren, geht gegen Null.
Ich war schon während meines allerersten Aufenthaltes in Polen erstaunt darüber gewesen, dass ich mich so sehr Zuhause gefühlt hatte. Im Februar begründete ich das fehlende Fremdheitsgefühl noch damit, dass Danzig ursprünglich eine deutsche Stadt ist. Architektonisch hätte ich mich auch in Lübeck oder Kiel befinden können.
Jetzt bin ich ganz im Osten Polens, aber immer noch will sich kein Fremdheitsgefühl einstellen. Dabei unterscheiden sich Landschaft und Architektur erkennbar von „Zuhause“ und das Polnische ist mir ein völliges Rätsel.
Alles hier fühlt sich für mich seltsam „natürlich“ an: die wunderbare Landschaft, die kleinen pittoresken Ortschaften, dazu die sinnenberauschende Natur und die netten Menschen. Es ist mir, als würde ich hierher gehören.
Während ich über dieses seltsame Gefühl das „Da-Seins“ siniere, höre ich mit einem Mal eine Stimme. „Warum“, wispert sie mir ins Ohr, „bleibst Du nicht einfach hier? Arbeiten kannst Du schließlich überall, wo es Internet und einen Supermarkt gibt!“
Ehe ich mich versehe, bin ich mit Hilfe von Google-Translater auch schon auf Immobiliensuche. Was wohl so ein gemütliches Holzhaus in Bialowieza kostet?
Es sind gleich mehrere Datschas im Angebot, sehe ich auf einer einschlägigen polnischen Seite. Und sie kosten nicht die Welt. Ab 200.000 Zloty – etwa 45.000€ – ist man dabei.
Ein hübsches braunes Holzhaus mit rotem Dach und weißen Sprossenfenstern hat es mir besonders angetan: vier Zimmer, dazu Sommerküche, Nebengebäude und fast 2000 Quadratmeter Grund. Das alles für gerade mal 50.000 €!
Ich schicke die Anzeige einer Freundin. Ein paar Minuten später schreibt sie zurück: sie kennt die Immobilienmaklerin, die genau dieses Haus verkauft! Ich bin fassungslos: Hey, ich bin 1000 Kilometer von ihr entfernt am Ende der Welt! Aber nein: ihre polnische Freundin ist von Deutschland zurück nach Warschau gezogen, versucht sich im Immobiliengeschäft – und bietet genau die Datscha an, in die ich mich verliebt habe.
Wenn es nach „There is no such thing as an accident“ geht, müsste ich mir die Datscha kaufen und nach Bialowieza ziehen. 255.000 Zloty lassen sich sicher irgendwie auftreiben.
Lang ausgestreckt auf dem Bett liegend, finde ich mich im Tagtraum auf der sonnenbeschienenen Veranda der kleinen braunen Datscha wieder. Vor mir steht der Laptop, auf der Blumenwiese summen Bienen, in den alten Obstbäumen zwitschern Vögel und zu meinen Füßen ruht ein großer freundlicher Hund. Was für ein Leben…
„Moment mal!“,meldet sich barsch die Stimme der Vernunft. „Wie stellst Du Dir das vor? Du kannst ja nicht einmal Polnisch!“
Das trifft einen wunden Punkt: Vorgestern hatte ich Suriyel triumphierend ein Photo geschickt, auf dem die erste polnische Beschriftung abgebildet war, die ich automatisch im Vorbeilaufen übersetzt hatte: „Uwaga Pies!“ Von „Vorsicht Hund!“ bis zum alltagstauglichen Polnisch ist es ein weiter Weg. Und die Sprache ist tricky – das wurde mir schon bei der ersten vorsichtigen Annäherung klar.
Meine idealistische Innere Stimme hält dagegen: „Es ist schließlich nicht Chinesisch! Mit ein bisschen Mühe wird das schon!“
Die Stimme der Vernunft fährt das nächste Gegenargument auf: „Glaubst Du wirklich, dass Du die Menschen hier überhaupt verstehen willst?“
Das bringt mich zum Nachdenken. Noch habe ich mich mit niemandem unterhalten, der nicht des Deutschen oder Englischen mächtig ist. Das führt unweigerlich zu einer sozialen Vorauswahl meiner Gesprächspartner. Die, mit denen ich bisher näher zu tun hatte, waren alle offen und entspannt. Aber eben auch höher gebildet und polyglott.
Was ich hier wohl alles zu hören bekommen würde, wenn ich mich mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten könnte? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich mit Weltanschauungen konfrontiert wäre, die den meinen diametral entgegenstehen.
Hmmmm…
Die Stimme der Vernunft stellt zufrieden fest, dass sie einen Treffer gelandet hat. Jetzt holt sie zum großen Rundumschlag aus: „Willst Du wirklich zu jedem Retreat 1000 Kilometer weit fahren? Und weit und breit keine Sangha! Das nächste Buddhistische Zentrum ist in Warschau, 250 Kilometer von hier! Es käme ab und zu sicher jemand zu Besuch, aber Du würdest hier sozial und spirituell trotzdem völlig vereinsamen! Sieh doch ein, dass es eine Schnapsidee ist!“
Ich lausche in mich hinein. Meine idealistische Innere Stimme schweigt. Ist sie gekränkt? Traurig? Oder flüstert sie gerade so leise, dass ich sie nicht hören kann?
Seufzend schließe ich die polnische Immobilienseite. Eine Datscha im letzten Urwald Europas ist eine schöne Phantasie – mehr aber leider auch nicht…
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