Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Thröma

Besichtigung

Drei Wochen, nachdem ich mich im Traum im evangelischen Pfarrhaus wiederfand, bin ich das erste Mal dort zu Besuch…

Der Makler ist schon vor Ort. Sein Wagen mit Werbeaufschrift parkt neben einem VW-Passat. Als wir in die Auffahrt einbiegen, eilt eine Frau durch das Tor. Wohl eine andere Kaufinteressentin. Sie springt in den Passat und braust davon. Es wirkt, als wäre sie auf der Flucht.

Während ich die Beifahrertür öffne, tritt ein Mann mittleren Alters aus der Haustür des Pfarrhauses. Ich tippe auf den Makler. Kurz schweift sein Blick über mich. Dann sieht er meinen Bruder, der – wie immer in Zimmermannskluft – behutsam die Fahrertür seines Oberklasse-Audi zuschiebt.

Die Gesichtszüge des Maklers beginnen bei seinem Anblick zu leuchten. Enthusiastisch die Hand meines Bruders schüttelnd, ruft er aus: „Sie sind genau der Mann, den dieses Objekt braucht!“

„Ich bin diejenige, die sich für das Haus interessiert!“, mache ich ihn auf mich aufmerksam. „Bei dem Herrn“, ich deute auf meinen Bruder, „handelt es sich um den Sachverständigen.“

Diese Information dämpft die Begeisterung des Maklers etwas. Dabei habe ich ihn nur beim Wort genommen. Der letzte Satz des Exposés des Pfarrhauses lautet: „Bitte bringen Sie zum Besichtigungstermin einen Bausachverständigen mit.“

Glücklicherweise bin ich mit einem Bausachverständigen verwandt: Mein Bruder ist nicht nur Zimmerer und Bauingenieur, sondern auch noch Chef seiner eigenen Baufirma. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Als ich ihm von meinem Traum vom evangelischen Pfarrhaus erzähle und ihm das Makler-Exposé zukommen lasse, ist er nicht im geringsten erstaunt über die Geschichte. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Mein Bruder und ich funktionieren nach den selben Prinzipien. Wir sind beide intuitiv.

Was mindestens ein genauso großes Glück ist wie der Fakt, dass er etwas von Altbausanierung versteht.

„Gott, ist das schön!“, murmelte er vor sich hin, während er sich die Fotos des Pfarrhauses das erste Mal ansah.

Als wir jetzt leibhaftig vor dem Gebäude stehen, ist sein Gesichtsausdruck neutral. Auf der Fahrt zum Besichtigungstermin hat er mir eingeschäft, dass ich mir meine Begeisterung auf keinen Fall ansehen lassen darf! Das könne mich viel Geld kosten!

Es fällt mir nicht schwer, seinen Rat zu befolgen. Im Gegenteil: Während uns der Makler über das Gelände führt, wird mir bang und bänger!

Im Schafstall ist bereits ein Teil des Dachs eingebrochen. Die Tür hängt schief in den Angeln. Mein Bruder stemmt sie mit aller Kraft auf. Nach einem Blick zur Decke verbietet er mir den Zutritt: Akute Einsturzgefahr.

Seine Führsorge rührt mich. Alles andere überfordert mich.

Als nächstes ist der Hauptstall an der Reihe. Umständlich öffnet der Makler das Vorhangschloss an einer der Stalltüren. Als er sie aufzieht, fällt mein Blick auf rottendes Stroh. An der Wand hängen rostende Metallkörbe. Mein Bruder klettert die schmale Treppe hoch. Die rohen Dielenbretter sind stellenweise verfault. „Pass auf, dass du auf dem Hauptbalken bleibst!“, ruft er mir zu, während er vorsichtig Schritt für Schritt den Dachboden durchquert. Er bleibt stehen, den Kopf in den Nacken gelegt. „Na, das sieht aber nicht schön aus!“

Das, finde ich, ist eine absolute Untertreibung: Zwischen Dachfirst und Außenmauer klafft ein Loch von mindestens einem halben Meter! Und die Außenmauer sieht aus, als würde sie jeden Moment zusammenfallen!

Wir nehmen den nächsten Stallzugang in Augenschein. Im vorderen Bereich des Erdgeschosses wieder rottendes Stroh, im hinteren Teil eine weitere Pferdebox. Auch hier Stroh. Die schwache Ahnung von Pferdegeruch. Ein großer schwarzer leerer Plastikeimer. In der Ecke ein Rest Heu im Futtertrog. Allzu viele Jahre kann es nicht her sein, dass hier ein Tier gehalten wurde.

Wir nehmen die zweiteTreppe in den Dachboden. Im vorderen Teil lagert das rottende Heu hüfthoch. Mein Bruder wiegt skeptisch den Kopf.

Neben dem historischen Stall ein runder hölzerner Hühnerstall jüngeren Datums. Auch der ist eingestreut, im Inneren riecht es nach Huhn. Hier hat ganz sicher bis vor kurzem Federfieh gewohnt.

Der erste Lichtblick des Tages: Die Werkstatt. Mein Bruder pfeift anerkennend durch die Zähne, als uns der Makler das Tor aufschließt. Das Gebäude ist neu, aus Holz, mindestens sechs Meter hoch, mit großen Fenstern, einer riesigen Werkbank und Regalen, in denen ordentlich Werkzeug neben Werkzeug liegt.

Auf dem Weg zum Haupthaus kreuzen wir ein rotes Gartenhaus. Es befindet sich direkt am Ufer des Weihers, von dem ich geträumt hatte. „Zum alten Fritz“, steht über der Eingangstür. Durch die verglaste Front fällt unser Blick auf einen großen Tisch mit Wachstuchtischdecke. Drumherum Stühle. Auf einer kleinen Anrichte in der Ecke stappeln sich Schnapsgläser.

Das Häuschen wirkt inmitten des zweihundert Jahre alten Ensembles, als hätte es sich verlaufen.

Wir betreten das Haupthaus. In meinem Traum waren alle Räume leer. Jetzt bin ich mit der Realität konfrontiert: Während ich – wie in meinem Traum – von Zimmer zu Zimmer gehe, fällt mein Blick auf vergilbte Bravo-Poster aus den 90ern, DDR-Möbeln aus den 70ern. Auf wuchtigen Gründerzeit-Vitrinen stauben gerahmte Familienfotos vor sich hin. Die Küche wirkt, als wäre der Besitzer nur mal kurz zum Einkaufen gefahren.

Während ich mich – um Haltung bemüht – vom Makler verabschieden, ertönt hinter mir ein scharfes Surren. Mein Bruder lässt eine Drohne aufsteigen und über die Dächer der Gebäude fliegen, auf der Jagd nach weiteren Schäden, die nur durch Luftaufnahmen erkennbar sind.

Als ich – die Tür des Oberklasse-Audis achtsam zuziehend – auf den Beifahrersitz sinke, bin ich komplett bedient.

Das hier – denke ich – kann nur ein Alptraum sein!

Schock

Dass ich die Immobilienanzeige des evangelischen Pfarrhauses aus meinem Traum im Internet finde, hebt meine Welt aus den Angeln…

Mitte September war überraschend ein hoher nepalesischer Rinpoche in der Spirituellen WG zu Gast gewesen. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Rinpoche lehrte die Sangha, wie das Rauchopfer Sur praktiziert wird. Und er zeigte uns, wie man Opfer für Nagas – mächtige Wassergeister – vollzieht. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Rinpoche verließ uns, mit dem Versprechen, nächstes Jahr wieder zu kommen – für ein Thröma-Retreat. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Nach Rinpoches Abschied treibt mich die Frage um, an welchem Ort die Sangha ihre neu erworbenen Kenntnisse umsetzen, und das Thröma-Retreat stattfinden, soll?

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg ist ungeeignet. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Auch das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain kommt nicht in Frage. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

In der Großstadt ist zu wenig Platz. Der Lärm unserer Instrumente, der Rauch der Opferfeuer – das alles passt nicht hierher.

Wir brauchen Platz, denke ich mir. Und Ruhe.

Wir müssen raus aus der Stadt!

Am Besten – denke ich weiter – an ein Gewässer! Schließlich leben die Nagas im Wasser und in Feuchtgebieten.

Dann mussen wir an diesem Ort allerdings auch übernachten können! Denn Naga Opfer – so hat es uns Rinpoche erklärt – werden am Morgen vollzogen. Vor dem Frühstück!

Vier Tage nachdem uns Rinpoche verlassen hat, bin ich auf dem Weg zum nächsten Privat-Teaching eines anderen hohen nepalesischen Rinpoches. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Im ICE nach München rekapituliere ich, welche Eigenschaften der Ort braucht, an dem die Sangha Praxis machen kann: Er muss abgelegen sein, zähle ich an den Fingern ab, aber trotzdem gut erreichbar. Außer Suiyel hat kein Sangha-Mitglied ein eigenes Auto! Dort muss es Schlafplätze und Verpflegungsmöglichkeit für mindestens fünfzehn Leute geben. Er muss an einem Gewässer liegen. Man muss dort Feuer machen können. Und Krach…

Ich bin mir sicher, dass es irgendwo außerhalb Berlins einen solchen Ort gibt.

Nur: Wie soll ich ihn finden?

Auf dem Rückweg vom Teaching in Oberbayern überkommt mich mit einem Mal das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen würde ein Ort nach mir rufen. Ein „heiliger Ort“ sogar… https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Mit der Bitte um einen Traum, der mir diesen Ort zeigen möge, schlafe ich ein. In der Nacht träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus. Mit einem Weiher vor der Haustür.

Am nächsten Morgen finde ich eine Immobilienanzeige online, in der ein evangelisches Pfarrhaus angeboten wird, das genau dem Haus in meinem Traum entspricht. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Erst bin ich verblüfft.

Dann zweifle ich an meinem Verstand: Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Im Zustand innerer Auflösung lasse ich Israfel die Immobilienanzeige zukommen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Mein Herz rast. Ich zittere am ganzen Körper. Verzweifelt versuche ich, meinen Atem zu beruhigen.

Ich rette mich auf mein Meditationskissen, wie ein Schiffbrüchiger auf eine einsame Insel. „Einatmend nehme ich wahr, dass ich einatme. Ausatmend nehme ich wahr, dass ich ausatme.“

Nach etwa einer halben Stunde habe ich zumindest genug Abstand zu meinem inneren Chaos entwickelt, dass ich eine Selbst-Diagnose zustande bringe:

Ich stehe unter Schock!

Weiher

Meine Bitte um ein Traum-Zeichen erfüllt sich auf wunderbare Weise. Es lässt mich den heiligen Ort finden, der mich rief…

Das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen gäbe es einen bestimmten Ort, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten, lässt mich auch nach meiner Ankunft in Berlin nicht los. https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Als ich am späten Abend in meinem Zimmer in der Spirituellen WG angkomme, gehe ich sofort ins Bett. Ich bin völlig übermüdet, meine Nerven sind so überreizt, dass ich regelrecht vibriere.

Was ist nur los mit mir?

Während ich versuche einzuschlafen, wird die Energie, die sich in meinem Herzen verankert hat, stärker. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten, konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, und leere meine Gedanken.

„Wünsch dir einen Traum“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr.

Ich schrecke hoch. Stimmt! Das hat schon öfter funktioniert!

Ich schließe die Augen, fokussiere mich wieder auf meinen Atem und formuliere bewusst den Wunsch, in dieser Nacht von dem Ort zu träumen, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten.

Mit dem Gedanken an diesen Ort, und dem Fokus auf die fremdartige Energie in meinem Herzen, schlafe ich ein.

Es ist Nacht. Suriyel ist bei mir. Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Das fahle Licht des Mondes fällt durch die Fenster. Unter unseren Füßen knarren Dielenbretter. Die Räume stehen leer. Der Geruch von Staub hängt in der Luft. Hier wohnt schon lange niemand mehr.

Mit einem Mal verändert sich die Perspektive. Ich schaue von oben auf Suriyel und mein Traum-Ich herab. Es ist so dunkel, dass ich die Gesichtszüge meiner Traum-Figuren nur erahnen kann. Ich höre mein Traum-Ich zu Suriyel sprechen. „Das hier ist der Ort, an dem unsere Sangha Praxis machen muss!“, sagt es in bestimmtem Ton.

Mir ist, als würde ich angehoben werden. Mit der Bewegung geht das Wissen einher, dass ich mich gerade in einem alten evangelischen Pfarrhaus befinde. Mein Blick weitet sich. Ich bin im Haus – und gleichzeitig davor. Auf der Wasseroberfläche eines Weihers spiegelt sich der Mond.

Ich wache auf.

Mein erster Gedanke gilt schrägerweise nicht dem Pfarrhaus – sondern Suriyel! In meinem Kopf dröhnt der Satz: „Da macht der doch nie mit!“

Es ist zwei Uhr morgens, stelle ich fest.

Wolfsstunde.

Damit schlafe ich wieder ein.

Am nächsten Morgen erinnere ich mich beim Aufwachen sofort an den Traum. Ein evangelisches Pfarrhaus! Mit einem Weiher davor!

Ich stelle die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab und fahre den Laptop hoch. Versuchsweise gebe ich „Evangelisches Pfarrhaus“ und „kaufen“ ein. Und siehe da: die Evangelische Kirche hat ein eigenes Immobilienportal! In der Suchmaske gibt es die Option „Häuser“.

Ich brauche keine halbe Stunde, bis ich es gefunden habe:

Ein rotes Backstein-Pfarrhaus, davor ein Weiher. Baujahr 1800, lese ich. Ortsrandlage. Sanierungsbedürftig.

Das also ist der Ort, der mich gerufen hat…

Ruf

Mich überkommt das seltsame Empfinden, irgendwo dort draußen versuche ein heiliger Ort, mit mir in Kontakt zu treten…

Das Teaching des Hauptlinienhalters im oberbayerischen Wohnzimmer der Dharma-Freundin ging am späten Sonntagnachmittag zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Als ich – die Gedanken immer noch bei Hermes – in München ankomme, ist es bereits Abend. https://www.water-runs-east.eu/hermes/

Dort verbringe ich die Nacht bei einer Freundin. Die interessiert sich weder für den Dharma, noch für Meditation. Nach zwei Rinpoches in zwei Wochen tut es mir gut, bis weit nach Mitternacht über die ganz normalen Dinge des Lebens zu plaudern.

Am nächsten Tag nehme ich die S-Bahn zum Hauptbahnhof. Der Wagon ist gefüllt mit schönen Menschen in quietschbunter Trachtenkleidung, die sich gegenseitig fotographieren und dabei lautstark auf Italienisch unterhalten.

Nach jedem Halt erklingt eine freundliche Frauenstimme mit hörbar bayerischem Einschlag, die in Deutsch und Englisch erklärt, dass „Heißluftballons der natürliche Feind der Oberleitung“ wären. Sie sollten doch bitte in „ihrem natürlichen Biotop auf der Wiesn bleiben“.

Am Hauptbahnhof umkreise ich Männergruppen in Lederhos´n und Frauen im Dirndl.

Der ICE nach Berlin ist pünktlich. Ein scharfer Pfiff des Schaffners, das harte Knallen der Türen, dann schiebt sich der Zug aus dem Bahnhof, den alljährlichen Oktoberfest-Wahnsinn hinter sich lassend.

Ingolstadt, Nürnberg, Erlangen, Bamberg. Bayern liegt hinter mir.

Draußen zieht der Thürniger Wald vorbei. Ich bin so übermüdet, dass ich nicht mehr klar denken kann. Die Reizüberflutung, die Energie von Teaching, Praxis und Einweihung durch den Hauptlinienhalter am vergangenen Wochenende, lassen meine Nerven vibrieren.

Ich bin – stelle ich fest, während ich mit zitternden Fingern meine Wasserflasche zuschraube – völlig neben der Spur.

Noch drei Stunden bis Berlin. Ich lehne mich im unbequemen Stuhl zurück, schließe die Augen und versuche, zu dösen. Das gleichmäßige Rauschen des ICE lässt mich in eine Art Trance fallen.

Bilder steigen auf: die bayerische Wallfahrtskirche neben dem Haus der Dharma-Freundin, bei der ich das letzte Wochenende verbracht habe. Vage Bilder eines schamanischen Kultplatzes an der Stelle, an der die Kirche errichtet wurde.

Der Innenhof eines buddhistischen Zentrums in Frankreich, über dem das Deckblatt eines Gedichts für Hermes tanzt, der gerade zum Schützer des Ortes wird. Die Säulen eines antiken Tempels, in dem Hermes gehuldigt wurde, lange bevor an der gleichen Stelle das Zentrum entstand. https://www.water-runs-east.eu/hermes/

„Ein heiliger Ort“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Die Sangha braucht einen heiligen Ort für ihre Praxis!“

Auf einmal ist mir, als würde etwas von meinem Herz Besitz ergreifen. Eine fremde Energie, die – von Außen kommend – einen Anker in meinem Brustkorb schlägt und sich dort ausbreitet.

Begleitet wird das – so irreale wie beängstigende – Gefühl von dem Gedanken, dass dort draußen jemand nach mir ruft.

Ein Ort.

Ich starr aus dem Fenster. Über Brandenburgs Kiefernwäldern wird es Nacht.

„Irgendwo dort draußen“, denke ich, „befindet sich ein Ort mit hoher Energie, der mit mir in Kontakt treten möchte.“

Hermes

Ich bekomme eine spannende Geschichte geschenkt: Jemand erzählt mir von einem griechischen Gott, der zum buddhistischen Schützer wird…

In der Feuerschale ist immer noch ein Rest Glut, stelle ich fest, als ich zu Beginn der Mittagspause des privaten Teachings auf die Terrasse drehte. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Dabei liegt das morgendliche Rauchopfer, das die amerikanische Khandro mit uns praktiziert hat, bereits ein paar Stunden zurück. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Weil danach der Lehrer – Rinpoche und Hauptlinienhalter der Düdjum Tersar Tradition – erwartet wurde, haben wir das Feuer nicht wie gewöhnlich herunterbrennen lassen.

Es war die Khandro, die uns darauf hinwies, dass der Respekt vor dem hohen nepalesischen Gast gebietet, ihn mit wohlriechendem Rauch zu empfangen. So wäre das in seiner Heimat üblich, erklärte sie uns.

Als Rinpoche vor der Haustür steht, brennt in der Feuerschale ein kräftiges Feuer.

Rinpoche tritt auf die Terrasse und blinzelt in die warme Herbstsonne. Nach drei Stunden Teaching in englischer Sprache sieht er müde aus. Zusammen mit seiner Frau nimmt er an einer langen Tafel Platz. Die amerikanische Khandro setzt sich zu ihm und dazu noch ein paar andere. Die Dharma-Freundin, die ihr Haus für das private Teaching zur Verfügung gestellt hat, serviert ihnen Mittagessen.

Ich biege um die Hausecke. Ein paar Teilnehmer des Teachings haben eine Decke im Gras ausgebreitet und veranstalten ein Picknick. Ich darf mich zu ihnen setzen. Wir teilen Baguette, Käse und Obst und plaudern während des Essens. Netterweise wechseln sie mir zu Liebe aus dem Französischen ins Englische.

Die Gruppe – erfahre ich – kennt sich aus Frankreich. Vor einiger Zeit haben dort alle gemeinsam ein Dreijahres-Retreat absolviert.

Ich bin beeindruckt: Ich sitze doch tatsächlich unter lauter Lamas! Denn der Abschluss eines Dreijahres-Retreats ist in der tibetischen Tradition verpflichtend, um Buddhismus lehren zu dürfen.

Direkt hinter der Gartenhecke der gastfreundlichen Dharma-Freundin steht eine prächtige Kirche. Gerade schlägt die Turmuhr die volle Stunde. Das laute Dröhnen der Kirchenglocken lässt alle Augen zum Kirchturm wandern, der in den strahlend blauen Himmel aufragt.

Ich erzähle der Picknickgesellschaft, dass es sich bei der Kirche – die viel zu groß für die kleine Dorfgemeinschaft ist – um eine Wallfahrtskirche handelt. „Der Legende nach hat an der Stelle, an der die Kirche erbaut wurde, der Heilige, der hier vor mehr als tausend Jahren die Menschen zum Christentum bekehrte, ein paar Blutstropfen verloren.“ Das habe ich am Abend meiner Ankunft im Dorf von der Dharma-Freundin erfahren.

„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass an dieser Stelle ein vorchristlicher Tempel stand oder der Ort für heidnische Riten genutzt wurde. Das gab es während der Christianisierung häufig“, fahre ich fort. „Durch Heiligenlegenden wurde der Bau der Kirchen legitimiert.“

„Ach,“ meint einer aus der Gruppe nachdenklich. „Da fällt mir eine Geschichte aus unserem buddhistischen Zentrum in Frankreich ein.“ Der Franzose, der ihm gegenüber sitzt, nickt wissend.

„Das Zentrum, in dem wir das Dreijahres-Retreat absolviert haben, liegt auf einer Hochebene. Genau in der Mitte von drei erloschenen Vulkanen. Auf dem Gipfel des einen Vulkan gab es ein Hotel. Das brannte mehrmals hintereinander aus. Überhaupt passierten in der Gegend immer wieder seltsame Dinge.“

Er nimmt einen Schluck Wasser. „An der Stelle, an der unser buddhistisches Zentrum gebaut worden war, stand in der Antike ein Hermes-Tempel. Und während der Zeit, als wir alle dort im Retreat waren, kam der Rinpoche, der das buddhistische Zentrum leitete, im Traum in Kontakt mit Hermes.“

Der Erzähler nickt in meine Richtung. „Ich weiß das alles so genau, weil ich damals der persönliche Assistent von Rinpoche war. Der war alt und saß im Rollstuhl. Einer von uns musste deshalb Tag und Nacht bei ihm sein und sich um ihn kümmern. Als die Sache mit Hermes passierte, war gerade ich an der Reihe.“

Ich hänge gebannt an seinen Lippen.

„Rinpoche konnte in seinen Träumen Hermes davon überzeugen, zum buddhistischen Beschützer des Zentrums zu werden. Hermes bekam einen neuen Namen.“

Einer aus der Gruppe ruft einen tibetischen Namen. Alle anderen nickten, auch der Erzähler.

„Rinpoche“, fährt er fort, „schrieb ein Gebet für den neuen Schützer des Zentrums. An dem Tag, an dem es das erste Mal gebetet wurde, fand ein großes Fest für Hermes statt, der zum budhistischen Beschützer des Dharma geworden war.“

Der Erzähler zeichnet mit beiden Armen einen Kreis in die Luft. „Wir saßen alle im Innenhof im Kreis. Mein Platz war direkt neben dem Rollstuhl von Rinpoche. Ich war dafür verantwortlich, die Papierstreifen, auf denen das neue Gebet gedruckt war, für Rinpoche umzublättern.“

Er holt tief Luft. „Und in dem Augenblick, als die Instrumente verklungen waren und wir anfangen wollten, es zu rezitieren, fuhr ein Windstoß in die Blätter, erfasste das Deckblatt mit dem Bild von Hermes als buddhistischem Schützer und hob es über unsere Köpfe. Dort schwebte es sacht hin und her. Rinpoche ließ sich davon nicht beeirren. Er begann, das Gedicht laut vorzulesen und wir andere fielen ein. Auf einmal begann das Blatt, das über uns schwebte, wie wild zu rotieren!“

Der Erzähler dreht mit schnellen Bewegungen beide Hände vor der Brust.

„Als wir mit dem Gebet zu Ende waren, stieg das Blatt höher und höher und flog davon.“

Ich bin beeindruckt: „Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit mir geteilt hast!“ Mehr bringe ich nicht heraus.

Kurz darauf ist die Mittagspause zu Ende. Am Nachmittag dürfen wir mit dem Hauptlinienhalter und seiner Frau Thröma praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Zum Abschluss erhalten wir von Rinpoche eine spezielle Throma Nagmo Einweihung. Die Energie während Thröma ist überwältigend. Die Einweihung ist noch viel krasser.

Dann ist das Teaching zu Ende. Völlig überwältigt und konfus verabschiede ich mich von meiner amerikanischen Khandro. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Sie schaut ein bisschen irritiert, als ich ihr den weißen Katak mit einem Umschlag hinhalte, in dem zwei Scheine stecken. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Dann legt sie mir den Schal um den Hals, nimmt den Umschlag entgegen und verabschiedet mich nicht – wie sonst immer – mit einer Umarmung, sondern auf traditionelle tibetische Weise, indem sie ihre Stirn an die meine drückt.

Netterweise nimmt mich ein anderer Teilnehmer des Teachings in seinem Auto mit nach München.

Am Irschenberg ein letzter Blick auf die bayerischen Alpen. Der übliche Stau vor Weyarn. Während ich in der Abendämmerung durch die Windschutzscheibe auf die Asphaltwüste der A8 starre, kreisen meine Gedanken um Hermes.

Linienhalter

Fünf Tage, nachdem ich Rinpoche in Berlin verabschiedet habe, treffe ich den nächsten hohen nepalesischen Lama – diesmal am bayerischen Schliersee…

Am Samstag, dem 14. September, habe ich Rinpoche, nach seinem Teaching bei uns in der Spirituellen WG, am Berliner Flughafen verabschiedet. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Am Donnerstag, dem 19. September, schleppe ich früh am Morgen meinen Koffer die Treppen der Spirituellen WG hinunter. Der Trecking-Rucksack, den ich auf dem Rücken trage, ist bis oben hin voll.

Auf den Stufen breche ich beinahe unter dem Gewicht zusammen.

Den ratternden Koffer hinter mir herziehend, eile ich zur S-Bahnhaltestelle Schönhauser Allee. Um kurz nach acht Uhr geht der ICE vom Hauptbahnhof.

Ich bin auf dem Weg zum nächsten Teaching.

Die Veranstaltung ist so privat wie hochkarätig.

Dass ich – als kleine unbedeutende und unerfahrene Laien-Praktizierende – dazu eingeladen wurde, verdanke ich der Tatsache, dass ich letzte Woche „meinen“ Rinpoche zu Besuch hatte. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Der hat bei dieser Gelegenheit einige Ritualgegenstände aus Nepal für eine Dharma-Schwester aus Bayern bei mir zurückglassen, mit der wir beide befreundet sind.

Eigentlich war vereinbart, dass die Dharma-Schwester die große Tüte während ihres nächsten Besuchs in Berlin bei mir abholen wird.

Nun hat es sich aber so ergeben, dass völlig überraschend im Wohnzimmer dieser Dharma-Schwester ein Teaching stattfinden wird. „Sie ist dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, pflegt man in meiner bayerischen Heimat zu sagen.

Genau dort wird auch das Teaching stattfinden: nur zehn Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, im Landkreis Rosenheim.

Ich bin also an diesem Donnerstagmorgen „back to the roots“. Denn die Dharma-Schwester braucht für das überraschende Teaching ganz dringend die schwere Tüte von Rinpoche.

So kommt es, dass ich – nur fünf Tage, nachdem ich Norbu Rinpoche verabschiedet habe – auf den nächsten Rinpoche treffe.

Die Dharma-Schwester holt mich vom Regionalbahnhof ab. Gemeinsam wuchten wir meinen schweren Koffer in ihr Auto. Mit einem erleichterten Seufzer lade ich auch noch meinen prall gefüllten Rucksack darin ab.

Dann machen wir uns zu Fuß auf die Suche nach Khandro-La. Denn meine amerikanische Khandro ist extra für das Teaching aus den USA nach Deutschland gekommen! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten am Ufer des Schliersees entdeckt haben, laufen wir zu viert zur Ferienwohnung, die die Dharma-Schwester für den – uns allen nicht persönlich bekannten – Rinpoche gebucht hat.

Der ist nicht einfach nur ein anerkannter wiedergeborener hoher Lama – die Bedeutung von „Rinpoche“ – sondern gleichzeitig auch noch Hauptlinienhalter einer Traditionslinie der tibetisch-buddhistischen Nyingma-Schule und Abt eines nepalesischen Klosters.

Während wir im Wohnzimmer der Ferienwohnung auf die Ankunft des Linienhalters warten, habe ich Gelegenheit, meiner Khandro Fragen zu stellen. Sie ist erkennbar nicht begeistert davon – sie ist im Urlaub – lässt sich aber dann doch darauf ein.

Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Der Mann, der Rinpoche vom Münchner Flughafen abgeholt hat, teilt uns mit, dass der Linienhalter in zehn Minuten vor der Tür stehen wird.

Wir ziehen Schuhe und Jacken an und reihen uns auf dem Parkplatz vor der Ferienwohnung auf. Ganz vorne steht die Khandro, gefolgt von ihrem Lebensgefährten. Neben ihm hat sich die Dharma-Schwester postiert. Ich bilde das Schlusslicht.

Jeder von uns hat einen weißen Schal – einen Katak – und einen Briefumschlag in der Hand. Darin: Zwei Geldscheine für den Linienhalter. Denn die Zahl eins bringe Unglück, erklärte uns die Khandro, als wir im Wohnzimmer die Umschläge füllten.

Nun stehen wir fröstelnd auf dem Parkplatz und halten nach einem schwarzen Mercedes Ausschau. Über uns ragt der Wendelstein empor, sein imposanter Gipfel ist mit Schnee bedeckt. In den letzten Tagen hat es bis ins Tal hinunter geschneit.

Während wir warten, erzählt uns die Khandro, dass der Linienhalter in Nepal immer in einer Prozession das Haus verlässt. Vor ihm geht einer, der ein Weihrauch-Fass schwenkt, vier andere tragen den Baldachin. Passanten werfen sich bei seinem Anblick zu Boden.

Im Vergleich dazu muss dem Linienhalter der Empfang vor der Ferienwohnung am Schliersee mehr als bescheiden erscheinen: Vier verfrorene Westler, die ihm mit tiefer Verbeugung Katak und Umschlag entgegenstrecken.

Er begrüßt jeden von uns herzlich, legt mit strahlendem Lächeln Katak um Katak um die Hälse, drückt seine Stirn an die unsere und verschwindet nach ein paar freundlichen Worten an die Khandro zusammen mit seiner Frau in der Ferienwohnung.

Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten im Haus der Dharma-Schwester abgeladen haben, fährt die mich in meine Ferienwohnung. Der Bauernhof, in dem sich die Ferienwohnung befindet, liegt in einem winzigen Weiler oberhalb des Dorfes der Dharma-Schwester. Morgen werde ich zu Fuß zu ihr laufen. Ich freue mich schon darauf.

Abends, im fremden Bett in der unbekannten Wohnung, umgeben vom aus der Kindheit vertrauten Geruch nach Heu und Kuhstall, siniere ich über mein Leben.

Dass ich heute in dem katholischen oberbayerischen Landkreis, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, dem Hauptlinienhalter der Geluk-Tradition der Dudjom-Tersar-Linie des tibetischen Nyingma-Buddhismus vorgestellt wurde, ist mehr als schräg.

„There is no such thing as an accident“, denke ich beim Einschlafen.