Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Tarot

Samsara

Die Tarot-Karte „XVIII“ – „Der Mond“ steht für Illusionen und Prüfungen auf der Schwelle zu einer neuen Bewusstseinsebene.

Ein paar Tage, nachdem ich den Piraten-Lama-Traum geträumt habe, tippe ich den Blogtext dazu herunter, bevor ich zu Bett gehe. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Hinterher schlafe ich mit den Bildern des seltsamen Traumes im Kopf ein – und bekomme von meinem Unbewussten eine „Traum-Fussnote“ nachgeliefert:

Ich sitze auf dem Cloodeckel einer Toilette in einem weiß gekachelten Badezimmer und starre in eine Badewanne. Sie ist fast bis zum Rand mit einer brackig-braunen Brühe gefüllt. In dem schmutzigen Wasser paddelt verzweifelt ein Wildschwein-Ferkel, den Rüssel in die Luft gestreckt. Unter der Oberfläche erkenne ich einen seltsamen Fisch, er ist lang und schmal und sieht aus wie ein Stock. Außerdem schwimmt auf dem Grund der Wanne noch ein drittes Tier, an das ich mich aber nach dem Aufwachen nicht mehr richtig erinnern kann.

Während ich die drei Tiere beobachte, die vor meinen Augen in der ekeligen Suppe wieder und wieder im Kreis an mir vorbei ziehen, weiß ich, dass ich irgendwas tun muss. Nur was? Alles in mir fühlt sich an wie tot, die Situation löst keine Emotionen in mir aus.

Schließlich greife ich ins Wasser, packe den Fisch und halte das steife Tier angeekelt auf Armeslänge von mir weg. Ich müsste ihn erschlagen, wird mir bewusst. Nur habe ich keine Ahnung, wo sich bei diesem seltsamen Fisch der Kopf und der Schwanz befindet? Er sieht einfach nur aus wie ein langer schmaler Stock. Während ich ihn verwirrt anstarre und mir einen Reim daraus zu machen versuche, fällt mir ein, dass er wohl gerade dabei ist, zu ersticken. Ich werfe ihn wieder ins Wasser zurück. Den Vorgang wiederhole ich mehrmals, aber sooft ich den seltsamen Fisch auch in der Hand halte: ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll.

Irgendwann kommt mir in den Sinn, dass der Frischling bald geschlachtet werden muss. Wenn er zu viele Stresshormone produziert, wird die Qualität seines Fleisches darunter leiden! Das ist ein Gedankengang, mit dem mein Traumbewusstsein etwas anfangen kann. Ich nehme ein Handtuch, klaube das zappelnde Ferkel aus der Brühe und rubble es auf dem Fliesenboden ab.

Damit wache ich auf. Und bin kein bisschen schlauer als zuvor. Wenn DAS die Erklärung für den Piraten-Lama-Traum gewesen sein soll, dann vielen herzlichen Dank an mein Unbewusstes! „Geht es vielleicht ein bisschen pragmatischer?“, beschwere ich mich. Vergebens. Es folgt kein verständlicher „Erklärtraum“ in dieser Nacht. Meine Innere Stimme scheint der Ansicht zu sein, dass sie getan hat, was in ihrer Macht steht.

„XVIII“ – „Der Mond“ aus dem Crowley-Tarot.

Am nächsten Morgen befrage ich meine Tarot-Karten zur Bedeutung des Traumes – und bin nicht überrascht, als die „XVIII“ – „Der Mond“ vor mir auf dem Tisch liegt. Nicht zum ersten Mal: Seit ein paar Wochen verfolgt mich die Karte regelrecht.

„Mond“-Phasen sind keine schönen Zeiten im Leben.

Wenn die Karte in der Legung auftaucht, ist das immer ein Hinweis auf einen tiefgreifenden Transformationsprozess – begleitet von der Information, dass man die bedrohlichste Phase des Übergangs zwischen zwei Lebensabschnitten erreicht hat. In frühen Kulturen wurde dieser „rite de passage“ von Schamanen orchestriert. Sie führten die Menschen durch das steinige dunkle Niemandsland, das sich zwischen den Grenzen auftut und halfen den Adepten mit ihrem Wissen und ihren geheimen Techniken.

In unserer Kultur müssen wir allein durch. Was die Angelegenheit nicht nur unangenehmer macht, als sie sein müsste, sondern auch deutlich riskanter. Denn der „Mond“ markiert immer eine Zeit der Gefahr: die Bilder, die während dieser Übergangsphase aus dem Unbewussten aufsteigen, sind von extremer Suggestivkraft. Alte verdrängte Phantasien, Ängste und Wünsche werden mit einem Mal aktiv. Der Weg ins Neue ist schmal, und links und rechts lauert ein Abgrund aus Süchten und Verführungen. In dunklen Höhlen am Wegesrand verbergen sich die lange vergessenen Monster unserer Kindheit. Sie warten nur darauf, uns anzufallen, wenn wir müde, erschöpft und verängstigt an ihren Eingängen vorbeistolpern.

Während ich auf die „Mond“-Karte vor mir auf dem Tisch starre, taucht das Bild der drei im Kreis schwimmenden Tiere in der Badewanne in mir auf. Auf einmal macht es „Klick“ in meinem Kopf: ich habe vom „Rad des Samsara“ geträumt!

Das „Lebensrad“ ist eines der bekanntesten Symbole des Buddhismus: es zeigt drei Tiere – ein Schwein, eine Schlange und einen Hahn – die, immer im Kreis laufend, ein großes Rad antreiben. Das Bild repräsentiert das menschliche Gefangensein im Samsara – dem leidvollen Zyklus des immerwährenden Werdens und Vergehens der menschlichen Existenz. Die drei Tiere symbolisieren die drei „Geistesgifte“, die uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt immer wieder neu im Leid gefangen halten. Das Schwein steht für Unwissenheit, die Schlange für Hass und der Hahn – an den ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr richtig erinnern konnte – für Gier. (Wie schwimmt ein Hahn? Das wusste wohl nicht mal mein Unbewusstes…)

Die Badewanne mit der brackigen Brühe verbildlicht – wie alle Gefässe mit Flüssigkeiten in Träumen – Emotionen. Aktuell bin ich mit dumpfen und einengenden Gefühlen konfrontiert – das Wasser war schmutzig – zu denen ich keinen Zugang habe. Deshalb habe ich während des Traumes nichts gespürt. Das eigentliche unbewusste Thema scheint „Hass“ zu sein, zu dem ich aber Null Bezug habe. Im Traum wusste ich deshalb im wahrsten Sinne nicht einmal, wo „oben“ und „unten“ an diesem „Fisch“ war. Ich habe das Tier nicht mal erkannt, weil mir das Gefühl so fremd ist. Deshalb dachte ich, die Schlange wäre ein Fisch.

Damit ich das Rätsel um die Schlange lösen kann, muss deshalb erst mal das Ferkel sterben: Symbol für meine Unwissenheit. Immerhin habe ich es im Traum schon mal aus der Badewanne geklaubt im Bewusstsein, dass es geschlachtet werden muss.

Nur: wie soll ich das anstellen? Und auch noch als Vegetarierin? Das arme Schwein!

Dass alles so rätselhaft ist, finde ich frustrierend. Und das, wo ich mich gerade so unwohl und verloren fühle! Aber so ist es immer im Mond, das weiß ich aus Erfahrung. Und es gibt keine Abkürzung und auch keinen Notausgang.

Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, sehe ich auch die positive Seite der Traum-Botschaften:

Sowohl im Piraten-Lama-Traum als auch in dem von den Tieren geht es um die Beendigung karmischer Verstrickungen. Das ist eine erfreuliche Nachricht, denn dafür meditiere ich schließlich: Ich möchte das Samsara-Rad der Wiedergeburten hinter mir lassen. Ich nehme die dusteren Träume als Information meines Unbewussten, dass ich zumindest die Chance dazu habe. Nur: wenn der Traum-Vajranatha mit seiner Tarot-Prophezeiung recht hat, werde ich mein großes Lebensziel nicht alleine erreichen. Ich brauche „all of us“ dazu…

Wer immer das auch sein mag.

Traum-Mord

Im Vajrayana gibt es keinen Unterschied zwischen Traum und Realität.

Die nächsten Tage über arbeitet der schräge Piraten-Lama-Traum in mir. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Jedesmal wenn ich zur Ruhe komme, kreisen meine Gedanken um die Traumbilder, die Tarotkarte des „Teufels“ und die seltsame Botschaft Vajranathas.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass mich mit Lama Vajranatha bereits eine eigenartige Geschichte verbindet.

Alles beginnt – wie soll es auch anders sein – mit einem Traum.

In einer Nacht im Sommer 2018 finde ich mich als Lehrerin in einem Klassenzimmer wieder. Meine Schüler sind schon fast erwachsen und haben erkennbar keine Lust auf Unterricht. Sie äffen mich nach, tanzen schreiend und kreischend um mich herum und ihr Anführer macht sich einen Spaß daraus, mich mit Heften und Schulbüchern zu bewerfen. Ich versuche mir Gehör zu verschaffen, vergebens. Der Anführer gebärdert sich nur noch aggressiver. Er wird von einer blonden Mitschülerin angefeuert, der die Sache offensichtlich großen Spaß macht.

Ohnmächtig vor Wut drehe ich mich um und renne aus dem Klassenzimmer. Es geht die Treppe hinunter durch die Aula und hinaus auf den Schulhof. Von dort sind es zu meinem Erstaunen nur ein paar Meter bis zu einem Sandstrand. Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel herunter. Vor mir breitet sich – im gleißenden Licht glänzend – das Mittelmeer aus.

Nicht weit von der Bucht entfernt liegt eine kleine Insel. Ich beschließe, dorthin zu schwimmen. Die ungezogenen Schüler habe ich schon fast vergessen. Ich schlüpfte aus dem Kleid, freue mich, dass ich darunter einen Badeanzug trage, springe kopfüber ins glasklare Wasser und kraule zur Insel. Sie ist klein, nur ein paar Felsbrocken und ein bisschen Sand, die aus dem Wasser ragen. Ich klettere hinauf, setze mich in die Sonne und schaue über die glitzernde Wasseroberfläche hinüber zu dem langgestreckten weißen Schulgebäude, dass einige Meter hinter dem Strand in der Sonne flirrt.

Kurz darauf sehe ich, wie dort eine kleine Gestalt herausläuft, zum Strand eilt, ebenfalls aus den Kleidern schlüpft, ins Wasser springt und zu mir schwimmt. Es ist meine griechische Freundin, stelle ich zu meiner Freude fest, die ich während des Ngöndros kennengelernt habe. https://www.water-runs-east.eu/drei-ngoendro/ Dann wache ich auf.

Am nächsten Morgen schicke ich eine Mail nach Athen: „Last night I dreamed about you. We met each other on a small Greece Island.“ Mittags kommt eine Mail zurück. „Yes. I dreamed the same.“

Jetzt bin ich verblüfft. So was hatte ich noch nie! Es passiert mir immer wieder, dass ich von etwas träume, was gerade anderen Menschen, die mir nah sind, passiert. Oder – manchmal auch – passieren wird.

Aber dass ich mir mit jemandem einen Traum „teilen“ kann, ist mir neu. Auch meine griechische Freundin ist erstaunt. Wir schicken uns gegenseitig die Details unserer Träume und es wird immer wilder: meine Freundin – die auch im wirklichen Leben Lehrerin ist – betrat das Klassenzimmer mit den aufmüpfigen Schülern, kurz nachdem ich es verlassen hatte. Die Tür stand offen, schreibt sie mir. Auch sie versuchte zu unterrichten und wurde von dem aggressiven jungen Mann daran gehindert, der die ganze Klasse gegen sie aufhetzte. Als alle ihre Versuche, für Ordnung zu sorgen, scheiterten, tat sie etwas radikales: sie griff zu einem Messer und erstach den Störenfried von hinten. „I knew it was just a dream,“ schreibt sie mir. „And I can´t stand such a behaviour!“

Ich bin beeindruckt: so sind sie, die Griechinnen! Noch beeindruckter sind wir beide davon, dass wir uns zeitgleich im gleichen Traum bewegt haben. Wie kann so etwas möglich sein?

Kurz darauf tritt der Traum in den Hintergrund, denn meine griechische Freundin wird mit einem fehlerhaften Steuerbescheid konfrontiert. Das Finanzamt hat Nachzahlungen falsch berechnet und fordert eine astronomische Summe von ihr. Fällig innerhalb von sechs Wochen. Täglich sitzt sie im Finanzminsterium in Athen, zusammen mit vielen anderen Unglücklichen, die zum Opfer der fehlerhaften Software geworden sind. Und wie allen anderen wird ihr von den Sachbearbeitern versichert, dass sie recht hat und der Steuerbescheid falsch ist. Aber keiner ist in der Lage und Willens, den Fehler zu beheben. Sie ist verzweifelt, es geht um ihre Existenz.

Auf dem Höhepunkt des Dramas, dass sich gerade im fernen Athen abspielt, fahre ich zu meinem nächsten Ngöndro-Termin in den Odenwald. Ich bin jetzt im zweiten Jahr der vorbereitenden Übungen für die Tsog-Chen-Praxis des Vajrayana. Alles läuft wie immer: der Rinpoche des Bön-Klosters in Nepal hält – auf seinem roten Thron sitzend – Vorträge über die Praktiken und Meditationstechniken der nächsten drei Übungseinheiten, dazwischen finden Opfer-Rituale statt.

Es gibt nur einen Unterschied: An den Abenden hält ein amerikanischer Lama namens Vajranatha Vorträge über tibetischen Buddhismus. Am vorletztenTag laufe ich ihm während der Mittagspause über den Weg und spreche ihn an. Die Sache mit dem geteilten Traum beschäftigt mich immer noch und ich scheine einen Experten vor mir zu haben. Er hört sich meine Geschichte geduldig an. Zu meinem Erstaunen ist er an dem geteilten Traum nicht weiter interessiert, das scheint das Normalste der Welt für ihn zu sein. Ihn beschäftigt etwas anderes: „What happened to your friend?“, fragt er mich. Ich schaue ihn verständnislos an. „She killed someone!“ „But it was just a dream!“ stottere ich. „There is no difference between a dream and reality!“ bekomme ich zu hören. „A murder is a murder! It´s the energy!“

Auf einmal verstehe ich: Der kafkaeske Ärger mit dem Finanzamt ist die griechische Höllenstrafe für den Traummord. Ich lasse den Lama grußlos stehen, jage die Treppe in mein Zimmer hoch und schreibe meiner Freundin eine SMS, in der ich ihr die neuesten Erkenntnisse mitteile. Die sitzt gerade völlig verzweifelt auf einem harten Holzstuhl im Finanzministerium und sieht sich dem sicheren Untergang geweiht. „Go!“ Schreibt sie zurück. „Tell this american Lama I need a Puja! Immediatly!“ Was ist eine „Puja“? Und wie viel kostet so was? Egal, die Sache eilt. Ich greife zu meinem Portmonaie, renne wieder die Treppe hinunter, finde zu meiner Erleichterung Lama Vajranatha im Garten und teile ihm den Wunsch meiner Freundin mit. Fünfzig Euro wären ok, erklärt er mir, lässt sich von mir das Geld geben und teilt mir mit, am Donnerstag würde er das bestellte Puja – ein Opferritual – durchführen, keine Panik.

Am Sonntag stolpere ich aus dem Bauch eines Flugzeugs in die flirrende griechische Hitze hinaus. Der Geruch von Benzin und Meerwasser hängt in der Luft. Vor dem Terminal empfängt mich meine griechische Freundin. Sie strahlt. Alles ist gut ausgegangen. Als sie am Freitag – dem Tag nachdem Vajranatha das Puja abhielt – ins Finanzministerium in Athen kam, wartete bereits eine Sekretärin auf sie. Alles wäre entschieden, teilte sie ihr mit, die Unterlagen lägen bereit, sie müsse nur noch unterschreiben. Während sie meiner Freundin den Stift in die zitternde Hand drückte, erklärte sie ihr: „Das ist ein Wunder!“

Meine Freundin sieht es bis heute so. Und sie hat versprochen, sich an das zu halten, was ihr Lama Vajranatha durch mich hat ausrichten lassen: „Do not kill again! Neither in dream nor in reality!“

Was sagt mir diese Geschichte über meinen Piraten-Teufels-Karten-Traum? Das ist die Frage…

Eine Piraten-Lama-Prophezeiung

Ich bin im Traum mit „Dem Teufel“ konfrontiert, bekomme eine Tarot-Deutung von einem Piraten-Lama – und verstehe nichts…

Ich sehe mich um. Kein Zweifel: ich befinde mich in der Küche des Retreathauses am Ende der Welt. Die vertrauten blau gestrichenen Wände, an denen die beiden weißen Eckbänke entlanglaufen, davor die beiden langen Holztische – alles ist wie immer.

Aber irgendwie sieht trotzdem alles anders aus! Verwirrt lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern. Der ist viel schmaler und niedriger, als ich ihn in Erinnerung habe! Und statt durch braune Holzfenster schaue ich auf einmal durch runde Bullaugen ins Freie. Zu meiner Konfusion breitet sich dort draußen nicht der Weiher vor der überdachten Terrasse aus. Statt Tümpel, Wiese und Wald erkenne ich durch die nassen Scheiben eine unendliche grau-blaue wogende Wasserfläche. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich der Boden, wird mir mit einem Mal bewusst. Alles um mich dreht sich: Das Retreathaus am Ende der Welt scheint sich in ein Schiff verwandelt zu haben!

Glücklicherweise bin ich nicht allein in dieser seltsamen Küche. An der Stirnseite des Tisches unter den Fenstern sitzt Lama Vajranatha mit unbewegter Miene auf seinem gewohnten Stammplatz. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/ Wie immer hat er sich seine langen dicken grauen Dreadlocks mit einem breiten schwarzen Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt. Er mustert mich kühl und wirkt kein bisschen erstaunt darüber, dass er sich statt im Retreathaus im Bauch eines Schiffes befindet. Auch mein plötzliches Auftauchen scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Zu freuen scheint er sich über meinen Anblick allerdings auch nicht. Ich sehe mich nach Uriel um – er ist schließlich der Hausherr – aber von dem ist weit und breit nichts zu sehen. Und auch Uriels kleiner weißer Hund ist verschwunden.

Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Lama Vajranatha – und bemerke einen großen grün-gelb-blauen Papagei, der gerade hinter der Tischplatte auftaucht und – ein Bein vor das andere setzend – den rechten Oberarm des Lamas hinaufklettert. Als er auf seiner Schulter angelangt ist, schüttelt sich der große Vogel, spreizt kurz das Gefieder, richtet sich dann zu seiner vollen Größe auf, dreht den Kopf und starrt mich mit seinem rechten Auge durchdringend an.

„Du träumst!“, spricht in diesem Moment meine innere Stimme zu mir. „Kein Grund zur Panik. Schau einfach, was passiert.“

Auf einmal schiebt Lama Vajranatha energisch den Tisch ein Stück zurück – das scharrende Geräusch lässt mich zusammenzucken – stemmt sich schwerfällig von der Eckbank hoch und macht ein paar Schritte zur Tür. Jedesmal wenn er den rechten Fuß aufsetzt, klackt es laut. Kein Wunder: er trägt ein Holzbein!

Als er in seiner ganzen Größe und Breite, wie immer vollkommend schwarz gekleidet, mit seinem Turban, dem Papagei auf der Schulter und seinem Holzbein in der Tür steht, wird mir mit einem Mal bewusst, dass er aussieht wie ein Pirat! Ich bin im Traum in einem Piratenschiff gelandet!

Er tritt durch die Tür und winkt mir im Hinausgehen zu: ich soll ihm folgen. Statt im langen Flur des Retreathauses finde ich mich in einem schmalen dunklen Durchgang wieder. Ich stolpere hinter dem Lama-Piraten die enge Stiege hoch. Als ich auf das Deck klettere, sehe ich, dass ich mich auf einem alten Dreimaster befinde. Alle Segel sind gehisst, das Schiff jagt übers Meer. Ich höre, wie die Wellen rhythmisch gegen den Kiel klatschen. Von der Reling zu den Spitzen der Masten sind Schnüre gespannt, an denen viele bunte Wimpel im Fahrtwind flattern. Ich erkenne die fünf Farben der Buddha-Familien: blau, gelb, rot, weiß, und grün. Es sind tibetische Gebetsfahnen! Eigentlich hängen sie in den Bäumen am Weiher des Retreathauses am Ende der Welt. Am hinteren Mast flattern außerdem eine Reihe roter und blauer Fahnen. Das sind doch die, die Uriel und ich im März am Fluß aufgespannt haben! https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-flags/ Nur waren unsere rechteckig. Und auf einmal sind sie zu dreieckigen Wimpeln geworden!

Während ich mich umgeschaue, ist Vajranatha mit seinem Papagei auf der Schulter zum großen hölzernen Steuerrad in der Mitte des Decks geschritten. Wir scheinen alleine auf dem riesigen Schiff zu sein. Es ist wohl ein Zauberschiff, denke ich mir. Es braucht keine Mannschaft.

„XV“ – „Der Teufel“ aus dem Crowley-Tarot

Vajranatha winkt mich zu sich. Als ich neben ihm am Steuerrad stehe, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass er gerade dabei ist, einen Pack Karten zu mischen. Auf dem Deckel eines großen Holzfasses, das vor dem Steuerrad platziert ist, legt er sieben Karten aus und dreht sie vor meinen Augen eine nach der anderen um. Es sind meine vertrauten Crowley-Tarot-Karten! Die erste Karte der Legung ist „Der Teufel“.

Der Piraten-Lama mustert die Karten eindringlich. Dann hebt er den Kopf, schaut mir konzentriert in die Augen und spricht zu mir. „Remember: you all went into this together! So you all will only come out of this together!“

Ich fahre hoch. Durch die beiden hohen Sproßenfenster fällt das Licht der Straßenlaterne in mein Zimmer. Ich taste nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz nach zwei Uhr Morgens ist. Der Traum war so intensiv, dass ich immer noch glaube, das Schwanken des Schiffs unter mir zu spüren. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, mich an die Karten der Legung zu erinnern, so sehr ich mir auch den Kopf zermartere. Das einzige, was geblieben ist, ist das Bild des „Teufels“, auf der ersten Position. Die Karte, die dort liegt, verweist auf den Ursprung einer Situation. Der Merksatz für diese Position lautet: „Daher kommt es.“

Ob damit dasselbe gemeint ist wie mit dem „this“, von dem Lama Vajranatha sprach? Wenn ja, muss dieses „this“ etwas höchst Ungutes gewesen sein. Denn der Teufel ist die negativste Karte im ganzen Tarot-Deck. Er steht für Verstrickungen, Süchte, Abhängigkeiten und menschliche Abgründe. Traditionell werden die anderen Karten der Legung nicht mehr gewertet, wenn „Der Teufel“ auftaucht, weil seine negative Energie so stark ist. Ob ich mich deshalb nicht mehr an den Rest der Legung erinnern kann?

Der Bedeutung des schrägen Traums beschäftigt mich so sehr, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Schliesslich gebe ich auf, schalte das Licht an, stehe auf und blättere schlaftrunken am Bücherregal ein paar Tarot-Bücher nach der Bedeutung des „Teufels“ durch. In einem der Bücher werde ich fündig. In einer langen Liste, wofür „Der Teufel“ stehen kann, stoße ich auf „Schicksalsgemeinschaft“.

Das würde zu dem passen, was mir Vajranatha im Traum mit auf den Weg gegeben hat: „You all went into this together. You all will only come out of this together.“ Ich scheine also Teil von so etwas wie einer „Schicksalsgemeinschaft“ zu sein. Nur: wer, bitte, soll der Rest dieser vergnüglichen Mannschaft sein? Und was, zum Teufel noch mal, ist „this“?

Am liebsten würde ich den Traum und seine Botschaft einfach vergessen. Aber das traue ich mir nicht. Dafür war alles zu intensiv. Nur hätte ich mir klarere Handlungsanweisungen gewünscht. Und ein paar Informationen mehr wären auch kein Schaden gewesen.

Konfus und unzufrieden schlafe ich endlich wieder ein.

Motherpeace-Tarot

Nach einer langen Nacht lege ich mir vor einem Hostel in Berlin-Kreuzberg Tageskarten – mit dem Motherpeace-Tarot-Deck…

Eine Tageskarten-Legung: links der Stapel mit den großen Arkana, in der Mitte der Stapel mit den Personenkarten, rechts der Stapel mit den kleinen Arkana. Die oberste Karte der Stapel wird nach dem Mischen umgedreht und beschreibt bestimmte Aspekte, die an diesem Tag von Bedeutung sind.

Sonntagmorgen um Neun. Ich sitze in Berlin-Kreuzberg vor dem Hostel und sehne den Moment herbei, an dem mir erlaubt sein wird, meine Augenringe hinter der Sonnenbrille zu verstecken. Noch liegt der schmale Holztisch im Schatten, aber die warmen Sonnenstrahlen wandern stetig näher an die Hauswand heran. Ich zähle die Minuten, halte mich an meiner Kaffeetasse fest und konzentriere mich auf das pralle Leben, dass neben mir auf dem Gehweg vorbei zieht.

Ein Mann im Clownkostüm bleibt an unserem Tisch stehen und hält mir eine Plastiktröte unter die Nase. Mein Humor hat heute Urlaub. Er nimmt mein genervtes „No! Thank you!“ ungerührt zur Kenntnis und versucht sein Glück ein Straßencafé weiter. Ein Obdachloser wandert, unaufhörlich vor sich hin schimpfend, den Gehweg auf und ab. Touristen steuern, begleitet vom lauten Rattern ihrer Rollkoffer, den nahen U-Bahn-Schacht an. Die Schlange vor der Bäckerei auf der anderen Straßenseite wird lang und länger. Mit lautem Bimmeln scheucht die Straßenbahn ein Rudel übernächtigter Brautjungfern von den Schienen. Die Schleier auf ihren Köpfen wippen, als sie sich auf hohen Absätzen hinter der in Schlangenlinien laufenden Braut in spé auf den Bürgersteig retten.

Maria und ich haben im Acht-Bett-Zimmer übernachtet. Gemischt. Die Zeiten, in denen Berlin billig war, sind definitv vorbei. Dass wir nach dem Open-Air in Köpenick jede hundert Euro für ein paar Stunden Schlaf im Hotelzimmer investieren sollen, haben wir beide nicht eingesehen. Das Hostel ist ok und glücklicherweise hat keiner der Herren im Raum geschnarcht. Und besoffen und zugedröhnt war auch keiner.

Unausgeschlafen bin ich trotzdem. Aber das liegt an meiner Erkältung, mit der ich mich nach Berlin geschleppt habe. Die Tickets für das Open-Air hatte ich schon im Oktober gekauft, ein „once-in-a-lifetime-event“. Ich musste hin, da konnte mich der Husten noch so quälen. Jetzt habe ich den Salat: die Nase läuft, meine Stimme ist weg und zur Abwechslung sehe ich mal so alt aus wie ich bin – und fühle mich noch mal zehn Jahre älter. Mindestens…

Maria sitzt mir – schön wie der strahlende Frühsommermorgen – gegenüber. Sie dreht sich entspannt ihre Morgenzigarette. Nach der zweiten Tasse Filterkaffe kehrt meine Stimme zumindest in Ansätzen wieder und wir unterhalten uns über den gestrigen Abend. Maria war das allererste Mal in ihrem Leben auf einem Live-Konzert, sie fand es toll. Obwohl alles auf Deutsch war und sie faktisch nichts verstanden hat. Aber die Stimmung war super, das Wetter schön und die übliche Berliner Menagerie machte ihre Aufwartung, es gab also auch abseits der Bühne genug zu bestaunen.

Nach dem Frühstück krame ich mein Karten-Deck aus dem Rucksack. Wenn ich auf Reisen gehe, packe ich ein, was jeder vernünftige Mensch mitzunehmen pflegt: Schlafanzug, Zahnbürste etc. – und dazu immer noch zwei „unvernünftige“ Dinge: zum einen meine Mala, die tibetische Gebetskette. Denn ich habe mich verpflichtet, täglich mein Vajra-Armor-Mantra zu rezitieren, komme was wolle. Auch gestern Abend habe ich es vor dem Einschlafen im Acht-Bett-Zimmer vor mich hingemurmelt. Und zum zweiten meine Tarot-Karten. Denn jeden Morgen – ebenso komme was wolle – lege ich mir meine Tageskarten. Ich habe schon so manches Mal Schlafanzug oder Zahnbürste vergessen. Mit meiner Mala und meinen Tarot-Karten ist mir das noch nie passiert.

Normalerweise habe ich immer etwas Hemmungen, mir in der Öffentlichkeit die Karten zu legen. Aber das hier ist Berlin! Der Herr am Nebentisch mustert mich trotzdem irritiert, als ich anfange zu mischen. Da muss er durch: wer in Berlin-Kreuzberg nächtigt, wird mit Verstörenderem konfrontiert als einer übermüdeten mittelalten spleenigen Frau, die einfach nur wissen will, was der Tag bringen wird.

Meine Tageskarten lege ich mir immer mit dem „Motherpeace-Tarot“. Das ist ein feministisches Set aus den USA und weit weniger gebräuchlich als das „Raider-Waite“, mit dem ich immer Maria die Karten lege, oder das „Crowley“, das ich im Alltag benutze.

Drei Mal „V“ – „Der Hohepriester“: links „Motherpeace“, in der Mitte „Crowley“, rechts „Raider-Waite“.

Das Besondere an „Motherpeace“ ist, dass es fast nur Karten mit weiblichen Abbildungen gibt. Aber nicht nur die Bildmotive, auch die Deutung der Karten unterscheidet sich von klassischen Decks: im „Motherpeace“ werden traditionelle patriachale Perspektiven zurückgewiesen, der Fokus liegt auf weiblicher Selbstermächtigung und der Betonung des Vertrauens in die weibliche Intuition.

Eine weitere Besonderheit des „Motherpeace“ ist, dass die Karten rund sind – und die jeweilige Bildposition in die Deutung mit einfließt. Ist das Motiv nach rechts gedreht, steht das für eine Verstärkung der Botschaft. Eine Drehung nach links gilt als Hemmung. Steht die Karte auf dem Kopf, wird das – je nach Karte – entweder als Blockade oder als Umkehrung interpretiert.

Deshalb ist das „Lesen“ einer „Motherpeace“-Legung ein bisschen komplizierter: es gibt noch einmal eine Information mehr, die mit berücksichtigt werden muss. Dafür spart man sich in vielen Fällen das „Unterlegen“. Das ist eine Technik, bei der noch einmal gezielt mit einer weiteren Legung gefragt wird, ob diese konkrete Karte positiv oder in ihrem Schattenaspekt gedeutet werden muss.

Beim Motherpeace erschließt sich das aus der Drehung der Karte. Wenn man es mal raus hat, ist die runde Form deshalb sehr praktisch. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Set für meine Tageslegung benutze: Morgens muss es schnell gehen und bei diesen Karten ist die Bedeutung mit einem Blick ersichtlich.

Für die Tageslegung werden die 78 Karten des Tarot in drei Stapel sortiert: in den ersten kommen alle zweiundzwanzig „großen Arkana“, in den zweiten Stapel alle „Personenkarten“ (klassisch: Bube, Ritter, Königin, König) in den dritten alle vierzig Karten der „kleinen Arkana“.

Dann wird jeder Stapel einzeln gemischt und die jeweils oberste Karte umgedreht. Beim Motherpeace muss das mit Bedacht geschehen, auch die Drehung der Karte ist von Bedeutung. Der Winkel sollte also beim Umdrehen nicht verändert werden.

Hier noch einmal meine Tageslegung aus Berlin: links „V“ – „Hohepriester“, in der Mitte „Sohn der Stäbe“, rechts „Vier Kelche“.

Die Karten werden nun wie folgt gedeutet: Links beschreibt die Karte der „Großen Arkana“ welches Thema den Tag dominieren wird. Die Personenkarte in der Mitte zeigt, welcher Persönlichkeitsanteil in mir heute aktiv ist. Die Karte rechts steht für die Energie, mit der mir die Außenwelt – meist ist es eine konkrete Person – begegnet.

Am heutigen Tag stehe ich unter dem Einfluss des „Hohepriesters“. Ich habe Glück, dass er auf dem Kopf steht, denn im Motherpeace ist die „V“ – im Gegensatz zum klassischen Tarot – negativ beschrieben.

Auf der Karte ist ein Mann abgebildet, der sich als Frau verkleidet hat und von den Frauen um ihn herum auf Knien angebetet wird. Der Hohepriester hat die natürliche intuitive Macht der Frauen unter seine Kontrolle gebracht und manipuliert seine Anhängerinnen, indem er ihnen ihre Fähigkeit selbst zu denken, zu fühlen und ihrer Intuition zu vertrauen, abspricht. Er steht für patriachale starre Autorität, die alles Weibliche und Intuitive kontrollieren und ausbeuten will.

Weil die Karte auf dem Kopf steht, ist mein Grundthema des heutigen Tages die Rebellion gegen diese Strukturen. Das mache ich allerdings auf charmante Weise: die Karte in der Mitte zeigt den „Sohn der Stäbe“ – eine der wenigen männlichen Abbildungen des Decks. Er steht aufrecht. Das bedeutet, dass ich heute unterhaltsam und verspielt bin. Und im Außen, so die Karte rechts, bin ich mit einer Person konfrontiert, die sich eine Auszeit vom Alltag nimmt, um in Ruhe über eine Situation nachdenken zu können.

So ist es, stellen Maria und ich fest, als wir uns über die Karten unterhalten. In der Nacht bevor wir nach Berlin fuhren, haben wir beide Seltsames geträumt. Unser beider Träume waren von jener speziellen Qualität, die darauf hinweist, dass es sich nicht um „normale“ nächtliche Verabeitungsprozesse des Gehirns handelt, sondern um Botschaften, in denen wir nicht nur mit unserem eigenen Unbewussten, sondern auch noch mit anderen Personen in Kontakt standen.

Wer regelmäßig Tantra-Meditation praktiziert, kennt diese Erfahrung. Maria praktiziert nicht: sie hat vor einem Monat das erste Mal in ihrem Leben an drei Tantra-Zeremonien teilgenommen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/ Das war es auch schon gewesen. Ich bin deshalb beeindruckt von ihrem Traum: sie scheint es ohne Praxis und ohne Vorerfahrung fertig gebracht zu haben, mit einer anderen Person im Traum in Kontakt zu treten. Respekt!

Allerdings lag diesem Treffen kein Plan zugrunde. Maria war innerlich mit dieser anderen Person beschäftigt gewesen – wohl so sehr, dass sie unbewusst im Traum das Treffen arrangiert hat. Jetzt ist sie konfus – wie konnte das passieren? Außerdem beschäftigt sie die Frage, welche Schlüsse sie aus der seltsamen Traumbegegnung ziehen soll. Von daher passt die Tageskarte für sie als mein „Außen“ heute gut.

Auch ich hatte eine „Traum-Begegnung“. Im Gegensatz zu Maria hatte ich sie mir beim Einschlafen bewusst gewünscht und ich bin erfreut, dass das Treffen zustande gekommen ist. Es verlief sehr harmonisch. Deshalb bin ich seit gestern morgen – trotz Erkältung – ausgesprochen gut gelaunt. Von daher finde ich den „Sohn der Stäbe“ stimmig.

Und auch der auf dem Kopf stehende „Hohepriester“ passt perfekt. Denn das, was in diesem Traum passiert ist, lässt mich wieder einmal an meinem Verstand zweifeln. Dass ich jemand anderen zu einem Traumgespräch einladen kann, ist für Tantra-Praktizierende Standard. Und mein Gast praktiziert auch, von daher war die Schwelle niedrig. Aber dass ich mich mit jemandem ausführlich über komplizierte Dinge austauschen kann, ohne dabei im Traum zu sprechen, bringt mich an meine Grenzen. Kann es sein, dass ich mir das alles ausgedacht habe? Es ist ja wohl nicht möglich, dass ich mich wortlos mit einer anderen Person „unterhalten“ kann, einfach nur durch meine Herzensenergie?

Die Sonne hat den Tisch vor dem Hostel erreicht. Erleichtert verstecke ich meine Augenringe hinter den dunklen Brillengläsern, beobachte die Menschen, die auf dem Gehweg an uns vorbei ziehen, nehme einen Schluck Kaffee und beschließe, meiner Tageskarte und meiner Intuition zu vertrauen: es war keine Einbildung. Ich bin mittlerweile in der Lage, mit Hilfe meiner Herzensenergie zu hören und zu „sprechen“. Das verdanke ich wohl meinem Vajra-Armor-Mantra, dass ich seit mehr als drei Jahren praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/

Im Januar habe ich am Ende des Retreats den Tantra-Test des ersten Levels für das Mantra bestanden. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-feuer/

So etwas geht immer mit Konsequenzen auf der energetischen Ebene einher. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was es diesmal wohl gewesen sein könnte, was sich in mir verändert hat. Die Frage scheint hiermit beantwortet zu sein.

Übermüdet, hustend, heiser – und sehr vergnügt – schultere ich meinen Rucksack und laufe mit Maria in Richtung Hauptbahnhof. Leipzig ruft…

Tarot-Unterricht

Maria möchte lernen, sich selbst die Tarot-Karten zu legen und übt fleißig mit mir…

Wir sitzen in Marias Küche – zum allerersten Mal!

Bis letzte Woche gab es in der kleinen Dachwohnung nur ein Sofa – auf dem sie nachts schläft – und ein wakeliges Sideboard. Beides hat der Vormieter zurückgelassen. Maria ist vor einem Jahr als Flüchtling nach Leipzig gekommen. Mehr als einen Koffer voller Kleidung konnte sie nicht mitnehmen, als sie vor den russischen Bomben aus der Ukraine floh.

Nach ihrem Ausflug zu Ikea kann sie immerhin einen Küchentisch und zwei Stühle ihr Eigen nennen. Sie ist glücklich: die winzige Wohnung fühlt sich auf einmal fast wie ein Zuhause an.

Damit es auch wirklich Stil hat, platziert Maria noch eine brennende Kerze auf dem neuen Küchentisch und faltet sorgfältig die Servietten, bevor sie mir ihre vortrefflichen vegetarischen Buchweizenpfannkuchen serviert.

Dazu habe ich die Wahl zwischen lauwarmem Weißwein – halbtrocken – oder kaltem Radler aus der Dose. Da fällt die Wahl nicht schwer, ich nehme das Radler. Das passt eh besser zu den Pfannkuchen, erklärt mir Maria. Aus gegebenem Anlass kippt sie das Dosenradler in zwei Weingläser. Wir prosten einander zu und essen – während durch das offene Fenster der Duft des Frühlings hereinstreicht – ukrainische Pfannkuchen und unterhalten uns auf Englisch über Gott und die Welt.

Danach drehen wir uns jede noch eine Zigarette und bewundern – rauchend am Fenster stehend – die Aussicht auf den von der Abendsonne beschienenen Hinterhof.

Als wir wieder am Tisch sitzen, dreht Maria den russischen Hipp Hopp leiser. Zum Dessert gibt es Nachos – und dazu Unterricht in Kartenlegen.

Maria war von Anfang an begeistert von den Tarot-Karten. Sie mochte auch meine schrägen Geschichten – da war sie erstaunlich schmerzfrei, obwohl ich schon zu Beginn unserer Freundschaft sehr offen ihr gegenüber war, viel offener, als ich das für gewöhnlich bin – aber die Karten waren attraktiver. Sie sind ja auch nützlich, vor allem in einer so fragilen Lebenssituation wie der ihren. Keiner kann ihr sagen, was in eine Woche, einem Monat oder einem Jahr mit ihr sein wird – außer Tarot.

Links Karten aus dem Crowley-Tarot, rechts jeweils die gleichen aus dem Raider-Waite.

Sie will deshalb nicht nur ständig Tarot gelegt bekommen – sie will selbst lernen, wie es funktioniert. Ich habe ihr zu Unterrichtszwecken ein Set des „Raider-Waite-Smith-Tarot“ gekauft und lege ihr damit auch immer die Karten. Ich selbst bevorzuge das „Crowley-Thoth-Tarot“, aber das ist schwerer zu deuten, als das „Raider-Waite“, dessen Bildsprache auch für Laien einfach zu entschlüsseln ist. Während die Künstlerin Frieda Harris für die einzelnen Karten im „Crowley-Deck“ lediglich Symbole wählte, nutzte etwa zeitgleich Pamela Smith für das „Raider-Waite“ konkrete Darstellungen mit Figuren, die die Bedeutung der einzelnen Karten beschreiben. Dadurch sind die Motive auch Menschen zugänglich, die von Tarot keine Ahnung haben.

Es gibt hunderte verschiedener Tarot-Decks, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren: jedes Set besteht aus 78 Karten.Von diesen sind 22 Karten „große Arkana“ oder „Trümpfe“, die bei der Deutung stärker gewichtet werden, als die „kleinen Arkana“. Diese entsprechen unseren gängigen Spielkarten. Statt der gängigen vier „Farben“ wie im Skat gibt es vier Symbolklassen, die jeweils den Elementen zugeordnet sind: Schwerter stehen für „Luft“ und damit für die geistige Ebene und beschreiben Denkvorgänge (im Bild ganz oben). Stäbe stehen für „Feuer“ und beschreiben vitale Prozesse auf der Ebene der Lebensenergie (Bild, zweite Reihe). Kelche stehen für „Wasser“ und beziehen sich auf die emotionale Ebene des Erlebens (Bild, dritte Reihe). Münzen stehen für „Erde“ und beschreiben die materielle und körperliche Ebene der Erfahrung (unterste Reihe).

Oben die Legung mit fünf, unten mit sieben Karten. Einen guten Überblick über Legesysteme bietet Banzhaf, Hajo: „Gut beraten mit Tarot.“ für das Raider-Waite.

Maria mischt und legt unter meinem wachsamen Blick aus. Sie beherrscht inzwischen zwei verschiedene Legungen: eine Variante mit fünf, und eine mit sieben Karten.

Grundsätzlich gilt: je mehr Karten, desto differenzierter wird die Legung – und desto anspruchsvoller die Interpretation. Maria entscheidet sich für die „Siebener-Legung“. Die hat gegenüber der Variante mit den fünf Karten den Vorteil, dass es im System eine Karte für das „Außen“ gibt, sowie eine weitere, die eine konkrete Handlungsanweisung erteilt. Deshalb ist die Fragestellung, mit der zur Siebener-Legung gemischt wird immer: „Was ist in Bezug auf X zu tun?“, während zur Fünfer-Legung gefragt wird „Wie steht es um X?“

Nachdem Maria die obersten sieben Karten des Stapels fächerförmig mit der Bildseite nach unten ausgelegt hat, dreht sie – von links nach rechts – eine nach der anderen um und benennt dabei die einzelnen Positionen. „Daher kommt es,“ für die erste. „So ist es aktuell,“ für die zweite. „Das wird kommen,“ für die dritte. Die wichtigste Karte dieses Legesystems ist die vierte. Maria dreht sie konzentriert um und murmelt dazu „This is what I have to do.“

Die fünfte Karte zeigt das „Außen“ in Bezug auf die Fragestellung an. Fragt man nach einer bestimmten Person, ist sie es, die auf dieser Position beschrieben wird. Fragt man nach Situationen oder Institutionen, beschreibt diese Karte die Stimmung im Außen.

Interessant ist die Differenz zwischen den Karten sechs und sieben: während die sechste Karte des Systems anzeigt, wie der Fragende selbst die Situation einschätzt, zeigt die siebte Karte, wie sie – nach Ansicht von Tarot – wirklich ist. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen den beiden Karten lässt sich viel herauslesen.

Maria lässt ihren Blick kritisch über die Karten wandern. Dann fällt ihr ein, dass noch etwas fehlt: Die Quintessenz! Das ist die Quersumme des Gesamtwerts aller in der Legung befindlichen Karten. Die sind – bis auf die Personenkarten (Bube, Ritter, Königin und König) – durchnummeriert. Maria zählt zusammen – im Raider-Waite sind alle Kartenwerte, auch die auf den kleinen Arkana, in römischen Ziffern abgebildet – und nennt die Zahl. Sie ist höher als zweiundzwanzig, deshalb muss sie noch einmal die Quersumme bilden. Sie rechnet und kommt auf die Quintessenz „VIIII“ – „Der Eremit“. Die Kernbotschaft dieser Karte der großen Arkana (es gibt zweiundzwanzig davon im Deck, deshalb darf die Quersumme nicht höher sein) gibt jetzt die Interpretation der Kartenlegung vor. Die Quersumme als Leitprinzip für die Deutung einer Legung zu nutzen ist kein „muss“ – viele machen es nicht – aber ich finde, sie hat sich bewährt.

Die Kernbotschaft der Legung ist also: Rückzug; den Fokus auf die eigenen inneren Prozesse richten und erst einmal abwarten.

Dann ist Maria aufgefordert, die Legung zu interpretieren. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Karten in Bezug auf deren aktuelle Position verstehen muss. Damit die Legung aussagekräftig wird, ist es notwendig, aus dem Zusammenspiel der einzelnen Karten eine schlüssige Geschichte zu generieren. Erst dann werden die Karten wirklich „gelesen“. Alles andere ist funktioneller Analphabetismus. Um an diesen Punkt zu kommen, braucht es jahrelange Übung – und sehr viel Geduld.

So weit ist Maria deshalb noch lange nicht. Wir gehen der Reihe nach die Karten durch. Sie kennt inzwischen immerhin schon ihre einzelnen Bedeutungen. Bei den kleinen Arkana – den jeweils zehn Karten der vier Farben, die unseren Spielkarten entsprechen – ist das relativ einfach, die Bildsprache von Pamela Smith ist pointiert. Liegt da eine Personenkarte (Bube, Ritter, Königin, König) wird es schon schwieriger. Und die großen Arkana (die zweiundzwanzig „Trümpfe“) sind so vielschichtig, dass eine sinnvolle Interpretation in Bezug auf die Fragestellung des Öfteren eine Kunst ist.

Immerhin, sie bringt schon eine – etwas holprige – „Geschichte“ zustande. Das ist eine ziemliche Leistung nach gerade mal ein paar Monaten Kartenlegen. Maria ist nicht die erste, der ich versuche, das Kartenlegen beizubringen. Meine Erfolgsbilanz ist mager: bisher hat es nur ein einziges Mal geklappt. Es ist aber auch kompliziert. Man braucht nicht nur Geduld und Interesse, es ist ein spezieller Blick notwendig, die Bildsprache muss intuitiv verstanden werden. Und es ist Offenheit und Kreativität gefragt: auch wenn die Bedeutung der Karten prinzipiell festgelegt ist, sind sie immer vielschichtig. Je nach Person und Fragestellung kann die Karte in der einen Legung das eine, in einer anderen Legung aber etwas anderes bedeuten. Deshalb bevorzuge ich das Crowley-Tarot gegenüber Raider-Waite. Anfang ist das Raider-Waite leichter zu deuten, aber ab einem bestimmten Punkt wird die pointierte Bildsprache zum Hemmschuh, weil sie die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten einengt.

Dazu muss immer noch das „Abwesende“ mit eingerechnet werden. Es braucht sehr viel Erfahrung bis man lernt, darauf zu achten, was eigentlich in Bezug auf die Fragestellung dort liegen müsste – aber fehlt. Erst daraus lässt sich eine Legung wirklich auf die aktuelle Situation einer bestimmten Person hin stimmig interpretieren. Ein einfaches Beispiel: wenn jemand genaueres zu einer Liebesbeziehung wissen möchte und in der ganzen Legung findet sich keine einzige Karte mit Kelchen – die für Emotionen stehen – dann sagt das etwas über die Qualität der Beziehung, unabhängig von den anderen Karten, die da liegen.

Maria und ich arbeiten uns Karte für Karte durch ihrer Legung. Gemeinsam entwickeln wir eine „Geschichte“, die ihr etwas sagt. Hinterher ist sie erleichtert: sie kann das Problem, mit dem sie sich gerade herumschlägt, besser einordnen und verstehen und hat eine klare – und für sie umsetzbare – Handlungsanweisung erhalten, die ihr das Gefühl gibt, die Situation beherrschen zu können.

Darauf noch eine Runde Dosenradler…

Der Meister

Ich folge einer schrägen Eingebung, werde gechannelt und nehme Abschied von meinem erleuchteten Tarot-Meister.

Ich sitze, das Gesicht zur Wand, unter der Dachschräge. Der Regen klopft gleichmäßig gegen die schmalen Giebelfenster. Es ist später November, draußen ist es bereits dunkel. Die Luft ist stickig, wir sind mehr als Zwanzig in dem engen Raum. Jeden Donnerstagabend trifft sich hier eine Meditationsgruppe um, Schulter an Schulter, gemeinsam Zen zu praktizieren.

Ich habe vor einigen Monaten damit begonnen und alleine zuhause die Konzentration zu halten, fällt mir schwer. Der Zen-Lehrer hat während des Einführungskurses die wöchentliche Praxis in einer Gruppe empfohlen. „Für Ungeübte“, hat er uns erklärt, „ist es viel leichter im Chor den Ton zu halten, als Solo.“ Damit her er recht, habe ich festgestellt. Deshalb komme ich regelmäßig hierher, mein Zafu – das Meditationskissen – unter dem Arm, um meine drei Runden Sitzmeditation und zwei Runden Gehmeditation zu absolvieren. Die Zen-Praxis findet im Schweigen statt: ich kenne zwar alle vom Sehen, habe mich aber noch nie mit jemandem aus der Gruppe unterhalten.

Ich sitze und lausche in die Stille hinein, während ich meinen Atem, meinen Körper und die anderen der Gruppe um mich spüre.

Auf einmal erklingt in mir eine Stimme. „Du musst dem Ziegler schreiben!“, sagt sie sehr bestimmt. Das reißt mich aus meiner Konzentration. Ich schüttle verwirrt den Kopf, schiebe den störenden Gedanken beiseite, und versuche wieder, einfach nur präsent zu sein und an nichts zu denken. Vergebens. Nach ein paar Minuten erklingt wieder die lästige Stimme: „Du musst dem Ziegler schreiben!“

Automatisch kommt mir die „VII“ aus den großen Arkana des Tarot in den Sinn – „Der Wagen“. Und dazu der Merksatz eben jenes Zieglers, dem ich, so meine penetrante innere Stimme, unbedingt schreiben soll: „Eingebungen, die in der Meditation aufscheinen, verdienen Aufmerksamkeit und sollten beachtet werden.“

Aha.

Dass ich gerade in Meditationshaltung auf diesem Kissen sitze, verdanke ich in gewisser Weise auch Ziegler. Und einem weiteren seiner Merksätze zu „VII“ – „Der Wagen“: „Regelmäßige Meditation ist ab einem bestimmten Punkt unserer persönlichen Entwicklung kein ‚Luxus‘, sondern eine Notwendigkeit.“

Während der Morgenmeditation am nächsten Tag hängt mir die Botschaft meiner Inneren Stimme von gestern Abend nach. Warum, bitte, soll ich dem Ziegler schreiben?

Obwohl seine beiden Bücher zu Tarot so etwas wie meine persönliche Bibel sind, habe ich mir nie groß Gedanken um den Autoren gemacht. In beiden Büchern ist auf der letzten Seite ein vages Schwarz-Weiß-Photo von ihm abgebildet. Ich habe deshalb eine ungefähre Idee, wie er aussehen könnte – oder besser, vor Jahren einmal ausgesehen hat – aber das war es auch schon. Ich habe ihn nie gegoogelt und kann mich nicht erinnern, dass mich jemals die Frage beschäftigt hätte, wie der Mann wohl ist, der mir das Kartenlegen beigebracht hat.

Egal, beschließe ich, als ich, die Kaffeetasse neben dem Laptop, an meinem Schreibtisch Platz nehme. Eine Eingebung ist eine Eingebung, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich hole Briefpapier und Füllfederhalter heraus – es wird ein privater Brief, so viel ist klar, den tippe ich nicht am Computer. Nur: was soll ich ihm schreiben, diesem ominösen Gerd B. Ziegler?

Ich starre gedankenversunken durch das Fenster in den grauen nassen Garten hinaus. Bilder steigen in mir auf: ich sehe mich neben der Freundin durch eine dunkle Regennacht laufen. Der Asphalt glänzt nass, Laub raschelt unter unseren Füßen. Wir sind auf dem Weg zu einer Bekannten meiner Freundin, die mir die Karten legen wird. Es war die Nacht, in der ich das erste Mal Tarot begegnete. Am nächsten Tag kaufte ich mein erstes Kartenset mit dem Begleitbuch von Ziegler. Es muss Ende November gewesen sein, ungefähr zur gleichen Zeit im Jahr wie jetzt. Wie lange ist das jetzt eigentlich her? Zwanzig Jahre! Seit genau zwanzig Jahren lege ich nach den Anweisungen von Gerd B. Ziegler Tarot-Karten!

Das, denke ich mir, ist wahrhaftig ein Grund für einen Brief. Einen Dankesbrief! Jetzt fällt mir das Schreiben leicht: dass seine klugen Bücher mich seit zwei Jahrzehnten begleiten würden, wie dankbar ich ihm wäre für seinen weisen Rat und dass mein Leben ohne ihn anders – und sicher schlechter – verlaufen wäre, bringe ich zu Papier. Es dauert höchstens zwanzig Minuten, dann bin ich fertig.

Ich schreibe die Verlagsadresse auf den Umschlag, klebe noch eine Briefmarke oben drauf und werfe den Brief am späten Nachmittag auf dem Weg zum Einkaufen in den gelben Postkasten. Als sich die Klappe mit lautem Klappern hinter dem Umschlag schließt, habe ich ihn bereits vergessen. Mission accomplished.

Deshalb trifft mich völlig unvorbereitet, was zwei Wochen später geschieht. Es ist ein Sonntag. Draußen ist es nass, kalt und grau und ich beschließe, einen Cheat-Day einzulegen. Unfrisiert und im Schlafanzug liege ich um zwei Uhr Nachmittags im Bett, lese „Harry Potter“ und esse Schokolade.

Auf einmal trifft mich etwas mit einer solchen Wucht, dass ich beinahe aus dem Bett geschleudert werde. Erschrocken und verwirrt schaue ich mich um und „sehe“ über meinem Kopf einen Mann, der, am Schreibisch sitzend, einen Brief in der Hand hält, über dessen Rand hinweg er mich durchdringend mustert. Es ist, als hätte sich plötzlich ein Fenster in der Wand aufgetan.

Ich schnappe nach Luft: das ist mein Brief und der Mann ist ganz offensichtlich der Autor meiner Tarot-Bücher! Es sind nur wenige Sekunden, dann verschwindet die seltsame Erscheinung wieder. Abgesehen davon, dass ich mich wieder einmal frage, ob es sein kann, dass ich verrückt bin, hat sie mir gründlich den Tag versaut. Ich lege keinen Wert darauf, von irgendjemandem in Augenschein genommen zu werden, während ich im Schlafanzug, Schokolade essend und Harry Potter lesend im Bett liege! Da kann die Form der Kontaktaufnahme noch so außergewöhnlich sein, ich will das nicht! Der Brief war ein Dank gewesen, keine Einladung für Übergriffe!

Nach ein paar Stunden habe ich die seltsame Erscheinung verdaut und vergesse die Sache wieder. In zwei Wochen ist Weihnachten. Ich habe anderes zu tun, als mir über okkulte Seltsamkeiten den Kopf zu zerbrechen.

Drei Tage später ziehe ich mit der Tageszeitung einen goldenen Umschlag aus dem Briefkasten. Ich bin erstaunt: ein früher Weihnachtsgruß? In der Küche stelle ich fest, dass mir doch tatsächlich Gerd B. Ziegler geschrieben hat! Unter seiner Privatadresse!

Wie sehr er sich doch über meine Dankesworte gefreut hätte, schreibt er mir – mit der Hand – und dass er mich enlädt, als sein Gast an einem seiner nächsten Tarot-Kurse in der Schweiz teilzunehmen. Der nächste finde im Februar statt, ein weiterer im Juni. Seine Assistentin wisse Bescheid, nachstehend ihre Nummer, ich solle mich bei ihr melden, um alles weitere zu besprechen.

Ich muss mich setzen. War das die Intention meiner Inneren Stimme, als sie mir auftrug, den Brief zu schreiben?

Ich zermartere mir den Kopf, ob ich die Einladung annehmen soll, oder nicht. Als ich am Donnerstagabend wieder meine Meditationsgruppe besuche, bin ich immer noch nicht zu einer Entscheidung gekommen.

Während ich still auf meinem Zafu sitze und versuche, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren und sonst nichts, habe ich auf einmal ein Lied im Ohr. Von den Beatles! „You say hello and I say goodbye! Hello, Hello – I don´t know why you say hello, I say goodbye…

Ein Ohrwurm! Ich kriege den Song nicht weg, so sehr ich mich auch bemühe, wieder in die Konzentration zu kommen. Als ich nach der Meditation in der Dunkelheit zum Auto laufe, singe ich das Lied gedankenversunken vor mich hin. Auf einmal reißt es mich: Moment! Der Text, der in meinem Inneren aufgetaucht ist, ist falsch. Eigentlich geht es genau anders herum! Im Lied heißt es: „You say goodbye, I say hello. I don´t know why you say goodbye, I say hello.

Jetzt verstehe ich, was ich tun muss.

Am nächsten Morgen schreibe ich einen weiteren Brief an Gerd B. Ziegler: dass ich mich für seine großzügige Einladung bedanken möchte, aber erst jetzt verstanden habe, warum ich ihm meinen Dankesbrief schrieb: weil ich mich von ihm in aller Form verabschieden wollte. Was ich hiermit tue.

Ich werfe den Brief ein und höre nie wieder etwas von Gerd B. Ziegler. Aber drei Monate, nachdem ich ihm den Abschiedsbrief geschrieben habe, treffe ich auf meinen ersten Zen-Lehrer.

Erst nachdem ich offiziell zum ersten Mal Schülerin eines Lehrers geworden bin, verstehe ich, dass Gerd B. Ziegler nicht nur mein kluger Tarot-Meister, sondern auch mein erster Meditationslehrer war. Und dass es notwendig war, Unabgeschlossenes zu beenden, damit ich offen war für das Neue, das in mein Leben treten würde. Genau, wie er es in der „VII“ – „Der Wagen“ empfohlen hat.

Das „B“ in „Gerd B. Ziegler“ steht im übrigen für „Bodhi“ – der Erleuchtete. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber es könnte was dran sein.

„Der Papa“

Ich lerne eine weitere professionelle Kartenlegerin kennen, mache Bekanntschaft mit einem Familiengespenst und gewinne neue Einsichten in die Interpretation von Tarot.

Einige Zeit, nachdem die niederbayerische Kartenlegerin in mein Leben getreten ist, lerne ich eine zweite kennen. Diesmal in Oberbayern: die Neue lebt direkt an der Grenze zu Österreich in den Bergen.

Die Kartenlegerin ist bezaubernd, stelle ich bei meinem ersten Besuch fest. Sie ist umwerfend schön, mit großen braunen Augen, dunklen dicken Locken und von großer Herzlichkeit. Ich bekomme erst einmal einen Kaffee angeboten, wir trinken ihn zu dritt. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter – ihrem älteren Ebenbild – in einer kleinen Wohnung.

Das Geplauder, dass sich während des gemeinsamen Kaffeetrinkens entfaltet, ist angenehm – und gleichzeitig völlig verwirrend. Ständig nehmen beide Frauen Bezug auf „den Papa“ – als ob er mit uns am Tisch säße. Obwohl wir definitv nur zu dritt sind. Eine bizarre Situation. Wo bin ich hier nur hingeraten?

Ich versuche, mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen und erfahre nach und nach, dass „der Papa“, bei dem es sich um den Vater der Kartenlegerin handelt, bereits vor fünfzehn Jahren verstorben ist.

Nichtsdestotrotz ist er weiterhin ein fester Bestandteil des Haushaltes, denn Mutter wie Tochter stehen in ständigem Kontakt mit ihm. Bei allen familiären Problemen wird „der Papa“ um Rat gefragt. Und was er sagt, gilt! Er ist schließlich das Familienoberhaupt!

Begeistert erzählen mir beide, wie resolut „der Papa“ aufdringliche Verehrer der Kartenlegerin abwehrt. Der rennen die Männer die Bude ein – was mich nicht wundert, so schön und herzlich wie sie ist – und sie weiß sich nicht zu helfen, wie sie die Bewerber um ihre Gunst wieder los wird. Gutmütigkeit kann eine Bürde sein, zumal, wenn sie mit Schönheit einher geht.

Glücklicherweise hat sie ihren „Papa“, der – ausweislich der Erzählungen meiner Gastgeberinnen – dieses Problem effektiv zu lösen weiß.

Beim Zuhören dreht sich alles um mich, weil genauso selbstverständlich von der erfolgreichen Abwehr eines aufdringlichen Verehrers erzählt wird, der die Kartenlegerin mit Anfang zwanzig bedrängte – als der Vater noch lebte – wie von einem, der vor ein paar Monaten zur Belastung wurde. Die Kartenlegerin ist Mitte vierzig und geschieden. So wie Mutter und Tochter über „den Papa“ sprechen, scheint sein Tod kein großer Einschnitt im Leben der beiden gewesen zu sein.

„Und dann hod der Papa des gmacht, wos er scho immer gmacht hod,“ schildert die Mutter entzückt die Konfrontation des Vaters mit dem letzten Verehrer, „und hod ihm die Meinung gsogt.“

„Und wie, bitte, als Geist?“

Die beiden sind erstaunt, dass ich nachfrage. Sie kichern wie die Schulmädchen, als sie mich in das übliche Procedere einweihen: aufdringliche Verehrer, erfahre ich, werden zum Abendessen eingeladen – worüber sie nachvollziehbarer Weise erfreut sind – und danach wird ihnen „der Papa“ vorgestellt. Im Zuge einer Seance. Meine Kartenlegerin bittet „den Papa“ nach dem Dessert feierlich um einen Besuch. Das wäre bloß Show, erklären mir die beiden, er wäre ja immer da, aber so wirkt es besser. Damit sich der Gast und „der Papa“ unterhalten können, wird außerdem das klassische Equipement aufgefahren: ein Glas und die Buchstaben des Alpabets auf Zetteln aufgemalt, die kreisförmig auf der Tischplatte ausgelegt werden.

Sie könnten sich – im Gegensatz zu Außendstehenden – auch ohne Hilfsmittel mit „dem Papa“ unterhalten, erklärt mir die Kartenlegerin. Obwohl, erinnert die Mutter die Tochter, ab und zu käme jemand vorbei, der es ebenfalls direkt hinkriege.

Ich gehöre zu denen, die das nicht können – worüber ich erleichtert bin.

Wenn also, fährt die Mutter fort, „der Papa“ offiziell eingeladen wurde und seine Anwesenheit durch das autonome Rücken des Glases von Buchstabe zu Buchstabe unter Beweis gestellt hat, wird der Gast aufgefordert, sich mit „dem Papa“ zu unterhalten. Was „der Papa“ regelmäßig nutzt, um den Verehrer in seine Schranken zu weisen.

Die Mutter prustet los, als sie mir erzählt, was „der Papa“ zum letzten Kandidaten gesagt hat: „Du bist ein Arschloch.“

„Des war ned nett vom Papa“, seufzt die Kartenlegerin. „Aber er hat recht ghabt. Der war ja so was von furchtbar! Und wir hätten uns nie getraut, ihm des zu sagen.“ Nach der Seance wurde der Verehrer nie wieder gesehen, versichern mir beide hoch zufrieden.

Damit ist die Kaffeerunde beendet und ich werde ins Büro der Kartenlegerin geführt. Ich bin etwas desorientiert nach der schrägen Papa-Geschichte, aber gespannt, wie sie wohl Karten legt. Ich war erst vor ein paar Wochen bei meiner niederbayerischen Kartenlegerin, es müsste in etwa das Gleiche herauskommen.

Das tut es – und ich lerne, wie wichtig die Persönlichkeit der Kartenlegerin bei der Interpretation ist. Die Kartenlegerin aus Niederbayern hatte mir erklärt, es läge einer in meinem Umfeld, der wäre nett, aber komisch. Irgendwas wäre mit dem nicht in Ordnung. Mehr hat sie nicht dazu gesagt.

Bei der oberbayerischen Kartenlegerin wird daraus ein ganzer Roman: da wäre einer in meinem Umfeld, den hätte ein schlimmer Schicksalsschlag gezeichnet. Der hätte seine Frau verloren, bei einem Unfall, und darüber wäre er nie hinweg gekommen.

Und so geht es weiter, Punkt für Punkt. Es gibt keine Abweichung bei den Fakten, aber sehr wohl in der Interpretation: wo sich meine nüchterne niederbayerische Kartenlegerin auf das beschränkt, was sie sicher weiß, liefert die oberbayerische einen kompletten Roman dazu. Entsprechend lang dauert die Legung: was die erste in einer Stunde schafft, dafür braucht die zweite das doppelte.

Als wir fertig sind, bin ich völlig erschlagen. Ich zahle ebenfalls fünfunddreißig Mark – viel zu wenig für zwei Stunden – verabschiede mich von der herzlichen Kartenlegerin, von ihrer Mutter und ausdrücklich auch „vom Papa“ und wanke zum Auto.

In der darauf folgenden Zeit gehe ich regelmäßig auch zur oberbayerischen Kartenlegerin. Nicht wegen des Kartenlegens: die meisten ihrer Ausschmückungen – stellt sich heraus – treffen nicht zu. Sondern weil ich Mutter wie Tochter sehr mag und die Atmosphäre bezaubernd finde.

Ach ja: ein paar Jahre später – nach dem Tod ihrer Mutter – hat die schöne oberbayerische Kartenlegerin wieder geheiratet. Einen promovierten Physiker aus Grünwald, der sie auf Händen trägt. Was sie verdient hat.

Ob jetzt neben „dem Papa“ auch „die Mama“ bei ihr lebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich gehe davon aus, dass das so ist. Keine Ahnung, was der Physiker dazu sagt…

Die Kartenlegerin

Ich treffe auf eine professionelle Kartenlegerin und bekomme eine neue Sichtweise auf Tarot.

Irgendwo an den Ausläufern des bayerischen Waldes – mitten im tiefen Niederbayern – liegt ein kleines Dorf. Es ist so winzig, dass es dort nicht einmal ein Wirtshaus gibt. Eigentlich ein Unding in dieser Gegend. Der Ort ist nicht mehr als ein Weiler: eine kleine Kirche, ein Feuerwehrhaus, ein paar Bauernhöfe, dazwischen einige Einfamilienhäuser. In einem davon lebt und arbeitet die Kartenlegerin.

Eine Freundin, die ich in München kennengelernt habe, hat mich hierher geschleppt. Sie stammt aus dieser Ecke und verdankt ihrer Mutter den Kontakt zur Kartenlegerin. Die hatte in der „Landwirtschaftszeitung“ inseriert und die Mutter ging, um zu schauen, ob sie etwas taugt. Bald geht das halbe Heimatdorf der Freundin dort ein und aus, denn die Kartenlegerin versteht ihr Handwerk. Und weil ich auch Karten lege, findet die Freundin, wäre es an der Zeit, dass ich mir ansehe, wie ein Profi arbeitet.

Sie packt mich ins Auto, wir fahren quer durch Oberbayern, die Oberpfalz und halb Niederbayern, bevor wir vor dem schlichten Einfamilienhaus aussteigen. Ich bin nervös, als meine Freundin die Klingel drückt. Mir die Karten als Mittel der Selbstreflexion zu legen ist etwas völlig anderes, als das, was mich hier erwarten wird, so viel weiß ich aus den farbigen Schilderungen meiner Freundin.

Die Tür öffnet sich. Eine zierliche Frau Anfang vierzig empfängt uns. Sie trägt ihr blondes Haar in einer kurzen Sturmfrisur, dazu ein Piercing im Nasenflügel. Ich bin verblüfft: eine niederbayerische Kartenlegerin habe ich mir anders vorgestellt. Großzügig gewährt meine Freundin mir den Vortritt. Die Kartenlegerin führt mich in einen kleinen Raum: ein Tisch, zwei Stühle, an der Wand eine Vitrine.

„So“, sagt sie, während sie mir einen Pack Karten über den Tisch zuschiebt, „dann fang ma o.“ Zumindest ihr Dialekt ist, wie es sich gehört. Tiefstes Niederbayerisch. Sie legt mit Schafkopfkarten, hat mir meine Freundin auf der Herfahrt erklärt. Das hätte sie von ihrer Oma gelernt, und die wäre bei der Mutter in die Lehre gegangen. Das Wissen um das Kartenlegen würde in der Familie seit vielen Generationen weitergegeben. Mit wem und wie es begann, ist in Vergessenheit geraten.

Ich mische mit schweißnassen Händen, hebe ab und schiebe die Karten wieder zurück. Die Kartenlegerin nutzt nicht nur ein paar Karten, so wie ich es kenne, sie breitet das ganze Blatt in mehreren Reihen auf dem Tisch aus.

„Dann schau ma moi“, murmelt sie, während sie den Blick über die Legung gleiten lässt. Was dann kommt, stellt mein Weltbild auf den Kopf. Detailiert und ohne viel nachzufragen, breitet sie meine gesamte Lebenssituation vor mir aus. Mit so derben wie treffenden Charakterbeschreibungen der Mitglieder meiner Herkunftsfamilie und meines Umfeldes, sowie einer messerscharfen Analyse meiner Lebenssituation.

Ich bekomme noch ein paar so kluge wie praktische Ratschläge für die nächste Zeit mit auf den Weg, dazu die Information, in einem Jahr könne ich wieder kommen, wenn ich das wolle, dann wäre es an der Zeit für die nächste Legung. Damit bin ich – nachdem ich ihr fünfunddreißig Mark in die Hand gedrückt habe – wieder entlassen.

Nachdem meine Freundin für ihre Legung ins Büro verschwunden ist, sitze ich wie betäubt im Flur auf einem der Stühle, die dort für die Kunden bereitstehen. In der Ecke plärrt das Radio. Es dient nicht der Unterhaltung der Wartenden, sondern fungiert als Geräuschkulisse, damit niemand hören kann, was hinter der dünnen Holzür besprochen wird.

Eine Stunde später tritt meine Freundin wieder in den Flur – mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Was sie zu hören bekommen hat, scheint positiv gewesen zu sein. Die Kartenlegerin bringt uns zur Tür. Während sie uns verabschiedet, parkt schon die nächste Kundin in der Auffahrt. Die Kartenlegerin ist über Wochen ausgebucht, obwohl sie Vollzeit arbeitet. Die Leute kommen von weit her, um ihren Rat einzuholen.

Auf der Rückfahrt nach München diskutieren wir unsere Sitzungen. Ich stelle fest, dass ich mich an vieles, was mir gesagt wurde, nicht mehr richtig erinnern kann. Der Schock war zu groß. Es wird Monate dauern, bis ich mich damit abfinden kann, dass eine fremde Frau mein komplettes Leben aus einem Pack Schafkopfkarten herauslesen konnte. Inklusiver Zukunftsprognose. In den nächsten Monaten wird alles, was sie mir prognostiziert hat, wirklich eintreten. Obwohl etwas dabei war, was eigentlich nicht möglich schien. Und ich werde tun, was sie mir geraten hat. Was sich als klug erweist.

Ein Jahr später sitze ich wieder bei der Kartenlegerin. Und von da an jedes Jahr. Ich transformiere mit der Zeit von der Kundin zur Freundin – und zur Kollegin. Als sie irgendwann in Rente geht, fragt sie mich, ob sie ihre Kunden zu mir schicken soll. Ich winke ab. So gut wie sie bin ich nie geworden – und werde es auch nie werden. Und mit Schafkopfkarten kann ich auch nicht legen. Ich bleibe beim Tarot. Aber ich habe viel von ihr gelernt – und ihr viel zu verdanken.

Ohne die kluge Kartenlegerin von den Hängen des Bayerischen Waldes wäre mein Leben anders verlaufen.

Tarot

Tarot ist – neben buddhistischer Meditation – die zweite Obsession in meinem Leben…

Ich lege Karten. Ständig und immer. Morgens nach dem Aufstehen. Abends vor dem Schlafengehen. Sobald mich innerlich eine Problem umtreibt, trete ich automatisch in einen Dialog mit Tarot. Es ist meine persönliche Form des Reflektierens.

Ich lege in etwa so ausführlich und intensiv Karten, wie ich meditiere. Es ist meine zweite Obsession.

Die mich – im Gegensatz zur Meditation – Zeit meines Erwachsenenlebens begleitet. Ich war achtzehn, als ich das erste Mal im Leben die Karten gelegt bekam. Von der Freundin einer Schulkameradin. Eine zufällige Begegnung, die tiefe Spuren hinterließ. Am nächsten Tag besorgte ich mir mein erstes eigenes Kartenset.

Was mich von Anfang an faszinierte, war weniger der prognostische Aspekt des Tarot, sondern die verblüffende Erfahrung, auf einmal ein klug reflektierendes Gegenüber zu haben. Das Buch, das meinem ersten Karten-Set beilag, trägt nicht umsonst den Titel: „Tarot. Spiegel der Seele.“ Geschrieben wurde es von Gerd B. Ziegler.

Es ist ein außergewöhnlich kluges Buch, ich hatte großes Glück damit. Es rekuriert auf C. G. Jung, Taoismus und Buddhismus, aber das habe ich erst im Lauf der Jahre wirklich verstanden. Später kaufte ich mir noch andere Bücher zu Tarot, aber keines hat je die gleiche Bedeutung für mich und mein Leben erlangt, wie dieses.

Mein Einstieg ins Kartenlegen war steinig. Es gab niemanden, der mir etwas zeigen oder erklären hätte können. Meine allererste Kartenlegerin habe ich nach diesem einen gemeinsam verbrachten Abend nie wieder gesehen. Ich hatte nur Gerd B. Ziegler und 78 bunte Spielkarten.

Ich brauchte Jahre, bis ich im Ansatz in der Lage war, eine komplette Legung schlüssig zu deuten. Aber darum ging es nicht.

Viel wichtiger war, dass ich durch den regelmäßigen Dialog mit den Karten lernte, was ich fühlte. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es Kultur und Bildung, aber wenig emotionale Intelligenz gibt. Innere Prozesse – wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden – gelten als nicht entschlüsselbar. Meine ganze Sippe lebt seit Generationen nach diesem Motto. Aus irgendeinem Grund war ich anders als der Rest. Ständig versuchte ich mich zu dechiffrieren, hatte aber keine Ahnung, wie es anzustellen war.

Und auf einmal hatte ich etwas in die Hände bekommen, dass mir im Außen eine „Übersetzung“ dessen lieferte, was in meinem Inneren vorging! Erst war ich schockiert. Später wurde es zu meiner persönlichen „Kopernikanische Wende“.

Ich wurde erwachsen im inneren Dialog mit den bunten Bildern des Tarot. Bei jeder Problemstellung, vor jeder Lebensentscheidung, legte ich mir die Karten und las – wieder und wieder – die klugen Anmerkungen des ominösen Gerd B. Ziegler.

Nach einiger Zeit konnte ich jeden der Texte zu den einzelnen Karten auswendig.

Über Jahre vollzog sich unmerklich eine Art „alchimistischer Prozess“ in mir: Meine Gefühlsregungen begannen mit den Bildern und Botschaften der Karten zu verschmelzen. Es war ein unbewusster Vorgang, der mir erst im Nachhinein zugänglich wurde. Dabei half eine spezielle Eigenschaft von Tarot: bestimmte Lebensthemen sind an bestimmte Karten gebunden. Egal wie oft zu einem spezifischen Thema gelegt wird: wieder und wieder ist man mit den selben Karten konfrontiert.

Die Karten wirkten deshalb wie eine Art „spirituelle Konditionierung“. Irgendwann löste allein der Anblick einer bestimmten Karte spezifische Emotionen in mir aus – und bestimmte Gefühlslagen riefen automatisch konkrete Kartenbilder ins Gedächtnis.

Immer begleitet von den klugen Ausführungen Gerd B. Zieglers, der mir ins Ohr flüsterte, was zu tun war, damit die Situation angemessen gemeistert werden konnte.

Der „Tod“, die „XIII“, muss betrauert werden, damit das Alte gehen und Platz für etwas Neues machen kann. Der „Wagen“, die „VII“, fordert zur Innenschau und Konzentration auf: etwas Neues wird ins Leben treten, auf das es sich vorzubereiten gilt. Der „Eremit“, die „VIIII“ lädt zu Rückzug ein, damit ein autonomer Standpunkt gefunden werden kann, während der „Mond“, die „XVIII“, vor dem Abgleiten in Illusionen auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt warnt. Oft unterscheidet sich die Bedeutung der Karten nur in Nuancen, was das Verständnis und die Interpretation schwierig macht. Ist diese Nuancierung erst einmal verstanden, differenziert sich das Erleben aus und erschließt ein weites Spektrum von Handlungsoptionen.

Meine Tarot-Karten haben mein Leben reicher gemacht, mein Gefühlsleben intensiver, meine Reflektionsfähigkeit nuancierter.

Und sie sind ein echter Gewinn für mein Umfeld – auch wenn sie nicht immer richtig liegen, muss ich dazu sagen. Sie haben prognostische Qualität, aber man sollte diesen Aspekt nicht überbewerten. Viel wichtiger ist, dass sie helfen, in einer neuen und frischen Weise über alte Probleme nachzudenken. Sie bieten eine andere Sichtweise an, die überraschend und befreiend sein kann.

Wenn ich um Rat gefragt werde, gebe ich den für gewöhnlich nur auf der Basis einer Kartenlegung. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das, was ich aus dem Kopf dazu zu sagen habe, banal bis falsch ist. Während die Karten oft in verblüffender Weise den Nagel auf den Kopf treffen.

Und selbst wenn sie es nicht tun – was auch vorkommt – kann die Auseinandersetzung mit der Legung neue Perspektiven auf das Problem eröffnen. Denn jede Karte hat ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten. Und bei einer kompletten Legung sind es fünf bis zwölf Karten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Ein weites Feld der Spekulation, des Spielens mit verschiedenen Möglichkeiten.

Ich lege deshalb nicht nur mir, sondern auch vielen anderen die Karten. Es ist meine Form des „In-den-Dialog-tretens“ mit meinem Umfeld, wie es das mit mir selbst ist. Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Über Tarot, über die anderen, über mich selbst. Und über das Leben.