Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Tantra (Seite 3 von 3)

Sieben: Der Wächter

Vajrapani – der Wächter

Meditationspraxis muss gefunden werden. Manche laden sich eine App herunter, buchen einen Kurs im Wellness-Hotel. Selbst diese Aktivitäten – so banal sie Hard-Core-Meditationsjüngern scheinen – benötigen einen Impuls, eine innere Suchbewegung. Wenn diese stark genug ist, wird auf dem Radarbildschirm des Bewusstseins irgendwo ein grüner Punkt aufleuchten. Da ist sie – eine Praxis!

Aber jede Praxis wird von einem Wächter beschützt. Er ist ein Archetypus, eine tief im individuellen wie kollektiven Bewusstsein verborgene Figur, präsent in Mythen und Geschichten seit Anbeginn der Menschheit. Der Wächter hat eine wichtige Funktion: er prüft den Willen des potentiellen Adepten.

Zum ersten Mal manifestiert er sich, wenn die Praxis in greifbare Nähe rückt. Manchmal als Zweifel: ist es wirklich das richtige für mich, sollte ich nicht lieber X,Y,Z machen? Des Öfteren nimmt er die Gestalt von Trägheit an und lässt alleine das Buchen des Retreats zu einer nicht zu bewältigenden Kraftanstrengung werden. Häufig tarnt er sich als Getriebenheit: es muss noch so viel erledigt werden, bevor ich – irgendwann – ein Retreat buchen kann.

Der Wächter der Praxis kann sich auch im Außen manifestieren: als Partner, der überhaupt nichts von solchen Albernheiten hält, als Krankheitsfall in der Familie, der in letzter Minute eine Stornierung erzwingt, als ungeduldiger Vorgesetzter, der genau an dem Wochenende Einsatz fordert, an dem das Retreat angesetzt ist.

Den wenigsten, die das erste Mal in einem Meditationskurs sitzen, ist bewusst, dass sie zu den „Happy Few“ gehören. Zu denen, die den ersten Wächter auf dem Weg zur Erleuchtung erfolgreich überwunden haben.

Aber schnell stellt sich heraus, dass es nur ein kleiner Etappensieg war. Kaum beginnt die Unterweisung in die Praxis, ist er wieder da, der Wächter. Während des ersten Zur-Ruhe-Kommens, wenn die Wellen der Emotionen flacher und flacher werden und vage Bilder aus dem Unbewussten aufzusteigen beginnen, prüft er erneut. Im Zen manifestiert sich der Wächter zu Beginn der Praxis vor allem in Form von körperlicher Unruhe und Schmerz. Viele sind völlig überfordert davon, dass es auf einmal buchstäblich „nichts zu tun“ gibt. Über Stunden und Tage nichts anderes als stilles Sitzen auf dem Kissen, dazu der Atem, der kommt und geht.

Begleitet vom Bewusstsein, dass jede kleine Bewegung – das Kratzen an der juckenden Nase, das Verlagern des schmerzenden Knies – die donnernde Stille des Zendos stören würde, man ertappt wäre dabei, in der Praxis nachzulassen. Und je heftiger der innere Widerstand gegen das stille Sitzen wird, je mehr man den erlösenden Gongschlag herbei sehnt, um so unerträglicher werden Unruhe und Schmerz.

Es ist die existentielle Erfahrung des völligen Zurückgeworfen-Werdens auf sich selbst. Nie ist man einsamer und sich selbst mehr ausgeliefert als auf dem Kissen. Die meisten haben sich Meditation anders vorgestellt. Man erwartet Wellness und Glücksgefühle, statt dessen findet man sich in einer Folterkammer wieder. Dazu die Strenge und Kühle des Lehrers, wo man doch geliebt und angenommen werden möchte! Wieder hat der Wächter seine Pflicht getan. Aus den „Happy Few“ sind die „Happy very few“ geworden.

Und so geht es immer weiter, Retreat um Retreat, Jahr um Jahr. Der Wächter lässt nie nach in seinem Bestreben, zu prüfen, ob man es wirklich ernst meint mit der Praxis. Er ist unermüdlich, immer im Dienst und gnadenlos. Je höher der Gewinn, der mit einer Praxis einher geht, um so unerbittlicher seine Prüfung. „Meinst du es wirklich ernst?“ fragt er wieder und wieder. „Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?“

Und der Preis ist hoch: viele bezahlen den Gewinn aus der Praxis mit dem Verlust von Ehepartnern, sozialem Ansehen, der Sicherheit zu wissen, wer und was sie sind, wo sie hingehören.

Die Praxis bringt existentielle Unruhe ins Leben, denn das ist ihr Auftrag: der Weg zur Erleuchtung ist gepflastert mit dem Abschied von Konzepten. „Wenn du deine Mutter triffst, töte deine Mutter. Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha“, lehrte Rinzei. „Es gibt nichts, was heilig ist.“ Alles muss in jedem Augenblick in Frage gestellt werden. Jede Sichtweise, jede Idee davon, wie ich bin, wie Andere sind, wie die Welt zu sein hat, ist einfach nur Konzept, das von der Realität abschneidet.

Meine Zen-Lehrer lehrten mich, den Wächter in allen seinen Erscheinungsformen zu würdigen. Nie begegnet man sich selbst direkter und ungeschminkter, als in den Momenten, in denen er prüft. Er legt alle Schwächen, Phantasien und Ausflüchte gnadenlos bloß. Wenn das erkannt und akzeptiert werden kann, wandelt er sich vom Gegner zum Verbündeten.

Wenn er sich mir in den Weg stellt, falte ich die Hände vor der Brust und verneige mich – meist zähneknirschend – tief vor ihm, um ihm meine Dankbarkeit für sein pflichtbewusstes Werk zu zeigen.

Sechs: Riwo Sang Chöd

Torma, vom Rinpoche aus Haferflocken und Butter geformt und mit Lebensmittelfarbe eingefärbt.

Sang Chöd. Der Rinpoche hält – auf seinem roten Thron sitzend – die Flamme des Feuerzeugs an ein Stück Kohle, legt es, als es glüht, in eine kleine Metallschale und häuft eine Mischung aus Mehl, Zucker und Butter darüber. Es ist kurz nach halb acht Uhr morgens, wir beginnen den Tag mit einem Opfer-Ritual für die Buddhas, Boddhisttvas und die Wesen aus dem formlosen Bereich. Ich nehme auf sein Zeichen hin die rauchende Metallschale, öffne das Fenster und platziere sie außen auf dem Fensterbrett. Die Metallschale ist ungünstig, hat uns der Rinpoche gestern erklärt, das Behältnis müsse aus Ton sein. Die schwächsten aller Wesen – die aus dem formlosen Bereich –  sind so scheu und ängstlich, dass das Metall sie verstört. Obwohl sie unendlich hungrig sind, wagen sie es nicht, das Opfer anzunehmen.

Ich habe schlecht geschlafen. So ist es immer: nach dem High geht es abwärts. Je extremer der positive Effekt der Meditationspraxis, desto krasser der Absturz. Gestern bin ich im Zustand des vollkommenen Friedens durch den Tag gewandert und in tiefer Harmonie eingeschlafen.

Nachts, im Traum oder im Halbschlaf – während intensiver Retreats lässt sich irgendwann der Wachzustand nicht mehr wirklich vom Traum unterscheiden – das Bild meines im Bett liegenden Körpers. Samt meiner Aura. Ich bin irritiert, über meine Aura habe ich mir bisher keine großen Gedanken gemacht. Aber, voila, da ist sie! Weiß und hell. Aber nicht ruhig strahlend, sie vibriert, unangenehme Lichtblitze zucken und stören den Fluss des Lichts. Ich verströme eine Energie, die wirkt, als wäre in meinem Unterleib einen Störsender eingebaut.

Mit diesem Bild stolpere ich morgens um sieben in die kalte dunkle Küche. Mein Blog ist immer noch offline, leider ist in der Nacht kein Wunder geschehen. Ich schreibe eine weitere Klagemail an meine „persönliche Kundenbetreuerin“, von der nur vorgefertigte Standard-Antworten zurückkommen.

Dann muss ich auch schon zum Sang Chöd antreten. Nicht mal einen Kaffee konnte ich mir aufbrühen, es ist nicht mein Tag heute. Als wir mit dem Opfern durch sind, lässt der Rinpoche auf einmal seinen Blick auf mir ruhen und spricht mich direkt an. Ich müsse zukünftig morgens täglich eine bestimmte Praxis durchführen. „Katharina“, erklärt er mir in seinem gebrochenen Englisch, „du brauchst es, damit du damit klar kommst, dass deine Schönheit geht und du alt wirst.“ Die Erlösung läge nur in der Erreichung der Buddha-Natur, keine Antifalten-Creme würde mich befreien. Samsara, was sonst.

Guten Morgen und vielen Dank! Und das ohne Kaffee! „Is this your personal compliment for me before the breakfast?“ Er ist offensichtlich verblüfft darüber, dass ich gekränkt auf seine Fürsorge reagiere und mich über etwas echauffiere, was ja wohl offensichtlich ist und alle betrifft, nicht nur mich. Der Buddha hat schließlich gesagt, dass Leben Leiden ist. „Geboren werden ist Leiden, krank werden ist Leiden, alt werden ist Leiden, sterben ist Leiden.“ Die Anderen aus der Sangha stimmen im Chor in meine Besänftigung mit ein. Das ginge allen so, sie würden auch nicht jünger und schöner etc.

Nach dem Sang Chöd wird gefrühstückt, ich lehne meine Zeitung an den Saftkrug, gebe mich den aktuellen Weltkatastrophen hin und bin nicht zu mehr zu sprechen.

Wir haben heute frei, Simhamuka ist abgeschlossen, morgen beginnt Vajra Kilaya. Der Rinpoche muss die Tormas – die rituellen Opferspeisen für die Geister und Götter – für das anstehende Retreat basteln. Tormas sind aus Haferflockenteig geknetete dreiseitige Pyramiden, die mit Lebensmittelfarbe rot eingefärbt werden. Die tibetischen Schamanen opfern Tiere, um die Geister und Götter zu besänftigen. Weil der Buddhismus das Töten von Lebewesen untersagt, bieten die Lamas ihnen Tormas an – spirituellen vegetarischen Fleischersatz. Dank ihrer langjährigen Meditationspraxis können sie die Haferflockenpyramiden mit so viel Lebensenergie aufladen, dass die Geisterwelt ohne schlechtes Karma gesättigt und besänftigt wird.

Während der Rinpoche singend und betend seinen Haferflockenteig knetet, schlüpfe ich in meine Laufschuhe. Am Ende wird mich – mit sehr viel Glück – meine Praxis aus dem Samsara befreien. Bis dahin kämpfe ich mit irdischen Mitteln gegen meinen körperlichen Verfall an.

Der Weg führt entlang eines wild rauschenden Baches durch den kahlen Winterwald. Weiße Flocken segeln vom grauen Himmel. Ich folge einem einsamen Paar Fußspuren im Schnee. In den Büschen und Wipfeln singen und pfeifen unverdrossen die Vögel, sie spüren den Frühling trotz Kälte und Eis. Der Pulsoximeter hält sich stabil im roten Bereich, ich glühe vor Energie. Während ich vor mich hinlaufe, spüre ich meinem Ärger nach. Tantra-Praktizierende verbringen ihr Leben damit, Ahnungslosen zu erklären, dass es im tibetischen Tantra NICHT um Sex geht. Es wäre einfach nur Meditation, inklusive der Visualisierung körperlicher Verschmelzung mit dem andersgeschlechtlichen Gefährten der Meditationsgottheit. Das stimmt allerdings nur bedingt. Es gibt durchaus auch den höchst realen geschlechtlichen Aspekt, das macht diese Form des tibetischen Buddhismus so anfällig für sexuelle Ausbeutung. Das traditionelle Ideal des tibetischen Tantra-Praktizierenden ist der wandernde Siddha, der sich ein schönes Dorf-Mädchen sucht, um mit ihr gemeinsam in aller Körperlichkeit an der Vervollkommnung seines Energiekörpers zu arbeiten. Es gibt unsägliche Geschichten darüber, was Lamas naiven Frauen aus dem Westen alles weiß machen, immer mit der Kernbotschaft, was sie mit ihnen anstellen würden, diene einzig und allein ihrer Buddha-Natur.

Das hat unser liebenswerter ernsthafter Rinpoche ganz sicher nicht im Sinn. Er ist rührend besorgt um meine Erleuchtung. Da sitzt diese alternde Frau vor ihm, strengt sich an wie blöd, hat keine Ahnung von nichts und es ist nur noch so wenig Lebenszeit für sie übrig, damit sie Buddha-Natur erlangen kann.

Aber trotzdem! Wenn ich irgendetwas verabscheue, dann ist es dieser wertende Blick auf mein Äußeres. Den haben Männer wie Frauen drauf. Der Blick von Frauen auf Geschlechtsgenossinnen ist oft noch grausamer als der von Männern.

Es ist der Blick, mit dem ich aufgewachsen bin, deshalb reagiere ich wohl so empfindlich. In meiner Familie ist die Rollenteilung klar definiert, Grautöne nicht gestattet. Die Männer haben mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Welt hinauszuziehen und in einem Kampf auf Leben und Tod ihr Hab und Gut zu mehren. Den Frauen ist es aufgetragen schön zu sein – sie repräsentieren schließlich den hart erkämpften Erfolg der Männer – und dabei ein unterwürfiges und bedürfnisloses Verhalten an den Tag zu legen. Die einzigen Bedürfnisse die zählen, sind die der Männer.

Ich komme aus einer archaischen Welt, ist mir irgendwann bewusst geworden. Die Moderne mit den philosophischen Errungenschaften der Aufklärung hat keine Spuren im Denken und Fühlen meines Familiensystems hinterlassen. Es gilt die Regel der Omertà, des Schweigens der sizilianischen Mafia. Was in der Familie geschieht – und dazu gehört die „Zurichtung“ des Nachwuchses mit Mitteln, die den Staatsanwalt auf den Plan rufen würden – muss unter allen Bedingungen geheim gehalten werden.

Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass mich der tibetische Buddhismus mit seinen schamanischen Wurzeln und seinem Fokus auf die Besänftigung und Befriedung böser Kräfte so anspricht, obwohl er mir auf der rationalen Ebene fremd ist. In der Tiefe habe ich es im Blut.

Während ich vor mich hin koche, kämpfe ich mich einen Hang hinauf. Oben angekommen geht es über eine Anhöhe, links und rechts Wiesen und Felder. Es ist genug jetzt, ermahne ich mich. Jammern ist verboten. Nichts ist sinnloser, als sich zum Opfer eigener oder fremder Konzepte zu machen. AKZEPTANZ. Es ist wie es ist. Ich altere, in Gottes Namen. So lange ich noch sitzen und meditieren kann, geht die Welt nicht unter.

Als ich in die Auffahrt des Retreathauses einbiege, habe ich mich wieder beruhigt. Ich stoppe den Zeitmesser und bekomme auf dem kleinen Bildschirm meiner Laufuhr einen Pokal überreicht. „Ein neuer Rekord!“ meldet sie. Na bitte!


Fünf: Gischt

Vor mir ragt ein riesiges schwarzes Schwert auf. Auf dem Griff eingravierte Zeichen. Es sind vier Vajra, sternförmig angeordnet. Ich bin mir bewusst, dass ich träume. Ich versuche, so viel Bewusstsein zu aktivieren, dass ich die Traumsituation aktiv steuern kann. Irgendetwas wird hier und jetzt von mir erwartet. Nur was? Richtig! Im Traum verwandele ich mich in die löwenköpfige Dakini Simhamukha. Das Bild ist wakelig, ich habe es noch nie im Wachzustand praktiziert. Während der Zeremonien des Tages brauchte ich meine ganze Konzentration, um mich Zeile für Zeile, Stunde für Stunde, durch den tibetischen Text zu arbeiten.

Genauso ungewohnt wie es ist, plötzlich eine zornvolle Dakini zu sein, so seltsam fühlt sich das Heft des Schwertes in meinen Händen an. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Der Rinpoche hat es am Abend während des Zeremoniells vorgeführt. Er stach mit einem schwarzen Miniaturschwert – dass exakt so aussieht, wie das riesige, dessen Heft ich im Traum umklammere – auf eine leere Metallschale ein. Im Text hieß es dazu, Simhamukha tötet alle Feinde und zermalmt sie zu Staub.

Ich hebe das Schwert auf Kopfhöhe. Zwischen meinen Füßen liegt etwas, ich spüre wie es sich bewegt. Es ist lebendig. Auf einmal durchströmt mich eine wahnsinnige Energie, ich fühle mich, als würde ich glühen. Mit aller Kraft ramme ich das Schwert in das, was sich dort auf dem Boden befindet. Es ist eine graue nebelhafte Gestalt, sehe ich, während die Spitze der Klinke hindurchfährt und sich in die Erde bohrt.

Plötzlich wechselt das Bild. Ich starre auf eine braune Tonwand. Nur eine Sekunde, dann knallt es, eine riesige Welle sprengt die Wand, Gischt spritzt, es rauscht und schäumt, ein unendliches Gefühl der Befreiung überkommt mich.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich gut. Extrem gut. Der unangenehme Druck hinter den Augäpfeln ist verschwunden.

Vier: Simhamukha

Die zornvolle Dakini Simhamukha

Der Nepalese ist ein Rinpoche – ein Meister – der Amerikaner ein Lama – ein Lehrer. Deshalb bekommt der Nepalese die Suppe vor dem Amerikaner. Es ist das selbe Prinzip, dass ich schon aus den Zeremonien kenne: die hohen Götter bekommen ihre Opferspeisen vor den lokalen Gottheiten. Hierarchie ist wichtig im tibetischen Buddhismus.

Dass der kleine freundliche Nepalese mit dem kahlgeschorenen Schädel wirklich ein Rinpoche ist, bekomme ich während der Zeremonie für Simhamukha zu spüren. Sie zieht sich über den den ganzen Tag: vier Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Das Skript, durch das wir uns rezitierend, trommelnd und opfernd arbeiten, hat fast vierhundert Seiten.

Die Energie des Rinpoche lässt den Schreinraum glühen. Draußen segeln Schneeflocken in das graue Wasser des Weihers. Drinnen sitzt der Nepalese schwitzend im Unterhemd auf seinem roten Thron, drischt rezitierend auf die große tibetische Trommel ein und führt uns mit verblüffenden Konzentration durch das Ritual.

Ich haste mit dem Finger von Zeile zu Zeile, bei dieser Geschwindigkeit die tibetische Lautschrift zumindest einigermaßen richtig auszusprechen, ist eine Herausforderung. Zwischendurch wird immer wieder gestoppt, das Skript korrigiert, der Rinpoche hört, trotz des durch mich verursachten „Rauschens“, jeden Fehler, der sich in die Übersetzung der tibetischen Schriftzeichen in die Lautschrift eingeschlichen hat!

Eigentlich müsste ich, die Rezitation begleitend, noch Visualisieren. Das Zeremoniell ist nichts anderes als eine Anleitung zur Meditation. Unter der tibetischen Lautschrift wird sowohl in tibetischen Lettern, als auch in englischer Übersetzung, Schritt für Schritt beschrieben, was sich vor meinen inneren Augen abspielen soll. Es ist das Drehbuch eines phantastischen Films. Im Mittelpunkt: die löwenköpfige Dakhini Simhamukha.

Für Tantriker verfügt unser Körper über drei verschiedene Dimensionen: „Body“, „Speech“ and „Mind“. „Body“ ist der physische Körper, „Mind“ die mentale Ebene. Tantra ist auf das fokussiert, was dazwischen ist: „Speech“. „Speech“ beschreibt in diesem Kontext nicht „Sprechen“, sondern bezieht sich auf unsere Existenz als Wesen, die durch und durch aus Energie bestehen. Alles was wir denken, fühlen, tun – die Worte die wir sprechen, die Gedanken, die unser Handeln und Erleben begleiten, die Emotionen die durch innere und äußere Impulse ausgelöst werden, die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – ist nichts anderes als ein Ausdruck unseres Energiekörpers.

Sind wir durch karmische Belastungen energetisch blockiert, verstricken wir uns durch Ignoranz und negative Gefühle mit der materiellen Welt. Wir leiden, verursachen Leiden und finden nicht den Weg zur Erleuchtung. Deshalb zielen alle Praktiken des Tantra darauf ab, unseren Energiekörper zu reinigen und unsere Lebensenergie zu transformieren.

Tantra fokussiert auf das Unbewusste. Durch Visualisierungen, das Rezitieren und Singen von Mantras, die Verwendung bestimmter Mudras und Körperhaltungen sollen Blockaden durch negative Emotionen und falsche Vorstellungen aufgebrochen werden. Die Prozesse, die durch das Praktizieren von Tantra ausgelöst werden, können mental herausfordernd sein.

Sowohl die friedvollen als auch die zornvollen Gottheiten, in die sich die Schüler durch Visualisierungen verwandeln sollen, sind Ausdruck der verschiedenen Aspekte der Buddhaschaft. Tantra ist deshalb – trotz des üppigen Götterhimmels – nicht polytheistisch, die einzelnen Gottheiten repräsentieren akzentuierte emotionale Zustände, die vom Lehrer – je nach karmischer Belastung und aktueller Problemlage – verschrieben werden, wie ein Arzt spezifische Medikamente bei körperlichen Beschwerden verordnet.

Zu den „harten“ Methoden des Tantra gehören die „zornvollen“ Praktiken. Eine davon ist Simhamukha, die Dakhini mit dem Löwenkopf.

Drei: Initiation

Mein Schreintisch nach dem Abschluss der Initiation

Die dröhnende Stimme des Lama hallt in dem engen Raum wieder, in dem wir uns an diesem Abend versammelt haben. Wir: das sind vier Praktizierende – und zwei Lamas. Ein nepalesischer und ein amerikanischer. Uriel witzelt, das Betreuungsverhältnis entspräche dem einer englischen Eliteuniversität.

Tagsüber war das Betreuungsverhältnis sogar noch besser: Eins zu Eins. Die Vorlesung des amerikanischen Lamas Vajranatha erinnert mich an lang zurückliegende Oberseminare. Er ist Ethnologe und Antrophologe, spricht fließend Tibetisch und erklärt einer einzigen Schülerin – mir – die Grundprinzipien des tibetischen Tantra. Die anderen hören aus Höflichkeit zu, sie wissen Bescheid.

Es gibt das Sutra-System, referiert er, und das Tantra-System. Sutra – den Weg der Entsagung – lehrte der Buddha öffentlich. Die „Eintrittskarte“ zum Sutra-Pfad sind Gelübde, wie die Zufluchtnahme und der Boddhisattva-Schwur. Schüler, die diesem Pfad zur Erleuchtung folgen, geloben, alle Handlungen zu unterlassen, die Anderen Schaden zufügen könnten. Damit ihnen das gelingt, werden sie darin unterwiesen, die Wurzelgifte der Leidenschaften (die Kleshas) zu erkennen und zu meiden und bekommen als Antidot bestimmte Meditationstechniken mit auf ihren Weg.

Tantra – der Pfad der Transformation – war dagegen nur wenigen fortgeschrittenen ausgewählten Schülern vorbehalten. Die Unterweisungen in diese esoterischen Praktiken waren – im Gegensatz zu den Sutren – geheim. Zugang zum tibetischen Tantra erhält bis heute nur, wer vom Lama initiert wird.

Der kleine Lama mit dem kahlgeschorenen Schädel singt mit seiner vollen dröhnenden Stimme. Ich werfe die Blüte, die ich während der Zeremonie in der Hand gehalten habe, auf das Blatt Papier, das er mir entgegenstreckt. Darauf abgebildet: Simhamukha, die Dakini mit dem Löwenkopf, in ihrem Mandala. Die Blume landet irgendwo am rechten Rand, der Lama nickt und verkündet: „Green“! Die anderen lachen. Ich verstehe wieder einmal nichts und stolpere auf meinen Platz zurück.

Die Initiationszeremonie ist jetzt, nach zwei Stunden, fast zu Ende. Wir durften an einem magischen Akt teilhaben. Die Linienhalter der Praxis wurden angerufen, Geistern und Göttern geopfert, in symbolischen Gesten die Waffen der zornvollen Dakini Simhamukha an die Praktizierenden übergeben. Wir sprachen die tibetischen Worte nach, die uns der Lama vorgab, und rezitieren Mantras.

Der enge Raum glüht vor Energie. Uriels kleiner weißer Hund hüpft nervös auf und ab. Er ist von ausgesprochen sanftem und liebenswertem Gemüt, die vibrierende Kraft der zornvollen Göttin Simhamukha, die uns alle erfasst hat, verstört ihn.

Zu Beginn der Zeremonie mussten wir uns mit einem roten Band die Augen verbinden. Wir sind symbolisch „blind“, erklärt uns der nepalesische Lama, durch die Praxis der zornvollen Dakini Simhamukha werden wir auf neue Weise „sehen“ lernen.

Ich lausche dem magischen tibetischen Singsang des Lama, starre auf das leuchtende Rot der Binde und spüre der bleiernen Erschöpfung hinter meinen Augäpfeln nach. Die habe ich wohl schon immer, vermute ich, oder zumindest schon sehr lange. Bewusst wurde es mir aber erst während der Vajra Armor-Retreats sechs Wochen zuvor. Als die schwarze Wolke ging und die Wut kam.

Irgendwas ist da! Es fühlt sich an, als säße zwischen meinen Augen und der Schädelwand etwas, das unaufhörlich Energie zieht und mich dazu zwingt, auf eine künstliche Weise auf die Welt zu sehen. Alle Versuche, meinen Blick zu entspannen, diese Erschöpfung zu mildern, das was da sitzt, loszulassen, sind gescheitert.

Ich habe keine Ahnung, was „es“ ist, ich bin nicht in der Lage, in meinen Schädel „hineinzusehen“. Es gibt sicher Praktizierende die das können – es gibt nichts, was es nicht gibt, habe ich gelernt – ich kann es jedenfalls nicht und ich habe auch keine Idee, wie es anzustellen wäre. Schon alleine die Vorstellung, meine Pupillen so zu verdrehen, dass sie in das Innere meines Schädels wandern, lässt Übelkeit in mir aufsteigen. Was für eine bizarre Vorstellung!

Als wir in der Mitte des Zeremoniells aufgefordert werden, die Augenbinde abzunehmen, das Mandala praktizieren und den Reis werfen, fühle ich mich, als würde die Last mehrerer Leben auf meine Sehnerven drücken. Gleichzeitig „prickelt“ es auf meiner Stirn, mein „drittes Auge“ ist höchst aktiv. Dieses Prickeln spüre ich seit dem erfolgreich bestandenen Wasser-Test des Vajra Armor Retreats immer wieder, es kommt und geht in Schüben. So stark wie jetzt, nach der Initiation, war es noch nie.

Als wir nach dem Ende der Zeremonie alle beim Abendessen sitzen, frage ich den nepalesischen Lama, was es mit der Farbe grün, die ich mit meiner Blüte getroffen habe, auf sich hat. Es wäre eine Prophezeiung, erklärt er mir. Grün wäre die Farbe der Karma-Familie von Simhamukha. Ich verstehe wieder einmal nichts und erkundige mich, ob die Tatsache, dass meine Blüte ausgerechnet im grünen Bereich des Mandalas gelandet ist, Konsequenzen für meine Praxis haben wird? „For sure“, kommt es zurück. Und welche? „Grün“ steht für „zornvoll“, antwortet er. Ich könne mich auf eine besonders zornvolle Praxis einstellen.

Wer den Tantra-Vortrag nachlesen möchte, dem sei diese Schrift empfohlen. Zu Beziehen ist sie über den Autor: Lamavajranatha@hotmail.com

Hypnotized

Ich mache mich auf dem Weg in das Retreathaus am Ende der Welt, um mich in magischer Tantra-Praxis zu üben…

„It´s the same kind of story, that seems to come down from long ago. Two friends having coffee together, when something flies by there window. It might be out on that lawn, wich is wide, at least half of a playing field. Because there´s no explaining, what your imagination can make you see and feel. Seems like a dream. They got me hypnotized…“

Mit Fleedwood Mac im Ohr schaue ich aus dem Zugfenster.

Draußen: Lichte, noch kahle Wälder. Schmale, von der Frühlingssonne beschienene Äcker. Hecken, die Wiesen umsäumen.

Dazwischen: Wasser.

Kleine Weiher, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Schmale Bäche, hin und wieder ein See. Irgendwann nimmt der Regionalzug den Weg über eine Brücke.

Ich starre in die Strömung des Flusses. Auch ich bin „hypnotized“.

Heute Nacht habe ich wild geträumt. Meine Seele schwingt sich ein auf das, was kommen wird.

Denn ich bin auf dem Weg in das Retreathaus am Ende der Welt. Mein Freund und Dharma-Bruder Uriel hat mich eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Uriel – der Herr der Mühle – geht im Alltag einem seriösen, verantwortungsvollen Job nach. Weder seine zahlungskräftigen Klienten, noch seine Angestellten wissen, was sich hinter seiner freundlich-verbindlichen Fassade verbirgt:

Uriel ist tibetisch-buddhistischer Tantra-Meister. Er verfügt über Fähigkeiten, die in unserer Kultur ungewöhnlich sind.

Die hat er sich über viele Jahre hart erarbeitet. Unter schwierigen Umständen.

Denn die uralten tibetisch-buddhistischen Tantra-Techniken und Riten, die Uriel praktiziert, sind geheim. Und rar. Es gibt nur wenige tibetisch-buddhistische Lehrer, die sie beherrschen und darüber hinaus bereit sind, westliche Schüler darin zu unterweisen.

Vor zwei Jahren kaufte Uriel deshalb eine alte Mühle. Das einsam stehende Gebäude – direkt an einem Weiher gelegen und vom Mühlbach umschlossen – ist der perfekte Ort für geheime Tantra-Retreats.

Im historischen Dachstuhl richtete Uriel einen Schreinraum ein. Auf dem großen Altar thronen die Statuen der Buddha-Emanationen, mit denen er praktiziert.

Im Erdgeschoss der alten Mühle gibt es, seit Uriel die Sanierung abgeschlossen hat, eine Küche und einen großen Speiseraum. Im ersten und zweiten Stock stehen mehrere Zimmer bereit.

Nicht nur für die nepalesischen Lamas, die Uriel regelmäßig in sein Retreathaus am Ende der Welt einlädt, um sich von ihnen in geheimen Tantra-Praktiken unterweisen zu lassen.

Sondern auch für alle seine Dharma-Freunde, die mit ihm lernen und praktizieren wollen.

Uriel holt mich vom Bahnhof ab. We are two friends, having coffee together, while we´ll get hypnotized…

Eins: Mein Teufel

May I introduce my personal devil to you?

Seit Jahren wandert er durch mein Zimmer. Manchmal sitzt er prominent platziert auf meinem Fensterbrett. Dann hat er mich im Blick – und ich ihn. Manchmal steht er im Bücherregal. Von dort beobachtet er mich während des Meditierens, ich spüre seinen stechenden Blick im Nacken. Manchmal überfordert er mich, dann verbanne ich ihn in seinen Styroporsarg. Aber so weit, dass ich ihn in irgendeiner Schublade verschwinden lassen würde, gehe ich nie.

Ich habe lange nach ihm gesucht. Die Anderen waren zu plakativ, zu grob, zu christlich… Es ist wahnsinnig schwierig, ein Symbol für den eigenen Teufel zu finden, habe ich festgestellt. Den Meinen entdeckte ich schließlich bei einem Gothic-Versand. Irgend eine dystopische Figur aus einem Roman. Ich hatte ihren Namen vergessen, sobald ich die kleine Gestalt mit den Fledermausflügeln und dem Krakenarmen-Bart aus dem Versandkarton gezogen hatte. Er ist einfach „mein Teufel“.

Es war ein langsamer schmerzhafter Prozess der Annäherung. Als ich in meine Tiefe hinabstieg wie Orpheus auf der Suche nach Eurydike – damals, als meine Welt zusammenbrach – dem Fährmann Charon die Münze in die Hand drückte, damit er mich hinübersetze über den Acheron, war ich mir sicher, dass ich im Hades meines Inneren auf einen grauenhaften Teufel stoßen würde. Mein ganzes Leben lang war ich davon überzeugt gewesen, im Grunde böse zu sein. Schlecht. Verdorben. Ich wanderte tage- und nächtelang in fiebrigen Phantasien und quälenden Albträumen durch die stille Schwärze meiner inneren Abgründe und fand – nichts. Einfach nur nichts. Ich bin nicht böse. Die Erkenntnis war so verblüffend wie erleichternd.

Als ich wieder zur Oberfläche zurückgekehrt war und daran ging, die Trümmer meines Selbstbildes zu sortieren, mir, meiner Vergangenheit, meiner Familiengeschichte einen neuen Sinn zu geben, blieb mein Teufel eine Leerstelle. Ich war nicht böse. Was war ich dann?

Die Sache ist kompliziert, stellte ich fest. „Böse“ ist einfach. Ich war ständig mit der Widergutmachung für meine phantasierte Schlechtigkeit beschäftigt gewesen. Es hatte mich völlig erschöpft, geschwächt, klein gehalten. Aber es war ein klares Konzept gewesen, etwas, das mein Denken und Handeln in der Tiefe strukturierte.

Nachdem ich mich Willigis Radikalkur unterworfen hatte, „zu lassen“, war dieses Denken in sich zusammengebrochen. Auf einmal war ich damit konfrontiert, dass jeder Moment zählte: jeder Gedanke, jede Emotion, jede Handlung. Und dass „Gut“ und „Schlecht“ keine tauglichen Prinzipien waren, um meine neue Welt zu ordnen.

Zen hat keine Moral und keine Ethik. Jeder Augenblick, jede Begegnung mit sich und anderen ist frisch, noch nie dagewesen. Jeder Atemzug ist neu. „Gut“ und „Schlecht“ sind einfach nur Konzepte, die vom Leben abschneiden. Es fiel mir schwer, diese Wahrheit zu akzeptieren. Ich wehrte mich energisch. Als ich endlich aufgab – wieder ein Zusammenbruch – begegnete ich zum ersten Mal meinem Schatten.

Er ist ein „shape shifter“, lernte ich, er funktioniert nach dem selben Prinzip wie die „Boggarts“ in Harry Potter. Er nimmt jene Form an – schillernd, überraschend, unerwartet – die der Moment für ihn hergibt, nimmt in jedem Augenblick den Platz ein, der ihm angeboten wird. Er ist reine Energie. Er ist immer da. Es gibt keinen Atemzug ohne ihn.

Es erfordert eine spezielle Technik des „Sehens“, lernte ich, ihn wahrzunehmen. Einen Blick der Gelassenheit, der vollkommenen Offenheit. Und den Mut anzuerkennen, dass er mein ist. Er war es von meinem ersten Atemzug an, er wird es bis zu meinem letzten bleiben. Es gibt kein Entkommen, keine Erlösung, keine Befreiung. Es gibt keinen Sieg über den eigenen Schatten. Schon die Vorstellung, dies sei möglich, ist nur wieder mein Teufel in neuer Gestalt.

Das denke ich mir, während vor dem Fenster des ICE der Thüringer Wald vorbei zieht. Zwischen den kahlen Bäumen taut der Schnee.

Neuere Beiträge »