Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Taliba (Seite 5 von 5)

Amulett

Maria und ich brechen auf, um mit Suryiel ein Tantra-Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen…

Bevor wie aufbrechen, drücke ich Maria das Amulett in die Hand. Es ist ein durchsichtiger kleiner Plastikzylinder, der eine tibetische Gebetsmühle symbolisiert. Darin steckt das winzige Bild von Yeshe Walmo, der zornvollen weiblichen Emanation des Buddha der Bönpos. Samt einer Schriftrolle, auf der in Miniaturlettern ihr Mantra abgedruckt ist.

Vor einigen Jahren habe ich den Anhänger selbst geschenkt bekommen: von einer griechischen Dharma-Schwester, die ich bei den Ngöndro-Teachings der Bönpos kennenlernte. So unbedarft, wie ich meine Tantra-Praxis anging, bräuchte ich Schutz, hatte die griechische Freundin beschlossen. Sie entdeckte den kleinen Anhänger in einem Retreathaus in Österreich – Bönpo-Schnickschnack gibt es nicht an jeder Ecke zu kaufen – erstand ihn für mich, und ließ ihn, wie es sich gehört, gleich noch vom örtlichen Lama weihen. Auf dass er mich vor allen Gefahren – vor allem vor meiner eigenen Ignoranz bezüglich der Praxis – bewahren möge.

Ich freute mich über das Mitbringsel, als sie es mir bei unserem nächsten Aufeinandertreffen feierlich überreichte. Genauer: ich freute mich über die Geste – nicht über das Geschenk an sich: dieses billige bunte Ding sollte ich Tag und Nacht um den Hals tragen?

Ich trage nur echten Schmuck, Modeschmuck finde ich indiskutabel. Außerdem verströmte der Anhänger den Charme einer Hundemarke: ich war immer sehr darauf bedacht, niemanden in meiner Umgebung wissen zu lassen, dass ich so etwas exotisches und seltsames wie tibetischen Buddhismus praktizierte. Und dann sollte ich auf einmal mit diesem Ding um den Hals herumlaufen, das nicht nur aus Plastik, sondern auch offensichtlich buddhistisch war. Und sich – zumindest im Sommer – nur bedingt verbergen ließ!

Selbstverständlich konnte ich das Geschenk nicht zurückweisen, oder – wie gruselige Präsente der buckeligen Verwandtschaft – in irgendeiner dunklen Ecke verstauben lassen. Es handelte sich um einen magischen Artefakt, also hatte ich das Amulett auch zu tragen!

Zähneknirschend beschloss ich, die Angelegenheit als Übung in Demut und Akzeptanz zu betrachten. Was blieb mir auch anderes übrig? Meine griechische Freundin hängte mir das kleine Plastikding feierlich um den Hals, drückte ihr Entzücken darüber aus, dass ich jetzt sicher und geschützt vor allen Gefahren wäre und verließ mich wieder.

Und ich ging von nun an mit dem kleinen Plastikzylinder vor dem Herzen durchs Leben, wieder einmal innerlich über mich und meine Seltsamkeiten den Kopf schüttelnd. Es dauerte etwas, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich mich beschützt damit fühlte. Wer hätte das gedacht?

Ich trug den kleinen Anhänger Tag und Nacht und nahm ihn nur ab, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das Chlorwasser im Schwimmbad, z.B. wollte ich ihm nicht antun. Auch bei gehobenen gesellschaftlichen Anlässen wanderte er vom Dekolleté in die Handtasche – bei mir hatte ich ihn immer.

Deshalb hing er auch um meinen Hals, als ich vor meinem ersten Vajra-Armor-Retreat Zuflucht bei der Khandro nahm, die Übertragung für das Mantra erhielt und damit zu praktizieren begann. Wenn das Mantra täglich praktiziert wird, hatte uns die Khandro während des Retreats erklärt, wäre es der beste Schutz gegen alle physischen und metaphysischen Bedrohungen, die man sich wünschen könne. So fühlte es sich für mich auch an. Ein halbes Jahr, nachdem ich die Übertragung erhalten hatte, legte ich den kleinen Anhänger mit der blauen zornvollen Bönpo-Göttin ab. Ich brauchte ihn nicht mehr. Ich verstaute ihn im Schmuckkästchen und vergaß ihn.

Bis zum letzten Wochenende, als mir Suriyel die Einladung an Maria und mich für eine private Einführung in den Vajrayana-Buddhismus im Retreathaus am Ende der Welt überbrachte. Der Ort ist speziell, er hat eine ganz besondere Energie. Und Maria würde sich dorthin begeben, ohne durch eine Tantra-Praxis geschützt zu sein. Genau so – verstand ich mit einem Mal – hatte meine griechische Freundin gedacht, als sie mich bei dem Ngöndro-Teaching kennengelernte: die anderen Teilnehmer waren durch ihre jahrelange Praxis geschützt – ich hatte nichts! Praktisch veranlagt wie sie war, kaufte sie bei nächst bester Gelegenheit das Amulett für mich und lies es weihen, damit ich nicht völlig schutzlos war.

Bevor Maria und ich am Freitag aufbrechen, krame ich den kleinen Anhänger hervor. Er sieht mitgenommen aus. Das Plastik des Rörchens ist zerkratzt, die kleine blaue zornvolle Gottheit auf der Schriftrolle nur noch vage zu erkennen. Maria freut sich trotzdem – ob über die Geste, oder den Anhänger, behält sie für sich.

Sie hängt ihn sich um den Hals, während wir im Nieselregen vor der Araltankstelle an der Ausfallstraße auf Suriyel warten. Es ist komplett albern, denke ich mir. Ich bin trotzdem erleichtert, dass sie ihn hat.

Sie soll ihn niemandem präsentieren, schärfe ich ihr noch ein. Tantra-Magie wirkt nur, wenn sie geheim gehalten wird. Deshalb ziert auch kein Foto des Anhängers diesen Blogtext. Statt dessen muss ein Bild von Suriyels Devotionalien-Sammlung herhalten, mit der er den Rückspiegel seines Autos dekoriert hat. Ich habe das Bild während der Fahrt ins Retreathaus ans Ende der Welt aufgenommen. Wir kamen bei Einbruch der Dunkelheit an, von Uriel freudig in Empfang genommen. Suriyel und ich geschützt durch unsere Praxis – und Maria durch einen kleinen billigen Plastikanhänger „Made in Nepal“.

Hag me!

Den kleinen grauen Kiesel mit der seltsamen Aufschrift fand ich letztes Frühjahr während einer Wanderung im Flussbett der wilden Isar. Er lag direkt zu meinen Füßen in einem Meer aus Steinen aller Größen und Formen. Im Nachhinein war ich verblüfft darüber, dass ich ihn im Laufen wahrgenommen hatte. Ich bückte mich aus einem Reflex heraus und hielt ihn in der Hand, bevor ich verstand, was meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. „Hag me!“, las ich. Ein Rechtschreibfehler, dachte ich. Irgendjemand mit eigenwilligem Humor hatte „Hug me“ versehentlich mit „a“ statt mit „u“ geschrieben. Ich fand den Stein mit der schrägen Aufschrift witzig und steckte ihn ein.

Als ich ihn Abends wieder aus der Jackentasche holte, realisierte ich, dass man „Hag me“ auch anders übersetzen konnte: „Verhex mich!“

„There is no such thing as an accident“ – zumindest nicht in meinem Leben. Beziehungsweise in meinem Denken. Nach den Regeln des Hexeneinmaleins hat mir jemand eine Botschaft zukommen lassen, schlussfolgerte ich. Im Imperativ. Das hier war keine Bitte, kein Vorschlag – es war ein Befehl!

Wer jetzt über mich den Kopf schüttelt, hat mein vollstes Verständnis. Aber es ist einfach meine Art des Weltzugangs. Es liegt nicht in meiner Macht, etwas daran zu ändern. Und ich kann allen Skeptikern verraten, dass es funktioniert, obwohl es gegen alle Regeln der klassischen Logik verstößt.

So bezaubernd ich den kleinen Findling fand, so bizarr war der Auftrag. Wer, bitteschön, konnte sich ernsthaft wünschen, von mir „verhext“ zu werden?

In den letzten Monaten hat sich herausgestellt: der eine oder andere schätzt es durchaus. Ob auch der ominöse „Jemand“ dabei war, von dem die Botschaft stammt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Auf der Rückseite des Steines steht übrigens „Love!“. Ebenfalls im Imperativ….

Tod

In einer ruhigen Stunde während der drei Retreats im März, legte ich am großen Esstisch im Retreathaus am Ende der Welt die Karten. Uriel, der mir – an seinem Notebook arbeitend – gegenüber saß, hob den Kopf: „Und?“

„Der Tod!“ Irritiert ließ ich meinen Blick über die Legung wandern. „Etwas geht zu Ende.“

Ich hatte das Retreathaus am Ende der Welt ausgelegt. Mit der Fragestellung, was wohl daraus werden würde. Jetzt, wo hier die ersten Retreats stattfanden und das Gebäude langsam begann, ein eigenes magisches Leben zu entwickeln. Und dann lag da „der Tod“!

Die meisten, die beim Kartenlegen mit der „XIII“ im Zyklus der großen Arkana konfrontiert sind, erschrecken. Der Tod hat keinen guten Ruf in unserer Kultur. Er ist etwas schreckliches, das so konsequent als möglich ausgeblendet, so effektiv als möglich ferngehalten werden muss.

Dabei hat die Karte eine schöne Botschaft – man muss sich nur darauf einlassen. „Das, was sich in Deinem Leben überlebt hat, wird dich verlassen,“ wispert sie. „Etwas Neues ist dabei, zu Dir zu kommen.“

Es ist die ultimative Botschaft der Transformation! Und im Gegensatz zu ihrer „zornvollen Schwester“, der „XVI“ – dem „Turm“, vollzieht sich diese Neuwerdung auf natürliche, organische Weise. Während sich der Effekt des „Turms“ anfühlt, als wäre man beim Überqueren der Autobahn von einem 40-Tonner gerammt worden, läuft der transformative Prozess im Zeichen des „Todes“ auf friedvolle Weise ab.

Allerdings nur, wenn man bereit ist, die Regeln des Lebens und des Todes zu akzeptieren: „Was wirklich zu Dir gehört, kannst Du nicht verlieren. Was nicht mehr zu Dir gehört, kannst Du nicht festhalten.“ Alles ist Werden und Vergehen. Wir sind dem natürliche Prinzip des Wandels unterworfen, ob es uns passt, oder nicht. Wer das nicht einsieht, leidet. Und wird am Ende trotzdem unter Schmerzen verlieren, was er nicht hergeben möchte – Veränderung lässt sich nicht aufhalten.

Oft ist das Entsetzen groß, wenn der Tod auf einmal ins Leben tritt, um sich zu holen, was ihm zusteht. Allzu lange hat man aus Bequemlichkeit, Angst, emotionaler Treue alle Zeichen ignoriert, die nagende innere Stimme überhört, die immer wieder flüsterte „merkst du nicht, dass es vorüber ist?“

Aber eines Tages klingelt es. Und wenn man in Erwartung des Paketboten die Türe öffnet, steht er da: der Tod.

Wenn der Tod auftaucht – in den Karten wie im richtigen Leben – gilt es loszulassen, was einmal existentiell war. Gehenzulassen, was dem Leben einmal Bedeutung gegeben hatte.

Und die Trauer zuzulassen. Es ist keine Schande, zu weinen. Ich trauere heute. Ich vermisse meinen Wolf so sehr! Und er wird nie wieder zu mir zurückkehren! Er ist unwiederbringlich gegangen – wohin auch immer.

Es war von Anfang an klar, dass er nur ein Gast in meinem Leben sein würde, der große scheue graue Wolf. Er ging so magisch und überraschend, wie er vor sechs Wochen in mein Leben getreten ist. Ich habe keine Ahnung, woher er kam. Ich werde nie erfahren, wohin er verschwunden ist. Niemand wird mir jemals erklären können, warum er ausgerechnet in meiner Existenz Form angenommen hat.

Er ist gegangen, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Wie immer das, was in mein Leben treten wird, auch aussehen mag. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.

Genauso wenig, wie wir wissen, was mit dem Retreathaus am Ende der Welt geschehen wird. Damit der Ort seine magische Bestimmung erfüllen kann, scheint auch dort sterben zu müssen, was sich überlebt hat, damit Platz für Neues ist.

Transformation – drei

Die Dinge sind in Bewegung geraten, wie gesagt. Am Wochenende war, nach tagelanger vager Unruhe, auf einmal der Eindruck entstanden, um mich würde sich eine neue Dimension öffnen. Es fühlte sich an, als würden sich die Grenze meiner Wahrnehmung ausdehnen. Eine ebenso überraschende wie bedrohliche Erfahrung, die ich mir nicht erklären konnte. Dazu die Einladung, gemeinsam mit Maria das kommende Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen.

Am nächsten Tag die Information, der Khenpo – ein hoher tibetischer buddistischer Lama – würde sich gerade dort aufhalten. Er wolle das Retreathaus, samt dem Außenbereich mit Weiher und Bachlauf, mit schamanischen Riten weihen. Auf einmal machte dieses seltsame Gefühl, etwas wäre gerade dabei, sich auf magische Weise zu verändern, Sinn.

Am Montag wird der Sog stärker, ich spüre die Energie der Transformation, während ich die Aufgaben des Tages erledige. Abends wandere ich mit dem Wolf durch die Stadt, wir brauchen beide Auslauf. Ich bin inzwischen so an meinen großen grauen Begleiter gewöhnt, dass seine dauernde Präsenz für mich zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Gedankenverloren beobachte ich ihn dabei, wie er zu meiner Rechten, die Nase am Boden, neben mir her läuft. Ich stutze: Irgendwie sieht er auf einmal anders aus! Kann das sein? Ich nehme ihn genauer in den Blick: Keine Frage, sein Fell ist dunkler geworden, es ist jetzt fast schwarz, an einzelnen Stellen sind weiße Punkte zu erkennen. Außerdem kommt es mir vor, als würde er wachsen! Eigentlich reicht er mir bis an die Hüfte. Während wir dahinlaufen, scheint er sich auszudehnen, wird immer länger und höher, bis er mir bis zu den Schultern reicht und sicher doppelt so lang ist wie zuvor. Gleichzeitig verhält er sich seltsam. Von seinem ruhigen gelassenen Wesen ist nichts mehr geblieben. Erschrocken beobachte ich, wie er geifert. Aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel zwischen den riesigen spitzen Zähnen hervor! Die Zunge hängt lang aus dem Maul, während er – den Kopf gesenkt – wittert und dabei seinen Blick lauernd umher schweifen lässt. Ich bin entsetzt: aus meinem ruhigen treuen Wolf ist ohne ersichtlichen Grund ein riesiges wildes Tier geworden!

Im verwunschenen Untermietzimmer angekommen, lässt er sich auf seinem gewohnten Platz auf dem dicken weißen Schafwollteppich neben dem Schreibtisch nieder. Er nimmt fast die ganze Breite des Zimmers ein, so lang ist er geworden. Er ist unruhig, immer wieder steht er auf, dreht sich um die eigene Achse, lässt sich wieder auf den Boden sinken, nur um wieder aufzusehen, und – den Kopf wiegend – ein paar Schritte hin und her zu laufen. Dabei hechelt er, aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel auf meinen Teppich. Ob er Schmerzen hat? Irgendwas ist überhaupt nicht in Ordnung mit ihm!

Ich schreibe eine Textnachricht an Uriel und frage, was der tibetische Khenpo in Gottesnamen gerade bei ihm anstellen würde? Meinem Wolf ginge es nicht gut!

Irgendwie, denke ich, muss das Leiden meines Schattentiers etwas mit dem zu tun haben, was gerade im Retreathaus am Ende der Welt passiert. Von dort stammt er schließlich, der Wolf. Ursprünglich war er einer der Wächter des Mandalas von Vajrakilaya, bevor er beschloss, sich eines Nachts neben meinem Bett zu materialisieren. Und bei mir zu bleiben und mit mir nach Leipzig zu kommen, als das Retreat zu Ende war.

Uriel schreibt zurück, der Kenpho und sein Geshe – der gelehrte Assistent – würden gerade die Tormas – die Opfergaben – für das morgige Ritual vorbereiten. Wem sie denn opfern wollen, frage ich zurück. „Den Naturgeistern“, kommt als Antwort. „Bist du doch ein Naturgeist?“, frage ich den nervös vor sich hin hechelnden Wolf. Auf dem Boden ausgestreckt hat er den Kopf gehoben und starrt aus dem Fenster in den sich verdunkelnden Abendhimmel. Er scheint mich nicht gehört zu haben.

Diese Nacht verbringe ich alleine in meinem Bett. Zum ersten Mal, seit ich im März aus dem Retreathaus am Ende der Welt zurück nach Leipzig gekommen bin. Anstatt wie üblich zu meinen Füßen zu schlafen, wandert der Wolf, nervös hechelnd, Stunde um Stunde unruhig im Zimmer auf und ab. Im Schlaf glaube ich die gewaltige Energie zu sehen, die in ihm arbeitet. Es ist, als würde er größer und dann wieder kleiner werden, seine Konturen sind mal klar erkennbar, dann wieder scheint er sich in winzige Partikel aufzulösen, bevor er wieder zu seiner Form zurück findet. Die ganze Zeit bleibt er stumm. Dabei müsste ich ihn eigentlich winseln hören, ich bin mir sicher, dass er Qualen leidet. Es liegt nicht in meiner Hand, ihm zu helfen. Das einzige, was ich für ihn tun kann ist, ihn nicht bei seiner Verwandlung zu stören. Und ihn nicht festzuhalten. Obwohl es mir schwer fällt. Er bedeutet mir viel, mein schöner großer grauer Wolf!

Ich erschrecke, als ich am nächsten Morgen aufwache: anstelle des Wolfs liegt eine riesige schwarze Hyäne mit weißen Tupfen auf meinem Teppich! Mich ignorierend, starrt sie unverwandt aus dem Fenster in die Morgendämmerung. Während ich neben ihr auf meinem Meditationskissen am Morgen-Zazen der Online-Sangha teilnehme, wird mir bewusst, dass sie kein Tier ist. Das was sich da neben mir befindet, kann eigentlich nur ein Geist sein, so verrückt das auch klingt.

Ich bin erleichtert, dass das Wesen keine Schmerzen mehr leidet. Ruhig liegt es den ganzen Tag, bis spät in den Abend hinein, auf dem Teppich und starrt – ohne mir auch nur die geringste Beachtung zu schenken – aus dem Fenster.

Vor dem Schlafengehen bekomme ich eine Nachricht von Uriel. Ich starre verblüfft auf die beiden Fotos, die er mir geschickt hat. Darauf ist eine brennende Feuerstelle zu sehen. Mit einem Feuer, wie ich noch keines in meinem Leben gesehen habe. Es wirkt, als wären die Flammen lebendig! Sie sind dick, klar konturiert und leuchten so gleißend auf dem Foto, dass es nur ein Trick sein kann. KI lässt grüßen. Allerdings sind Uriel solche Fähigkeiten nicht gegeben. Er kann nicht mal seine Selfies mit Photoshop aufhübschen! „Was ist das????“, schreibe ich zurück. „Sur Chöd“, kommt als Antwort. Ich habe schon so manches Feuer-Opfer gesehen, aber keines, das aussah wie dieses hier. Uriel auch nicht. Er wäre schon zwanzig Jahre dabei, aber so etwas wie das, was der Khenpo und sein Geshe heute an Ritual vollzogen hätten, wäre ihm noch nie untergekommen. Die Energie wäre unbeschreiblich gewesen. Ich starre auf die Fotos mit dem seltsam lebendigen Feuer für die Naturgeister – ob das auch für mein Schattentier gebrannt hat?

Ich gehe zu Bett und verbringe eine unruhige Nacht. Als ich am nächsten Morgen aufwache, kommt es mir vor, als hätte der Geist – oder was auch immer es sein mag – an Dichte eingebüßt. Tagsüber nehme ich das stille Wesen immer wieder in den Blick, während ich am Schreibtisch vor mich hin arbeite. Von Mal zu Mal wirken die Umrisse fließender, das Schwarz des Körpers blasser. Am Nachmittag ist es nur noch vage erkennbar, ich muss genau hinsehen, um die nebelhaften Konturen zu erkennen. Am Abend bin ich mit einem Mal allein in meinem Zimmer.

„Mein Wolf hat mich verlassen!“, schreibe ich Uriel. „Ich bin wieder allein, es ist bitter!“ Der antwortet umgehend: „Vielleicht hat er ja seine Form verloren und ist jetzt bereit für eine neue Wiedergeburt. Er muss nicht mehr im Bardo festhängen, das ist doch gut für ihn!“

Taliba

Ich benenne einen Dharma-Bruder nach dem Erzengel Suryiel – und begegne im Traum einer Frau mit seltsamem Namen…

Es ist Nacht. Das fahle Mondlicht lässt das Moos zu meinen Füßen silbern leuchten. Um mich steht der Wald wie eine schwarze Wand. Die Bäume sind alt und mächtig. Ich scheine mich in einer Art Urwald zu befinden. Irgendwo neben mir in der Dunkelheit ahne ich den Wolf. Während ich mich umsehe, wird mir bewusst, dass ich träume.

Auf einmal steht eine Frau vor mir. Sie ist ganz in weiß gekleidet, ihr dunkles glattes Haar fällt über ihren Rücken. „Mein Name ist Taliba.“ Sie mustert mich, während sie mit mir spricht, mit kritischem Blick. „Ich bin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.“

Durch die hohen Fenster fällt das matte Licht der Straßenlaternen. Der Traum war von einer solchen Intensität gewesen, dass ich erst wieder in die Wachwelt zurück finden muss. Richtig, ich liege in meinem Bett! Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es drei Uhr morgens ist. Ich schalte die Leselampe an und greife nach meinem Traumtagebuch. „Taliba“, kritzle ich schlaftrunken hinein. „Ich bin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.“ Wenn ich das nicht aufschreibe, besteht die Gefahr, dass ich mich am Morgen nicht mehr daran erinnern kann. Was schade wäre. Träume, die von einer solchen Dichte und Intensität sind, haben für gewöhnlich eine tiefe Bedeutung.

Während ich nach dem Aufstehen und der Morgenmeditation mein Frühstück bereite, denke ich über den Traum nach. Und über „Taliba“. Es ist höchst seltsam! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich mir jemals zuvor eine Traumfigur mit ihrem Namen vorgestellt hätte.

Ein Name…

Meine Gedanken wandern zu einer Textnachricht, die ich am gestrigen Tag verfasst hatte. Es ging um einen Namen – genauer um ein Alias. Der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo hatte sich auf meine Bitte hin bereit erklärt, Maria in den Vajrayana-Buddhismus einzuführen. Sie hat es sich gewünscht – und er kennt sich damit aus. Ich hatte mich über seine Zusage nicht nur für Maria gefreut, sondern auch für mich. Ich meiner Zen-Linie gibt es keinen Dharma, keine Riten und keine spirituelle Tradition. Mit dem Ergebnis, dass alles, was jenseit von Meditationspraxis stattfindet, für mich ein großes Rätsel ist. Maria braucht eine Einführung – ich brauche Nachhilfe!

Dem Dharma-Bruder wird als Lehrer im Blog eine wichtige Rolle zukommen. Also – hatte ich beschlossen – braucht er einen Namen. Uriel, mit dem ich das Problem besprach, ist nach einem Erzengel benannt. Der Einfachheit halber sollte wieder einer aus der himmlischen Heerschar für ein Alias herhalten. Uriel und ich gingen die Kandidaten durch – und waren uns beide einig, dass „Suriyel“ der perfekte Namensgeber für den Dharma-Bruder ist: der Engel, der darüber wacht, dass alle Geschöpfe des Himmels die göttlichen Gebote einhalten.

Ich schickte dem Dharma-Bruder eine Nachricht, in der ich ihm seinen neuen Namen mitteilte und meiner Hoffnung Ausdruck verlieh, er könne die Sache mit Humor nehmen. Worauf ich in der darauffolgenden Nacht von einer Frau namens „Taliba“ träume, die gekommen war, um nach dem Rechten zu sehen. Während ich meinen Morgenkaffee trinke, google ich den Namen. Er wäre arabisch, lese ich. Und bedeute „Schülerin“.

Mein Unbewusstes scheint der Überzeugung zu sein, dass ich Nachhilfe in Vajrayana bitter nötig habe…

Transformation – eins

Am Freitag die erste Ahnung eines Sogs. In der Frühlingssonne vor einem Café in der Altstadt sitzend, glaube ich aus den Augenwinkeln ein seltsames Flirren wahrzunehmen. Es kommt mir vor, als würde sich der Raum um mich auf unerklärliche Weise weiten. Auf dem Weg nach Hause das Gefühl, unter Strom zu stehen. Wirre, nur vage fassbare Bilder ziehen an meinen Augen vorbei. Der Wolf läuft unbeeindruckt von Straßenlärm und Menschenmassen neben mir her. Was immer gerade geschieht, es scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

Die konfuse Ahnung wird am Samstag zur Gewissheit: Die Dinge sind wieder in Bewegung geraten. Zuerst eine Textnachricht: Maria und ich würden nächstes Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt erwartet, schreibt mir Suriyel, der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo. Er würde uns in Leipzig abholen und dorthin mitnehmen. Wir könnten gemeinsam praktizieren und die Renovierungsarbeiten am Seminarraum im historischen Pferdestall abschließen. Ich frage Maria, ob sie Lust auf Buddhismus und Wände streichen hat? Sie sagt ja.

Am Sonntag eine Nachricht von Uriel: der Khenpo wäre zusammen mit seinem Assistenten im Retreathaus am Ende der Welt eingetroffen. Ich bin überrascht über den Besuch, Uriel hat mir vorher nichts verraten. Vor sieben Jahren haben Uriel und ich uns bei bei den Ngöndro-Teachings dieses Khenpo – der Ehrentitel des Abts eines buddhistischen Klosters – kennengelernt. Uriel darf sich mit hochgestellten Gästen schmücken: der Khenpo ist nicht irgendwer, sondern das Oberhaupt eines Klosters in Kathmandu und einer der Linienhalter der Bönpos – einer der beiden alten schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus – und ein Mann von großer Kenntnis und Macht. Was man ihm nicht ansieht: in westlicher Kleidung würde der kleine schmale Mann mit seinem eleganten Englisch und seinem freundlich zurückhaltenden Auftreten als Manager oder Wissenschaftler durchgehen. Aber nein, er ist Schamane. Und was für einer!

Zwei Tage lang wird das Oberhaupt der Bönpos uralte Rituale durchführen, um die Naturgeister auf den Gründen des Retreathauses zu befrieden, negative Energie fernzuhalten und alle Dimensionen und Sphären wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Etwas besseres kann einem Ort, an dem Tantra praktiziert und meditiert wird, nicht geschehen.

Wie gesagt: die Dinge sind in Bewegung geraten…

Muschel

Die prächtige weiße Conch dient im tibetischen Buddhismus seit vielen hundert Jahren als Ritualinstrument…

Das Foto oben zeigt nicht irgendeine anonyme Muschel, sondern eine ganz spezielle. Uriel hat mir das Bild geschickt: Es handelt sich um seine persönliche „Conch“. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Woher er die riesige weiße Muschel hat, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, wo sie sich gerade befindet: In der Küche des Retreathauses am Ende der Welt wartet sie auf das nächste Retreat – und auf Einen, der willens und fähig ist, auf ihr zu trompeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Der wird zum „Geko“ erklärt, zum „Aufseher“.

Vor jeder Mahlzeit, vor Teachings und gemeinsamen Übungszeiten stellt er sich ins Treppenhaus und ruft mit lautem Tröten die Truppe zusammen. Um die Würde und Bedeutung des Amtes zu unterstreichen, bekommt der Geko bei seiner Ernennung einen prächtigen roten Hut überreicht.

Während meines ersten, von Uriel organisierten, Retreats durfte die Conch nicht fehlen. Ich war schwer beeindruckt von den archaischen Lauten, die man ihr entlocken kann – und von dem roten Hut.

Zu Beginn des nächsten Retreats fragte die Khandro wieder in die Runde, wer denn der Geko sein wolle? Ich meldete mich mit Enthusiasmus – und war irritiert ob der sichtbaren Erleichterung meiner Dharma-Schwestern und -Brüder.

Der Job schien nicht so begehrt zu sein, wie ich gedacht hatte.

Ich bekam den roten Hut und die große weiße Muschel in die Hand gedrückt mit der Info, vor dem Abendessen würde mein erster Einsatz erwartet.

Und danach wäre es meine Aufgabe, während der zeremoniellen Errichtung der Boundaries rund um das Retreathaus, auf der Conch zu trompeten. Und zwar so laut, dass die Khandro auf der Terrasse den Klang der Muschel hören könne.

Ich hätte ja noch zwei Stunden Zeit zu üben, meinte Uriel mit Blick auf die Uhr, bis dahin würde ich es schon hinkriegen.

Ich klemmte mir den roten Hut unter den Arm, nahm vorsichtig die schwere Muschel in beide Hände, trug sie die Treppen hoch in mein Zimmer, machte es mir auf dem Bett bequem und blies hinein.

Nichts.

Kein Laut!

Es käme auf den richtigen Winkel an, hatte mir Uriel noch mitgegeben. Ich solle mir vorstellen, ich spiele auf einer Trompete.

Dummerweise hatte ich noch nie auf einer Trompete gespielt. Keine Ahnung, wie das funktionieren sollte.

Ich drückte meine Lippen in allen möglichen Variationen an die schmale Öffnung der Muschel, während ich sie gleichzeitig in den verschiedensten Winkeln hielt – irgendwie musste es doch klappen!

Dazu immer wieder der Blick auf die Uhr: schon war eine Dreiviertelstunde vergangen, ohne dass ich der Conch auch nur einen Hauch von Laut entlockt hatte.

Und ich übte komplett ineffektiv! Nachdem ich jeweils ein paar Minuten verzweifelt Luft durch die Muschel gepresst hatte, musste ich jedesmal pausieren, weil mir so schwindelig war, dass sich alles um mich zu drehte.

Mir dämmerte, warum alle so erleichtert gewesen waren, als ich mich gemeldet hatte.

Nach einer Stunde ein Zufallstreffer. Die Conch hatte einen zarten Quick-Laut von sich gegeben.

Ich war euphorisch.

Dummerweise ließ sich der Erfolgserlebnis nicht willentlich wiederholen. Ab und zu produzierte ich einen hörbaren Klang, meist hallte nur mein herausgepresster Atem aus dem Inneren der Muschel wider. Die Zeit rannte mir davon. Das durfte doch nicht wahr sein!

Es klopfte an meiner Tür.

Es war der Dharma-Bruder, der in seinem Zimmer auf der anderen Seite des Flurs meine hilflosen Versuche vernommen hatte.

Ich müsse es anders angehen, meinte er, auf dem zweiten Bett im Raum Platz nehmend. Er blies zu Vorführ-Zwecken hinein. Das Dröhnen der Muschel ließ mich zusammenzucken.

Ich müsse durch die zusammengepressten Lippen hindurch in einem schiefen Winkel in die Öffnung der Muschel blasen, erklärte er mir.

Ob er es gleich gekonnt hätte, fragte ich ihn.

Er spiele Didgeridoo, für ihn wäre es kein Problem gewesen.

Das wurde ja immer schöner! Erst Trompete, jetzt auch noch Didgeridoo! Ich hatte gerade mal in der Grundschule Blockflöte gelernt! Das war das einzige Blasinstrument, das ich vorweisen konnte.

Wie sich herausstellte, war das zu wenig.

Als ich nach zwei Stunden meinen Posten im Treppenhaus einnahm, um die Truppe zum Abendessen zu rufen, bekam ich zwar einen kräftigen Laut heraus – und wurde entsprechend gelobt dafür.

Aber als ich zwei Stunden später – den roten Hut auf dem Kopf – ein weiteres Mal antrat, um alle zum zeremoniellen Schließen der Boundaries zusammenzutrompeten, versagte ich.

Auf der ganzen Linie!

Ich bekam keinen Ton heraus.

Nichts! Nothing! Niente!

Ich wäre am liebesten vor Scham und Verzweiflung im Boden versunken.

Einer der Umstehenden konnte das peinliche Schauspiel, dass ich bot, nicht länger ertragen, nahm mir resolut die Conch ab und blies hinein.

Sein Trompeten ließ das Treppenhaus beben.

Und erfüllte seinen Zweck.

Aus allen Ecken und Enden schossen die anderen Retreatteilnehmer herbei.

Zutiefst beschämt nahm ich den roten Hut ab und drückte ihn meinem fähigen Nachfolger auf den Kopf. Das war es mit dem Geko-Job, ich war auf der ganzen Linie gescheitert.

Beim zeremoniellen Schließen der Bounderies bekam ich dann doch noch eine Aufgabe zugeteilt: ich musste die Rotweinflasche tragen und an jedem Eckpfosten Wein in das Gefäß füllen, mit dem die kleinen Haferflocken-Männchen begossen wurden, die die örtlichen Naturgeister symbolisierten, denen geopfert wurde.

Während der Geko mit Hut und Muschel voranlief und an jeder Ecke stolz trompetete, trabte ich hinterher – ich war zur Assistentin des Assistenten des Assistenten der Khandro degradiert worden!

Es kam noch schlimmer: als wir wieder im Haus waren, nahm mich mein Nachfolger-Geko zur Seite. Wir waren jetzt im Schweigen, es durfte kein Wort mehr gesprochen werden. Deshalb schrieb er auf einem Notizblatt nieder, was er mir zu sagen hatte. Nachdem er meinen Job übernommen habe, müsse ich den seinen machen.

Ich sah ihn verwirrt an: was sollte ich tun?

Ganz einfach, kritzelte er: Ich hätte an seiner Statt täglich das komplette Retreathaus zu kehren. Das Treppenhaus, alle Flure, Küche und Speisesaal.

Vom Geko zur Putzfrau – was für ein Abstieg!

Und das alles nur, weil ich zu doof gewesen war, auf der Conch zu trompeten…

Horn

Da steht einer im Gebüsch. Er bläst auf einem Waldhorn. Ein Herr mit Hund, der mir auf dem schmalen Pfad entgegenkommt, blickt sich suchend um. Auch er versucht herauszufinden, woher die Musik kommt. Die warmen Töne begleiten mich noch ein Stück meines Weges in den Auwald hinein.

Es ist ein bisschen schräg, denke ich mir im Weiterlaufen, dass der Musiker – vielleicht ein Student der örtlichen Musikhochschule, der keinen der raren Übungsräume abbekommen hat? – mit seinem Waldhorn ins Gebüsch geflüchtet ist. „Back to the roots“, sozusagen.

Während ich dahintrabe, fallen mir meine eigenen Erfahrungen mit Blasinstrumenten ein. Seit ich nicht mehr nur meditiere, sondern mich auch auf buddhistische Riten eingelassen habe, begegnen sie mir in regelmäßigen Abständen.

Das erste Mal war es ein Kuhhorn. Die Teilnehmerin eines Treffens der Zen-Peacemaker bot spontan an, mit uns die Liturgie „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Die Begeisterung über ihren Vorschlag fiel gedämpft aus. Die meisten stimmten erkennbar zu, weil es unhöflich gewesen wäre, „nein“ zu sagen.

In meiner Zen-Linie gibt es keine Riten. Alles ist komplett nüchtern, ohne jeden spirituellen Bezug. Viele – meist vom Katholizismus der Kindheit Geschädigte – schätzen das sehr. Deshalb hatte ich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre Zen praktizierte, noch nie an einem Chöd – einem buddhistischen Opferritual – teilgenommen.

Die Liturgie „Tor des süßen Nektar“ geht auf den – inzwischen verstorbenen – Gründer der Zen-Peacemaker, Bernie Glassman, zurück. Er hatte einer klassischen japanischen Zen-Linie angehört, in der die Riten des Mahayana-Buddhismus praktiziert wurden. Für die von ihm gegründete amerikanische Linie kreierte er ein modernes Chöd zur „Fütterung der hungrigen Geister“.

Die Teilnehmerin ließ sich von der Reserviertheit der Gruppe nicht beeindrucken. Zum Abschluss des offiziellen Programms kamen wir also am letzten Abend noch einmal zusammen, um das „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Der Eine oder Andere mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er Zahnweh.

Bevor es losging, wurden Reis, Obst und Gemüse in kleinen Schälchen drapiert. Weil es ein japanisches Ritual war, sollte den Geistern grüner Tee serviert werden. Die Gongs und Klanghölzer zu organisieren war kein Problem, die gibt es am Hof im Überfluss. Aber, meinte die Frau, es fehle noch etwas, um die Geister zu rufen. Ein Horn! Es gab ein kurzes Hin und Her, dann stellte sich heraus, dass einer der Teilnehmer, der am Hof lebte, doch tatsächlich ein Kuhhorn besaß! Er ging es holen und – siehe da – er konnte ihm sogar Töne entlocken. Das sollte er vor dem Speiseopfer so geräuschvoll als möglich tun, wurde ihm von unserer Pop-up-Priesterin beschieden, damit auch kein hungriger Geist die Einladung überhören könne.

Als alle mit Gongs, Klangschalen und Schlaghölzern sowie Textkopien ausgestattet waren und wir uns im Kreis aufgestellt hatten, hob ich die Hand. Ob ich jemanden zum Ritual einladen dürfe, frage ich. Die Priesterin reagierte verwundert. Die hungrigen Geister sollten ja zum Speiseopfer eingeladen werden, meine Bitte war gegen die Regeln. Ich erklärte in die Runde hinein, dass es jemanden in meiner Familie gäbe, der verstorben wäre und der mir aus dem Jenseits das Leben schwer machen würde. Er wäre auch ein „hungriger Geist“. Einer, der die Fütterung besonders nötig hätte. Deshalb würde ich ihn gerne persönlich und gleich zu Beginn einladen. Zen ist Akzeptanz – man nimmt, was kommt. In diesem Fall, dachte sich die Priesterin wohl, den überspannten Wunsch einer neurotischen Teilnehmerin. Sie nickte ergeben.

Ich stellte die Kerze, die ich vorher organisiert hatte, neben die der Priesterin auf den improvisierten Altar, zündete sie an und lud dabei – die Einladung laut aussprechend – den Geist des Verwandten ein.

Wenn mich meine innere Stimme leitet, gehe ich über jede Schamgrenze hinweg.

Als ich – mit hochrotem Kopf ob der Peinlichkeit der Situation – wieder meinen Platz im Kreis eingenommen hatte, stimmte die Priesterin mit klarer Stimme das Eingangslied an. (Es ist sehr schön. Wer es sich anhören möchte: man findet es auf Youtube unter „Krishna Das Music“ – Bernie´s Chalisa – Gates of Sweet Nectar)

Danach wurden Unmengen von Räucherstäbchen angezündet. Dazu wurde gegongt und mit den Klanghölzern geschlagen, was das Zeug hielt. Der Boddhi-Geist musste erweckt werden. Als alles für die Mahlzeit bereitet war, sollten wir Krach machen, so laut wir konnten. Der Schall des Kuhhorns ließ die Fensterscheiben zittern und übertönte spielend den Lärm der anderen Instrumente. Eine solche Geräuschkulisse hatte es auf dem Hof – auf dem Schweigen und Stille Gebot sind – selten gegeben. Aber nicht nur der Lärm, auch die Energie, die die Gruppe mit einem Mal verströmte, war geradezu verstörend.

Als wir fertig waren ging ich zu Bett. Verwirrt und aufgelöst, aber auch sehr zufrieden. Ich hatte keine Ahnung, wie es möglich war, aber ich wusste, dass das Ritual seinen Zweck erfüllt hatte. Und richtig, während der Nacht bekam ich Besuch: vom Geist des verstorbenen Verwandten. Wir hatten eine lange und heftige Auseinandersetzung, die mit einer tiefen Erkenntnis meinerseits einher ging. Seit dieser Nacht hat er mich nicht mehr heimgesucht. Wir sind in Frieden auseinander gegangen.

Ach ja: vor der Abreise am nächsten Morgen sprach mich eine andere Teilnehmerin an. Sie wolle sich bei mir bedanken, flüstere sie mir ins Ohr. Als ich vor den Augen aller meine Kerze anzündete und meinen verstorbenen Verwandten einlud, hätte sie sich im Stillen mit einer weiteren Einladung angeschlossen. Die Seele, die sie eingeladen hatte, wäre wirklich gekommen, habe sich heute Nacht herausgestellt, und etwas konnte geklärt werden. Wenn ich nicht so unerschrocken meine Einladung ausgesprochen hätte, wäre es ihr nicht möglich gewesen, für sich das Selbe zu tun. Und, fuhr sie fort, sie hätte noch von einem anderen Teilnehmer gehört, der es genauso gemacht und ebenfalls erfolgreich gewesen wäre.

Ich weiß, es klingt schräg! Ehre, schwöre – ich habe es mir nicht ausgedacht!

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